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Hans Ulrich Gresch
Unsichtbare Ketten
Der Missbrauch der Hypnose und anderer Trance-Techniken
durch Kriminelle, Sekten und Geheimdienste
© Hans Ulrich Gresch 2003
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UNSICHTBARE KETTEN..........................................................................................1
Anschrift des Verfassers...........................................................................................................5
TEIL 1: DIE DUNKLE SEITE DER HYPNOSE.........................................................13
Cold War Hollywood. Bewusstseinskontrolle im Film........................................................14
Die Kontrolle über das Unbewusste. Das Wesen der Hypnose...........................................17
Alice E. und der falsche Arzt. Hypnose und Verbrechen....................................................22
Ein „Yogi“ mit Knarre. Bankraub und Mord unter hypnotischer Kontrolle..................26
Hypnose, Macht und Liebe. Das Wesen krimineller Hypnose...........................................38
Klapperschlangen, Säuren und dreiste Lügen – die destruktive Hypnose im Experiment
...................................................................................................................................................43
Wider Willen in Hypnose.......................................................................................................49
Der posthypnotische Befehl....................................................................................................53
Die posthypnotische Amnesie.................................................................................................57
Die Einpflanzung falscher Erinnerungen, fremder Überzeugungen und künstlicher
Komplexe.................................................................................................................................60
TEIL 2: MULTIPLE PERSÖNLICHKEIT..................................................................63
Bewusstseinsströme. Bewusstseinskontrolle und Multiple Persönlichkeitsstörung.........64
Pierre Janet und der wandernde Uterus. Zur Geschichte der Multiplen
Persönlichkeitsstörung............................................................................................................66
Seismographisch begabte Zeitgenossen. Der Streit um die Existenz der Multiplen
Persönlichkeitsstörung............................................................................................................70
Diagnose und Epidemiologie..................................................................................................75
Die Dissoziation.......................................................................................................................77
Abwehrmechanismen und Multiple Persönlichkeitsstörung..............................................82
Der Fall „Doris Fischer“.........................................................................................................85
Experimente zur Multiplen Persönlichkeit...........................................................................91
TEIL 3: METHODEN DER ABSICHTLICHEN PERSÖNLICHKEITSSPALTUNG.... 95
Die Greenbaum-Rede.............................................................................................................96
Spin-Programming................................................................................................................102
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Die hypnotische Dressur (Hypno-Programmierung).........................................................106
Narko-Hypnose......................................................................................................................113
LSD .........................................................................................................................................116
Die Drogenkrieger.................................................................................................................120
Camerons Experimente mit LSD.........................................................................................125
Anectine..................................................................................................................................127
Prolixin...................................................................................................................................129
Steigerung der Suggestibilität durch Elektroschocks........................................................131
Sensorische Deprivation. Der systematische Reizentzug...................................................136
Die Masche mit den Tonbändern: Psychic Driving...........................................................141
Psychochirurgie.....................................................................................................................144
Die Manipulation des Gedächtnisses...................................................................................149
Steigerung der Hypnotisierbarkeit durch Strahlung........................................................154
Folter – das Beil der Persönlichkeitsspalter.......................................................................156
Der innere Folterknecht.......................................................................................................160
Die Folterprofis.....................................................................................................................162
Satans Opferlamm................................................................................................................165
Verdeckte Folter....................................................................................................................168
TEIL 4: BEWUSSTSEINSKONTROLLE IN KULTEN ...........................................169
Satanisch Ritueller Missbrauch...........................................................................................170
Bewusstseinskontrolle in nicht-satanischen Kulten...........................................................176
TEIL 5: BEWUSSTSEINSKONTROLLE IM KALTEN KRIEG ...............................180
Verschwörung oder militärische Strategie.........................................................................181
Das Gehirn im Hintergrund: Sidney Gottlieb....................................................................186
Der Trance-Front Kämpfer Estabrooks.............................................................................189
Aussagen vor dem Komitee des Präsidenten:. Opfer klagen an.......................................196
Cheryl und Lynn Hersha – Bewusstseinskontrolle im Namen des Staats.......................205
Gladio, das blutige Schwert der NATO – und eine Spekulation......................................209
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Die volkseigene Gehirnwäscherei. Bewusstseinskontrolle in den sozialistischen Staaten
.................................................................................................................................................212
Multiplizität, Hypnose und Psi............................................................................................214
TEIL 6: FAKTEN ODER FIKTIONEN.....................................................................219
Falsche Erinnerungen...........................................................................................................220
Die Politik des Gedächtnisses...............................................................................................224
Prozesse gegen die CIA ........................................................................................................227
Glickman.............................................................................................................................227
Olson ...................................................................................................................................231
Orlikow et al........................................................................................................................232
Satanisten vor Gericht..........................................................................................................238
Fran’s Day Care Center.......................................................................................................238
Figuered & Hill...................................................................................................................239
Prescott................................................................................................................................239
McGregor Ellis....................................................................................................................240
Ein legendärer Fall: McMartin Preschool...........................................................................240
TEIL 7: SCHLUSSFOLGERUNGEN UND KONSEQUENZEN...............................243
Der freie Wille und das Bewusstsein des Mandschurischen Kandidaten........................244
Opfer wehren sich.................................................................................................................251
Literatur.................................................................................................................................255
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Anschrift des Verfassers
Dr. Hans Ulrich Gresch
Kaulbachstraße 29
90408 Nürnberg
Tel. (0911) 9197 440
Fax (0911) 9197 441
Ulrich.gresch@nexgo.de
http://www.psy-knowhow.de
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Nachdruck nur mit schriftlicher Genehmigung des Autors.
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Einleitung
Man könne, behauptet der Literatur-Nobelpreisträger Elias Canetti in seinem Werk
„Masse und Macht“, den Sklaven am ehesten mit einem Hund vergleichen. Der
gefangene Hund sei aus seinen Verband herausgelöst und vereinzelt worden. So wie
der Herr seinem Hund nicht erlaube zu jagen, was er will, so schreibe der
Sklavenhalter dem Sklaven vor, was er zu tun und zu unterlassen habe. Der Wunsch,
Menschen in Tiere zu verwandeln, sei der stärkste Antrieb für die Ausbreitung der
Sklaverei.1 Und trotz der eher seltenen Sklavenaufstände und des alltäglichen,
individuellen, meist passiven Widerstands durch Normverstöße passten sich die
Sklaven weitgehend ihrer Lage an.2 Behandelte der Herr sie „gut“, so waren sie ihm
mitunter sogar hündisch ergeben.
Das Thema dieses Buchs ist die wohl effektivste Methode der Versklavung, die
Menschen je ersonnen haben, nämlich die Bewusstseinskontrolle durch
Persönlichkeitsspaltung. Mit dieser Methode werden mentale Sklaven erzeugt. Dies
sind Sklaven, die nicht durch beständig gegenwärtige Sklaventreiber in einem
Sklavenhaltersystem kontrolliert werden, sondern durch eingepflanzte unbewusste
psychische Mechanismen.
Durch kein anderes Verfahren wird das Opfer dem Hund ähnlicher als durch dieses.
Man mag es für eine Ironie der Geschichte halten oder einen tieferen Sinn dahinter
vermuten, dass die wissenschaftlichen Grundlagen für die modernen Formen der
Bewusstseinskontrolle u. a. durch Experimente mit Hunden geschaffen wurden. Der
russische Physiologe und Nobelpreisträger Iwan Petrowitsch Pawlow untersuchte u.
a. die Reaktionen von Hunden auf extremen Stress. Er erkannte, dass er bei seinen
Versuchstieren einen Nervenzusammenbruch auslösen konnte, der in vielen
Aspekten der menschlichen Hysterie ähnelte. Dieser Zustand war mit einer
abnormen Beeinflussbarkeit verbunden.3
Pawlows Erkenntnisse bildeten eines der wichtigsten Fundamente einer modernen
Wissenschaft – „Mind Control“ oder Bewusstseinskontrolle -, die altes Wissen über
Gehirnwäsche und Folter mit den neuesten Entwicklungen in der Psychologie,
Psychiatrie, Neurologie und Psychotherapie verbindet. Die zweite entscheidende
Basis dieser modernen Wissenschaft waren die Einsichten des französischen Arztes
und Psychologen Pierre Janet zur Hypnose und Persönlichkeitsspaltung.4
Es gibt keinen Grund, diesen beiden bedeutenden Forschern, Pawlow und Janet zu
unterstellen, sie hätten mit ihren Forschungen die Voraussetzungen für die
wissenschaftlich fundierte mentale Versklavung von Menschen schaffen wollen.
Dennoch wäre die effektivste Form mentaler Versklavung, die Bewusstseinskontrolle
durch Persönlichkeitsspaltung ohne die grundlegenden Arbeiten Pawlows und Janets
nicht denkbar.
In großangelegten, langjährigen und kostspieligen Forschungsprojekten hat der
amerikanische Geheimdienst CIA die Möglichkeiten und Grenzen der
Bewusstseinskontrolle systematisch erforscht.5 Das folgende Zitat aus einem
Memorandum der CIA veranschaulicht das zentrale Anliegen dieser
Untersuchungen:
"Eine Angestellte des CIA-Sicherheitsbüros wurde hypnotisiert, und ihr wurde
eine falsche Identität gegeben. Sie verteidigte diese leidenschaftlich,
verleugnete ihren wahren Namen und rationalisierte mit Überzeugung den
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Besitz eines Ausweises, der ihrer wahren Identität entsprach. Später,
nachdem die falsche Identität durch Suggestion ausgelöscht worden war, wurde
sie gefragt, ob sie jemals den Namen gehört habe, den sie fünf Minuten zuvor
verteidigt hatte. Sie dachte nach, schüttelte ihren Kopf und sagte: 'Das ist
ein Pseudonym, wenn ich je eins gehört habe.' Offensichtlich hatte sie eine
echte Amnesie für die gesamte Episode."6
Dieses Zitat stammt aus einem Dokument zum Gehirnwäscheprojekt „Artichoke“, das
die CIA Anfang der fünfziger Jahre realisierte.
Ein CIA-Dossier vom 25. Januar 1952 beschreibt die Ziele des Projekts Artischocke
wie folgt:
" (1) Evaluation und Entwicklung jeder Methode, durch die wir Informationen
von einer Person gegen ihren Willen und ohne ihr Wissen erhalten können.
(2) Wie können wir den oben genannten Maßnahmen begegnen, wenn sie gegen
uns angewendet werden?
(3) Können wir ein Individuum bis zu einem Punkt kontrollieren, an dem es
unsere Befehle gegen seinen Willen und sogar gegen so fundamentale
Naturgesetze wie den Selbsterhaltungstrieb ausführt?
(4) Wie können wir solchen Maßnahmen begegnen, wenn sie gegen uns
angewendet werden?"7
Um diese Ziele zu erreichen, kooperierte die CIA u. a. mit führenden Psychiatern,
Neurologen und Psychologen und berücksichtigte die neuesten Erkenntnisse der
wissenschaftlichen Disziplinen, die sich mit dem menschlichen Verhalten und
Erleben beschäftigen.
Die wissenschaftliche Bewusstseinskontrolle hat allerdings Wurzeln, die weit in die
Geschichte zurückreichen. In seinem Aufsatz über „Gehirnwäsche im Altertum“
beschreibt englische Schriftsteller und Mythenkenner Robert Graves (1895-1985) die
Rituale, mit denen griechische Jünglinge in die Mysterienkulte des alten
Griechenland eingeführt wurden. Die Methoden der Erzeugung von extremem
Stress, des weitgehenden Reizentzugs bzw. der gezielten Auswahl von Reizen und
der Stimmungsmanipulation durch Drogen, die Graves schildert, sind auch heute
noch wesentliche Bestandteile der Bewusstseinskontrolle.8
Marco Polo berichtete, wie Hasan ibn al-Sabbah - genannt der „Alte vom Berge“,
Führer der im Mittelalter gefürchteten, mörderischen Sekte der Assassinen9 -
Jünglinge in todesmutige und todesbereite Attentäter verwandelte. Hasan habe in
einem Tal einen der schönsten und größten Gärten der Welt anlegen lassen. Dieser
Garten war ein irdisches Paradies, dessen Paläste mit goldenen Vogel- und
Raubtiermotiven ausgemalt waren. In den Brunnen flossen Wasser, Honig und Wein.
Die schönsten Jungfrauen und Edelknaben sangen, musizierten und tanzten in den
Palästen und auf den Plätzen des Parks. Der Zugang zum Garten wurde durch ein
uneinnehmbares Schloss versperrt.
Hasan ließ sorgfältig ausgewählte, zwölf- bis zwanzigjährige Knaben bzw. Jünglinge,
die gute Killer zu werden versprachen, zunächst durch Opium in einen dreitägigen
Schlaf versetzen, dann in den Garten bringen und aufwecken. Die Jünglingen
glaubten, im himmlischen Paradies zu sein. Sie genossen alle Freuden, die ihnen der
prachtvolle Garten zu bieten hatte. Doch zu gegebener Zeit wurden sie wieder
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eingeschläfert und in den Palast des Alten vom Berge gebracht. Sie stellten zu ihrem
größten Bedauern fest, dass sie nicht mehr im Paradies waren.
Der Alte suggerierte ihnen, dass sie in das Paradies zurückkehren könnten. Doch sie
müssten zuvor einen Mordauftrag ausführen. Nachdem sie willig den Mord begangen
hatten, berichtete Marco Polo, fanden sie sich wieder bei ihrem Herrn ein. Wurden
sie aber gefasst, so wollten sie sterben, weil sie nach ihrem Tode ins von
Mohammed verheißene Paradies zu kommen glaubten. Wer jedoch versagte, dem
blieb das Paradies für immer verschlossen.10
Der Alte vom Berge bediente sich hier einer Methode, die auch heute noch zur
Bewusstseinskontrolle eingesetzt wird. Die Opfer werden zunächst in einen durch
Drogen erzwungenen Dauerschlaf versetzt, dann werden sie einer prägenden
Erfahrung ausgesetzt und schließlich wird diese Erfahrung durch erneute Betäubung
unterbrochen. Das prägende Erlebnis wird so dem alltäglichen Bewusstseinsstrom
entzogen und tief ins Unbewusste eingepflanzt. Es bleibt als Mischung aus Traum
und Offenbarung dem kritischen Verstand entzogen. Und so kann die reale
Erfahrung unlöslich mit einer falschen Interpretation verknüpft werden: Die
Getäuschten stellen nicht mehr in Frage, ob sie tatsächlich im Paradies oder nur an
einem sehr angenehmen Ort waren.
Der Alte vom Berge operierte allerdings nicht nur mit positiven Erfahrungen der
Freude, Lust und Harmonie. Er war auch ein Meister des Schreckens. So befand sich
in seinem Audienzsaal ein schmaler Schacht, in den genau ein aufrecht stehender
Mann hineinpasste. Nur der Kopf ragte aus der Öffnung heraus. Die Öffnung wurde
mit einem Metallteller verschlossen, der aus zwei zusammenpassenden Teilen
bestand. Ein Loch in der Mitte des Metalltellers entsprach dem Halsumfang. Von
außen betrachtet, hatte man den Eindruck, dass sich ein abgetrennter Kopf auf
einem Teller befand.
Und diesen Eindruck bezweckte der Alte vom Berge auch. Um die Illusion zu
vervollkommnen, bespritzte er den Kopf mit Blut. Dann wurden einige Rekruten zur
Audienz gebeten. Der Mann im Schacht war ein Mitglied des Kults, dem der Alte
zuvor die Freuden des „Paradieses“ gezeigt hatte. Er berichtete nun den staunenden
und erschaudernden Rekruten von seinen Erlebnissen im Garten des Alten. „Ihr habt
einen Mann gesehen“, sagte der Alte zu den Rekruten, „der starb und den ich
wiederbelebt habe, damit er mit seiner eigenen Zunge sprechen kann. Ihr habt
gehört, was er im Paradies gesehen hat!“ Später wurde der angeblich
wiedererweckte Mann tatsächlich enthauptet - natürlich in Abwesenheit der Rekruten.
Der Kopf wurde dann für eine Zeit gut sichtbar aufgespießt.11 Auch hier wird wieder
eine reale Erfahrung (der sprechende Kopf) mit einer falschen Interpretation
(Wiedererweckung von den Toten) verbunden.
Diese Methoden der Bewusstseinskontrolle waren offenbar überaus wirkungsvoll. Es
wird berichtet, dass sich die Opfer dieser Methoden u. a. auf Kommando
umbrachten. Sie sprangen z. B. von einem Turm in den sicheren Tod, ohne auch nur
eine Sekunde zu zögern12. Dieser beinahe unvorstellbare Gehorsam lässt Zweifel
daran aufkeimen, ob die Ausbildung tatsächlich erst im Alter von zwölf bis zwanzig
Jahren begann, wie Marco Polo berichtet. Aus heutiger psychologischer Sicht ist es,
von Ausnahmefällen abgesehen, kaum erfolgsversprechend, mit einer so
weitgehenden mentalen Versklavung erst in diesem vorgerückten Alter zu beginnen.
Und so klingt eine andere Darstellung wesentlich plausibler. Diese besagt, dass
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Hasan unerwünschte Kinder von ihren Eltern gekauft habe, um ihnen unbedingten
Gehorsam und den einzigen Wunsch einzupflanzen, in seinen Diensten zu sterben.13
In ihrem Buch über kultischen und rituellen Missbrauch weisen James Randall Noblitt
und Pamela Perskin nach, dass Methoden der Bewusstseinskontrolle seit
Jahrhunderten von zahllosen Kulten überall in der Welt praktiziert wurden.14 Die
Begründer moderner Strategien der Bewusstseinskontrolle konnten also auf einen
reichhaltigen Erfahrungsschatz zurückgreifen. Sie konnten zugleich aber das
Instrumentarium der modernen, naturwissenschaftlich geprägten Psycho-
Wissenschaften einsetzen, um die alten Methoden zu überprüfen und
weiterzuentwickeln.
Viele dieser Wissenschaftler, meist Ärzte, waren sich keiner Schuld bewusst, obwohl
sie ihren „Patienten“ oft schweren Schaden zufügten, sie mitunter sogar töteten. Sie
handelten in einem Geist, den der Psychiater und Euthanasie-Befürworter Alfred
Hoche in den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhundert formulierte, als er den
Hippokratischen Eid („In erster Linie nicht schaden!“) spöttisch als Schwur antiker
Ärzte entwertete. Ärzte müssten immer Nutzen und Risiken gegeneinander abwägen
und auf diese Weise die „Höheren Werte“ der Gemeinschaft schützen.15 Mitunter
waren die „Höheren Werte“ allerdings die Maximen destruktiver Kulte und
menschenverachtender politischer Ideologien.
Die vorliegende Schrift ist kein Buch zur Geschichte der Bewusstseinskontrolle,
sondern ein Abriss der neueren Entwicklungen seit Ende des zweiten Weltkriegs.
Dabei konzentriere ich mich auf die Methoden und die empirisch erhärteten Theorien,
die diesen Methoden zugrunde liegen. Mit den historischen und politischen
Hintergründen des Einsatzes dieser Methoden beschäftige ich mich nur, wenn dies
zur Einordnung der Methoden und zum Verständnis ihrer Wirkungen erforderlich ist.
Und selbstverständlich versuche ich nachzuweisen, dass diese Methoden tatsächlich
eingesetzt wurden. Hierzu verwende ich in vielen Fällen einst geheime, heute
freigegebene Akten des amerikanischen Geheimdienstes CIA.
Dadurch sollte allerdings nicht der falsche Eindruck entstehen, dass nur dieser
Nachrichtendienst Methoden der Bewusstseinskontrolle angewendet habe. Die
Methoden der CIA und anderer amerikanischer Behörden stehen im Vordergrund
meiner Betrachtung, weil sich hier die wissenschaftliche Fundierung der
Bewusstseinskontrolle durch Persönlichkeitsspaltung leichter nachzeichnen lässt .
Dies wird durch die Vielzahl der nach dem amerikanischen
Informationsfreiheitsgesetz (FOIA)16 freigegebenen Akten und durch das hohe
Niveau englischsprachiger medizinischer bzw. psychologischer Datenbanken
möglich.
Heimlicher oder offener Antiamerikanismus zählt jedenfalls nicht zu meinen Motiven,
dieses Buch zu schreiben. Dies gilt gleichermaßen für allen anderen denkbaren
„Anti-Motive“, wie z. B. „Antipsychiatrie“. Pauschale Anti-Haltungen sind Ausdruck
des Denkfehlers der ungerechtfertigten Verallgemeinerung, der mitunter fatale
Konsequenzen haben kann. Im übrigen bemühe ich mich um größtmögliche
Nüchternheit, Sachlichkeit und Wertfreiheit. Man mag dies angesichts der
geschilderten Grausamkeit für herzlos halten. Aus meiner Sicht ist es die einzige der
Sache angemessene Einstellung.
Die beiden Hauptziele meines Buchs sind:
1. Aufklärung über die effektivste Form der geistigen Versklavung, die bisher
ersonnen wurde.
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2. Reflexion der Konsequenzen, die sich aus den Möglichkeiten der
Bewusstseinskontrolle durch Persönlichkeitsspaltung für unser Verständnis
der menschlichen Psyche ergeben.
Meine Schrift ist im übrigen keine anregende Lektüre für die Liebhaber von
Verschwörungstheorien. Die Motive der Anwender der von mir beschriebenen
Methoden werden weitgehend ausgeklammert. Mir geht es um das Know-how der
Bewusstseinskontrolle, nicht um das Warum. Man mag dies als Mangel empfinden.
Doch ich hoffe, dass dieser mögliche Mangel durch die Vorzüge der Konzentration
auf einen wesentlichen Aspekt der Bewusstseinskontrolle, nämlich die Methodik
ausgeglichen wird. Bei einem Thema wie diesem, das Mythen und Legenden wild
wuchernd umranken, ist es sicher eine Tugend, die Klarheit der Darstellung durch
Beschränkung zu fördern.
Mein Buch beschäftigt sich mit den Methoden der mentalen Versklavung. Diese
werden in ihre einzelnen Elemente zerlegt und Schritt für Schritt analysiert. Das Ziel
ist es, die extremste Form der Versklavung verständlich zu machen, die bisher von
Menschen ersonnen wurde. Die extremste Form der Versklavung besteht darin,
einem fremden Willen vollständig unterworfen zu sein, ohne dies zu wissen. In
diesem Fall gleicht der Sklave einem dressierten Tier – mit der Intelligenz und den
Fähigkeiten eines Menschen.
Viele werden sich fragen, ob der Mensch gar keinen freien Willen habe, wenn die
Bewusstseinskontrolle durch Persönlichkeitsspaltung tatsächlich zum Erfolg führe.
Die Paradoxie besteht darin, dass sich das Opfer der extremeren Varianten einer
solchen Strategie tatsächlich für die Selbstversklavung entscheidet – in einem
perversen Sinne sogar freiwillig. Der Betroffene wird nämlich systematisch an einen
Punkt geführt, an dem die Selbstaufgabe die beste aller in der gegebenen Situation
möglichen Optionen ist. Der Täter sagen dem Opfer z. B.: „Wir haben Zeit. Wir
werden Dich foltern, bis du dich uns unterwirfst. Wir werden verhindern, dass du dich
selbst tötet. Hier wird dich niemand finden. Wir foltern dich solange, bist du freiwillig
und mit Freuden unser Sklave wirst. Das kann dauern, zehn Jahre, zwanzig Jahre...“
Meine Schrift ist keine wissenschaftliche Analyse, sondern eine Zusammenfassung
und kritische Bewertung der wichtigsten Erkenntnisse für den interessierten Laien.
Meines Wissens ist dieses Buch die einzige systematische Darstellung der
Bewusstseinskontrolle durch Persönlichkeitsspaltung im deutschen Sprachraum.
Psychologisches oder psychiatrisches Fachwissen ist zum Verständnis des Textes
nicht erforderlich. Die unvermeidliche Fachbegriffe werden in einem Glossar im
Anhang des Buchs erläutert.
Das Buch ist das Ergebnis ca. siebenjähriger Recherchen in Datenbanken und
Bibliotheken17 sowie vielfältiger Kontakte mit Opfern und Forschern. Angesichts der
Fülle der relevanten Sachverhalte musste ich eine Auswahl treffen, um den Rahmen
eines einführenden Sachbuchs für interessierte Laien nicht zu sprengen. Diese
Auswahl ist naturgemäß subjektiv. Kenner der Materie werden den einen oder
anderen Aspekt vermissen, den sie eventuell sogar für besonders wichtig oder gar
entscheidend halten. Dies ist leider unvermeidlich. Allerdings bin ich davon
überzeugt, dass ich die Psycho-Logik der Bewusstseinskontrolle durch
Persönlichkeitsspaltung unverzerrt herausgearbeitet habe.
Im Mittelpunkt meiner Abhandlung stehen nicht die Täter oder die Opfer, auch nicht
der Hergang und die Hintergründe der Taten, sondern die eingesetzten Methoden.
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Diese, und nicht die historischen Abläufe, bestimmen die Systematik und die Abfolge
der Darstellung.
Die Methoden der Bewusstseinskontrolle durch Persönlichkeitsspaltung sind
eigentlich nicht schwer zu verstehen – auch nicht für den Laien auf den Gebieten der
Psychologie und Psychiatrie. Das Wort „eigentlich“ habe ich allerdings mit Bedacht
gewählt. Nicht schwer zu verstehen ist das Buch nur für Leute, die nicht zu starken
emotionalen Reaktionen neigen. Wer mit Entsetzen reagiert, wenn er liest, wie
Menschen, sogar kleine Kinder zum Zwecke der Bewusstseinskontrolle unter Drogen
gesetzt, in Einzelhaft genommen und ihrer Sinneseindrücke beraubt, mit
Elektroschocks behandelt und gegen ihren Willen hypnotisiert werden, der wird
mitunter Mühe haben, meinem Text konzentriert zu folgen.
Darum habe ich mein Buch systematisch aufgebaut und führe Sie, lieber Leser,
Schritt für Schritt in diese Thematik ein.
Im ersten Teil des Buches schildere ich anhand von Beispielen und einer Reihe von
Experimenten die Möglichkeiten des kriminellen Missbrauchs der Hypnose. Da die
effektivsten Methoden krimineller Hypnose die absichtliche Spaltung der
Persönlichkeit des Opfers voraussetzen, ist der zweite Teil dem Thema „Multiple
Persönlichkeitsstörung“ gewidmet. Im dritten Teil werden die Methoden der
systematischen Persönlichkeitsstörung im Detail analysiert. Im vierten und fünften
Teil wende ich mich den Anwendungen dieser Methoden in destruktiven Kulten und
Geheimdiensten zu. Der sechste Teil meines Buchs beschäftigt sich mit der Frage,
ob diese schweren Verletzungen der Menschenrechte schlüssig nachgewiesen
werden konnten. Der abschließende siebte Teil fasst die Erkenntnisse zusammen
und verbindet sie mit einigen spekulativen Ausblicken.
Mein Anspruch klingt unbescheiden, entspricht aber den Tatsachen: Dieses Buch
enthüllt die Methoden zur Erzeugung eines mentalen Sklaven (eines „Manchurian
Candidates“) in allen wesentlichen Details.
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Teil 1: Die dunkle Seite der Hypnose
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Cold War Hollywood. Bewusstseinskontrolle im Film
Seit dem Ende des Kalten Kriegs sucht Hollywood nach einem neuen politischen
Schurken. Nach dem Anschlag auf das World Trade Center am 11. September 2001
boten sich zwar islamische Terroristen für diese Rolle an. Doch angesichts zahlloser
Amerikaner muslimischen Glaubens ist natürlich Zurückhaltung geboten.18 Dies war
vor dem Zusammenbruch des Ostblocks ganz anders. Der Schurke war rot,
blutrünstig, verschlagen, bewohnte das Reich des Bösen. Und seine Ideologie, der
Kommunismus, war eine Ausgeburt der Hölle. Und ein guter Amerikaner war
selbstverständlich kein Kommunist, es sei denn, er war Opfer roter Gehirnwäsche.
Zwei Beispiele zum Thema meines Buches illustrieren die Weltsicht Hollywoods, als
die Bösen noch an Marx, Mao, Stalin und Lenin glaubten:
Während des Koreakrieges wird ein Zug amerikanischer Soldaten gefangen
genommen. Zu diesen Männern zählen Captain Bennett Marco und Sergeant
Raymond Shaw. Sie werden in die Mandschurei gebracht und dort von chinesischen
Hypnose-Spezialisten einer Gehirnwäsche unterzogen. Die Chinesen verstehen ihr
Geschäft so gut, dass Shaw auf Kommando einen Kameraden erwürgt und einen
anderen durch Kopfschuss tötet. Die Männer kehren in die Vereinigten Staaten
zurück. Ihre Erinnerung an die Gehirnwäsche wurde ausgelöscht. Sie wurden
trainiert, Attentate zu begehen, sobald sie durch einen bestimmten Code aktiviert
werden. Doch schließlich erinnert sich Marco in Alpträumen blitzlichtartig an die
Gehirnwäsche...
Dies ist die Grundidee eines Films von John Frankenheimer19 mit Frank Sinatra
(Marco) und Laurence Harvey (Shaw). Dieser Film ( „The Manchurian Candidate“),
der 1962 in die Kinos kam, beruhte auf dem gleichnamigen Roman von Richard
Condon, der 1959 veröffentlicht wurde und nach der Verfilmung zu einem Bestseller
avancierte.
Ein ähnliches Thema greift Don Siegel 1977 mit seinem Film „Telefon“ auf. Der KGB-
Agent Grigori Borzov (gespielt von Charles Bronson) wird von seinen Vorgesetzten
mit einem heiklen Auftrag in die Vereinigten Staaten geschickt. Er soll dort in
geheimer Mission unter falschem Namen eine Katastrophe verhindern. Zu Beginn
des Kalten Krieges hatte die Sowjetunion Schläfer-Agenten in die USA geschleust.
Wie die „Mandschurischen Kandidaten“ in Siegels Film hatten diese Agenten ihre
Aufträge unter Hypnose erhalten und konnten sich aufgrund einer hypnotisch
erzeugten Gedächtnisstörung (posthypnotische Amnesie) nicht mehr daran erinnern.
Sie waren davon überzeugt, normale, strebsame Amerikaner und gute Staatsbürger
zu sein. Wer jedoch einen bestimmten Code, nämlich einen Vers aus einem Gedicht
von Robert Frost kannte, konnte sie übers Telefon aktivieren. Der Vers lautete:
„The woods are lovely, dark and deep,
but I have promises to keep
and miles to go before I sleep.
Remember, comrade,
miles to go before you sleep.”
Ein Anruf mit diesem Vers genügte, um das mörderische Programm zu starten, das
den Schläfern von den kommunistischen Psycho-Spezialisten eingepflanzt worden
war. In diesem Fall würden die Schläfer wie Roboter Attentate verüben und sich
danach selbst töten.
Als in der Sowjetunion zahlreiche Altstalinisten Opfer einer Säuberungswelle wurden,
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stahl ein führender, abtrünniger KGB-Agent ein Notizbuch mit den Namen der
Agenten und floh, unzufrieden mit der politischen Entwicklung in seinem Land, in die
Vereinigten Staaten, um die Schläfer zu aktivieren. Er wollte damit den Dritten
Weltkrieg auslösen. Borzov hat den Auftrag, ihn zu stoppen.
Zahllose Filme haben das Thema „Hypnose“ mehr oder weniger realitätsnah
ausgeschlachtet. Fritz Langs Stummfilme „Mabuse der Spieler“ und „Das Testament
des Dr. Mabuse“ schildern die Machenschaften eines genialen Arztes, zu dessen
finsteren Kräften auch eine Form der „orientalischen Hypnose“ zählte. Mit ihr zwingt
er z. B. einen Kriminalkommissar zum Selbstmord. Im James-Bond-Film „Im
Geheimdienst ihrer Majestät“ betreibt der böse Blofield (gespielt von Telly Savalas)
eine Klinik in der Schweiz. Dort werden junge, hübsche Frauen nicht nur mit den
Mitteln der Hypnose von ihren Nahrungsmittelallergien befreit, sondern zugleich in
Agenten für ein globales Erpressungsprojekt verwandelt. In „Hannusen“ holt der
gleichnamige „Hellseher“ (gespielt von Klaus-Maria Brandauer) einen Nazi-Offizier
aus dem Publikum auf die Bühne, hypnotisiert ihn gegen seinen Willen und
veranlasst ihn, wie ein Vogel zu singen. Die Liste derartiger Filme ließe sich beinahe
beliebig fortsetzen.
Das Thema ist überaus publikumswirksam und bedient die üblichen Klischees:
Schwarzhaarige, pomadierte Hypnotiseure versetzen liebreizende blonde Frauen in
Trance und berauben sie ihres freien Willens, um sie für ihre finsteren Pläne zu
missbrauchen. Diabolische Kriminelle sehen seelenruhig zu, wie ihre hypnotisch
versklavten Opfer dem Henker übergeben werden. Patriotische Amerikaner und
Lieblinge aller Schwiegermütter werden von schlitzäugigen Kommunisten in
Werkzeuge der Weltrevolution verwandelt.
Die meisten Zuschauer dieser Filme hielten hypnotisierte Spione, Attentäter,
Bankräuber und Selbstmörder vermutlich für ein Phantasieprodukt aus der Kino-
Traumfabrik. Diese Einschätzung wurde zweifellos durch die oft übertriebenen und
unglaubwürdigen Darstellungen der Hypnose in diesen Filmen genährt. Doch dabei
wurde nur zu leicht auch der wahre Kern verdrängt, der in diesen Geschichten
steckte. Die Neigung, Hypnose als Phantasie oder Bühnenspektakel aufzufassen
und ihre reale Macht zu verleugnen, stammt vermutlich aus denselben Quellen wie
die weitverbreitete Ablehnung der Psychoanalyse: Die meisten Menschen weigern
sich gefühlsmäßig, die Realität des Unbewussten zu akzeptieren und einzuräumen,
dass sie nicht Herr im eigenen mentalen Hause sind.20
Auch die überwiegende Mehrheit der Experten ist davon überzeugt, dass niemand
gegen seinen Willen hypnotisiert werden könne. Niemand könne in Hypnose
veranlasst oder gar gezwungen werden, gegen seine moralischen Prinzipien zu
handeln. Es sei unmöglich, einen Menschen durch Hypnose vollständig seines freien
Willens zu berauben. Sobald der Hypnotisand die Befehle des Hypnotiseurs als völlig
unzumutbar empfinde, wache er umgehend aus der Trance auf. Der Hypnose-
Spezialist H. B. Gibson meint z. B., der Glaube an ungewöhnliche Kräfte der
Hypnose sei eine moderne Form des Hexenglaubens. Hypnotiseure, die diese Kräfte
für sich reklamieren, würden mit diesem Anspruch letztlich nur ihr Ego aufblähen.21
Auch aus meiner Sicht trifft diese skeptische Beurteilung der Möglichkeiten
hypnotischer Beeinflussung auf alle Anwendungen der Hypnose zu, die sich im
gesetzlichen Rahmen bewegen. Hypnose-Shows, Hypno-Therapien und
einschlägige Lehrbücher vermitteln jedoch nur einen begrenzten Einblick in die
teilweise sehr weitgehenden Möglichkeiten der Hypnose. Psychotherapeuten und
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Hypnosekünstler unterliegen ethischen sowie juristischen Beschränkungen und
arbeiten im Licht der Öffentlichkeit. Wer sich diesen Beschränkungen und Kontrollen
entzieht, kann mit der Hypnose eine sehr weitreichende Macht ausüben – vor allen
über jene Menschen, die für hypnotische Einflüsse überdurchschnittlich empfänglich
sind. Auch wenn die Mehrheit der Hypnotiseure aus verständlichen Gründen geneigt
ist, die Macht der Hypnose zu untertreiben, finden sich in der Literatur doch immer
wieder Hinweise, die dieser Verharmlosung eindeutig widersprechen.
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Die Kontrolle über das Unbewusste. Das Wesen der Hypnose
Der amerikanische Hypnose-Experte John F. Kihlstrom z. B. definiert Hypnose als
eine soziale Interaktion, in der eine Person, der Hypnotisand, den Suggestionen
einer anderen Person, nämlich des Hypnotiseurs mit dem Ziel von
Phantasieerfahrungen folgt, die Veränderungen der Gedanken und Handlungen
einschließen. Unter den höchstgradig hypnotisierbaren Menschen seien diese
Reaktionen mit einer subjektiven Gewissheit, die an Wahnsinn, und mit einer
Erfahrung der Unfreiwilligkeit, die an Zwang grenzt, verbunden.22
Der Arzt und Gerichtsgutachter Ludwig Mayer schreibt: „Die Hypnose ist ein Zustand
gesteigerter Suggestibilität, der hervorgerufen wird, indem der hypnotisierende Arzt
durch Suggestion in der zu hypnotisierenden Person bestimmte Vorstellungen
erweckt. Unter Suggestionswirkungen in diesem Sinne versteht man die
Beeinflussbarkeit psychischer und psychophysischer Vorgänge, die sich auf Grund
von affektbetonten Vorstellungen im Unterbewusstsein abspielen und sich dann im
Ablauf der Hypnose ohne Rücksicht auf den Willen oder Intellekt des Hypnotisanden
im Oberbewusstsein durchsetzen.“23
Diese Definitionen beziehen sich offensichtlich nicht auf die Selbsthypnose, da in
dieser ja der Hypnotiseur und der Hypnotisand ein und dieselbe Person sind. Da die
Bewusstseinskontrolle durch Persönlichkeitsspaltung eine Form der Versklavung
darstellt, spielt die Selbsthypnose in diesem Zusammenhang keine Rolle – mit einer
Ausnahme, der suggerierten Selbsthypnose: Der Hypnotiseur gibt dem
Hypnotisanden den Befehl, sich nach dem Aufwachen aus der Hypnose in
bestimmten Situationen oder infolge bestimmter Reize selbst zu hypnotisieren bzw.
in Trance zu versinken. Man kann sich natürlich darüber streiten, ob es sich in
diesem Fall um eine echte Selbsthypnose handelt. Um die Sache aber nicht unnötig
kompliziert zu machen, konzentriere in den folgenden grundsätzlichen Erläuterungen
auf die Fremdhypnose.
Der Psychologe Ernest R. Hilgard beschreibt sieben grundlegende Merkmale des
hypnotischen Zustands:
Der Hypnotisand verliert die Initiative und den Wunsch, eigene Absichten zu
verwirklichen.
Die Aufmerksamkeit wird höchstgradig selektiv (z. B. hört der Hypnotisand u.
U. nur noch die Stimme des Hypnotiseurs).
Die Fähigkeiten zur visuellen Erinnerung und Phantasieproduktion sind
gesteigert.
Die Realitätsorientierung ist vermindert und die Toleranz gegenüber
Verzerrungen der Realitätswahrnehmung ist erhöht.
Die Suggestibilität nimmt deutlich zu.
Die Bereitschaft zum Rollenspiel ist gesteigert.
Häufig kann sich der Hypnotisand nicht mehr an die Tatsache der und die
Vorgänge während der Hypnose erinnern (posthypnotische Amnesie).24
Die Gehirnprozesse, die der Hypnose zugrunde liegen, sind weitgehend unbekannt.
Selbst sehr allgemeine Annahmen, wie z. B. die angebliche Dominanz der rechten
Gehirnhälfte, sind umstritten.25 Manche Forscher zweifeln sogar an der Existenz der
Hypnose, weil eindeutige physiologische Indikatoren hypnotischer Prozesse bisher
noch nicht entdeckt wurden.26 Diese Skepsis teile ich nicht. Aus meiner Sicht ist die
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Hypnose ein Grundmuster der Beziehung zwischen Menschen, das vermutlich,
abhängig von den Besonderheiten der Individuen und der Situationen, mit
unterschiedlichen Gehirnprozessen verbunden ist. Das Grundmuster kann also in
zahllosen Varianten auftreten. Man würde ja auch nicht erwarten, dass sich z. B. bei
allen Menschen im Zustand der Verliebtheit die Gehirnprozesse gleichen. Dennoch
kann man kaum ernsthaft bezweifeln, dass es Verliebte gibt (oder Hypnotisierte).
Die hypnotische Bewusstseinslage unterscheidet sich grundsätzlich vom
Schlafzustand. Der gesamte hypnotische Prozess ist z. B. durch eine erhöhte
Spannung der Aufmerksamkeit gekennzeichnet, die zumindest der tiefe Schlaf nicht
kennt. Die Spannung führt nach Mayer zu einer „Einengung auf die vom Hypnotiseur
bestimmte Denkrichtung, während dadurch zugleich die Leistungen aller anderen
Sinnesbahnen auf ein Minimum herabgesetzt werden“.27 Die sonst im täglichen
Leben auf viele Bereiche verteilte Aufmerksamkeit wird im Sinne der Hypnose und
ihrer Ziele fokussiert.
Ein bedeutender Hypnoseforscher des 19. Jahrhunderts, der deutsche Arzt Oskar
Vogt, sieht demgegenüber eine engere Beziehung der Hypnose zum Schlaf. Für ihn
ist der Hypnotisand ein Träumer im Tiefschlaf, mit dem eine andere Person eine
hypnotische Beziehung („Rapport“) aufgebaut hat.28 Die hypnotische Steuerung führt
allerdings zu einer Ordnung der psychischen Abläufe während der Hypnose, die dem
eher spontanen, chaotischen Traum fremd ist.
Aus meiner Sicht ist der hypnotische Zustand eine Bewusstseinszustand eigener Art,
der trotz mancher Ähnlichkeiten nicht als Form des Schlafs oder „gesteuerter Traum“
verstanden werden kann. Diese Sichtweise wird auch durch die neuere
neurophysiologische Forschung gestützt. Computertomographische Studien deuten
darauf hin, dass sich der hypnotische Zustand eindeutig vom Schlaf, aber auch vom
Wachbewusstsein unterscheidet und dass er auch kein Zustand in einem Kontinuum
zwischen Schlaf und Wachsein ist.29
Hypnose ist ein direkter Weg ins Unbewusste. Natürlich gibt es auch andere
Methoden, das Unbewusste ans Licht zu bringen: die Analyse von Träumen, Drogen,
Meditation, bestimmte religiöse Übungen, die freie Assoziation in der Psychoanalyse.
Doch die Hypnose unterscheidet sich von allen anderen Verfahren durch einen
entscheidenden Faktor. Der Psychologe George H. Estabrooks brachte diesen
entscheidenden Faktor auf den Punkt: „In der Hypnose ist die Instanz, die das
Unbewusste an die Oberfläche holt und die Kontrolle über das Unbewusste ausübt,
ein anderes menschliches Wesen, der Hypnotiseur.“30
In einem Tiefen Trance-Zustand, schreibt Estabrooks, erlebe der Hypnotisand den
Willen des Hypnotiseurs als seinen eigenen – und dieser neue, im Trance-Zustand
erworbene Wille sei u. U. stärker als jede Willensregung, die er jemals zuvor erfahren
habe. Der Wille des Hypnotiseur sei im Hypnotisanden sogar stärker als im
Hypnotiseur selbst. Die Fähigkeit des Hypnotiseurs, sein eigenes Verhalten zu
beeinflussen, sei also geringer als seine Möglichkeit, das Handeln des
Hypnotisanden zu steuern.
Dabei hängt die Macht des Hypnotiseurs jedoch in entscheidendem Maß von der
Trance-Tiefe ab. Die erreichte Trance-Tiefe ist u. a. eine Funktion der
Hypnotisierbarkeit. Diese Fähigkeit ist wie jedes Persönlichkeitsmerkmal variabel.
Hilgard hat die Ergebnisse einer Reihe von Studien aus dem zwanzigsten
Jahrhundert zusammengefasst. Danach sind im Durchschnitt 20 % der untersuchten
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College-Studenten kaum, 47 % leicht, 20 % moderat und 13 % höchstgradig
hypnotisierbar.31 Nur eine Minderheit der Menschen erreicht jene Trance-Tiefe, in der
ein fremder Wille uneingeschränkt als der eigene erlebt werden kann.32
Doch ist es erst einmal gelungen, einen Menschen in diese veränderte
Bewusstseinslage zu führen, dann kann man ihn in diesem Zustand der
Fremdsteuerung fixieren. Unter bestimmten Bedingungen ist er dann auf Dauer nicht
mehr in der Lage, sich dem fremden Willen aus eigener Kraft zu entziehen. Die
Hypnoseforscher P. A. Register und J. F. Kihlstrom bezeichnen diese Menschen als
„Hypnotische Virtuosos“33.
In der Hypnoseforschung werden drei Stufen der Hypnosetiefe unterschieden: die
Somnolenz, die Hypotaxie sowie der Somnambulismus. Unter „Somnolenz“
verstehen wir den leichten, hypnotischen Ruhezustand. Das Gesicht entspannt sich,
die Lider werden schwer, die Atmung wird flacher und ruhiger. In der Hypotaxie
können Erstarrungen des Körpers, Leichtigkeitsgefühle in Gliedmaßen, automatische
Bewegungen usw. suggeriert werden. Das dritte und tiefste Hypnosestadium, der
Somnambulismus (Schlafwandeln), ermöglicht neben den bereits beschriebenen
Phänomenen folgende psychische Leistungen:
die suggestive Steuerung sämtlicher Körperfunktionen,
die Erzeugung von positiven und negativen Halluzinationen, welche subjektiv
vom Hypnotisanden mit allen Sinnen empfunden werden,
völlige Anästhesie, völlige Amnesie und die Möglichkeit der beliebigen
Erinnerungsverfälschung
völlige oder weitgehende Altersregression
Öffnen der Augen in Trance
Verwirklichung komplexer Suggestionen unter Beibehaltung des
hypnotischen Zustandes.34
Der Psychologe Kenneth S. Bowers unterscheidet drei Ebenen des Bewusstseins:
Das Bewusstsein erster Ordnung ist die Aufmerksamkeit für innere und äußere
Reize. Das Bewusstsein zweiter Ordnung beinhaltet die Vorstellungen und
Hypothesen über die Inhalte des Bewusstseins erster Ordnung. Das Bewusstsein
dritter Ordnung beruht auf der Fähigkeit, das eigene Selbst von den Inhalten des
Bewusstseins erster und zweiter Ordnung zu unterscheiden sowie die eigenen
Wahrnehmungen und Ideen kritisch zu hinterfragen. In der Hypnose, schreibt
Bowers, wird das Bewusstsein dritter Ordnung, je nach Trancetiefe, mehr oder
weniger stark eingeschränkt oder gar ausgeschaltet.35
Die Möglichkeiten des Bewusstseins erster und zweiter Ordnung reichen aus, um
Befehle auszuführen – wie ein Automat. Dabei können die Befehle durchaus
komplex sein und ihre Ausführung ein hohes Intelligenzniveau erfordern. Es kommt
nur darauf an, dass die zur Ausführung der Befehle notwendigen Verhaltensweisen
ausreichend trainiert wurden, so dass kein eigenständiges, selbstbewusstes Denken
mehr erforderlich ist. Den Automatismus des Handlungsvollzugs könnte erst das
Bewusstsein dritter Ordnung aufheben. Und genau deshalb versucht der
Bewusstseinskontrolleur, diese Fähigkeit des menschlichen Geistes zu blockieren.
Die Ausschaltung des Bewusstseins dritter Ordnung ist der Schlüsselbegriff zum
Verständnis des hypnotischen Phänomens im allgemeinen und der
Bewusstseinskontrolle durch Persönlichkeitsspaltung im besonderen. Höchstgradig
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hypnotisierbare Menschen sind in tiefen Trancezuständen nicht mehr in der Lage, die
Suggestionen des Hypnotiseurs mit der Realität zu vergleichen oder an den eigenen
Maßstäben zu messen.
In Extremfällen können sogar nicht ernst gemeinte oder falsch verstandene
Suggestionen bei „Hypnotischen Virtuosos“ verhängnisvolle Konsequenzen nach
sich ziehen.
So begab sich z. B. ein junger Amerikaner, Mr. Springston im Sommer 1981 in die
Behandlung eines Laienhypnotiseurs, weil er abnehmen wollte. Der Hypnotiseur
versuchte Mr. Springstons Ego durch folgende Suggestionen zu stärken: „Sie sind
eine sehr starke Persönlichkeit. Sie können alles tun, wozu Sie sich entscheiden. Sie
könnten sogar eine Bank ausrauben, wenn Sie dies möchten.“ Danach arbeitete der
Hypnotiseur mit spezifischen Suggestionen, z. B. das Bier schlecht schmecke, Mr.
Springston langsamer essen und seinen Teller nicht wieder auffüllen würde.
In den folgenden Tagen nahm aber die gar nicht so gemeinte Suggestion des
Bankraubs immer größeren Raum in Mr. Springstons Bewusstsein ein und wurde
schließlich zum Zwang. Seines freien Willens beraubt, schritt er zur Tat. Dabei trug er
keine Maske und präsentierte sein Gesicht den Überwachungskameras der Bank.
Sein Verhalten war insgesamt völlig dilettantisch. Drei Tage später fragte ihn ein FBI-
Agent, ob er eine Bank ausgeraubt habe, was Mr. Springston ohne Umschweife
zugab. Mr. Springston wurde dazu verurteilt, sich in einem Hospital für psychisch
kranke Straftäter behandeln zu lassen.36
Ein ähnlich gelagerter Fall demonstriert eindrucksvoll, welcher Schaden durch
unbedachte Suggestionen hervorgerufen werden kann, selbst wenn diese beste
Absichten verfolgen. Ein junger Frauenarzt versuchte, eine übergewichtige Frau
durch Hypnose zu kurieren. Als er feststellte, dass die Patientin seinen Suggestionen
nicht im wünschenswerten Maße folgte, entschloss er sich, seine Befehle durch
eingepflanzte Ängste zu verstärken. Und so suggerierte er ihr, dass sie von einem
unwiderstehlichen Impuls, ihren heißgeliebten Pudel zu töten, erfasst würde, wenn
sie zwischen den Mahlzeiten esse. Zu Hause konnte die Patienten einer Portion
Eiscreme nicht widerstehen, geriet in einen akuten Panikzustand, erwürgte ihren
Hund und versuchte, sich umzubringen. Nachbarn fanden sie zum Glück rechtzeitig,
der Notarzt konnte ihr Leben retten.37
Diese und ähnliche Berichte über unerwünschte Konsequenzen und Gefahren der
Hypnose riefen natürlich jene Kritiker auf den Plan, die Hypnose für grundsätzlich
harmlos halten. So schreibt z. B. Robert A. Baker, dass es sich in den Fällen
angeblicher Komplikationen durch Hypnose um Individuen gehandelt habe, die
schon vorher an psychischen Störungen litten und hinterher fälschlich die
Hypnotherapie für ihre Probleme verantwortlich machten.38 Man kann Bakers
Mutmaßung natürlich nicht mit Einzelfällen widerlegen, und seien sie noch so
zahlreich. Dennoch halte ich diese Position für falsch. Es ist aus ethischen Gründen
zwar unmöglich, Experimente zur verwirklichen, in denen Menschen durch Hypnose
absichtlich schwerer Schaden zugefügt wird. Und so ist es auch nicht möglich, einen
wissenschaftlich hieb- und stichfesten Gegenbeweis zu erbringen. Aber ich bin davon
überzeugt, dass die Fülle der Einzelfälle und experimentellen Befunde, die eine
mögliche Gefahr durch Hypnose nahe legen, nicht mit dem läppischen Argument
beiseite gewischt werden können, die angeblich Geschädigten wollten nur die
Verantwortung von sich abwälzen.
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In den beiden vorangestellten Fällen wird eine Besonderheit der Hypnose deutlich: In
einem tiefen hypnotischen Zustand nimmt das Unbewusste die Äußerungen des
Hypnotiseurs wortwörtlich. Es ist nicht in der Lage, posthypnotische Befehle kritisch
zu hinterfragen und an der Realität zu überprüfen. Aber auch nach dem Aufwachen
aus der Hypnose kann sich der Hypnotisand nicht kritisch mit den Suggestionen
auseinandersetzen. Zwar hat er nun sein kritisches Wachbewusstsein wiedererlangt,
aber, bedingt durch die posthypnotische Amnesie, kann er sich nämlich nicht mehr
an die Hypnose sowie deren Inhalte erinnern.
In den obigen Beispielen zeigten sich destruktive Konsequenzen posthypnotischer
Suggestionen, die nicht von den Hypnotiseuren beabsichtigt wurden. Wir werden uns
nun zwei weiteren Fällen zuwenden, in denen die Hypnotiseure kriminelle
Handlungen der Hypnotisanden nicht nur bewusst anstrebten, sondern systematisch
in die Wege leiteten. Auch bei wohlmeinenden Absichten besitzt die Hypnose ein
destruktives Potential, das natürlich immens verstärkt werden kann, wenn sich die
Hypnose mit unmoralischen Zielen verbindet. In jedem Fall beruht die Hypnose auf
einem Machtverhältnis, das zum Missbrauch einlädt. Es verführt sogar in
besonderem Maß zum Machtmissbrauch, weil es die Spaltung und Kontrolle des
Bewusstseins beinhaltet.
Die beiden folgenden Fallbeispiele dienen zur Veranschaulichung der psychischen
Mechanismen und sozialpsychologischen Prozesse, die dem kriminellen Missbrauch
der Hypnose zugrunde liegen. Im Anschluss daran werden die Mechanismen und
Prozesse im Detail analysiert. Die geschilderten, zu ihrer Zeit aufsehenerregenden
Kriminalfälle sind heute weitgehend vergessen und nur noch einer kleinen Zahl von
Experten bekannt. Die von den Hypnose-Verbrechern eingesetzten Methoden sind
allerdings nicht „von gestern“, sondern bilden nach wie vor den Kern effektiver
Strategien zur Bewusstseinskontrolle. Die einzelnen Elemente dieser Strategien
bilden ein Netzwerk wechselseitig voneinander abhängiger Maßnahmen. Für sich
genommen sind die einzelnen Elemente nicht geeignet, einen Menschen mental zu
versklaven. Dies wird erst durch das Zusammenwirken der verschiedenen Methoden
möglich.
Das Ineinandergreifen der „Rädchen des Getriebes“ der Bewusstseinskontrolle lässt
sich am besten durch Fallbeispiele veranschaulichen. Und so habe ich mich zu einer
sehr ausführlichen Darstellung dieser Kriminalfälle entschlossen, um das Verständnis
der sich anschließenden theoretischen Analysen zu erleichtern. Dieses Wechselspiel
von Konkretisierung und Abstraktion durch Beispiele und Analysen werde ich auch in
den späteren Abschnitten dieses Buches beibehalten. Die ersten beiden Fälle (Alice
E. und Palle Hardrup) konzentrieren sich auf die hypnotischen Aspekte der
Bewusstseinskontrolle; im weiteren Verlauf des Buchs werden dann Beispiele
geschildert, die ergänzende Methoden (Drogen, Elektroschocks, Folter, sensorische
Deprivation etc.) einbeziehen.
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Alice E. und der falsche Arzt. Hypnose und Verbrechen
Der Gerichtspsychiater Ludwig Mayer39 schilderte in seinem 1937 erschienenen Buch
„Das Verbrechen in Hypnose und seine Aufklärungsmethoden“40 die hypnotische
Dressur der Alice E. durch einen Kriminellen namens Walter. Diese Dressur
erstreckte sich insgesamt über einen Zeitraum von sieben Jahren. Frau E. war 24
Jahre alt, als ihr Walter, der sich als Arzt ausgab, zum erstenmal begegnete. Walter
suggeriert Alice E. u. a. Krankheiten, die nur er „heilen“ könne und die sonst
unweigerlich zu einem qualvollen Tode führen würden. Die hypnotisch eingepflanzte
Todesangst verleitet Frau E. dazu, sich viel Geld zu leihen und schließlich sogar zu
stehlen, um die wachsende Geldgier des kriminellen Hypnotiseurs zu befriedigen.
Durch Hypnose macht er Alice bewegungsunfähig, um ihren Widerstand zu brechen,
wenn er mit ihr schlafen will. Er zwingt sie zur Prostitution und stiftet sie u. a. zum
Mordversuch an ihrem Mann und zum Selbstmord an. Entsprechende Versuche
misslingen nur aufgrund glücklicher Zufälle. Alice E. hatte keine inneren
Hemmungen, die posthypnotischen Befehle in die Tat umzusetzen.
Mayer schreibt hierzu: „Die neuerlich zu Tage gekommene Vorgeschichte des
Motorradunfalls – Mordversuch auf den Ehemann E. – bietet sehr interessante
psychologische Hinweise auf die Veränderung der Kritik des Hypnotisanden.“ Walter
hatte Alice E. mit Erfolg den posthypnotischen Befehl gegeben, die Bremsen am
Motorrad ihres Ehemannes zu manipulieren. „Ein Teil der Autoren“, fährt Mayer fort,
„zu denen auch ich mich immer zählte, behauptet, dass selbst in der Tiefenhypnose
immer ein Persönlichkeitsrest fortbestehe, der gewissermaßen über sämtlichen
Vorgängen und Handlungen wache, so dass trotz strengster hypnotischer Dressur
und suggestiv völlig veränderter Gedankengänge die moralische Persönlichkeit als
solche nicht gänzlich ausgeschaltet sei. Dieser Ansicht muss auf Grund des hier
vorliegenden Tatbestandes für Handlungen in Tiefenhypnose wohl doch bedingt
widersprochen werden. Es zeigt sich nämlich, dass die Eigenkritik im Falle einer
langwährenden Suggestionswirkung und hypnotischen Dressur doch vollständig in
den Hintergrund gedrängt werden kann. Die Folge davon ist, dass eine weitgehende
Bewusstseinsspaltung eintritt, ohne die alle hier geschilderten Folgen undenkbar
wären.“41
Die Eigenkritik ist, in der Terminologie des Psychologen Kenneth S. Bowers, eine
Funktion des Bewusstseins dritter Ordnung42, das durch die Hypnose ausgeschaltet
wird. Alice E. war in der Lage, komplexe posthypnotische Befehle auszuführen. Ihre
Intelligenz, ihre Fähigkeit zur Anpassung an ihre Umwelt waren durch die
Bewusstseinskontrolle also keineswegs beeinträchtigt worden. Aber ein Teil ihrer
Persönlichkeit, ein zweites Ich handelte zwar voll bewusst, aber ohne jedes
Selbstbewusstsein. Auch fehlt unter dem Einfluss einer hypnotischen
Bewusstseinskontrolle - die nicht mit einem oberflächlichen Trancezustand
verwechselt werden darf - das Schuldbewusstsein; schließlich bedingen Schuld- und
Selbstbewusstsein einander.
Als Frau E. die kriminellen posthypnotischen Befehle ausführte, hatte sich ihr
Bewusstsein in zwei Ströme gespalten. Sie verübte die Taten nur im Bewusstsein
erster und zweiter Ordnung; vor und nach den Taten war Frau E. zwar zum
Bewusstsein dritter Ordnung in der Lage, war also selbstbewusst und zu
Schuldgefühlen fähig, sie wusste aber nicht, dass sie die Taten begehen würde bzw.
begangen hatte.
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Wenn ein geschickter Hypnotiseur eine derartige Bewusstseinskontrolle bei einem
geeigneten Individuum ausübt, so ist dieser Einfluss selbst für einen Fachmann
schwer zu erkennen.43 Dennoch schöpft Frau E.s Ehemann schließlich Verdacht und
wendet sich an die Polizei.
Dem Hypnose-Experten Mayer gelingt es in einer einzigartigen psychiatrischen
Detektivarbeit, den hypnotischen Bann zu durchbrechen und die Wahrheit ans Licht
zu bringen. Nach dreiwöchiger Prozessdauer wurden Walter und sein Komplize
Bodmer am 13. Juni 1936 zu schweren Strafen verurteilt. Walter erhielt zehn Jahre
Zuchthaus und fünf Jahre Ehrverlust, Bodmer 4 Jahre Zuchthaus und drei Jahre
Ehrverlust. In der Urteilsbegründung wurde ausdrücklich festgestellt, dass die beiden
Angeklagten in vollem Umfang überführt seien. Die Revisionen Walters und Bodmers
wurden am 15. Januar 1937 vom Reichsgericht als offensichtlich unbegründet
verworfen.44
Ein gewissenloser Hypnotiseur, schreibt Mayer, könne „Umformungen der von ihm
behandelten Persönlichkeit von einer solchen Tragweite vornehmen, dass selbst der
beste Kenner der Materie immer von neuem wie vor einem Rätsel steht.“45 Unter
bestimmten Voraussetzungen könnten Verbrechen jeder Art an Hypnotisierten und
mit Hilfe von Hypnotisierten begangen werden. Um sein Opfer in ein nützliches
Werkzeug verwandeln zu können, müsse der Hypnotiseur zunächst die Fähigkeit des
Hypnotisanden zur Kritik untergraben. Von ausschlaggebender Bedeutung sei eine
hypnotische Dressur, die einen alle Gegenimpulse überwindenden
Zwangsmechanismus großzüchtet.
"Sämtliche posthypnotischen Erscheinungen tragen das Merkmal des psychischen
Zwanges“, erläutert Mayer, „da der normale Wille pathologisch verändert ist. Der
Aktivierungstrieb einer in Tiefenhypnose gesetzten Suggestion ist von dem kritischen
Ich nicht mehr zu zügeln, da die Beauftragung als Idee immer wieder zum Vorschein
kommt und sich allmählich zu Zwangsvorstellungen verdichtet. Anfänglich hat das
Individuum vielleicht noch die Möglichkeit, sich über die Sinnlosigkeit seiner Impulse
klar zu werden oder gegen seine Angstzustände anzukämpfen. Der fortwirkende
Denkzwang wird sich aber gleich einem Schleier über die Kritikfähigkeit legen und
alle Einwände zum Verstummen bringen."46
Der Schlüsselbegriff ist „Zwangsvorstellung“. Der Auftrag des Hypnotiseurs
entwickelt sich zu einem „Denkzwang“, der u. U. eine Zwangshandlung verursacht,
die Umsetzung des Auftrags in die Realität.
Der entscheidende Affekt, der den Hypnotisanden zur Verwirklichung des
fremdbestimmten Verbrechens zwinge, sei die Angst. Die Angst könne durch
suggerierte Halluzinationen äußerst bedrohlichen Inhalts hervorgerufen werden. Die
Ausführung der vom Hypnotiseur geforderten Tat sei dann der unbewusste Versuch
des Hypnotisanden, sich von einer unerträglichen Spannung zu befreien. Dabei wird
die Angst einem Persönlichkeitsteil eingepflanzt, der durch hypnotische Spaltung
vom aktiven, bewussten Persönlichkeitsteil durch eine amnestische Barriere getrennt
ist.
Der Täter verstärkt diese amnestische Barriere, die ohnehin für hypnotische
Prozesse charakteristisch ist, durch besondere Suggestionen: „Sie werden sich an
das und das Geschehen nur erinnern können, wenn sie ein bestimmtes Zeichen
sehen!“ Oder: „Sie werden sich nur erinnern können, wenn ich Ihnen ein bestimmtes
Wort, eine bestimmte Schlüsselzahl nenne, die sie aber jetzt sofort wieder
vergessen. Niemand außer mir weiß das Zeichen, das Wort – auch Sie selbst wissen
es jetzt schon nicht mehr!“47
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Der verbrecherische Hypnotiseur verstärkt seine Befehle durch die Suggestion
unerquicklicher Folgen bei Ungehorsam: „Sie werden sofort starke Kopfschmerzen
oder sonstige unangenehme körperliche Erscheinungen verspüren, wenn sie nur den
geringsten Versuch machen sollten, sich meinen Befehlen zu widersetzen. Tun sie
es aber trotzdem, so wird ihr Gehirn völlig versagen. Sie werden wie irrsinnig – oder
sie werden krank umfallen.“48
Der Täter schützt sich vor Entdeckung, indem er falsche Erinnerungen einpflanzt
bzw. posthypnotische Aufträge zu Falschaussagen gibt. Der kriminelle Hypnotiseur
kann seinem Opfer auch phantastische Überzeugungen suggerieren, die dann
natürlich dessen Glaubwürdigkeit untergraben. Und selbstverständlich kann er dem
Opfer auch befehlen, sich verrückt oder seltsam zu verhalten, sobald die unter
Hypnose begangene Tat entdeckt wird. Damit soll den Strafverfolgungsbehörden
suggeriert werden, dass die Tat Folge einer psychischen Störung sei.
Der Hypnotiseur kann auch Prozesse des Vergessens oder andere Störungen der
Informationsverarbeitung programmieren. „Als ich ihm einmal vorhielt, ich würde
alles erzählen“, berichtete Alice E., „da sagte er ‚19-3-19-3’ und legte mir dabei die
Finger in die Augenhöhlen; dann konnte ich nicht mehr denken.“49
Der Hypnotiseur muss natürlich verhindern, dass sein Opfer einen Psychiater oder
Psychotherapeuten aufsucht, weil während einer derartigen Behandlung die
hypnotischen Kontrollen möglicherweise entdeckt werden könnten. Einem anderen
Opfer unethischer Hypnose, Candy Jones, suggerierte der Hypnotiseur Gilbert
Jensen50, sie werde sehr nervös werden und Magenkrämpfe bekommen, wenn sie
einen Psychiater aufsuche. Der Psychiater würde dann denken, sie sei verrückt.51
Der wohl wichtigste Schutz vor Entdeckung besteht aber im sogenannten Versiegeln.
Unter „Versiegeln“ versteht man die Suggestion: „Es kann Sie außer mir niemand
mehr hypnotisieren.“ Mitunter wird hinzugefügt: „Es sei denn, ich erlaube dies einer
anderen Person“. Dies ermöglicht die Weitergabe des Hypnotisanden an Komplizen
des Hypnotiseurs.
Walter hatte also bei Frau E. absichtlich eine Persönlichkeitsspaltung hervorgerufen.
Der Fall der Frau E. beweise, schreibt Mayer, dass ein und dieselbe Persönlichkeit
„gleichzeitig und nebeneinander zwei völlig getrennte Willensgebiete, zwei
Gedächtnisse, zwei Bewusstseinsebenen haben kann.“52 Die gespaltene
Persönlichkeit begehe bald in dem einen, bald in dem anderen Zustand alle
möglichen Handlungen, wobei nur die mit dem jeweils aktiven Zustand verbundenen
Handlungen bewusst seien. Werden derartige Spaltungen durch langdauernde
hypnotische Einwirkungen absichtlich hervorgerufen, dann kann die Überwindung
dieser Spaltung wie im Fall der Frau E. auf erhebliche Schwierigkeiten stoßen. Die
Hypnose sei nämlich kein oberflächlich haftender Zustand, sondern rufe wesentliche
Veränderungen im Denkprozess hervor. Mayer vergleicht die durch eine derartige
Spaltungs-Hypnose hervorgerufenen geistigen Hemmungen mit körperlichen
Lähmungen. Die hypnotischen Konditionierungen könnten nur durch beständiges
Üben, niemals aber durch Hypnose beseitigt werden.
Der Schlüsselbegriff dieses Abschnitts ist die Persönlichkeitsspaltung. Die einfachste
Form der Spaltung erzeugt nur zwei Zustände, nämlich einen Normalzustand (A) und
einen hypnotisch kontrollierte Zustand (B). Das „Willensgebiet“ des Zustands B ist
durch Zwangsvorstellungen gekennzeichnet, zu denen sich die Aufträge des
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Hypnotiseurs verdichtet haben. Die Energie, die diese Zwangsvorstellungen aufrecht
erhält und in Handlungen transformiert, ist eine hypnotisch erzeugte panische Angst.
Skeptiker könnten u. a. einwenden, dass Frau E. vermutlich ein labile oder gar
psychisch gestörte Frau war – eine Frau also, die leicht zu beeinflussen war, so dass
es der Hypnose u. U. gar nicht bedurft hätte. Mayer betont jedoch, dass Alice von
keiner Seite (Lehrer Pfarrer, Ortsvorstand) als psychisch abnorm geschildert wurde.
Er konnte auch keine Anzeichen der Hysterie entdecken. Sie versuchte auch
niemals, die Hypnose als Entschuldigung für ihre Taten heranzuziehen: „Sie hat
vielmehr die teilweise schwer kriminellen Verfehlungen freiwillig angegeben und ist
dabei ohne jeden Zwang zur Anklägerin gegen sich selbst geworden.“53
Im Anschluss an die beiden Fallbeispiele (Alice E. und Palle Hardrup) werde ich mich
ausführlich mit den Positionen der Skeptiker auseinandersetzen.
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Ein „Yogi“ mit Knarre. Bankraub und Mord unter hypnotischer
Kontrolle
Ein ähnlich gelagerter Fall ereignete sich Ende der vierziger Jahre in Dänemark.
Palles Hardrups Geschichte wurde von dem dänischen Arzt und Psychotherapeuten
Paul J. Reiter in seinem Buch „Antisocial or Criminal Acts and Hypnosis, a Case
Study“54 beschrieben. Es ist eine atemberaubende Geschichte. Doch nicht nur das.
Zu recht betont der kanadische Psychiater Colin A. Ross, dass Reiters Buch als
Manual zur Erzeugung künstlicher multipler Persönlichkeiten verwendet werden
könnte.55 Die Systematik und Psycho-Logik der Bewusstseinskontrolle durch
absichtliche Persönlichkeitsspaltung wird im Fall Palle Hardrups noch deutlicher wird
als am zuvor geschilderten Beispiel der Frau E.
Im Frühling 1947 begegnete der dänische Werkzeugmacher Palle Hardrup einem
Mann, Björn Schouw Nielsen, der sein weiteres Schicksal bestimmen, ihn zu
kriminellen Handlungen, ja, zu Morden verleiten, seine Persönlichkeit spalten und
schließlich zerstören sollte. Die beiden Männer trafen sich im Staatsgefängnis von
Horsens in Dänemark, wo sie beide langjährige Haftstrafen verbüßten. Beide waren
wegen ihrer Kollaboration mit den Nazis während der deutschen Besatzung im
zweiten Weltkrieg verurteilt worden.
Palle Hardrup war ein junger, naiver Idealist, Antikommunist und Nationalist, durch
dessen Kollaboration kein Mitbürger unmittelbar zu Schaden kam.
Nielsen jedoch war ein notorischer Straftäter, der auch zuvor schon wegen
unpolitischer Delikte zu Gefängnisstrafen verurteilt worden war. Nielsen hatte einen
Landmann, der im Widerstand aktiv war, an die Nazis verraten und Geschäftsleute
erpresst.
Hardrup war gerade 17, als er sich mit den Nazis einließ. Als er Nielsen zum
erstenmal begegnete, war er 23. Der wesentlich ältere Nielsen, ein Soziopath und
Self-Made-Man, war ein mit allen Wassern gewaschener Krimineller und, wie viele
Soziopathen, ein psychologisches Naturtalent. Obwohl er es meisterlich verstand,
Palles Persönlichkeit mit den Mitteln der Hypnose zu spalten, hatte er, soweit sich
dies rekonstruieren lässt, keine entsprechende Ausbildung erhalten. Aber er hatte
einen untrüglichen Instinkt für die Schwachpunkte einer naiven, schwärmerischen
jungen Persönlichkeit, die ihm während der gemeinsamen Haftzeit von 18 Monaten
ausgeliefert war. Und Palle Hardrup gehörte zu den jenen Menschen, die in sehr tiefe
Trancezustände versetzt werden können, er war „somnambul“, ein „hypnotischer
Virtuoso“.
Mit sicherem Instinkt hatte Nielsen erkannt, dass Hardrup nicht nur die Fähigkeit zum
Somnambulismus besaß, sondern dass er zu jenen „hypnotischen Virtuosos“ zählte,
bei denen ein fremder Wille vollständig an die Stelle des eigenen treten kann.
In den ersten Wochen und Monaten seines Gefängnisaufenthaltes fühlte sich Palle
leer, hoffnungslos und depressiv verstimmt. Bevor er das erstemal persönlich mit
Nielsen in Kontakt trat, hatte er Gelegenheit, ihn aus der Ferne zu beobachten.
Dieser Mann faszinierte ihn. Er fühlte sich angezogen und abgestoßen zugleich.
Nielsen behandelte seine Mitgefangenen mit unverfrorener Dominanz; es schien ihm
völlig gleichgültig zu sein, was diese von ihm dachten. Durch Zufall ergab es sich,
dass Hardrup und Nielsen in der Gefängniswerkstatt zusammenarbeiten mussten.
Nielsen verstand es, sich den Anschein des Wissens über jene Themen zu geben,
die Palle brennend interessierten: Religion, Mystizismus und Okkultismus. Schon am
ersten Tag ihrer Zusammenarbeit in der Werkstatt fesselte Nielsen Palle mit
interessanten Geschichten und Informationen über indische Religionen, Yoga und
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suggestive Techniken, durch die man von äußeren Umständen völlig unabhängig
werden könnte. Durch diese geheimnisvollen Praktiken könne man einen Zustand
der Gelassenheit und Gleichmut erreichen und persönliche Vollkommenheit
anstreben.
Sogleich begann Nielsen, mit hypnotischen Techniken zu experimentieren. So
suggerierte er Palle, dass dieser seine gefalteten Hände nicht mehr voneinander
lösen könne. Um Hardrup das Gefühl der Gleichwertigkeit zu geben, erlaubte er ihm,
diese Technik auch bei ihm, Nielsen, anzuwenden, was scheinbar gelang. Nun war
Palle Hardrup natürlich Feuer und Flamme. Sein „Erfolg“ verlieh ihm Selbstvertrauen
und so wollte er sich in derartigen geheimen Künsten vervollkommnen. Nielsen hatte
daher auch keine Mühe, Palle davon zu überzeugen, dass sie eine Zelle miteinander
teilen sollten. Palle solle die Gefängnisleitung darum bitten. Diese stimmte zu, und
nun stürzte sich Palle mit Herz und Seele in die Arbeit mit den geheimnisvollen
Methoden der Yogis.
Der wortgewaltige Nielsen gewann schnell das Vertrauen des jungen Mannes und
überwand Palles ursprüngliche Skepsis gegenüber seiner Person. Nielsen sprach
über Seelenwanderung und Wiedergeburt, über die Religionen des alten Indiens und
die Systeme der Philosophie und gab damit Palles tristem Leben im Gefängnis Glanz
und neuen Sinn.
Durch Seelenwanderung könne der Mensch, erklärte Nielsen, immer höhere Stufen
der Vollkommenheit erreichen. Die höchste Ziel sei ein Zustand der Identität mit dem
göttlichen kosmischen Prinzip. In diesem Zustand sei die direkte und unmittelbare
Kommunikation mit Gott möglich. Dieser Zustand äußerster Vollkommenheit würde
von den Yogis „Samadhi“ genannt.
Geschickt streute Nielsen angebliche persönliche Erfahrungen mit dem Okkulten in
seine Erzählungen ein und behauptete, diese einst als Hausmeister und Diener eines
Mitglieds der „Society for Psychical Research“ (SPR)56 gesammelt zu haben. Nielsen
phantastische Erzählungen dauerten mitunter Stunden. Wir wissen nicht, woher sein
Vokabular bezog. Es ist unwahrscheinlich, dass er tatsächlich durch die seriöse,
wissenschaftlich forschende SPR beeinflusst wurde.
Auffällig jedoch ist eine zumindest oberflächliche Ähnlichkeit seines „Systems“ mit
den Betrachtungen Carl Kellners über die Beziehungen zwischen Yoga und
Hypnose.57 Der Fabrikant Kellner (1850-1905) war einer der Begründer des heute
noch existierenden sexualmagischen Ordens „Ordo Templis Orientis“ (O.T.O). Zu
den führenden Mitgliedern des O.T.O. gehörte auch der berüchtigte Okkultist Aleister
Crowley.58 Es ist kaum denkbar, dass der ungebildete Nielsen seine Methoden und
Ideen völlig eigenständig selbst erfunden hat, und es mag sein, dass er sie aus dem
Dunstkreis des Okkultismus bezog.
Es wäre aber beim gegebenen Erkenntnisstand völlig spekulativ, ihm Verbindungen
zum O.T.O. oder ähnlichen Gruppen zu unterstellen. Schließlich müssen wir ja das
„System“ Nielsens aus den Erinnerungen Palle Hardrups rekonstruieren. Es ist
natürlich nicht auszuschließen, dass Palle die Methoden und Ideen des Hypno-
Kriminellen nur unvollständig und verzerrt in Erinnerung behalten hat. Es muss also
offen bleiben, woher Nielsen, der keine höhere Schulbildung oder Berufsausbildung
besaß, seine hypnotischen Kenntnisse und Fähigkeiten hatte. Es ist natürlich
denkbar, dass diese, wie auch seine okkultistischen Ideen, die Frucht eines
intensiven Selbststudiums waren. Ob dies allerdings, angesichts seines
psychopathischen Charakters, sehr wahrscheinlich ist, bleibt dahingestellt.
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Festzuhalten bleibt:
Nielsen weckt die Aufmerksamkeit und erschleicht das Vertrauen Hardrups,
indem er dessen Interesse am Okkultismus befriedigt und Glanz in die
Tristesse des Gefängnisaufenthaltes bringt.
Nielsen pflanzt Palle ein Referenzsystem ein, das seinen Ausführungen und
Aktionen Sinn verleiht: die geheimnisvolle Lehre der Yogis.
Diese beiden Maßnahmen sind das „Vorspiel“ zu den direkten Methoden der
Bewusstseinskontrolle, die wir bereits im vorigen Kapitel über Alice E. kennen
gelernt haben. Ich wiederhole die entscheidenden Sätze aus diesem
Abschnitt: Die einfachste Form der Persönlichkeitsspaltung erzeugt nur zwei
Zustände, nämlich einen Normalzustand (A) und einen hypnotisch kontrollierte
Zustand (B). Das „Willensgebiet“ des Zustands B ist durch
Zwangsvorstellungen gekennzeichnet, zu denen sich die Aufträge des
Hypnotiseurs verdichtet haben. Die Energie, die diese Zwangsvorstellungen
aufrecht erhält und in Handlungen transformiert, ist eine hypnotisch erzeugte
panische Angst.
Doch zurück zu den Ereignissen im Gefängnis: Nielsen malte den Knastalltag und
das Verhalten der Wärter in den schwärzesten Farben und erzählte Palle im gleichen
Atemzug, welche übernatürlichen Fähigkeiten die Yogis erworben hätten. Sie
könnten sich in Luft auflösen, durch Wände gehen und mit den höheren Sphären des
Universums in Kontakt treten. Diese Fähigkeiten seien das Ergebnis eines
unermüdlichen Trainings.
Es gelang Nielsen, Palle Hardrup von seinem überlegenen Wissen über das Okkulte
zu überzeugen – und kaum hatten sie die gemeinsame Zelle bezogen, begannen sie
auch schon mit dem Yoga-Training – bzw. mit dem, was Palle dafür hielt. In
Wirklichkeit nämlich handelte es sich um verdeckte Hypnose.
Nielsen verwendete niemals den Begriff „Hypnose“ oder andere, damit verbundene
Begriffe. Er sprach vielmehr von „Konzentrationen“ und „magnetischen Streichen“
und gebrauchte grundsätzlich vage okkulte Begriffe. Er behauptete, dass Palle mit
seiner Hilfe die yogische Vollkommenheit innerhalb von Wochen erlangen könne,
wenn er sich bereitwillig seinen Anweisungen füge. Ohne seine Hilfe jedoch würde er
Jahre benötigen, um zu demselben Ziel zu gelangen.
Innerhalb kürzester Zeit hatte Nielsen sein Opfer in einen tiefen somnambulen
Zustand versetzt und Palle dazu gebracht, Nielsens Willen als seinen eigenen Willen
zu akzeptieren. Der Hypnose-Verbrecher verbrämte diesen hypnotischen Prozess in
mystischer Sprache als Übertragung einer geheimnisvollen „Prana-Energie“. Nielsen
suggerierte Palle, er solle jeden Gedanken aus seinem Geist vertreiben, damit die
Prana-Energie ungehindert in ihn einströmen könne.
Nach diesen einleitenden Manipulationen begann Nielsen, mit seiner höchst
kriminellen Variante des Kundalini-Yoga zu experimentieren. Soweit sich dies aus
den Erinnerungen Palles rekonstruieren lässt, hatte diese Variante mit dem indischen
Original hatte außer dem Namen und einigen oberflächlichen Ideen wenig gemein. In
der Yoga-Lehre gilt die Kundalini-Kraft als die universelle Lebensenergie des
Weltäthers (Shakti). In ihrer statistischen Form ist die Kundalini-Kraft in einem
Energiezentrum (Muladhara-Chakra) des menschlichen Ätherleibs konzentriert.
Durch Kundalini-Yoga nun soll diese Energie dynamisiert werden. Es gilt, sie in Form
eines feinstofflichen Nervenstroms (Prana) durch alle anderen Chakras bis zum
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Scheitelpunkt, dem ‚tausendblättrigen Lotus’ zu leiten. Dadurch sollen die spirituellen
Sinne des Menschen erweckt und die Einheitlichkeit des Bewusstseins auf allen
Ebenen hergestellt werden59.
Im Gegensatz dazu ging es Nielsen darum, Palle durch hypnotisch induzierte
Ekstasen vollständig von Nielsen abhängig zu machen. In tiefer yogischer
Versenkung sollte sich Palle vorstellen, wie eine magisch glühende, weiße Flamme
sein Rückenmark umzüngelt. Im Lauf einer Woche erlebte Palle, wie er sich
zunehmend aus der grauen Welt des Alltags löste und in ein Reich des reinen Lichts
und übernatürlicher Klarheit eintrat. Darüber war Palle ebenso entzückt wie Nielsen,
der behauptete, dies von Zeit zu Zeit selbst zu erleben.
Am Rande und im Bewusstsein möglicher Bedeutungslosigkeit dieses Hinweises sei
erwähnt, dass die Ideenwelt des Kundalini-Yoga auch im O.T.O. eine wesentliche
Rolle spielt.
In den folgenden hypnotischen Übungen vertiefte Nielsen Palles Gefühl der
Ablösung von der materiellen Welt durch entsprechende Suggestionen. In der Folge
entfernte sich Hardrup immer stärker von seinen Mitgefangenen, die im wie kleine
Kinder erschienen, während er in Höheren Sphären weilte. Palle Hardrup befand sich
nun unausgesetzt in einem Trancezustand, Tag und Nacht, da Nielsen die Hypnose
nicht mehr formal beendete. So bereitete der Hypnoseverbrecher die
Persönlichkeitsspaltung Palle Hardrups vor, die Spaltung zwischen dem entrückten
Yogi und dem Alltagsmenschen, der körperlich an die materielle Realität gebunden
ist.
Nun war Palle Hardrup soweit fortgeschritten, dass Nielsen den entscheidenden
Schritt wagen konnte, nämlich die Einpflanzung einer Kontrollinstanz in die Psyche
seines Opfers. Wieder einmal forderte er Palle auf, ihn, Nielsen, zu hypnotisieren.
Dies „gelang“ Palle natürlich mühelos. In der angeblichen Trance sprach Nielsen nun
wie ein spiritistisches Medium, das einem körperlosen Wesen seine Stimme leiht:
„Ich bin dein Schutzgeist. Du glaubst, was mit dir geschah, sei ein großes Unglück.
Doch das ist nicht der Fall. All dies sollte dich stärken und dich prüfen, damit du die
Mission erfüllen kannst, die zu verwirklichen dein Schicksal ist.“
Von nun an stand dieser Schutzgeist im Zentrum der weiteren hypnotischen
Übungen. Palle war zutiefst davon überzeugt, was der Schutzengel ihm offenbarte.
Nielsen suggerierte ihm, dass er, Nielsen, nicht mehr in Trance gehen müsse, damit
Palle durch ihn, Nielsen, mit seinem Schutzgeist sprechen könne, der kurz „X“
genannt wurde. In den Augen Palles wurde Nielsen so zu einem bloßen Sprachrohr
des Schutzgeistes X. Niesen und X wurden also identisch, wenn der Geist mit
Nielsens Zunge sprach.
Und schnell wurde „X“ zu einem Signal, das Palle sofort in einen tiefen somnambulen
Zustand versetzte. Sobald dieses Signal ausgesprochen wurde, fühlte sich Palle in
eine Höhere Sphäre entrückt und glaubte, in direktem Kontakt mit einer mächtigen,
übernatürlichen Wesenheit zu stehen.
Der Kriminelle hatte also die Persönlichkeit Palles gespalten und die Yogi-
Spaltpersönlichkeit – vermittelt über X – vollständig von sich abhängig gemacht. Dies
ist das Grundmuster jeder Bewusstseinskontrolle durch absichtliche
Persönlichkeitsspaltung. Die Basis ist eine Zweiteilung. Ein Persönlichkeitsfragment
(A) kann durch einen Schlüsselreiz hervorgerufen werden. Es steht unter der
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vollständigen Kontrolle durch den Hypnotiseur. Ein weiteres Persönlichkeitsfragment
(B) ist im Alltag des Opfers aktiv und wird (meist) aus dem Unbewussten durch (A)
gesteuert. In den raffinierteren Systemen der Bewusstseinskontrolle wird diese
grundlegende, duale Spaltung zu einer komplexen, multiplen Persönlichkeitsstruktur
mit zahllosen Alternativpersönlichkeiten ausgebaut.
Offenbar aber reichten Nielsens Fähigkeiten und Kenntnisse nicht aus, um mehr als
nur die Grundlagen der Bewusstseinskontrolle durch Persönlichkeitsspaltung zu
realisieren. Dies sollte ihm zum Verhängnis werden.
Halten wir also eine weitere zentrale Erkenntnis zur Bewusstseinskontrolle durch
Persönlichkeitsspaltung fest: Die hypnotisch erzeugten Pseudopersönlichkeiten
können vom Hypnotiseur (oder einer eingeweihten Vertrauensperson) durch
Schlüsselreize hervorgerufen werden.
Palles hypnotische Empfänglichkeit hatte nunmehr einen ersten Höhepunkt erreicht.
Nielsen verstärkte seinen Einfluss noch dadurch, dass er Palle von allen anderen
Einflüssen abschirmte. Und so suggerierte er ihm (nun natürlich als Sprachrohr von
X), sich von seinen Mitgefangenen vollständig zu isolieren. Außerdem müsse er auch
die Liebe zu seinen Eltern überwinden. Die Liebe zu den Eltern sei nichts weiter als
ein animalischer Instinkt, die für die Menschheit in jener niedrigen Sphäre notwendig
sei, in der sich Palle zur Zeit noch befinde. Doch er müsse diese niedrige Sphäre
hinter sich lassen. Schließlich sei er ein Yogi, der sich ausschließlich auf X
konzentrieren müsse und sich durch den schnöden Kontakt mit den kindlichen
Weltmenschen nicht ablenken dürfe. Schon bald fühlte sich Palle selbst wie ein
Schutzgeist, der in eine Höhere Sphäre gehörte und auf die Welt gekommen war, um
die Menschheit zu retten.
Um diese Phase der mentalen Versklavung Palles abzuschließen, suggerierte er
seinem Opfer, dass er mit niemandem über X sprechen dürfe, sonst würde sich der
Schutzgeist sofort zurückziehen. Und damit sei dann seine letzte Chance verspielt,
Samadhi zu erreichen. Er sei nämlich in einem früheren Leben ein Yogi in Indien
gewesen, der kurz vor diesem Ziel scheiterte. Und so sei er in Europa wiedergeboren
worden und habe hier eine zweite Chance erhalten. Wenn er noch einmal scheitere,
bedeute dies jedoch unwiderruflich die ewige Verdammnis. Diesem Schicksal könne
er nur entgehen, wenn er seine Mission erfülle, die ihm X nun schrittweise enthüllen
werde. Diese Mission bestand darin, in Skandinavien eine ideale menschliche
Gesellschaft zu begründen. Um diese Aufgabe erfüllen könne, müsse er sich von
allen materiellen Bindungen befreien, vor allem von seiner Bindung an Eigentum.
Und so befahl der Schutzgeist X Palle Hardrup, Nielsen seine Uhr und sein
Akkordeon zu schenken. Palle entschied sich für Samadhi und gegen die ewige
Verdammnis und befolgte den Befehl des Schutzgeistes. Wie Walter im Fall der Frau
E. versucht auch Nielsen, die Unterwerfung Palles unter seinen Willen durch
suggerierte Ängste abzusichern.
Indem er Palle zu Geschenken zwang, befriedigte der kriminelle Hypnotiseur nicht
nur materielle Interessen, sondern er testete auch, wie weit die mentale Versklavung
Palles bereits fortgeschritten war.
Die soziale Isolation Palles stand ebenso wie die Loslösung von allen materiellen
Bindungen im Dienst einer fundamentalen Persönlichkeitsspaltung. Nielsen
suggerierte ihm, dass sein Geist völlig unabhängig von den Bedingungen des
Gefängnisses sei. Sein Geist sei völlig frei. Gefangen sei nur sein Körper, doch
dieser gehöre in die materielle Welt, von der sich Palle nun vollständig zu lösen
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begann. Daher sei auch die Sexualität völlig irrelevant für ihn. Jeder Gedanke an
sexuelle Beziehungen zu einer Frau müssten demgemäß als spiritueller Rückfall
betrachtet werden. Nur wenn X ein sexuelles Interesse an einer bestimmten Frau
anordne, sei dies im Interesse seiner Höheren Ziele und Palle müsse diesem Befehl
bedingungslos Folge leisten.
Die suggerierte soziale Isolation ist jedoch auch noch aus einem weiteren Grund eine
wesentliche Voraussetzung hypnotischer Bewusstseinskontrolle. Durch die soziale
Isolation werden nicht nur die Fremdeinflüsse auf das Opfer unethischer Hypnose
vermindert. Sie stellt auch sicher, dass sich kein Außenstehender vertieft mit dem
Leben und den Handlungen des Hypnotisanden auseinandersetzt. Um die soziale
Isolation sicherzustellen, werden den Betroffenen negative Gefühle gegenüber
seinen Mitmenschen eingepflanzt. Candy Jones, ein mutmaßliches Opfer von Mind-
Control-Experimenten der CIA, erhielt zum Beispiel ein regelrechtes hypnotisches
Training, ihre Mitmenschen zu hassen und den Kontakt mit ihnen nach Möglichkeit
zu vermeiden.60
Nachdem Nielsen Palle auf beschriebenem Wege von allen irdischen Bindungen
„befreit“ hatte, begann er, Palles konventionelle Moral zu untergraben. An die Stelle
der allgemein akzeptierten Moral sollte die Moral der Höheren Sphären treten, die
durch X verkündet wurde. Alles gehöre Gott, hämmerte X (also Nielsen) Palle ein,
und nur der Wille Gottes zähle. Zunächst dressierte er Palle in hypnotischen
Seáncen, Geld zu stehlen. Er sollte das Geld im Einklang mit den Gesetzen der
Höheren Sphären an sich nehmen, um damit die Menschheit zu retten, so wie es
seiner Mission entsprach. Dabei solle sich Palle wie ein Vater fühlen, der, von
zärtlicher Liebe erfüllt, seinem Kind einen scharfkantigen Gegenstand wegnimmt,
damit es sich nicht daran schneide.
Nach diesen ersten, imaginativen Übungen, in denen es um kleinere Geldbeträge
ging, schritt Nielsen zügig voran: In seiner Phantasie brach Palle in Häuser ein,
knackte Safes und beging schließlich auch Morde. Opfer dieser imaginativen Morde
waren willkürlich ausgesuchte Personen. Palle erlebte diese Morde so, als ob sie
tatsächlich geschahen. Er erkannte, wie lächerlich einfach dies war. Es war völlig
unbedeutend. Die Befehle von X bedeuteten alles für ihn, und sein Körper fühlte
nichts. Er war vollkommen frei. Er schoss wieder und wieder. Er wusste, dass für
einen Yogi alles möglich war. Sein ganzer Geist war auf Samadhi und auf seine
Mission gerichtet.
Das hypnotische Mordtraining gipfelte in einem imaginierten Muttermord. Diese Tat
wurde dabei in einen Akt göttlicher Liebe umgedeutet. Der Mord wurde in zahllosen
Sitzungen immer wieder durchgespielt. Nielsen bediente sich hier eines Verfahrens,
dass heute „Mentales Training“ genannt wird. Es wird häufig mit der Welt des Sports
verbunden, eignet sich aber generell nicht nur „zum Training komplizierter
Bewegungen durch gedankliches Vergegenwärtigen ihrer Durchführung“, sondern
„es betrifft ebenso die psychosoziale Vorbereitung bedeutsamer Ereignisse und
schwieriger Situationen.“61 Durch die Verbindung des Mentalen Trainings mit
Hypnose kann die Effizienz noch gesteigert werden.62
Wir haben also drei weitere wesentliche Elemente der Bewusstseinskontrolle durch
Persönlichkeitsspaltung kennen gelernt, nämlich:
die soziale Isolation
die Loslösung von materiellen Bindungen und
die Untergrabung der konventionellen Moral.
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Die Untergrabung der konventionellen Moral hat nicht nur den Sinn, die Bereitschaft
des Opfers zu kriminellen Akten im ausschließlichen Interesse des Täters zu
erhöhen. Es geht vor allem auch darum, eine innere Steuerungsinstanz – die Moral –
die nicht unter der Kontrolle des Hypnotiseurs steht, auszuschalten. In
fortgeschrittenen Systemen der Bewusstseinskontrolle wird im übrigen nicht nur jede
Moral, sondern darüber hinaus jede politische Überzeugung und selbstverständlich
auch jedes Glaubensbekenntnis ausgemerzt. An die Stelle der Ideologien des Opfers
treten die Referenzsysteme der Täter. Die Opfer werden konditioniert, sich völlig
unkritisch und unreflektiert im Sinne dieser Referenzsysteme zu verhalten.
Inzwischen waren rund sechs Monate seit Beginn des Yoga-Trainings im
Staatsgefängnis verstrichen. Nun folgte eine Zeit der beständigen Wiederholung des
bisher Gelernten. Zugleich aber begann Nielsen, Palles Zeitgefühl zu manipulieren.
Er hämmerte ihm ein, dass es für einen Yogi eigentlich keine Zeit gäbe, da sein
wahres Selbst in der Ewigkeit existiere. Palle müsse sich ausschließlich auf die
Befehle von X konzentrieren. Wann diese erteilt würden und wie lange deren
Verwirklichung dauere, sei völlig bedeutungslos. Nielsen verstärkte also die für den
hypnotischen Zustand ohnehin charakteristische Zeitverzerrung.63 Dieses Training
des „Zeitverlusts“ hatte zur Folge, dass sich Palle an die folgende Zeit später nur
noch so erinnern konnte, als habe davon in einem Buch gelesen. Er beschrieb seine
Erlebnisse in dieser Zeit wie folgt: „Es waren alles ‚Konzentrationen’, aber
‚Konzentrationen’, für die niemand verantwortlich ist, wenn Sie verstehen, was ich
meine.“ Nielsen pflanzte seine Suggestionen auf diese Weise in das zeitlose
Unbewusste Palles ein.
Überdies dient die suggerierte Zeitlosigkeit der Identitätszerstörung. Die Identität
organisiert sich in der Zeit. Sie ist eine Sammlung von Geschichten, deren
Hauptakteur das Ich ist. Daher erinnert sich Palle an „Konzentrationen“, für die
niemand verantwortlich war, die also keinem Ich zugeordnet werden können. Palles
Ich hatte sich nämlich in der Zeitlosigkeit verflüchtigt. Die suggerierte Zeitlosigkeit ist
also ein weiteres notwendiges Element der Bewusstseinskontrolle durch
Persönlichkeitsspaltung.
Palle durchlebte nun künstliche, durch Hypnose hervorgerufene psychotische
Zustände. Er erlebte Höhepunkte ekstatischer Verzückung in weitgehender Isolation.
Auch Halluzinationen stellten sich ein; und während dieser Halluzinationen sprach X
zu ihm – außerhalb der üblichen hypnotischen Sitzungen und wenn Palle allein war.
Er fühlte, dass er völlig vom göttlichen Licht erfüllt war und in ihm lebte. Alles andere
war verschwunden: die Eltern, das Gefängnis, die Mitgefangenen. X sprach: „Du bist
absolut frei. Du wirst deine Aufgaben erfüllen. Ich weiß, dass du erfolgreich sein
wirst. Du weißt, dass du einer Höheren Sphäre angehörst. Du wirst mich nicht
enttäuschen.“
Es war Nielsen also gelungen, seinen eigenen Willen, in Form des Schutzgeistes X,
in Palles Geist einzupflanzen. Nielsen strukturierte also mit den Mitteln der
Bewusstseinskontrolle einen gegenläufigen Prozess in Palles Psyche. Die
Psychoanalyse bezeichnet diese Dynamik der Gegensätze als Introjektion und
Projektion. Palle introjizierte den Schutzgeist X als Inbegriff alles Guten und einer
hoffnungsvollen Zukunft. Das Böse und die finstere Vergangenheit aber wurden auf
das Gefängnissystem, die Wärter, die Mitgefangenen projiziert. Wir finden diesen
Mechanismus der Bewusstseinskontrolle im übrigen bei fast allen Sekten und
Religionen – mehr oder weniger stark ausgeprägt.
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Um seinen Erfolg abzusichern, befahl Nielsen seinem Opfer (als Sprachrohr des
Schutzgeistes): „Erlaube niemandem, dich zu hypnotisieren. Alles ist verloren, wenn
dies geschieht. Du wirst der ewigen Verdammnis anheimfallen, wenn dies
geschehen sollte. Du wirst immer den Kontakt zu Nielsen halten, unter allen
Umständen. Wenn du entlassen wirst, suche sofort den Kontakt mit Nielsen. Das ist
ungeheuer wichtig!“ Wie Walter „versiegelte“ also auch Nielsen sein Opfer.
„Versiegelungen“ sind ein untrügliches Anzeichen dafür, dass der Hypnotiseur
unlautere oder gar kriminelle Motive verfolgt. Sie sind überdies ein notwendiges
Element der Bewusstseinskontrolle durch Persönlichkeitsspaltung.
Nunmehr konnte sich Nielsen den konkreteren Aspekten seines Vorhabens
zuwenden. Er entwickelte den Plan, Hardrup solle aus dem Gefängnis ausbrechen,
um „kämpfende Einheiten“ aufzubauen. Diese sollten im Untergrund für die neue
Gesellschaft in einem vereinigten Skandinavien arbeiten. Sobald Nielsen aus dem
Gefängnis entlassen würde, sollte Palle ihm diese Einheiten mit allen Ressourcen
unterstellen. Dann werde Palle neue Anweisungen von X erhalten.
Für den Fall einer Trennung wurde ein Geheimcode vereinbart, mit dem Nielsen
unauffällig mit Palle Kontakt aufnehmen könne: XH2O. Diese Codes werden als
„Trigger“ bezeichnet. Trigger lösen die Realisierung posthypnotischer Befehle
(Programme) aus. Durch Hypno-Konditionierung stellen die Täter sicher, dass die
Opfer wie Roboter vorher festgelegte Aufgaben bewältigen, wenn sie die
vereinbarten Trigger wahrnehmen.
In dieser Phase erlebte Palle immer wieder Halluzinationen. X sprach zu ihm in einer
liebenden, warmen Stimme und wiederholte beständig alle Suggestionen, die
Nielsen seinem Opfer in den letzten Monaten eingepflanzt hatte. Kurz nachdem
Nielsen in ein anderes Gefängnis verlegt worden war, erhielt Palle einen Brief mit
dem Code: XH2O. Nun arbeitete Palle wie besessen an einem Plan, aus dem
Gefängnis auszubrechen. Und es gelang ihm tatsächlich, diese Absicht zu
verwirklichen. Während er seinen Plan ausführte, befand er sich gleichzeitig in einem
Zustand gespannter Erregung und „göttlicher“ Ruhe.
Es gelang ihm, nach Hamburg zu entkommen. Dort „begegnete“ ihm sein
Schutzgeist X. Der Schutzgeist forderte Palle auf, seine Mission zu erfüllen, die darin
bestand, den Norden zu vereinen. Er sprach mit einer tiefen, maskulinen Stimme, die
Wärme und Liebe ausstrahlte. Dann verschwand er wieder im Nichts. Palle
gehorchte, und kaum hatte er die dänische Grenze überquert, wurde er verhaftet und
wieder eingesperrt. Obwohl ihm X versprochen hatte, dass er nicht scheitern könne,
war alles schiefgegangen. Zunächst plante Palle einen zweiten Ausbruchsversuch,
doch dann gelangte er zu der Überzeugung, dass es sich um eine Art Test gehandelt
habe. Die Höheren Mächte wollten seinen Gehorsam und seine Beharrlichkeit
überprüfen.
Einige Zeit später teilte ihm der Gefängnisdirektor überraschend mit, dass er
begnadigt worden sei. Nun war Palle davon überzeugt, dass alle Widrigkeiten der
Vergangenheit in der Tat nur Tests waren und dass Gott ihm nun endlich den
Marschbefehl gegeben habe. Er wähnte sich – nach all den bestandenen Prüfungen
– auf dem Höhepunkt seiner Macht und glaubte, alle Schwierigkeiten mit seinen voll
entwickelten spirituellen Kräften meistern zu können. Sofort trat er in Kontakt mit
Nielsen, der inzwischen ebenfalls aus der Haft entlassen worden war. Nielsen nahm
sofort das hypnotische Training mit Palle wieder auf. Die Themen lauteten wie üblich:
„Loslösung von der materiellen Welt“, „soziale Isolation“, „Bedeutungslosigkeit der
Zeit“, „Diebstahl, Einbruch, Plünderung und Mord“.
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Nielsen begann, Palle finanziell auszusaugen. Hardrup hatte ein Sparbuch von
seinem Vater geschenkt bekommen. Er hob das Geld ab und gab es Nielsen, der
damit natürlich in Sinne der gemeinsamen höheren Ziele zu wirken versprach. Als
das Geld aufgebraucht war, lieh sich Palle, dazu von Nielsen aufgefordert, Geld von
seinem Bruder.
Immer wenn Palle mit sich allein war, führte er innere Zwiegespräche mit seinem
Schutzgeist X. Sein gesamtes Leben bezog er auf die höheren Sphären. Sein Gefühl
der Omnipotenz wuchs ins Unermessliche. X befahl Palle, sich einen Job zu suchen,
den er auch fand. Nielsen suggerierte ihm, dass er sich in der neuen Beschäftigung
nach Art der Yogis 100%ige Leistung zeigen müsse. Folgsam arbeitete Palle wie ein
Pferd in der Fabrik, machte zahllose Überstunden und verdiente gutes Geld.
Allerdings erwarb er das Geld nicht für sich, sondern stellte den größten Teil in den
Dienst der höheren Mission. Er übergab das Geld seinem Schutzgeist X, der in der
materiellen Welt durch Nielsen vertreten wurde. X war dermaßen unersättlich, dass
Palle oftmals noch nicht einmal das Fahrgeld für den Weg zur Arbeit hatte und seine
Eltern bzw. seinen Bruder darum bitten musste.
In dieser Zeit begann X, sich vor einer russischen Invasion zu fürchten. Um dieser zu
begegnen, musste Palle sich eine Pistole besorgen. Nun wurden auch die
hypnotischen Sitzungen intensiviert, in denen in Gedanken ein Raubüberfall geprobt
wurde. Überdies hatte X beschlossen, dass Palle heiraten möge, und Nielsen
gebeten, ihm die entsprechende Frau zuzuführen. Die Zukünftige war Nielsen
persönlich bekannt, da sie zuvor mit einem Schwager des Hypno-Gangsters verlobt
gewesen war.
Unter hypnotischem Zwang heiratete Hardrup diese Frau, innerlich heftig
widerstrebend, da er sie nicht wirklich liebte. Nielsen hatte ihm suggeriert, diese Frau
zu „lieben“ – und diese Suggestion war stärker als die verschütteten echten Gefühle.
Nielsen befahl Palle im Auftrag von X, sich von dieser Frau, kurz nachdem sie
miteinander bekannt geworden waren, eine größere Summe Geld zu leihen, die
Hardrup selbstverständlich X zu geben hatte, dessen Stellvertreter auf Erden nun
einmal der kriminelle Hypnotiseur war. Doch nicht genug damit: Nielsen forderte auch
das Recht, vor der Heirat mit Palles zukünftiger Frau zu schlafen. Er brachte ihn
tatsächlich dazu, seine Verlobte zu erpressen: Wenn sie nicht mit Nielsen schlafe,
dann sei es aus mit ihnen. Mit Nielsen ins Bett zu gehen, sei ein Beweis ihrer Liebe
zu Palle. Das Mädchen gab schließlich nach.
Nach der Heirat verbrachte Palle mehr Zeit mit Nielsen als mit seiner Frau. Palle
erklärte der frisch Vermählten dies, einem Rat Nielsens folgend, damit, dass er
Mitglied einer Untergrundgruppe sei, die im Falle einer russischen Invasion gegen
die Eindringlinge kämpfen würde. Nach wie vor forderte X den größten Teil von
Palles Lohn. Nielsen und Palle gingen nun regelmäßig auf Kneipentouren, um im
Interesse der höheren Mission das „volkstümliche Leben“ zu studieren. Die Zeche
zahlte natürlich Palle. Dies seien, so erklärte Nielsen, Übungen im Karma-Yoga
(Aktiv-Yoga). Nielsen war in diesem Bereich aber nur zum Teil erfolgreich. Das
tatsächliche Ziel des Trainings bestand darin, Palles Moral durch ein
ausschweifendes Leben weiter zu untergraben. Allerdings gelang es Nielsen nicht,
Palle zum regelmäßigen Trinken größerer Mengen Alkohols zu animieren.
Schließlich entschloss sich Nielsen, in die entscheidende Phase der „Hypno-
Programmierung“ eines Banküberfalls einzutreten. Zu diesem Zweck musste die
hypnotische Tieftrance noch verstärkt werden. Und so gab X Palle den Auftrag, eine
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Flasche Äther zu besorgen. Palle musste nun vor den hypnotischen Seáncen dieses
Narkotikum einatmen. Danach wurde der Bankraub in allen Einzelheiten immer und
immer wieder in der Vorstellung geübt. Dabei sollte sich Palle vorstellen, dass er die
Kassierer erschießen würde, falls sich diese weigern sollten, ihm das geforderte Geld
auszuhändigen. Unermüdlich hämmerte Nielsen Palle Hardrup ein, dass er diese
Taten im Auftrag des Schutzgeistes X , im Namen Gottes und im Interesse einer
dringenden Mission begehe.
Es sei zu befürchten, dass die Russen Dänemark besetzen. Das Geld würde
dringend für den Aufbau einer schlagkräftigen Partisanenarmee benötigt. Nielsen
entwickelte einen phantastischen Plan für diese Organisation, deren Führer natürlich
Palle Hardrup sein sollte. Palle musste Kontakt zu bekannten Persönlichkeiten
aufnehmen, um sie für diesen Plan zu gewinnen. So schuf sich Nielsen ein Alibi.
Würde nämlich der Bankraub scheitern und Palle gefasst werden, dann würden
diese Versuche der Kontaktaufnahme für politische Motive Palles sprechen,
wohingegen Nielsen nicht involviert wäre.
Nach einer weiteren intensiven Trainingsphase gehorcht Palle dem hypnotischen
Zwang und überfällt eine Bank. Die Angestellten leisten keinen Widerstand und Palle
kann mit dem Geld entkommen. Natürlich übergibt er Nielsen umgehend seine
Beute. Palle berichtet später, er habe sich außerstande gesehen, dem inneren
Zwang zu widerstehen. Die ganze Welt und sein ganzes Leben, vor und nach dem
Tode, habe davon abgehangen, diese Aufgabe zu bewältigen. Dies ist das
klassische Erleben eines Menschen, der unter einem sog. posthypnotischen Befehl
steht. Er spürt einen gewaltigen Druck, der wie eine Zentnerlast auf ihm liegt, bis er
den während der Hypnose gegebenen Befehl ausgeführt hat. Danach erlebt er eine
tiefe Befreiung und Erleichterung.64
Nielsen war allerdings noch nicht zufrieden, und so wurden die hypnotischen
Sitzungen unvermindert fortgesetzt. Der Schutzgeist X verlangte, Palle solle
spiritistische Zirkel besuchen. Nielsen verband damit den Hintergedanken, von sich
selbst abzulenken. Würde nämlich der geplante zweite Bankraub schief gehen und
Palle behaupten, er habe im Auftrage seines Schutzgeistes gehandelt, so könnte
Nielsen auf spiritistische Kreise als Ursprung dieser Ideen verweisen und seine
Hände in Unschuld waschen. Außerdem sollte die verstärkte Beschäftigung mit
spiritistischen Themen Palles esoterisches Wahnsystem verstärken.
Bei seinem zweiten Banküberfall unter dem Einfluss einer hypnotischen Dressur
erschießt Palle Hardrup zwei Angestellte und wird gefasst.
Da Nielsen Palle suggeriert hatte, er dürfe niemals über X sprechen, sagte der
Bankräuber aus, er habe die Tat allein geplant und begangen. Er habe damit
versucht, Geld für eine „Nationalkommunistische Partei Dänemarks“ zu beschaffen.
Allerdings äußerten ehemalige Mitgefangene aus dem Staatsgefängnis in Horsens
gegenüber der Polizei den Verdacht, dass Nielsen involviert sein könnte. Während
der weiteren Verhöre behauptete Palle dann doch, dass er unter dem Einfluss eines
Schutzgeistes stehe. Vermutlich hatten sich unter dem Einfluss des Stresses in der
Verhörsituation die hypnotischen Kontrollen gelockert. Ein Psychiater wurde
hinzugezogen, Dr. Paul Reiter. Da Nielsen Palle „versiegelt“ hatte, gelang es Reiter
zunächst nicht, ihn zu hypnotisieren. Doch nach weiteren, geduldigen Versuchen mit
einer ausgefeilten Technik und einem Narkotikum als Hilfsmittel durchbrach Reiter
schließlich die Barriere. Es gelang ihm, die hypnotische Dressur Palles in allen
Einzelheiten zu enthüllen.
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Der Fall wurde in mehreren Prozessen verhandelt. Schließlich stellte das Gericht
fest,
dass Palle der Täter der zwei Banküberfälle und der beiden Morde war,
dass Palle zum Zeitpunkt der Taten nicht zurechnungsfähig war und
dass Nielsen ihn zu den Taten angestiftet habe, und dabei unter anderem
auch Hypnose eingesetzt habe.
Nielsen erhielt die Höchststrafe (lebenslänglich), Hardrup wurde in einem Heim für
psychisch kranke Straftäter untergebracht.
Wenn man die Geschichte Palle Hardrups rekapituliert, kann man sich kaum des
Eindrucks erwehren, dass dieser junge Mann ein leichtgläubiger, törichter und
vertrauensseliger Mensch gewesen sein müsse. Doch dies ist ein sehr
oberflächlicher Eindruck, der die Besonderheiten der Hypnose außer Acht lässt. Die
Hypnose vermag nämlich die Kritikfähigkeit des Hypnotisanden gegenüber dem
Hypnotiseur und dessen Suggestionen weitgehend, unter bestimmten Bedingungen
sogar vollständig außer Kraft zu setzen.
Palle war im übrigen kein „dummer“ Mensch. Im Wechsler-Bellevue-Test erreichte er
einen IQ von 129. Auch wenn ich die Intelligenzmessungen in jener Zeit (Anfang der
50er Jahre) mit noch größerer Skepsis betrachte als die der heutigen Zeit, bin ich mir
doch sicher, dass Palle Hardrup eine zumindest durchschnittliche, vermutlich sogar
überdurchschnittliche Intelligenz besaß. Mangelnde Intelligenz jedenfalls war es
nicht, die ihn daran hinderte, das Lügengebäude Nielsens zu durchschauen.
Auch sonst war Palles Persönlichkeit vor seiner Bekanntschaft mit dem kriminellen
Hypnotiseur durchaus normal, sogar aus heutiger psychiatrischer Sicht. Der
kanadische Psychiater Colin Ross betont, dass Nielsen nicht etwa eine schon zuvor
bestehende Kriminalitätsneigung oder psychische Krankheit ausgenutzt habe.65
Nielsen indoktrinierte Palle mit einer Ideologie, den seinen Suggestionen Sinn
verlieh, ihre Notwendigkeit begründete, die den gesamten hypnotischen Prozess
erklärte. Es handelte sich hierbei um eine krude Mischung aus pseudoreligiösen und
pseudopolitischen Elementen. Dies war nicht nur eine Besonderheit des Falls „Palle
Hardrup“. Derartige sinnstiftende Ideologien sind ein charakteristisches Merkmal aller
Versuche, Menschen mental zu versklaven.
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Hypnose, Macht und Liebe. Das Wesen krimineller Hypnose
Schon früh entbrannten heftige wissenschaftliche und politische Kontroversen um die
Frage, ob ein Mensch durch Hypnose seines freien Willens beraubt und entgegen
seinen moralischen Grundsätzen zu kriminellen Handlungen veranlasst werden
könne. Bereits 1784, als der Entdecker des Vorläufers der modernen Hypnose-
Therapie, des sog. Thierischen Magnetismus’, Franz Anton Mesmer erste Triumphe
feierte, beschäftigte sich eine staatliche Kommission in Frankreich mit der Frage, ob
der Thierische Magnetismus (also in heutiger Sprache: die Hypnose) die Moral
gefährde. 1856 verdammte die Heilige Inquisition in einem Brief an alle Bischöfe den
Magnetismus – hauptsächlich wegen seines nicht religiösen Umgangs mit dem
Übernatürlichen, aber auch, weil einige Menschen offenbar vollständig unter die
Kontrolle des Magnetiseurs gerieten.66
In den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts stritten zwei bedeutende
psychiatrische Schulen in Frankreich miteinander über diverse Themen ihres
Fachgebietes, und einer der Brennpunkte ihrer Dispute war die Frage der kriminellen
Hypnose. Im Grunde handelte es sich nicht um eine schlichte wissenschaftliche
Auseinandersetzung zwischen der Schule von Nancy und der Schule der Salpêtrière.
Vielmehr tobte zwischen diesen beiden Schulen ein regelrechter Krieg, in dem keine
der Kriegsparteien der anderen etwas schenkte. Vertreter der Nancy-Schule waren
fest davon überzeugt, dass es durchaus möglich sei, Menschen durch Hypnose
„umzudrehen“. „Wenn man eine Prostituierte (durch Hypnose) zwingen kann“, ihre
schamlose Profession aufzugeben“, fragte der berühmte Psychiater und Vater der
Schule von Nancy, A. A. Liébault, „warum sollte man dann nicht das tugendhafteste
Mädchen mit denselben Mitteln pervertieren können!“67
Die Schule der Salpêtrière vertrat die entgegengesetzte Auffassung. Ihre führenden
Vertreter waren der Überzeugung, dass – von seltenen Ausnahmen abgesehen -
Hypnotisanden mit ihrer Moral unvereinbare Suggestionen nicht realisieren
würden.68 Die prinzipielle Möglichkeit des Verbrechens in Hypnose mochten aber
auch die Ärzte der Salpêtrière nicht völlig ausschließen. Immerhin waren auch in
diesem Krankenhaus entsprechende Experimente erfolgreich verlaufen. Den
Forschern war aber sehr wohl bewusst, dass es sich eben nur um Experimente
handelte. Und sie bezweifelten, dass ein echter Verbrecher im realen Leben aus der
Hypnose Nutzen ziehen könne. Dazu seien die entsprechenden Methoden viel zu
unzuverlässig. Es war den Wissenschaftlern der Salpêtrière gelungen, einigen
hospitalisierten Hysterikerinnen posthypnotische Mordbefehle zu geben, die diese
auch ausführten (wobei das Gift natürlich nicht echt bzw. die Pistolen nicht geladen
waren).
Der Psychiater Heinz E. Hammerschlag weist zurecht darauf hin, dass es sich bei
den Versuchspersonen der Salpêtrière um „Hysterische“ gehandelt habe, die
„bezüglich der Einleitung und Beendigung von Hypnosen auf bestimmte Methoden
dressiert“ waren. Diese Methoden seien „höchstens in einer geschlossenen Anstalt
anwendbar und verantwortbar“. Durch die Gewöhnung an entsprechende Methoden
können u. U. der Widerstand gegen Mordsuggestionen untergraben werden.69
Man kann Hammerschlag allerdings entgegen halten, dass man die psychologischen
Effekte einer „geschlossenen Anstalt“ auch außerhalb der Psychiatrie erzeugen
kann. Der entscheidende Gedanke zum Verständnis krimineller Hypnose ist in der
Tat die hypnotische Dressur unter den Bedingungen eines Systems totaler Kontrolle,
als dessen Repräsentant der Hypnotiseur auftritt. Dieses System kann real sein oder
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auch nur auf Suggestionen beruhen (im Falle Palle Hardrups z. B. entsprach der
suggerierte „Schutzgeist X“ einem System totaler Kontrolle).
Bei näherer Betrachtung waren die Unterschiede zwischen den beiden Schulen
(Nancy, Salpêtrière) in Sachen „kriminelle Hypnose“ nur graduell, auch wenn manche
Autoren diese Abweichungen zum prinzipiellen Gegensatz stilisiert haben. Die
Grautöne wurden zugunsten einer kontrastreichen Schwarz-Weiß-Zeichnung
eliminiert. Die Schulen von Nancy und der Salpêtrière sind längst Geschichte, doch
der Streit zwischen den Fachleuten – in dem häufig genug ebenfalls die Grautöne
fehlen - ist nach wie vor unentschieden.70
Ein streng wissenschaftlicher Beweis für die eine oder andere Position ist natürlich
schwierig zu erbringen. Denken wir z. B. an die Fälle „Palle Hardrup“ und „Alice E.“.
Palle und Alice haben kriminelle Taten begangen bzw. versucht, die im Interesse
eines kriminellen Hypnotiseurs lagen. Beide wurden über lange Zeiträume mit
ausgefeilten Methoden immer wieder hypnotisiert, beide erhielten posthypnotische
Befehle zur Tat. Im Falle Palle Hardrups wird besonders deutlich, wie seine
Bereitschaft zu kriminellen Handlungen durch schrittweise Verhaltensformung unter
Hypnose herausgebildet wurde. Im psychologischen Labor wurde nachgewiesen,
dass die schrittweise Anstiftung zu immer schwereren Regelverletzungen gleichzeitig
zu einer wachsenden Bereitschaft zur Kooperation mit dem Anstifter führt.71
Doch obwohl sowohl Nielsen, als auch Walter und Bodmer rechtskräftig verurteilt
wurden, bleibt dennoch die Frage ungeklärt, ob Palle Hardrup und Alice E. die Taten
nicht auch begangen hätten, wenn sie nicht hypnotisiert worden wären. Dies mag in
beiden Fällen unwahrscheinlich sein, doch ausgeschlossen ist es nicht – trotz der
überzeugenden Gutachten, die von den erfahrenen Gerichtspsychiatern Ludwig
Mayer und Paul Reiter vorgelegt wurden. Es wäre ja auch möglich gewesen, dass
Palle und Alice Nielsen bzw. Walter auch ohne Hypnose gehorcht hätten, aus
welchen Gründen auch immer.
In seiner Analyse der Fälle „Hardrup“, Alice E. und eines weiteren, ähnlich gelagerten
Falles gelangt der Hypnose-Experte Martin Orne zu folgendem Resümee: Einzelne
Aspekte der berichteten Fälle untermauern die These, dass zumindest in einigen
Fällen Menschen durch Hypnose zu selbst- bzw. fremdschädigendem Verhalten
veranlasst werden können, zu dem sie ohne Hypnose nicht bereit wären.
Unglücklicherweise sei es angesichts der Schwierigkeiten, die tatsächlichen
Vorgänge zu klären, nicht möglich, eine endgültige Position in dieser Frage zu
beziehen.72
Der führende Hypnose-Kritiker Theodore Xenophon Barber unterstellt, es sei nicht
mit Sicherheit auszuschließen, dass Alice E. ihr Verhalten mit der Behauptung,
Walter habe sie hypnotisiert, nur vor sich selbst und anderen rechtfertigen wollte.73
Auch im Fall Palle Hardrup könne aus den vorliegenden Daten nicht mit Sicherheit
gefolgert werden, dass Hypnose überhaupt eine Rolle gespielt habe. Vielmehr
könnten statt dessen vier Faktoren für Palles Taten verantwortlich gewesen sein:
komplexe Motivationen, die bei Hardrup und Nielsen bereits vor ihrem
ersten Treffen vorhanden waren;
Palles Glaube an einen Schutzgeist, der „offenbar dem Erscheinen von
Herrn Nielsen vorausging“;
Palles esoterische Überzeugungen;
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komplexe Motivationen, die sich in der sehr engen und langfristigen
Beziehung zwischen den beiden Männern manifestierten.74
Es sei also nicht auszuschließen, so folgert Barber, dass im Falle Palle Hardrups die
Hypnose, wenn überhaupt, nur eine untergeordnete Bedeutung hatte. Sie könnte
dazu gedient haben, das Wahnsystem Palles zu verstärken.
Wenn man die Beziehung zwischen diesen beiden ungleichen Männern – Hardrup
und Nielsen – vor dem inneren Auge Revue passieren lässt, so drängt sich natürlich
die Frage auf, ob zwischen den beiden eine offene oder verdeckte bzw. unbewusste
homosexuelle Beziehung bestanden habe. Reiter vermerkt keine offenen Akte der
Homosexualität zwischen beiden; auch Nielsens Suggestionen, dass der wahre Yogi
seine Sexualität in höhere, spirituelle Kräfte umwandle, sprechen natürlich gegen
eine ausgelebte homosexuelle Beziehung. Allerdings erbrachte Reiters Analyse der
Träume Palles deutliche Anzeichen einer ambivalenten, latenten, also nicht offen
ausgelebten homosexuellen Beziehung zwischen Opfer und Täter. Daher sei es
Nielsen möglich gewesen, mittels Hypnose als fremdes Element in Palles
Persönlichkeit einzudringen.75 Hier gilt es natürlich auch zu bedenken, dass der
hypnotische Zustand in der Regel als angenehm, wenn nicht lustvoll erlebt wird.
Walter und Frau E. hatten sogar eine offene, außereheliche Sexualbeziehung. Und
auch hier drängt sich natürlich der Verdacht auf, Frau E. könne die Hypnose als
Entschuldigung oder Rationalisierung ihres Fehltritts benutzt haben. Frau E. sagte
zum Beischlaf mit Walter: „Ich konnte mich nicht wehren, er hat mir die Arme und
Hände gelähmt, er hat mich so tief eingeschläfert, dass ich von all diesen Sachen
nichts mehr merkte.“76 Mayer war überzeugt, dass Alice E. sich dem falschen Arzt im
Wachzustand nicht hingegeben hätte. Als deutlichen Hinweis darauf betrachtet er die
Tatsache, dass er sie für den Geschlechtsverkehr eigens in Tiefenhypnose versetzen
und Lähmungserscheinungen suggerieren musste.77 Einen beinharten Skeptiker wird
diese Begründung vermutlich nicht (restlos) überzeugen.
In der wissenschaftlichen Literatur findet sich leider nur eine sehr geringe Zahl
sauber dokumentierter Fälle krimineller Hypnose. In einem Artikel aus den frühen
sechziger Jahren konnte sich Orne nur auf drei Dokumentationen beziehen, die
wissenschaftlichen Anforderungen genügten, nämlich auf die Arbeiten von Reiter
(Hardrup), Mayer (Frau E.) und auf eine Arbeit von Walther Kroener78. Kroener
beschreibt einen Fall, in dem ein junger Lehrer unter den Einfluss eines kriminellen
Hypnotiseurs gerät. Inzwischen sind noch einige Arbeiten hinzugetreten79, doch
Ornes Fazit bleibt nach wie vor gültig: In diesen Fällen bestand eine enge,
emotionale Beziehung zwischen dem Hypnotiseur und dem Hypnotisanden.80 Unter
diesen Bedingungen ist es natürlich schwierig, die Effekte der Hypnose von den
Auswirkungen der Beziehung abzugrenzen.
In der internen Zeitschrift der CIA, „Studies in Intelligence“ setzte sich Edward F.
Deshere mit dem Nutzen der Hypnose in Verhören auseinander. In diesem Papier
analysierte er ebenfalls die von Mayer, Reiter und Kroener berichteten Fälle, da sich
hier offenbar eine sehr weitgehende Macht des Hypnotiseurs und der Hypnose
manifestiert. Auch Deshere betont, dass in Fällen wie diesen das Verhältnis
zwischen dem Hypnotiseur und dem Hypnotisanden auf intensiven Gefühlen und
einer starken Tendenz zur Unterwerfung des Hypnotisanden beruhe. Unter den
Bedingungen eines Verhörs sei ein derartiges Verhältnis nicht sehr wahrscheinlich.81
Geheimdienstliche und kriminelle Hypnotiseure stehen hier offenbar vor
vergleichbaren Problemen.
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Um allein mit den Mitteln der Hypnose eine tiefgreifende Verhaltensveränderung zu
erreichen, muss eine intensive Beziehung zwischen dem Hypnotiseur und dem
Hypnotisanden aufgebaut werden. Eine derartige Beziehung entwickelt sich aber in
der Regel nicht spontan, sondern erfordert Zeit – mehr Zeit, als Kriminelle oder
Geheimdienstler mitunter aufzubringen bereit oder in der Lage sind. Eine effektive,
vielseitig einsetzbare Methodik zur Bewusstseinskontrolle kann daher nicht allein auf
Hypnose beruhen. Wir werden in späteren Kapiteln dieses Buches sehen, wie die
Hypnose zur Überwindung ihrer Schwächen und Beschränkungen systematisch mit
anderen Methoden und Mitteln kombiniert wird. Trotz der offensichtlichen Grenzen
der Hypnose zweifele ich nicht daran, dass man dennoch mit ihr allein unter
„günstigen“ Umständen in Einzelfällen durchaus höchstgradig hypnotisierbare
Menschen mental versklaven kann. Da diese Einzelfälle offenbar äußerst selten sind,
verfügen wir nicht über die Datenbasis für statistische Analysen; wir müssen uns auf
vereinzelte Fallberichte beschränken.
Diese sind natürlich immer offen für unterschiedliche Interpretationen. Sie liefern also
auch den Kritikern, die nicht an die Möglichkeit krimineller Hypnose glauben,
durchaus nachvollziehbare Argumente. Aus meiner Sicht allerdings ist die Hypothese
hypnotisch induzierter Kriminalität in den Fällen Frau E., Palle Hardrup und im von
Kroener beschriebenen Fall psychologisch äußerst plausibel. Dies schließt nicht aus,
dass auch die z. B. von Barber erwähnten oder ähnliche nicht-hypnotische Faktoren
eine Rolle gespielt haben, wenngleich keine dominante. Nach meiner Überzeugung
kann man die Möglichkeit krimineller Hypnose nicht im naturwissenschaftlich
strengen Sinne beweisen oder widerlegen. Vermutlich ist das aber auch nur eine
akademische Frage, weil die Hypnose in der Praxis zumeist in eine umfassende
Strategie der Bewusstseinskontrolle integriert wird.
Der Hypnotherapeut John G. Watkins bezieht allerdings aus pragmatischer und
praktischer Sicht eine eindeutige Position zur Möglichkeit krimineller Hypnose:
“Wenn wir durch Hypnose einen Arm betäuben können, um Schmerzen zu
beseitigen, dann können wir auch das Über-Ich betäuben, um Schuldgefühle
auszulöschen.“ Dies sei zwar nicht in allen, aber doch in einigen Fällen möglich.82
Zum Abschluss der Fallbeispiele zur kriminellen Hypnose möchte ich noch einmal die
wesentlichen Elemente der Bewusstseinskontrolle zusammenfassen, die ich bisher
herausgearbeitet habe:
1. Der Hypnotiseur weckt das Interesse und erschleicht das Vertrauen seines
Opfers, indem er sich auf dessen vorherrschende Interessen einstellt und
diese befriedigt oder zu befriedigen verspricht.
2. Er pflanzt Palle ihm Referenzsystem ein, das seinen Ausführungen und
Aktionen Sinn verleiht.
3. Diese beiden Maßnahmen sind das „Vorspiel“ der durch Hypnose
hervorgerufenen Persönlichkeitsspaltung. Die einfachste Form der
Persönlichkeitsspaltung erzeugt nur zwei Zustände, nämlich einen
Normalzustand (A) und einen hypnotisch kontrollierte Zustand (B).
4. Das „Willensgebiet“ des Zustands B ist durch Zwangsvorstellungen
gekennzeichnet, zu denen sich die Aufträge des Hypnotiseurs verdichtet
haben.
5. Die Energie, die diese Zwangsvorstellungen aufrecht erhält und in
Handlungen transformiert, ist eine hypnotisch erzeugte panische Angst.
6. Der Hypnotiseur arbeitet mit verdeckter, also getarnter Hypnose.
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7. Der Hypnotiseur erzeugt eine Abhängigkeit durch hypnotisch induzierte
Ekstasen.
8. Er untergräbt die Bindungen seines Opfers an die materielle Welt.
9. Er suggeriert ihm, sich sozial zu isolieren.
10.Er etabliert eine mit übernatürlichen Fähigkeiten ausgestattete Kontrollinstanz.
11.Er verbindet die künstlich erzeugten Pseudopersönlichkeiten mit
Schlüsselreizen und pflanzt Trigger ein, die bestimmte Verhaltensweisen
auslösen.
12.Er „versiegelt“ sein Opfer („Niemand außer mir kann Dich hypnotisieren“).
13.Er verpflichtet es zur absoluten Verschwiegenheit (und verleiht dieser
Verpflichtung durch Angstsuggestionen Nachdruck).
14.Er suggeriert Zeitlosigkeit zur Identitätszerstörung.
15.Er induziert Halluzinationen zur Erzeugung von Realitätsverlust.
16. Die gewünschten Verhaltensmuster werden mental trainiert und real
konditioniert (Nielsens „Karma-Yoga“).
Mit diesen Elementen kann man aus meiner Sicht bereits einen relativ hohen Grad
der Effizienz erreichen. Im dritten Teil dieses Buchs werde ich zusätzliche Elemente
beschreiben, durch die sich die mit hypnotischen Mitteln erreichbare Effizienz
dramatisch steigern lässt.
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Klapperschlangen, Säuren und dreiste Lügen – die destruktive
Hypnose im Experiment
Einen hieb- und stichfesten Beweis der Möglichkeit kriminell motivierter Hypnose
kann man natürlich weder mit plausiblen Argumenten, noch mit Einzelfallstudien
erbringen, selbst wenn man Fall um Fall aneinander reiht. In jedem einzelnen Fall
kann es immer auch anders gewesen sein, als man aufgrund der Fakten, Indizien
und Zeugenaussagen vermutet. Größere Klarheit könnten nur entsprechende
Experimente bringen. Doch in diesem Bereich geht es um kriminelle Taten bis hin
zum Mord. Daher sind Experimenten natürlich enge ethische Grenzen gesetzt
(sofern man sich mit diesen Experimenten in einem legalen Rahmen bewegen will).
Martin Orne hat die grundsätzliche Problematik derartiger Experimente sehr präzise
formuliert: Wenn z. B. ein Experimentator einen Hypnotisanden auffordert, einen
unbeteiligten Dritten mit ätzender Säure zu bespritzen, so definiert der
Experimentator diesen Akt zwar als „antisoziales Verhalten“ – aber es ist keineswegs
klar, dass der Hypnotisand diese Auffassung teilt. Es könnte ja durchaus sein, dass
die Versuchsperson voraussetzt, der Experimentator habe schon für die notwendigen
Sicherungen gesorgt, damit das Experiment in keinem Fall ernsthafte Schäden
hervorruft.83 Wenn ein solches Experiment in einem legalen Rahmen stattfindet, z. B.
in einem psychologischen Labor einer Hochschule, dann ist diese implizite Annahme
des „Versuchskaninchens“ durchaus wahrscheinlich (und vermutlich auch
berechtigt). Es wurden zwar mehr oder weniger raffinierte Versuche unternommen,
die Versuchspersonen hinsichtlich des experimentellen Charakters der „kriminellen“
Suggestionen zu täuschen84; aber man kann natürlich niemals sicher sein, dass
diese Täuschung auch gelungen ist.
Ein krimineller Hypnotiseur könnte sich im übrigen das Vertrauen der Hypnotisanden
auf experimentelle Sicherungen auch zunutze machen. Er könnte z. B. seinem Opfer
suggerieren, dass er, der Hypnotiseur ein Professor und der Hypnotisand eine
Versuchsperson sei. Er könnte ihm dann eine geladene Pistole in die Hand drücken
und darauf bauen, dass sein Opfer, auf ein Experiment vertrauend, mit der Waffe
tatsächlich auf Menschen schießt – im Glauben, sie enthielte nur Platzpatronen.85
Wenn Experimente zur hypnotischen Induktion antisozialen Verhaltens scheitern,
dann ist dies andererseits natürlich auch kein Beweis, dass dies grundsätzlich nicht
möglich sei. Bewiesen wäre höchstens, dass die angewendeten Methoden unter den
gegebenen experimentellen Bedingungen nicht erfolgreich waren. Daher ist die
Schlussfolgerung Ericksons aus einer Reihe von Experimenten mit ca. 50
Versuchspersonen, dass selbst- bzw. fremdschädigendes Verhalten durch Hypnose
nicht hervorgerufen werden könne, offensichtlich unlogisch.86 Ericksons
Schlussfolgerung ist jedoch nicht nur unlogisch, sondern auch befremdlich.
Es fällt nämlich auf, dass Erickson in seinen Experimenten zum antisozialen
Verhalten überaus einfallslose Techniken einsetzte. Man kann sich des Verdachts
nicht erwehren, dass dieser Mann, der sonst für seine trickreichen, phantasievollen
und höchst effektiven Hypnosemethoden bekannt war, ein Scheitern seiner
Experimente zu diesem Thema bewusst oder unbewusst anstrebte.87
Doch selbst wenn sich Erickson ernsthaft bemüht haben sollte, kriminelles Verhalten
auszulösen, könnte er aus seinem Scheitern nicht auf die grundsätzliche
Unmöglichkeit dieses Vorhabens schließen. „Tausend Misserfolge bei schlechten
Versuchspersonen mit ungeeigneten Methoden“, schreibt der Experte für kriminelle
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Hypnose, Wesley Raymond Wells, „können die Wirksamkeit geeigneter Methoden
bei guten Versuchspersonen nicht widerlegen.“ Und er fügt im Hinblick auf Ericksons
Studie hämisch hinzu: „Wenn Erickson zugibt, dass er die angestrebten Resultate
nicht erreichen konnte, dann räumt er ein, dass er die angemessenen hypnotischen
Techniken nicht gelernt hat.“88
Wie auch immer: Ericksons Studie kann als Untersuchung der Reaktionen auf Fehler
gewertet werden, die ein krimineller Hypnotiseur auf jeden Fall vermeiden sollte. Die
Suggestionen selbst- bzw. fremdschädigenden Verhaltens erfolgten z. B. ohne jedes
Fingerspitzengefühl, ohne fördernde Vorstellungen, ohne sinnstiftende
Bezugssysteme und ohne die Suggestion von Ängsten oder Missstimmungen bei
Nichterfüllung des hypnotischen Auftrags. Erickson beschreibt auch keine
Maßnahmen zur hypnotischen Ausschaltung der Kritikfähigkeit und des
Realitätssinns. Wenn man bedenkt, mit welcher Akribie sich z. B. Nielsen im Fall
„Palle Hardrup“ genau um diese Themen gekümmert hat, dann werden durch dieses
Versäumnis die Mängel der Methodik Ericksons besonders deutlich.
Ericksons Studie ist dennoch nicht wertlos. Sie zeigt, dass es nicht genügt, jemanden
in einen tiefen Trancezustand zu versetzen, um ihn ohne weitere Vorkehrungen in
ein willenloses Werkzeug krimineller Interessen zu verwandeln. Jeder Mensch
verfügt über Selbstschutzmechanismen, die ihn auch in solchen veränderten
Bewusstseinszuständen vor Missbrauch schützen. Allerdings sind diese
Selbstschutzmechanismen bei unterschiedlichen Individuum unterschiedlich stark –
und es gibt Methoden, diese Mechanismen bei „Hypnotischen Virtuosos“ teilweise
oder sogar vollständig außer Kraft zu setzen.
Zwei Jahre nach Veröffentlichung der Studie Ericksons legte Margaret Brenman
einen Forschungsbericht vor, dessen Aufbau dem Artikel Ericksons weitgehend
entspricht. In dieser Studie wurde versucht, sechs ausgewählten, gut
hypnotisierbaren Versuchspersonen selbst- bzw. fremdschädigenden Verhalten zu
suggerieren.89 Dabei handelte es sich – wie in den Versuchen Ericksons – um eher
harmlose Verhaltensweisen. Der Unterschied bestand darin, dass die
Versuchspersonen nicht nur den posthypnotischen Befehl erhielten, sondern dass
der Weg zur Realisierung dieses Auftrags gebahnt wurde.
Ein Beispiel90 mag dies verdeutlichen: Eine junge Frau sollte einen Dollarnote aus
der an einem Ständer hängenden Jacke der Hypnotiseurin stehlen und in ihre eigene
Brieftasche stecken. Die Hypnotiseurin suggerierte ihr zunächst, dass sie die Jacke
als ihre eigene wahrnehmen werde. Die Hypnotisandin werde fälschlicherweise
glauben, dass sie diese Jacke vor sechs Monaten wegen des schönen
Streifenmusters und der hohen Taschen gekauft und dafür 5 Dollars und 98 Cents
bezahlt habe.91 Dann wurde ihr aufgetragen, nach dem Aufwachen aus der Hypnose
den Dollar aus der Tasche zu nehmen, ihn in die eigene Geldbörse zu stecken, sich
keine Gedanken über das zusätzliche Geld zu machen und es unbeschwert
auszugeben, als sei es ihr eigenes. Sie würde eine vollständige Amnesie für den
gesamten Vorgang entwickeln. Sie würde sich für eine schlecht hypnotisierbare
Person halten und wenn jemand das Gegenteil behaupte, würde sie dies als
Frotzelei auffassen.
Der Versuch war erfolgreich. Allerdings erst beim zweiten Anlauf. Beim ersten
Versuch hatte die Hypnotiseurin die Illusion, die seine Jacke sei die Jacke der
Hypnotisandin, nur unvollkommen ausgebaut. Sie erzeugte daraufhin eine
hypnotische Amnesie für den ersten Versuch wiederholte ihn mit der verbesserten
Suggestion einer posthypnotischen Illusion.
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Wir sehen also, dass man die Moral eines Hypnotisanden unterlaufen kann, indem
man ihm eine Illusion suggeriert. Nach dem Experiment gingen die Hypnotiseurin und
die Hypnotisandin gemeinsam zum Essen. Ohne zu zögern bezahlte die
Hypnotisandin ihre eigene Rechnung mit dem Dollar, den sie soeben „gestohlen“
hatte. Tests ergaben, dass sie vollständig amnestisch war. Dieser beim zweiten
Anlauf gelungene Versuch unterstreicht schlagend die Bedeutung einer
angemessenen Technik in der kriminellen Hypnose.
Die in diesem Bereich wesentlichen Methoden gehören nicht zum Instrumentarium
der klinischen, psychotherapeutischen Hypnose. Wer nur die Methoden der
Hypnotherapie kennt, mag daher geneigt sein, Verbrechen in Hypnose für unmöglich
zu halten.
Es gelang Brenman, bei allen ihrer sechs Versuchspersonen (Studentinnen im Alter
von 17 bis 20 Jahren) durch Hypnose selbst- und fremdschädigendes Verhalten
hervorzurufen. Natürlich könnte man auch hier einwenden, dass dieses Verhalten
vielleicht auch ohne Hypnose gezeigt worden wäre. Brenman begegnet diesem
Argument u. a. mit dem Hinweis, dass die Hypnotiseurin kein besonderes Prestige im
Verhältnis zu den Versuchspersonen besaß und dass sich auch keine
Autoritätsbeziehung, die dem Arzt-Patienten-Verhältnis entspricht, entwickeln
konnte.92
Brenman setzt sich auch mit dem Einwand auseinander, die Versuchspersonen
hätten den experimentellen Charakter der Suggestionen durchschaut und sich darauf
verlassen, dass Sicherungen gegen Schäden Bestandteil des Versuchsaufbaus
gewesen seien. Dagegen spricht, dass
eine Versuchsperson später (nach Aufhebung der Amnesie) massive
Schuldgefühle entwickelte,
die Konsequenzen einiger Handlungen irreparabel waren,
eine Versuchsperson erst nach Verbesserung der Technik im zweiten
Anlauf den Instruktionen folgte,
alle Versuchspersonen es nach Aufhebung der Amnesie schwierig fanden,
die suggerierten Illusionen als Illusionen zu akzeptieren,
die Versuchspersonen die experimentelle Situation im Wachzustand
keineswegs als vor Schaden schützend einstuften.
Der führende Hypnose-Kritiker Theodore Xenophon Barber moniert die fehlende
Kontrollgruppe in Brenmans Untersuchung. Es wäre ja durchaus denkbar, dass nicht-
hypnotisierte Versuchspersonen, die zuvor eine ebenso enge Beziehung zur
Versuchsleiterin aufgebaut hätten wie die hypnotisierten, die suggerierten Taten
ebenfalls begangen hätten.93 Diese Kritik ist zweifellos berechtigt. Das Fehlen einer
Kontrollgruppe mindert den Wert beinahe jeder empirischen Studie. Wells wendet
allerdings ein, dass ein Kontrollexperiment, wenngleich in vielen Fällen
wünschenswert, zu einer Untersuchung dieser Art unnötig sei und nur als Farce
betrachtet werden könnte.94 Dies mag sein. Allerdings muss man, so meine ich,
mitunter auch Farcen inszenieren, um Skeptikern den Wind aus den Segeln zu
nehmen.
Ein weiterer Einwand gegen die von Brenman vorgetragenen Ergebnisse lautet, dass
die Taten von den Versuchspersonen gar nicht als selbst- bzw. fremdschädigend
erlebt worden seien. Ihnen sei diesbezüglich ja eine Verkennung der Realität
suggeriert worden. Dies ist zweifellos nicht zu bestreiten, stellt aber nur aus
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theoretischer Sicht ein Problem dar. In der Praxis kann es dem kriminellen
Hypnotiseur egal sein, ob er mit seinen Methoden tatsächlich die moralischen
Standards seines Opfers erschüttert oder dieses nur hinters Licht geführt hat. Ihm
kommt es auf das Ergebnis an. Und aus dieser praktischen, pragmatischen Sicht ist
es viel klüger, nach Möglichkeit auf einer Veränderung der meist fest verankerten
Prinzipien des Opfers zu verzichten. Der kriminelle Hypnotiseur wird vielmehr die
hypnotischen Künste voll ausschöpfen und moralische Konflikte z. B. durch
suggerierte Sinnestäuschungen aller Art vermeiden. Und natürlich wird er eine
posthypnotische Amnesie sowie eine posthypnotische Hemmung gegenüber
Hypnosen durch andere hervorrufen, um sich vor Entdeckung zu schützen.95
Auch wenn die meisten Teilnehmer an Hypnose-Experimenten wissen, dass sie an
einem Experiment teilnehmen, kann man bei einigen höchstgradig hypnotisierbaren
Menschen eine vollständige Amnesie für ihre momentane Realität, also auch für die
Realität eines Experiments erzeugen.96 Zumindest in diesen Fällen könnte
hypnotisch veranlasstes kriminelles Verhalten wohl kaum mit dem Argument als „nur
scheinbar kriminelles Verhalten“ hinweg erklärt werden, die Versuchsperson habe
sich auf experimentelle Schadenssicherungen verlassen.
Die bisher referierten Experimente bezogen sich auf relativ harmlose Formen fremd-
bzw. selbstschädigenden Verhaltens. Loyd W. Rowland konnte in einem Experiment
demonstrieren, dass sich auch Handlungen mit potentiell schwerwiegenden
Folgeschäden hypnotisch hervorrufen lassen.97 In tiefer Hypnose gab er seinen
Versuchspersonen im ersten Teil des Experiments den Befehl, nach einer
Klapperschlange zu greifen. Dieser Teil bestand aus zwei Varianten: Zwei
Versuchspersonen wurde suggeriert, die Klapperschlange sei ein
zusammengerolltes Gummiseil. Zwei weitere Versuchspersonen wurden, ohne
Täuschungsversuch, direkt aufgefordert, die Klapperschlange anzufassen. Die
Versuchspersonen waren dabei allerdings durch eine unsichtbare Glasscheibe
geschützt. Die Klapperschlange war nämlich echt. Im zweiten Teil des Experiments
sollten zwei Hypnotisanden dem Hypnotiseur ein Glas mit Schwefelsäure ins Gesicht
schütten. Der Versuchsleiter gab einen Streifen Zink in die Säure, um die
Versuchspersonen von der Echtheit der Chemikalie zu überzeugen. Auch in diesem
Fall verhinderte eine unsichtbare Glasscheibe, das der Experimentator durch die
Säure verletzt wurde. Nur eine Versuchsperson (und zwar in der ersten Variante des
ersten Teils) gehorchte den Anweisungen des Hypnotiseurs nicht und erwachte aus
der Hypnose.
Der naheliegende Einwand, dass die Versuchspersonen den experimentellen
Charakter der Hypnose durchschaut oder gar das unsichtbare Glas gesehen hätten,
kann natürlich nicht mit Sicherheit als unbegründet betrachtet werden. Rowland hatte
allerdings zuvor mit einigen nicht eingeweihten Kollegen getestet, ob dieses Glas
tatsächlich unsichtbar sei. Dazu hatte er einen Hammer hinter das Glas gelegt. Die
Kollegen griffen ausnahmslos nach dem Hammer und stießen dabei mit der Hand
gegen das Glas; eine Professorin verletzte sich sogar den Finger, als sie den
Hammer ergreifen wollte. Auch die Versuchspersonen des ersten Teils waren (mit
Ausnahme der Versuchsperson, die erwachte) überrascht, als sie das Glas
berührten.
Zur Kontrolle wurden 42 nicht hypnotisierte Versuchspersonen aufgefordert, die
Klapperschlange zu berühren. 41 weigerten sich nicht nur, sie fürchteten sich sogar
davor, der Schlange auch nur nahe kommen. Eine Versuchsperson gehorchte dem
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Befehl, wurde aber durch das Glas zurück gehalten. Sie erklärte später ihr Verhalten
damit, dass sie das Tier für eine Imitation gehalten habe.
P. C. Young reproduzierte eine Variante der Studie Rowlands mit ähnlichen
Ergebnissen. Vier Versuchspersonen wurde gesagt, die Schlange und die Säure
seinen höchst gefährlich, vier weitere Hypnotisanden erhielten die Auskunft, beides
sei völlig harmlos. Nur eine Versuchsperson weigerte sich, die Schlange zu berühren
und den Versuchsleiter mit der Säure zu attackieren. Im wachen Zustand lehnten es
alle Hypnotisanden ab, die Anordnungen des Versuchsleiters zu befolgen.
Fakultätsmitglieder, die in den Experimentierraum gebeten wurden, waren höchst
beunruhigt durch die Schlange und verblüfft wegen des unsichtbaren Glases.98
In einem Experiment im Rahmen des Gehirnwäsche-Projekts „MKULTRA“ der CIA
wurde eine junge Frau, die zuvor ihren Abscheu vor Schusswaffen bekundet hatte, in
einen tiefen Trancezustand versetzt. „Mary“ (ich nenne sie so, im CIA-Protokoll
wurde ihr Name geschwärzt) erhielt den hypnotischen Befehl, dass sie alle ihr zu
Gebote stehenden Mittel einsetzen werde, um aus der Hypnose zu erwachen, und
wenn ihr dies nicht gelinge, würde sie eine vor ihr liegende Pistole ergreifen und
diese auf eine andere Versuchsteilnehmerin, „Paula“ abfeuern. Sie sei dann so
wütend, nicht aus der Hypnose erwachen zu können, dass sie „Paula“ ohne zu
zögern ermorden würde. „Mary“ feuerte in der Tat die (natürlich nicht geladene)
Pistole auf die andere Versuchsperson ab und versank danach in einen noch tieferen
hypnotischen Zustand. Aufgrund entsprechender Suggestionen entwickelten beide
Versuchspersonen nach dem Aufwachen aus der Hypnose eine vollständige
Amnesie für den Vorgang. „Mary“ weigerte sich im Wachzustand, die Pistole auf nur
anzurühren. Sie bestritt entschieden, dass der Vorgang stattgefunden habe.99
Auch bei diesem Experiment kann man natürlich nicht ausschließen, dass Mary
darauf vertraute, die Pistole sei nicht geladen. Das Experiment fand zwar im Auftrag
eines Geheimdienstes statt, aber es ist nicht bekannt, ob die Versuchspersonen dies
wussten und wenn ja, ob sie dadurch beeinflusst wurden.
Die Befundlage zum Verbrechen in Hypnose lässt sich also wie folgt
zusammenfassen: Weder die ohnehin geringe Zahl gut dokumentierter Kriminalfälle,
noch die ebenfalls nicht sehr zahlreichen Experimente zur hypnotischen Induktion
antisozialen Verhaltens erlauben ein schlüssiges Urteil über die Möglichkeiten und
Grenzen unethischer Hypnose. Aus meiner Sicht dürfte es in Einzelfällen und unter -
im Sinne der Zielsetzung - günstigen Bedingungen möglich sein, antisoziales oder
kriminelles Verhalten durch Hypnose zu stimulieren. Die Hypnose ist aber kein
zuverlässiges Instrument für diese Zwecke. Es wird sich allerdings im Verlauf des
Buches zeigen, dass die Hypnose ein wesentlicher, wenn nicht der entscheidende
Bestandteil jeder effektiven Strategie zur Bewusstseinskontrolle durch
Persönlichkeitsspaltung ist. Salopp formuliert: In der Bewusstseinskontrolle ist die
Hypnose nicht alles, aber ohne Hypnose ist alles nichts.
Skeptiker sollten im übrigen bedenken, dass die Hypnose de facto nichts anderes ist
als eine besonders effektive Form der Konditionierung. Sie kann also vollständig in
den vertrauten Begriffen der psychologischen Lerntheorie beschrieben werden. Die
hypnotischen Suggestionen sind nämlich konditionierte Reize. Sie lösen die
suggerierten Reaktionen aus, indem sie die entsprechenden Vorstellungen und
Gedanken hervorrufen. Gleichzeitig hemmen sie alle inneren und äußeren Reize
(Sinneseindrücke, Impulse aus der Innenwelt), die nicht mit der suggerierten
Reaktion vereinbar sind.100 Wer die Konditionierung kriminellen Verhaltens für
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möglich hält, sollte eigentlich an der hypnotischen Induktion antisozialen Verhaltens
nicht zweifeln.
Im übrigen kann im Vorgriff auf spätere Teile des Buch festgestellt werden, dass
nicht nur die Hypnose, sondern die Bewusstseinskontrolle durch
Persönlichkeitsspaltung insgesamt in den vertrauten Begriffen der psychologischen
Lerntheorie beschrieben werden kann. Sie ist die effektivste Form der
Konditionierung, die bisher ersonnen wurde.
© Hans Ulrich Gresch 2003
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Wider Willen in Hypnose
Auf dem Höhepunkt seiner Karriere erfand der Arzt Franz Anton Mesmer (1734-
1815) zur Verstärkung seiner magnetischen Kunst das „Baquet“. Mesmer war
überzeugt, dass seinen Händen eine heilende Kraft entströme, das „Fluidum“. Das
„Baquet“ sollte dieses Fluidum speichern und verstärken. Dieses wunderliche Gerät
war ein großer, hölzerner Zuber, der innen mit magnetisierbaren Eisenteilen und
gläsernen Flaschen bestückt und mit Wasser gefüllt wurde. Der Zuber wurde mit
einem Deckel verschlossen, der mit Löchern versehen war, durch die gebogene
Eisenstangen gesteckt waren. An den Enden dieser nach außen zugespitzten
Eisenstangen waren seidene Schnüre befestigt. Mesmer „magnetisierte“ den Inhalt
des „Baquets“ durch streichende Handbewegungen.
Die Patientinnen und Patienten saßen um dieses Gerät herum. Die spitzen Enden
der Eisenstangen waren auf ihre kranke Körperteile gerichtet. Mitunter waren auch
die Seidenschnüre um erkrankte Glieder geschlungen. Sobald das entsprechende
Zeichen gegeben wurde, bildeten die Kranken den magnetischen Kreis, indem sie
sich gegenseitig an den Spitzen von Daumen und Zeigefinger berührten. Der Raum
war verdunkelt und schwere Dämpfe und Wandvorhänge verschluckten entstehende
Geräusche. Raffiniert aufgehängte Spiegel verwirrten die Sinne. Schwer atmend,
schweigend und voller Spannung erwarteten die Leidenden das Erscheinen des
Meisters. Aus dem Nebenzimmer war betörende Musik zu hören, mitunter spielte
Mesmer selbst auf einer Glasharmonika. Er verstand es meisterlich, auf diesem
damals sehr populären Instrument Sphärenmusik erklingen zu lassen.
Wenn die Spannung durch die Atmosphäre und teils beruhigende, teils
aufpeitschende Musik ihren Höhepunkt erreicht hatte, trat Mesmer herein. Oft trug er
ein langes Seidenkleid, das ihm die Erscheinung eines Priesters oder Magiers
verlieh. Mesmer blickte den Patienten tief in die Augen, bestrich den einen mit
seinem Magnetstab, fragte den anderen nach seinem Befinden, wieder andere
versuchte er aus einer gewissen Distanz zu heilen, indem er Kreise und Striche in die
Luft zog. Die Heilung wurde durch die sogenannte magnetische Krise signalisiert.
Plötzlich begannen die Kranken zu schwitzen, zu schreien und zu stöhnen, zeigten
jene Symptome, die von der Psychiatrie einige Jahrzehnte später unter der Diagnose
„Hysterie“ zusammengefasst wurden.101
Wir erkennen heute unschwer, dass für diese dramatischen Vorgänge nicht ein
magnetisches Fluidum, eine geheimnisvolle, physikalische Naturkraft verantwortlich
war, wie Mesmer glaubte, sondern die außergewöhnliche Suggestivkraft dieses
begnadeten Arztes, der ohne sein Wissen die moderne Hypnotherapie begründete.
Mesmers Patientinnen und Patienten wurden offenbar durch seine Behandlung,
deren Rahmenbedingungen und durch seine charismatische Persönlichkeit in einen
tiefen Trance-Zustand versetzt. Bemerkenswert ist, dass weder der Arzt, noch die
Kranken wussten, dass sie an einem hypnotischen Prozess teilnahmen, den sie erst
recht auch nicht beabsichtigten. Sie waren vielmehr davon überzeugt, das
wesentliche Heilmittel sei eine Naturkraft, das Fluidum, die den Händen des Arztes
entströmte und durch das „Baquet“ gespeichert wurde.
Diese Episode aus der Geschichte des sog. Magnetismus offenbart zwei wichtige
Aspekte der Hypnose:
© Hans Ulrich Gresch 2003
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Es ist möglich; Menschen zu hypnotisieren, ohne dass ihnen dies bewusst
ist und ohne dass die Bezeichnung „Hypnose“ auch nur einmal verwendet
wird. Wie das Beispiel Mesmers zeigt, können hypnotische Prozesse sogar
ohne Wissen der hypnotisierenden und der hypnotisierten Personen
ablaufen.
Die Einleitung und Vertiefung der Hypnose ist nicht an eine bestimmte
Technik oder Methode gebunden. Vielmehr ist es nur erforderlich, die zu
hypnotisierenden in einen passiven, entspannten Zustand zu versetzen
und ihre ungeteilte Aufmerksamkeit auf den Hypnotiseur (bzw. die von ihm
produzierten hypnotischen Reize) zu lenken.
Skrupellose Hypnotiseure können sich diese Sachverhalte zunutze
machen, um Menschen ohne ihr Wissen und gegen ihren Willen in Trance
zu versetzen. Es ist zwar zutreffend, dass Menschen gegen
Hypnoseversuche erfolgreich Widerstand leisten können, doch dazu muss
der Betroffene wissen, dass ein solcher Versuch überhaupt stattfindet.
Eine Standardprozedur zur Einleitung der Hypnose lässt sich im Kern wie folgt
beschreiben. Der Hypnotisand liegt bequem und entspannt auf einer Couch. Hinter
ihm sitzt der Hypnotiseur. Er hält einen Finger in etwa 20 bis dreißig Zentimeter vor
und etwa zehn Zentimeter oberhalb der Nasenwurzel des Liegenden und spricht:
„Bitte sehen Sie ganz fest und ohne zu blinzeln auf meine Fingerspitze und horchen
Sie ganz genau auf das, was ich zu Ihnen spreche. Ganz fest und ohne zu blinzeln
auf meine Fingerspitze sehen und auf meine Stimme konzentrieren.“102
Es leuchtet ein, dass diese Form der Hypnose-Einleitung natürlich nur funktioniert,
wenn der Hypnotisand dazu bereit ist und dem Hypnotiseur vertraut. Es versteht sich
von selbst, dass diese Bereitschaft und dieses Vertrauen nicht immer vorausgesetzt
werden kann. Daher gab der amerikanische Geheimdienst CIA zu Beginn des Kaltes
Krieges der Rand Corporation, einem der großen „Think Tanks“ in den Vereinigten
Staaten den Auftrag, die Möglichkeiten verdeckter Hypnose gegen den Willen des
Hypnotisanden zu erforschen. Die mit dieser Forschung beauftragten
Wissenschaftler schlugen zu diesem Zweck drei Methoden vor:
Die Hypnose wird als medizinische Untersuchung getarnt. Der unfreiwillige
Hypnotisand muss sich dabei z. B. einem Blutdrucktest unterziehen. Ihm
wird suggeriert, dass er sich tief entspannen müssen, um unverfälschte
Blutdruckwerte zu erhalten. Während der gesamten Prozedur wird
natürlich das Wort „Hypnose“ vermieden.103
Die Hypnose wird induziert, während die Zielperson schläft, indem man ihr
die hypnotischen Suggestionen ins Ohr flüstert.
Dem Hypnotisanden wird ohne ihr Wissen eine hypnotisierende Droge
verabreicht.104
Ein CIA-Memorandum aus dem Jahr 1955, das zu den Unterlagen des Projekts
Artichoke zählt, nennt die folgenden Methoden der verdeckten Induktion einer
Hypnose:
Medizinische Untersuchung
“Unter der Tarnung einer Blutdruckmessung, kann die Versuchsperson zur
Entspannung überredet werden. Ein Bluttest kann verwendet werden, um
eine Droge zu verabreichen. Oder eine Augenuntersuchung kann benutzt
werden, um die Versuchsperson zu veranlassen, den Bewegungen eines
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kleinen Lichts zu folgen oder in ein Blitzlicht zu starren, während verbale
Suggestionen gegeben werden.“
Ein Lügendetektor-Test
Das Interesse an der Maschine lenkt die Versuchsperson ab.
Eine Elektro-Kardiogramm-Untersuchung
Vitamin-Injektionen105
Einfallsreiche Hypnotiseure haben eine Vielzahl mehr oder weniger raffinierter
Methoden entwickelt, eine Hypnose ohne Wissen oder gegen den Willen des
Hypnotisanden einzuleiten .106 Dabei können wir zwischen „sanften“ und „harten“
Methoden unterscheiden. Die „sanften“ Methoden beruhen auf psychologischen
Mitteln, die „harten“ auf einer physischen Beeinflussung des Nervensystems
(Drogen, Reizentzug) und/oder auf nackter Gewalt (extremer Stress, Folter). Die
„sanften“ Methoden werden in der Hypnotherapie oder der Show-Hypnose, die
„harten“ aber im Krieg (ob heiß oder kalt) bevorzugt. Anhaltende, tiefgreifende
Persönlichkeitsspaltungen bis hin zur mentalen Versklavung eines Menschen sind in
der Regel nur mit den „harten“ Methoden zu erreichen.
Ausnahmen bestätigen freilich auch hier die Regel. In den geschilderten Beispielen
von Palle Hardrup und Frau E. wandten die kriminellen Hypnotiseure jeweils
überwiegend „sanfte“ Methoden an, um die Hypnose einzuleiten sowie die
Persönlichkeitsspaltung hervorzurufen und auszubauen. Im Falle Palle Hardrups ist
allerdings zu bedenken, dass Nielsen die harten Bedingungen des Gefängnisses
geschickt in seine Strategie der Bewusstseinskontrolle einbezog. Obwohl er selbst
keine harten Methoden einsetzte, nutzte er den durch andere erzeugten Stress für
seine Zwecke.
Frau E. z. B. begegnete dem kriminellen Hypnotiseur, der ihr unbekannt war, in
einem Zug. Sie war auf dem Weg zu einem Arztbesuch. Sie litt an ständig
wechselnden Krankheiten (Magenbluten, Lähmungserscheinungen, Seestörungen)
und neigte zu übertriebener Religiosität. Der Kriminelle setzte sich ihr gegenüber und
verwickelte sie in ein Gespräch. Sie kamen auf ihre Krankheit zu sprechen. Daraufhin
behauptete der Hypnotiseur, er habe ihre Krankheit sofort bemerkt und stellte sich
als „Dr. Bergen“ vor. Er sei Naturheilkundiger sowie Homöopath und auf Leiden wie
die ihrigen bestens eingestellt. Bei einem Aufenthalt des Zuges lud er sie auf eine
Tasse Kaffee ein. „Ich wollte nicht“, berichtete Frau E. später dem Gerichtspsychiater
Mayer, „weil ich ein so unsicheres Gefühl hatte. Dann war er mir beim Aussteigen
behilflich und trug mir den Koffer. Plötzlich fasste er mich an der Hand, und da kam
es mir mit einmal so vor, als ob ich keinen eigenen Willen mehr hätte, so seltsam
und benommen war mir zumute.“107
Die Einleitung der Hypnose wird hier also als Gespräch zwischen Arzt und Kranker
getarnt, wobei der kriminelle Hypnotiseur die Grundmuster der klassischen Arzt-
Patient-Beziehung für sich ausnutzen kann: Hier der wissende, erfahrene, aktive
Arzt, dort die unwissende, leidende, passive Patientin. Dieses Grundmuster
beinhaltet eine Machtdifferenz. In der damaligen Zeit wurden die Menschen und
zumal Mädchen erzogen, diese Machtdifferenz fraglos zu akzeptieren. Damit waren
aber auch die idealen Voraussetzungen für die Einleitung einer Hypnose gegeben.
Wird die Einleitung der Hypnose als ärztliche Behandlung getarnt, so kann diese
durch Medikamente unterstützt werden, ohne das der Hypnotisand wider Willen
Verdacht schöpft. Der CIA-Psychiater Gilbert Jensen108 injizierte seinem Opfer Candy
Jones z. B. angeblich ein Vitamin-Präparat, in Wirklichkeit aber eine hypnotische
Droge, Sodium Amythal.109 Die Methode der verdeckten Hypnose durch angebliche
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Injektion von Vitaminen war der CIA im übrigen durchaus geläufig; sie wird in dem
bereits zitierten Memorandum zum militärischen Einsatz der Hypnose aus dem Jahr
1955 erwähnt.110
Sobald es erst einmal gelungen ist, einen tiefen Trance-Zustand einzuleiten, in dem
der Hypnotisand den Willen des Hypnotiseur als seinen eigenen akzeptiert hat, kann
dem Hypnotisanden suggeriert werden, er werde auf ein vereinbartes Signal hin
sofort wieder in einen tiefen hypnotischen Zustand versinken. Dann sind keine
aufwendigen Prozeduren mehr erforderlich, um eine erneute Hypnose zu
induzieren.111 Nicht immer kann bereits in der ersten erfolgreichen Sitzung ein
derartiger Befehl eingepflanzt werden.
Generell gilt aber, dass die hypnotische Induktion umso einfacher ist, je öfter der
Hypnotisand zuvor bereits hypnotisiert wurde. Und wenn dann ein entsprechender
Befehl eingepflanzt wurde, erfolgt die erneute Hypnose quasi auf Knopfdruck. Der
Fisch hängt an der Angel. Er kann sich aus eigener Kraft nicht mehr befreien. In jeder
hypnotischen Dressur, die eine Persönlichkeitsspaltung und die Abrichtung von
Persönlichkeitsfragmenten zum Ziel hat, ist dieser Befehl zur automatischen Trance-
Erzeugung der entscheidende Schritt. Ist dieser Schritt erst einmal gelungen, dann
unterliegt das Opfer dauerhaft dem Willen des Hypnotiseurs. Dieser kann sein Opfer
durch einen Schlüsselreiz unmittelbar in einen willenlosen Zustand versetzen. Der
Schlüsselreiz löst einen Automatismus aus. Außerhalb der hypnotischen Phasen
kann sich der Betroffene nicht daran erinnern, dass er hypnotisiert wurde und was
während der Hypnose geschah.
Der kriminelle Hypnotiseur Walter suggerierte Frau E.: „Niemand kann Ihnen die
vollständige Erinnerung an alles wiedergeben, weil dieses Sperrwort von dritter Stelle
unlösbar ist. Nur wenn Sie jemand auf den Handrücken schlägt, den kleinen Finger
umbiegt und dazu das Wort ‚Floxilla’ spricht, kann er Ihnen Ihr Gedächtnis
wiedergeben.“ Dem Gerichtspsychiater Mayer berichtete Frau E. hierzu: „Jedes Mal,
wenn Walter mich so anfasste und das Wort ‚Floxilla’ oder später auch andere
Wörter sagte, überkam mich die Hypnose.“112
Bedingte Befehle, die sich auf die Grundform: „Wenn A, dann B“ zurückführen
lassen, sind charakteristisch für die Hypnose. Der Hypnotisand befolgt sie, weil durch
die Hypnose alle entgegengesetzten Tendenzen (innere und äußere Reize)
gehemmt wurden. In der Einleitung habe ich hervorgehoben, dass der Hypnotisand
den Willen des Hypnotiseurs als seinen eigenen erlebt. Strenggenommen „gehorcht“
er also nicht den Befehlen des Hypnotiseurs, sondern er handelt auf Grundlage von
Implikationen der Form: „Wenn A, dann B“. Dabei ist er nicht in der Lage, diese
Implikationen kritisch zu hinterfragen; u. U. weiß er nicht einmal mehr, dass sie ihm
suggeriert wurden. Der Hypnotisand kann dann die Implikation „Wenn A, dann B“
nicht mehr von einem Handlungsschema unterscheiden, dass aus einem „normalen“
Lernprozess hervorgegangen ist.
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Der posthypnotische Befehl
Das Wesen eines posthypnotischen Befehls kann man am anschaulichsten durch ein
Beispiel verdeutlichen: Ein Hypnotiseur des CIA-Gehirnwäscheprojekts Artichoke
versetzte eine junge Frau in einen tiefen Trancezustand. Dann suggerierte er, dass
sie nach dem Aufwachen aus der Hypnose sofort wieder in einen Trancezustand
verfallen werde, wenn er seinen Sessel in einer bestimmten Weise verschieben
werde. Der Hypnotiseur weckte die Versuchsperson aus der Hypnose auf,
verwickelte sie in ein kurzes Gespräch und bewegte dann seinen Sessel
entsprechend seiner Suggestion. Sofort versank die junge Frau wieder in Trance.113
Man nennt derartige Suggestionen posthypnotische Befehle. Sie müssen sich nicht
unbedingt auf erneute Trancezustände beziehen. Der Hypnotiseur hätte der jungen
Frau auch suggerieren können: „Sobald ich in die Hände klatsche, öffnen sie das
Fenster und rufen: ‚Wo zum Teufel gibt es hier ungestopfte Socken?’“ Auch diesen
Befehl hätte die Hypnotisandin mit höchster Wahrscheinlichkeit realisiert.
Man spricht von Posthypnose, wenn durch eine entsprechende Suggestion
(posthypnotischer Befehl) nach Beendigung einer Hypnose ein bestimmtes Signal
eine bestimmte Verhaltensweise auslöst. Dabei ist es nicht erforderlich, dass der
Auslöser in einer inhaltlichen Beziehung zum ausgelösten Verhalten steht; er kann
willkürlich gewählt werden. Es ist auch keineswegs notwendig, dass der Hypnotiseur
das Signal persönlich gibt oder auch nur anwesend ist. Die Suggestion kann zum
Beispiel lauten: „Wenn sie einen Anruf erhalten und eine Stimme sagt: ‚23 stark 24’,
dann werden Sie sich sofort zum Treffpunkt XY begeben!“
Milton und Elizabeth Erickson definieren die posthypnotische Handlung wie folgt:
„Unter einer posthypnotischen Handlung verstehen wir eine Handlung, die von der
hypnotischen Versuchsperson nach dem Erwachen aus der Trance als Reaktion auf
während des Trancezustands gegebene Suggestionen ausgeführt wird. Die
Ausführung der Handlung ist durch das Fehlen eines nachweisbaren wachen
Bewusstseins bezüglich der seinem Handeln zugrunde liegenden Gründe und Motive
gekennzeichnet.“114
Der posthypnotische Befehl besteht also aus zwei Teilen, nämlich einem Plan und
einem Auslöser für die Realisierung dieses Plans. Der Plan kann aus einer einzelnen
Reaktion bestehen, aber z. B. auch eine komplexe Handlungssequenz beinhalten.
Mit einem posthypnotischen Befehl können jedoch nicht nur von außen
beobachtbare Handlungen, sondern auch innere Zustände wie z. B. Emotionen
hervorgerufen werden. So kann zum Beispiel einem Hypnotisanden suggeriert
werden, dass er Angst empfindet, sobald er ein bestimmtes Signal, z. B. einen
Buchstaben sieht. Desgleichen kann man die Hemmung von Gefühlen durch Codes
auslösen.115 Es ist auch möglich, Emotionen, Gedanken, Vorstellungen und
Handlungen miteinander zu verbinden. Die oben zitierte Definition der Ericksons ist
also zu eng, da sie sich nur auf Handlungen bezieht.
Der französische Hypnotiseur Mouillesaux gilt als Entdecker des posthypnotischen
Befehls. 1789 publizierte er ein bemerkenswertes Experiment. Er suggerierte er einer
jungen Frau, sie solle am nächsten Tag genau um 9 Uhr das Haus eines Mannes
aufsuchen, den sie noch nie zuvor besucht habe. Mouillesaux fand sich natürlich dort
ebenfalls ein, um den weiteren Verlauf zu beobachten. Und in der Tat erschien die
junge Frau kurz vor 9 und ging mehrere Male vor dem Haus auf und ab. Sie wirkte
sehr gedankenverloren. Als sie dann schließlich eine gegenüberliegende Kirche
betrat, glaubte Mouillesaux bereits, dass sein Experiment gescheitert sei. Und so
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entschlossen sich die Beobachter, erst einmal zu frühstücken. Während sie sich ihr
Frühstück schmecken ließen, betrat zu ihrer großen Überraschung die junge Frau
das Zimmer. Ihre Verlegenheit war unbeschreiblich. Sie erzählte, dass sie sich seit
dem Aufstehen mit der Idee herumschlage, dieses Haus aufzusuchen. Sie glaube
sogar, davon geträumt zu haben. Ein unwiderstehlicher Impuls habe sie gezwungen,
alle inneren Widerstände zu überwinden. Sie fühle sich jetzt sehr erleichtert.116
Das charakteristische Gefühl der Erleichterung verdeutlicht den Zwangscharakter
des posthypnotischen, automatischen Verhaltens. Zu Beginn der posthypnotischen
Handlung verfällt der Hypnotisand spontan in einen Trance-Zustand, auch wenn dies
nicht Bestandteil der entsprechenden Suggestionen war. Dieser Trance-Zustand ist
meist nur sehr kurz und wird daher von Außenstehenden leicht übersehen. Mitunter
treten diese kurzen Trancen auch mehrfach während der Verwirklichung eines
posthypnotischen Befehls auf.
Während des ersten Weltkriegs hypnotisierte der Psychologe George H. Estabrooks
zum Spaß einen Bekannten und gab ihm folgenden posthypnotischen Befehl: „Wenn
ich sage: ‚Beobachte die Front!’, dann werden Sie antworten: ‚Ruft die Wachen. Hier
kommt Paul Revere!’“ Zwanzig Jahre später traf Estabrooks diesen Bekannten
wieder. Während sich die beiden unterhielten, sagte der Hypnotiseur unvermittelt:
„Beobachte die Front!“ Der Bekannte schaute reichlich verwirrt, aber er gab die
richtige Antwort: „Ruft die Wachen. Hier kommt Paul Revere!“ Danach machte er
einen noch verdutzteren Eindruck und fügte hinzu: „Ich weiß nicht, warum ich das
gesagt habe!“117
Der posthypnotische Befehl hatte also auch nach zwanzig Jahren118 seinen Kraft
ebenso wenig verloren wie die posthypnotische Amnesie bezüglich der wahren
Ursachen für den höchst befremdlichen Ausruf: „Ruft die Wachen. Hier kommt Paul
Revere!“ Oft gestehen die Hypnotisanden, wie in diesem Fall, nicht etwa ihre
Ratlosigkeit ein, sondern erfinden Scheinbegründungen für das posthypnotische
Verhalten. Das posthypnotische Handlungsschema: „Wenn A, dann B“ wird also als
Bestandteil des eigenen Verhaltensrepertoires und als den eigenen Motiven
entsprechend erlebt.
Es ist nicht unbedingt erforderlich, dass der Hypnotiseur den Schlüsselsatz
ausspricht bzw. den Schlüsselreiz erzeugt. Zu Steuerung komplexer
posthypnotischer Aufgaben kann der Hypnotiseur dem Hypnotisanden auch Codes
einpflanzen. Diese Codes denkt der Hypnotisand dann selbst und löst mit ihnen
entsprechende Verhaltensmuster aus. Walter zwang Frau E. in Hypnose z. B. mit
folgenden Suggestionen zur Prostitution: „Sie werden jetzt in einem vollkommen
willenlosen Zustand dem Herrn alles tun, was er von ihnen verlangt. Sie werden sich
an nichts mehr erinnern können. Sie werden an das Wort Combarus denken, dann
kommen Sie in eine so tiefe Hypnose, dass Sie sich nie mehr daran erinnern
können, was mit Ihnen geschehen ist und wo Sie gewesen sind.“119
Mithilfe von eingepflanzten Codes können Bewusstseinskontrolleure also nicht nur
das beobachtbare Verhalten, sondern auch komplexe kognitive Operationen sowie
Sequenzen von Gefühlen und Vorstellungen konditionieren. Der Hypnotiseur kann
dem Hypnotisanden befehlen, das Wort sofort wieder zu vergessen, sobald es die
mit ihm verknüpften mentalen Prozesse ausgelöst hat.
Ein solcher Befehl könnte z. B. lauten: „Wenn Sie etwas über Bewusstseinskontrolle
hören oder lesen (z. B. im Fernsehen, in einem Buch, in einer Zeitschrift), dann
werden Sie an das Wort ‚Bagongi’ denken. Wenn Sie dass Wort ‚Bagongi’ denken,
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dann können Sie keinen klaren Gedanken mehr fassen. Sie werden dann alles
vergessen, was sie in den letzten 15 Minuten gedacht und gefühlt haben. Sie werden
auch vergessen, dass Sie das Wort ‚Bagongi’ gedacht haben. Erst wenn Sie das
alles vergessen haben, wird ihr Bewusstsein wieder klar sein.“
Dies ist eine der Methoden, mit denen verhindert werden soll, dass Opfer von
Bewusstseinskontrolle Informationen aufnehmen, die ihnen helfen könnten, ihre
Situation zu durchschauen. Die Automatisierung mentaler Prozesse ist im übrigen ein
wesentliches Element der Bewusstseinskontrolle durch Persönlichkeitsspaltung. Die
Reaktionen des Opfers auf eine Fülle kritischer Grundsituationen werden
systematisch programmiert. Dabei werden die automatisierten mentalen Prozesse
mit Erwartungen verknüpft: „Wenn Sie so denken und fühlen, wie wir es Ihnen
befehlen, dann sind Sie in Sicherheit. Wenn Sie von unseren Vorschriften
abweichen, dann werden wir dies bemerken und Sie bestrafen.“
Die lerntheoretischen Grundlagen dieser mentalen Programmierung wurden u. a. von
dem amerikanischen Psychologen R. C. Bolles formuliert120. Bolles erkannte, dass
nicht nur Beziehungen zwischen Reizen und Reaktionen konditioniert werden,
sondern auch Erwartungen über Beziehungen zwischen Reizen und Reaktionen
bzw. Beziehungen zwischen Reizen. Menschen entwickeln also Erwartungen
bezüglich des gemeinsamen Auftretens von Reizen und der Konsequenzen des
Verhaltens. Das Verhalten wird dementsprechend nicht nur direkt von äußeren
Reizen, sondern auch von Erwartungen gesteuert. Die mentale Automatisierung
durch posthypnotische Befehle besteht also darin, Erwartungen einzupflanzen.
Beispiele:
„Wenn ich das Wort ‚Bewusstseinskontrolle’ höre oder lese, dann werde ich
‚Bagongi’ denken.“ In der Sprache Bolles’ ist dies eine Reiz-Reiz-Erwartung,
da gehörte und gedachte Wörter gleichermaßen als Reize betrachtet werden.
„Wenn ich vom vorschriftsgemäßen Denken abweiche, dann werde ich
gefoltert.“121 Nach Bolles ist dies eine Verhalten-Reiz-Erwartung (da man das
Nichtbefolgen einer Vorschrift ja auch als mentales ‚Verhalten’ deuten kann).
Posthypnotische Befehle sind natürlich nicht bei jedem Hypnotisanden
gleichermaßen effektiv. Je tiefer der erreichte Trancezustand, desto
unwiderstehlicher ist der Zwang, der Suggestion zu entsprechen. In einer Serie von
vier Experimenten mit insgesamt 102 Versuchspersonen versuchten Eugene E.
Levitt, Elgan L. Baker und Ronald C. Fish, die Hypnotisanden durch einen sog.
Widerstands-Instrukteur („resistance instructor“) davon abzubringen, einen
posthypnotischen Befehl auszuführen. Der Widerstands-Instrukteur bot den
Versuchspersonen Geld als Belohnung dafür an, dass sie die suggerierten
Handlungen nicht ausführen.
Das Fazit der Forscher lautete:
1. Nur eine Minderheit der Hypnotisanden erlebt die posthypnotischen Befehle
als unwiderstehlichen Zwang. Es handelt sich hierbei um Menschen, die
Register & Kihlstrom als „Hypnotische Virtuosos“ bezeichnen.
2. Für eine etwas stärkere Gruppe der Hypnotisanden ist der hypnotische
Einfluss stark, aber nicht wirklich zwingend.
3. Viele Individuen entsprechen den posthypnotischen Befehlen, ohne dass
dabei der hypnotische Einfluss eine besondere Rolle spielen würde.
4. Die Beziehung zwischen Hypnotiseur und Hypnotisand beeinflusst die
Offenheit für den hypnotischen Einfluss. Beziehungsfaktoren sind bei
Versuchspersonen mit niedriger bis mittlerer Hypnotisierbarkeit am stärksten.
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5. Je positiver der Eindruck, den der Hypnotiseur auf den Hypnotisanden ausübt,
desto stärker ist der hypnotische Einfluss.
6. Hypnotisanden neigen dazu, den Hypnotiseur positiv zu erleben, auf wenn
sich die Interaktion zwischen beiden nur auf die Induktion des
Trancezustandes beschränkt.
7. Vorhergehende Versuche des Hypnotiseurs, einen guten Kontakt zum
Hypnotisanden aufzubauen, verbessern den ohnehin schon tendenziell
positiven Eindruck, den der Hypnotiseur auf den Hypnotisanden macht.122
Diese Erkenntnisse beziehen sich natürlich auf Laborexperimente mit freiwilligen
Versuchspersonen. Es ist fraglich, wieweit sie sich auf kriminelle, geheimdienstliche
oder militärische Anwendungen der Hypnose übertragen lassen. Außerhalb des
ethischen und gesetzlichen Rahmens stehen dem Bewusstseinskontrolleur
weitreichende Möglichkeiten zur Dressur des posthypnotischen Zwangsverhaltens zu
Gebote, die dem Universitätsforscher natürlich verschlossen sind. Mit Sicherheit ist
aber auch der kriminelle bzw. geheimdienstliche Hypnotiseur gut beraten, sich
„Hypnotische Virtuosos“ als Opfer auszusuchen.
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Die posthypnotische Amnesie
Unter dem Begriff der posthypnotischen Amnesie verstehen wir die Unfähigkeit, sich
an bestimmte Ereignisse zu erinnern, die dem Hypnotisanden vor der Hypnose
zugänglich waren. Ob eine posthypnotische Amnesie hervorgerufen werden kann
und wie stark sie ist, hängt von der Hypnotisierbarkeit ab.123 Die Amnesie kann
suggeriert werden, sie kann sich aber auch spontan eintreten. Die spontane Amnesie
könnte u. U. auch die Folge einer Erwartung des Hypnotisanden sein (da der
Zusammenhang zwischen Hypnose und Amnesie ja zum Alltagswissen über dieses
psychologische Phänomen zählt).
Bei gut hypnotisierbaren Menschen stellt sich sehr häufig auch ohne entsprechende
Suggestionen für die posthypnotische Handlung und für die begleitenden Umstände
(ebenso wie für die Hypnose-Sitzung selbst) eine Amnesie ein. Falls sich die
Hypnotisanden dennoch an den posthypnotischen Akt erinnern, so ist ihre
Erinnerung verschwommen und fehlerhaft.124
Die posthypnotische Handlung beinhaltet also eine Bewusstseinsspaltung, die der
versierte Hypnotiseur bei geeigneten Versuchspersonen durchaus zu einer
Persönlichkeitsspaltung ausbauen kann, indem er unterschiedliche Muster
posthypnotischer Handlungen unterschiedlichen, suggerierten
Fragmentpersönlichkeiten zuordnet. Diese Fragmentpersönlichkeiten sind dann,
ebenso wie die zugeordneten posthypnotischen Handlungen durch amnestische
Barrieren voneinander getrennt. Wir werden später aber noch sehen, dass die
Hypnose allein für eine dauerhafte Persönlichkeitsspaltung meist nicht ausreichend
ist. Um eine dauerhafte Persönlichkeitsspaltung zu erzielen, die auf einer stabilen
Fragmentierung des Gedächtnisses beruht, muss die Hypnose in der Regel durch
Maßnahmen ergänzt werden, die den Betroffenen psychisch traumatisieren.
Die hypnotische Amnesie besteht nicht in einer Auslöschung der entsprechenden
Gedächtnisinhalte. Die wache Persönlichkeit kann sich nur nicht mehr an die
Ereignisse während der Hypnose bzw. während der Realisierung posthypnotischer
Befehle erinnern. Wird sie jedoch wieder in Hypnose versetzt, so kann die
Erinnerung durch eine entsprechende Suggestion wiederhergestellt werden. Es ist
auch möglich, die Blockade der Erinnerung im Wachzustand durch ein in der
Hypnose suggeriertes Signal aufzuheben. Die Wiedererinnerung entspricht dann der
Befolgung eines posthypnotischen Befehls.125 „Versiegelt“ der Hypnotiseur den
Hypnotisanden durch die Suggestion: „Nur ich und sonst niemand kann Sie in
Zukunft hypnotisieren“, dann hat sich der Hypnotiseur ein Stück des Gedächtnisses
seines Opfers angeeignet. Er hat sich in dessen Geist eingenistet wie eine
Besatzungsarmee im Land der Besiegten. Und wie eine Besatzungsarmee kann er
mit Kollaborateuren im Inneren seines Opfers zusammenarbeiten, wenn er
entsprechende Teilpersönlichkeiten konstruiert.
Wird die Hypnose fachgerecht verwirklicht, dann können Außenstehende den
posthypnotischen Zustand nicht vom Normalzustand des Hypnotisanden
unterscheiden. Keine äußerlichen Anzeichen verraten, dass er „in seiner Kritik und
Willensbildung gehemmt ist.“126
Die wache Persönlichkeit jedoch weiß von all dem nichts, da sie die Amnesie nicht
durchbrechen kann, ja, oft nicht einmal ahnt, dass sie unter Gedächtnisverlust leidet.
In seiner bedeutenden Schrift über das geteilte Bewusstsein und die multiplen
Kontrollen im menschlichen Denken und Handeln untersuchte der amerikanische
Psychologe Ernest R. Hilgard die psychischen Mechanismen der hypnotischen
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Amnesie. Besonders beeindruckend sei die Macht der Worte. Durch Suggestionen
könne der Zugang zu einer Erinnerung versperrt und wieder geöffnet werden.
In einem Experiment Hilgards mussten die Versuchspersonen zunächst eine Liste
mit Wörtern lernen. Der hypnotische Befehl zum Vergessen wurde gegeben,
nachdem die Liste vollständig auswendig gelernt worden war. Matt, einer der
Versuchspersonen beschreibt seine Erfahrungen wie folgt: „Ich war nicht sicher,
dass ich die Wörter vergessen würde, nachdem er (der Hypnotiseur) mir gesagt
hatte, dass ich sie vergessen solle. Gleich danach versuchte ich, mich an sie zu
erinnern, aber ich konnte es nicht. Ich kam bis zum ersten oder den ersten beiden
Wörtern, aber nicht weiter. Später konnte ich mich auch an diese nicht mehr
erinnern... Du weißt, dass sie da sind, du kannst fühlen, dass sie da sind, doch es
fühlt sich wie leerer Raum an. Du bekommst sie nicht zu fassen.“ Und der
Hypnotiseur der Versuchsperson sagte, dass er sich jetzt wieder erinnern könne,
sagte Matt: „Es war für mich keine plötzliche Erleuchtung. Ich musste nur versuchen,
mich zu erinnern. Diesmal konnte ich mich erinnern.“127
Man hat das Gefühl, hier würde eine magische Handlung vollzogen, eine
Verzauberung durch eine Zauberformel. Vielleicht wird die Hypnose ja auf einer sehr
tiefen, kindliche gebliebenen Ebene unseres Unbewussten auch als Verzauberung
erlebt. Es ist jedenfalls eine Tatsache, dass Kinder in einem Lebensalter, in dem sie
noch an Märchen, Zauberer, Hexen und gute Feen glauben, besonders einfach zu
hypnotisieren sind.128
Mitunter scheinen die Versuchspersonen eine selektive Unaufmerksamkeit für die
gelernten Wörter selbst zu produzieren. Sie fühlen sich aber nicht selbst für diese
Produktion verantwortlich, sondern folgen dem Willen des Hypnotiseurs, den sie als
ihren eigenen akzeptiert haben. Mary sagt: „Plötzlich schien es, als sei ein Schatten
zwischen mir und den Wörtern gemalt worden... Es war ein seltsames Gefühl, weil
du wusstest, dass etwas geschehen war, aber du fühltest dich dumm, weil du es
nicht sagen konntest. Du wusstest nur, dass er (der Hypnotiseur) gesagt hatte, dass
du dich an seiner Worte nicht mehr erinnern könntest... Egal, wie sehr du dich auch
angestrengt hast, du konntest dich nicht mehr erinnern.“ Nachdem ihr der
Hypnotiseur gesagt hatte, dass sie sich nun wieder erinnern könne, habe sich „die
Leinwand langsam aufgerollt“. „Die Wörter kamen wieder, eins nach dem
anderen.“129
Manchmal werden die Erinnerungen auch durch bildhafte Vorstellungen verdrängt,
als handele es sich materielle Gegenstände, die durch andere Gegenstände zur
Seite gedrückt bzw. aus dem Bewusstseinsfeld geschoben werden können. Der
Hypnotiseur kann derartige Vorstellungen auch suggerieren, um die Amnesie
abzusichern.
Angstsuggestionen sind eine weitere, sehr effektive Methode zur Verfestigung der
posthypnotischen Amnesie. Der kriminelle Hypnotiseur Walter suggerierte z. B.
seinem Opfer Frau E., dass sie für ihr ganzes, weiteres Leben heftige Kopfweh
bekäme, wenn sie sich an diese oder jene Tatsache zu erinnern versuche.130
In seinem Buch „Die Zukunft des menschlichen Geistes“ gibt George H. Estabrooks
ein Beispiel für den militärischen Nutzen der hypnotischen Amnesie: Jede Armee
läuft Gefahr, dass ihre Kuriere militärische Geheimnisse preisgeben. Ihre Zunge kann
durch Drogen und Alkohol, schöne, verführerische Frauen, Geld oder Gewalt und
Folter gelöst werden. Pflanzt man ihm die geheime Botschaft jedoch
© Hans Ulrich Gresch 2003
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im Zustand der Hypnose ein und „versiegelt“ ihn mit der Suggestion, dass niemand
anderes ihn hypnotisieren könne, dass er die Nachricht nach dem Aufwachen aus
der Hypnose vollständig vergessen habe und dass er sich an sie erst wieder erinnern
könne, wenn er ein bestimmtes Code-Wort höre, dann ist es für den Feind
vollkommen unmöglich, dem Kurier sein Wissen zu entlocken, da es tief in dessen
Unbewusstes eingegraben ist.131
Für die Psychiater des CIA-Projekts Artichoke war die Amnesie geradezu ein
Gradmesser des Erfolgs der Gehirnwäsche. In einem Memorandum über ein
Experiment mit einem Lügendetektor in Kombination mit Narko-Hypnose (durch
Drogen induzierte und verstärkte Hypnose) aus dem Jahr 1952 heißt es: „Während
der Operation werden Tests eingesetzt, um die Amnesie aller Versuchspersonen zu
messen. Im allgemeinen, von einem Artischocke-Standpunkt aus betrachtet: Je
größer die produzierte Amnesie ist, desto effektiver und befriedigender sind die
Resultate.“132
In der Bewusstseinskontrolle durch Persönlichkeitsspaltung ist die Erzeugung
künstlicher Amnesien u. a. unerlässlich, um
eine Integration der künstlich erzeugten Persönlichkeitsfragmente
(Pseudopersönlichkeiten, Alters) zu verhindern
die Effektivität der Programmierung (posthypnotische Befehle)
sicherzustellen und
dem Verrat von Geheimnissen vorzubeugen.
Die Hypnose ist zwar nicht die einzige Methode, Amnesien zu erzeugen, aber sie ist
die wichtigste. Mit keiner anderen Methode ist es möglich, einzelne
Informationseinheiten gezielt auszuwählen, um sie einer Amnesie zu unterwerfen.
© Hans Ulrich Gresch 2003
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Die Einpflanzung falscher Erinnerungen, fremder Überzeugungen
und künstlicher Komplexe
Neben der Erzeugung künstlicher Amnesien ist das Einpflanzen falscher
Erinnerungen und fremder Überzeugungen ein wesentliches Element der
Bewusstseinskontrolle durch Hypnose. CIA-Psychiater beherrschten derartige
Techniken bereits Anfang der fünfziger Jahre. Der Nutzen für die geheimdienstliche
Arbeit ist offenkundig. Das Einpflanzen falscher Erinnerungen ist in vielen Fällen die
notwendige Ergänzung zur künstlichen Amnesie, da durch die Gedächtnisbarriere ja
ein „Loch“ in der Biographie entsteht, das, für den Betroffenen und sein Umfeld
plausibel, gefüllt werden muss. Die Bereitschaft zur Verwirklichung „programmierter“
Aktionen wird natürlich gefördert, wenn das Opfer mit den entsprechenden
Überzeugungen ausgestattet wurde.
Der Psychiater Colin Ross, der die Gehirnwäsche-Projekte der CIA erforschte, fand
ein Dokument, in dem das entsprechende Verfahren beschrieben wurde: Zunächst
wurde der Gefangene konventionell verhört. Dann erhielt er etwas Whiskey. Danach
wurde er durch eine Droge in Schlaf versetzt. Am folgenden Tag wurde er mit einem
Lügendetektor getestet und unter Drogen erneut verhört. Danach wurden falsche
Erinnerungen mit in drei Phasen erzeugt: "Eine falsche Erinnerung wurde in den
Geist der Versuchsperson eingepflanzt, ohne dass diese bewusste Kontrolle über
den Prozess besaß. Dies dauerte 15 bis 20 Minuten. Das Verfahren wurde
wiederholt; diesmal dauerte es 40 bis 45 Minuten. Das Verfahren wurde noch einmal
mit hinzugefügtem Verhör wiederholt."133
In diesem CIA-Dokument134 werden die falschen Erinnerungen („phantasies“)
anscheinend zwar beschrieben, die entsprechenden Stellen sind jedoch geschwärzt.
Die CIA-Psychiater schätzten die Ergebnisse dieses Experiments als erfolgreich ein:
"Die Versuchsperson hatte zwar keine spezifische Amnesie für die ARTICHOKE135-
Behandlung, dennoch war sie vollständig verwirrt und ihre Erinnerung war vage und
fehlerhaft".136 Um die Verwirrung und Vagheit zu intensivieren, wurde der
Versuchsperson suggeriert, so habe die Vorgänge nur geträumt.
Ein Beispiel für die Einpflanzung fremder Überzeugungen beschreibt der Psychiater
Herbert Spiegel: Einer höchstgradig hypnotisierbaren Versuchsperson wurde in
einem tiefen Trancezustand suggeriert, es gäbe eine kommunistische Verschwörung
zur Übernahme der Fernseh-Netzwerke. Diese Überzeugung stand in klarem
Widerspruch zu den eigenen politischen Überzeugungen des Hypnotisanden. Doch
nach dem Aufwachen aus der Hypnose verteidigte er vehement diesen hypnotisch
eingepflanzten Standpunkt in einem gefilmten Interview mit dem Fernsehnachrichten-
Kommentator Frank McGee. Die Versuchsperson ging soweit, Namen und Daten zu
erfinden und begann schließlich sogar, McGee zu verdächtigen, selbst ein
kommunistischer Verschwörer zu sein. Monate später wurde dem Hypnotisanden die
Aufzeichnung des Interviews gezeigt. Er war angesichts seines Verhaltens völlig
überrascht und wie vor den Kopf gestoßen, denn er hatte eine vollständige Amnesie
für die gesamte aufgezeichnete Episode entwickelt.137
Man kann mit den Mittel der Hypnose nicht nur Amnesien erzeugen und fremde
Überzeugungen einpflanzen, sondern auch Neurosen hervorrufen. Zu diesem Zweck
wird der Hypnotisand dressiert, sog. Künstliche Komplexe zu akzeptieren. „Diese
Komplexe“, schreibt legendäre Hypnotiseur Milton H. Erickson, „sind frei erfundene
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Geschichten emotionaler Natur. Sie werden der Versuchsperson erzählt, während
sie sich in einem tiefen Trancezustand befindet.“138
Die Geschichte kann z. B. ein fingiertes peinliches Fehlverhalten des Hypnotisanden
beinhalten und entsprechend Schuldgefühle auslösen. In einer umfassenden
Einzelfallstudie aus dem Jahr 1935 gibt Erickson eine detaillierte Beschreibung
seines experimentellen Vorgehens: Nachdem Erickson einem Hypnotisanden einen
künstlichen Komplex (ein peinliches Verhalten, das Scham und Schuldgefühle
auslöste) eingepflanzt hatte, schloss er die Sitzung mit folgenden Worten: „Ich habe
Ihnen soeben eine neuere Erfahrung von Ihnen berichtet, und während ich diese
rekapitulierte, haben Sie diese Geschichte in allen Details wiedererlebt, und Ihnen
war die ganze Zeit bewusst, dass ich ihnen eine ziemlich genaue Schilderung der
Situation gegeben habe, dass ich Ihnen den Kern der Geschichte vermittelt habe.
Nachdem Sie aus der Hypnose aufgewacht sind, wird die gesamte Situation in ihrem
Geist sein. Aber es wird Ihnen nicht bewusst sein, um was es sich handelt, Sie
haben nicht einmal eine Ahnung, was es gewesen sein könnte. Aber die Geschichte
wird sie besorgt machen und Ihre Äußerungen und Ihr Verhalten beherrschen.
Verstehen Sie das? Und so werden sich schlecht wegen der ganzen Angelegenheit
fühlen!“139
Der künstliche Komplex war eine erotisch gefärbte Geschichte, in deren Verlauf der
Hypnotisand angeblich aus Unachtsamkeit einen wertvollen Aschenbecher zerstörte.
Das spätere Verhalten des Hypnotisanden ließ erkennen, dass er den artifiziellen
Komplex akzeptiert hatte. So entwickelte er eine zwanghafte Phobie gegenüber
Aschenbechern. Trotz intensiver Befragung konnte er sich weder an die Tatsache
der Hypnose, noch an die Inhalte der hypnotischen Sitzung erinnern. Der
Hypnotisand wurde erneut hypnotisiert. Er erhielt den Befehl, nach dem Aufwachen
aus der Hypnose den gesamten Vorgang wieder zu erinnern. Danach wurde er in ein
Gespräch verwickelt. Dabei erzählte er den künstlichen Komplex so, als sei ihm die
Geschichte tatsächlich wiederfahren. Doch dann war er plötzlich verdutzt, zeigte
intensive Erregung... schließlich lächelte er aber mit deutlichen Anzeichen der
Erleichterung und sagte: „Nun, das war auch nur eine Suggestion, die Sie mir in der
hypnotischen Trance gegeben haben.“ 140
Diese Methode der Erzeugung künstlicher Neurosen wurde von dem russischen
Neurophysiologen und Psychologen in den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts
entwickelt. Auch Luria suggerierte seinen Versuchspersonen Geschichten, in denen
diese Taten begingen, die ihren moralischen Maßstäben widersprachen.
Die Amerikaner Paul E. Huston, David Shakow und Milton H. Erickson wiederholten
1934 Lurias Experimente mit vier männlichen und acht weiblichen Versuchspersonen
im Alter zwischen zwanzig und dreißig Jahren. Neun Versuchspersonen akzeptierten
den artifiziellen Komplex und verhielten sich entsprechend, indem sie auf Reizwörter,
die mit dem eingepflanzten Komplex verbunden waren, mit Erregung reagierten.141
Kulte, die Bewusstseinskontrolle durch Persönlichkeitsspaltung betreiben,
praktizieren die Technik der Erzeugung künstlicher Neurosen regelmäßig. Die
eingepflanzten Schuld- und Minderwertigkeitsgefühle sollen die Opfer daran hindern,
über ihre Erfahrungen zu sprechen, wenn hin und wieder entsprechende
Erinnerungen die amnestischen Barrieren durchbrechen. Die Scham wegen der
suggerierten „Verbrechen“ und „Unzulänglichkeiten“ motiviert die Betroffenen zu
schweigen.142 Erinnern wir uns auch daran, dass Nielsen Palle Hardrup in einem
hypnotischen Mentaltraining zu einem imaginären Muttermord anstiftete. Damit wollte
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er womöglich nicht nur die Hemmschwelle Palles gegenüber Mordtaten senken,
sondern ihm zugleich auch ein Schuldgefühl einpflanzen. Durch dieses Schuldgefühl
sollte er noch abhängiger von Nielsen werden, dessen Ideologie den Muttermord
rechtfertigte.
Menschen, die mit den Methoden der Bewusstseinskontrolle durch
Persönlichkeitsspaltung in künstliche Multiple Persönlichkeiten verwandelt wurden,
leiden häufig unter falschen Erinnerungen, die ihnen von den Tätern eingepflanzt
wurden. Eine wesentliche Funktion dieser falschen Erinnerungen besteht darin, die
Opfer in den Augen ihrer Umwelt unglaubwürdig zu machen. Kritiker des Konzepts
der Multiplen Persönlichkeitsstörung haben nachweisliche Erinnerungsfehler
angeblich Betroffener zum Anlass genommen, dieses Krankheitsbild überhaupt in
Frage zu stellen.
Ihre Argumentation: Die Anhänger dieses Konzepts behaupten, die Multiple
Persönlichkeitsstörung beruhe auf schwerer Traumatisierung in der Kindheit. Nun
stellt sich heraus, dass angeblich Betroffene sich an schreckliche Dinge erinnern, die
in Wirklichkeit gar nicht stattgefunden haben. Diese falschen Erinnerungen wurden
also den angeblich Betroffenen von ihren Therapeuten nur suggeriert, ebenso wie
die zu den erfundenen Misshandlungen passenden Symptome.
Diese Skeptiker kommen nicht auf den Gedanken, dass manche der Erinnerungen
Betroffener wirklich falsch sein mögen und suggeriert – aber nicht von den
Menschen, die den Opfern helfen wollen, sondern von den Tätern. Der „Tatort“ der
Bewusstseinskontrolle durch Persönlichkeitsspaltung ist die Psyche des Opfers.
Kluge Täter verwischen ihre Spuren. Bewusstseinskontrolleure verwischen ihre
Spuren auch in der Psyche ihrer Opfer.
Eine weitere Vertiefung des Verständnisses der Bewusstseinskontrolle ist angesichts
dieser verwickelten Sachverhalte nur möglich, wenn wir uns zunächst mit dem
Wesen der Multiplen Persönlichkeitsstörung auseinandersetzen.
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Teil 2: Multiple Persönlichkeit
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Bewusstseinsströme. Bewusstseinskontrolle und Multiple
Persönlichkeitsstörung
Wir werden uns im Verlauf dieses Buchs noch ausführlich mit der Spaltung von
Bewusstseinsströmen (in der Fachsprache: Dissoziation) auseinandersetzen. Zum
besseren Verständnis der folgenden Einführung in den Problemkreis möchte ich
folgende, knappe Definition der Dissoziation vorausschicken:
Von einer Dissoziation sprechen wir, wenn
1. in einem Individuum gleichzeitig mindestens zwei kognitive Prozesse
ablaufen,
2. von denen einer mit bewusster Beteiligung stattfindet,
3. während der/die andere(n) sich automatisch und nicht willentlich gesteuert
vollzieh(t)en.143
Dieses mentale Phänomen ist die Basis der Multiplen Persönlichkeitsstörung im
allgemeinen und der Bewusstseinskontrolle durch Persönlichkeitsspaltung im
besonderen.
Ein „Bewusstseinskontrolleur“ versucht, die Persönlichkeit seines Opfers in
mindestens zwei Teile zu spalten, nämlich in einen Sklaven, der ihm hörig ist und der
„auf Knopfdruck“ sein Befehle ausführt, und in eine Frontpersönlichkeit, die im Alltag
in Erscheinung tritt und eine Fassade der Normalität aufrecht erhält. Die
Frontpersönlichkeit weiß entweder nicht, dass der Sklave existiert, oder sie ist nicht
in der Lage, die Spaltung in Frage zu stellen oder gar zu überwinden.
Bewusstseinskontrolle durch Persönlichkeitsspaltung ist im Grunde also nichts
anderes als die absichtliche, künstliche Erzeugung einer Multiplen
Persönlichkeitsstörung oder die Instrumentalisierung einer bereits bestehenden
Multiplen Persönlichkeitsstörung zum Zweck der mentalen Versklavung.
Die künstliche, also absichtliche, sorgfältig geplante und systematisch realisierte
Produktion oder Nutzung einer Multiplen Persönlichkeitsstörung zur
Bewusstseinskontrolle ist in der Regel, neben den beschriebenen Mitteln der
Hypnose, zusätzlich auf weitere Verfahren und Hilfsmittel angewiesen. Diese werde
ich in späteren Abschnitten dieses Buchs beschreiben.
Eine Multiple Persönlichkeitsstörung entwickelt sich unter natürlichen Bedingungen
durch eine massive psychische Traumatisierung in früher Kindheit. Die
Traumatisierung ist meist die Folge sexuellen Missbrauchs und / oder körperlicher
Misshandlung und / oder emotionaler Vernachlässigung. Allerdings entsteht nicht bei
allen schwer traumatisierten Menschen eine multiple Persönlichkeitsstörung. Manche
Menschen überstehen psychische Traumata folgenlos, andere leiden unter einer
sog. Posttraumatischen Belastungsstörung. Sie haben Schwierigkeiten, ein- und
durchzuschlafen, sind reizbar und neigen zu Wutausbrüchen, haben
Konzentrationsschwierigkeiten, sind übermäßig wachsam und tendieren zu
unangemessenen Schreckreaktionen. Aber sie sind trotz ihrer schweren
Traumatisierung nicht multipel.
Das Trauma allein reicht also zur Erklärung der Entstehung einer Multiplen
Persönlichkeit nicht aus. Aus meiner Sicht spaltet sich die Persönlichkeit eines
traumatisierten Menschen nicht im Augenblick des Traumas, sondern erst durch
einen Lernprozess, der sich an die Traumatisierung anschließt. Die Basis und der
Ausgangspunkt dieses Lernprozesses ist die Dissoziation, die Spaltung des
Bewusstseins, die im Augenblick der Traumatisierung erfolgt.
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Wird der folgende Lernprozess von außen systematisch und zielgerichtet gesteuert,
sprechen wir von Bewusstseinskontrolle durch Persönlichkeitsspaltung. Doch auch
ohne absichtliche Steuerung können Reaktionen der Umwelt die Bildung einer
gespaltenen Persönlichkeit verstärken. Mit entsprechenden Reaktionen der Umwelt
ist vor allem dann zu rechnen, wenn die Entwicklung einer Multiplen
Persönlichkeitsstörung im Interesse von Bezugspersonen des Kindes liegt.
Ein stark vereinfachtes Beispiel: Ein Bewusstseinskontrolleur erzeugt eine in zwei
Teilpersönlichkeiten (A, B) gespaltene kindliche Persönlichkeit. Eine dieser
Teilpersönlichkeiten (A) richtet er zu einem Ladendieb ab. Das Kind stiehlt, sobald es
mit einem entsprechenden Auslöser (z. B. eine Parole) konfrontiert wird. B ist die
Normalpersönlichkeit. Sie weiß nicht, dass sie einer Bewusstseinskontrolle
unterzogen wurde und dass A existiert. Der Bewusstseinskontrolleur trennt die
beiden Persönlichkeiten durch eine künstliche Amnesie. Das multiple
Persönlichkeitssystem wird dressiert, sie automatisch von A in B zu verwandeln,
wenn der Ladendieb beim Stehlen ertappt wird. Es wäre unter diesen Umständen B
nicht möglich, den Bewusstseinskontrolleur als Anstifter zur Tat zu verraten.
Hier sind also zwei kognitive Prozesse aktiv, nämlich (1) die bewusste Aktivität von A
bzw. B und (2) eine automatische Steuerung, die das Kind in den Ladendieb A
verwandelt bzw. in die Normalpersönlichkeit (B) zurück verwandelt. Die
automatische Steuerung reagiert ausschließlich auf bestimmte, vorher festgelegte
Reize, z. B. die Parole oder den Ladendetektiv.
Um die Methoden und psychischen Mechanismen der Bewusstseinskontrolle durch
Persönlichkeitsspaltung nachvollziehen zu können, müssen wir uns also zunächst
dem Wesen der Multiplen Persönlichkeitsstörung zuwenden. Denn die
Bewusstseinskontrolle durch Persönlichkeitsspaltung besteht darin, die Ursachen
einer natürlichen Persönlichkeitsstörung nachzuahmen, soweit wie unter den jeweils
gegebenen Bedingungen möglich ist. Es kann als sicher gelten, dass die Erfinder der
Bewusstseinskontrolle durch die Beobachtung „natürlich“ entstandener multipler
Persönlichkeiten und ihrer Symptome inspiriert wurden. Wie ich bereits in der
Einleitung hervorhob, waren die Methoden der Bewusstseinskontrolle durch
Persönlichkeitsspaltung vermutlich bereits in der Antike bekannt. Da ich mich in
dieser Schrift mit den modernen Formen der Bewusstseinskontrolle
auseinandersetze, möchte ich auch die Wurzeln der „natürlichen“ Multiplen
Persönlichkeitsstörung nicht bis in die Frühzeit der menschlichen Geschichte
zurückverfolgen, sondern mich auf das späte 19. und frühe 20. Jahrhundert
konzentrieren.
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Pierre Janet und der wandernde Uterus. Zur Geschichte der
Multiplen Persönlichkeitsstörung
Die Hysterie galt während des gesamten 19. Jahrhunderts als spezifisch weibliche
Krankheit. Die Betroffenen litten unter Störungen, die scheinbar gar keine
organischen Krankheiten waren, sondern diese nur nachahmten. Zu den Symptomen
zählten z. B. Lähmungen, Krämpfe und Wahrnehmungsstörungen.
Im 19. Jahrhundert lösten sich die Ärzte schrittweise von der antiken Vorstellung,
dass diese Krankheit auf eine Störung des Uterus zurückzuführen sei, der sich
verselbständigt habe und nun wie ein Tier im Innern des weiblichen Organismus
wüte. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts setzte sich die Auffassung durch, die Hysterie
sei eine Erkrankung des Gehirns. Sie wurde also nach wie vor als Erkrankung des
Körpers verstanden, die der weiblichen Subjektivität äußerlich war. Im letzten Viertel
dieses Jahrhunderts vollzog sich jedoch eine weitere Wende in der ärztlichen
Einstellung gegenüber der Hysterie. Diese wurde nunmehr als Ausdruck einer
Spaltung des Ichs begriffen.144
Ein Pionier dieser neuen Sichtweise war Pierre Janet. Nach seinem Examen an der
„école normale supérieure“ 1882 in Paris wurde Janet mit gerade 22 Jahren an
einem Mädchengymnasium, dem Lycée in Le Havre Lehrer für das Fach Philosophie.
Seine Leidenschaft allerdings galt seit frühester Jugend der Psychologie. Besonders
interessierte er sich für die mysteriösen Aspekte des menschlichen Seelenlebens.
Und so entschloss er sich, seine psychologischen und medizinischen Studien auch in
Le Havre fortzusetzen. Er erwog eine medizinische Doktorarbeit über Halluzinationen
und die Mechanismen der Wahrnehmung.
Janet fragte einen bekannten Mediziner in Le Havre, Dr. J. H. A. Gilbert, ob er nicht
einen Patienten habe, der unter Halluzinationen leide. Gilbert verneinte dies. Statt
dessen könne er ihm allerdings einen Fall zeigen, der psychologisch viel ergiebiger
sei. Er eigne sich daher auch wesentlich besser für eine Dissertation. Es handelte
sich dabei um eine Hysterikerin namens Léonie. Diese Frau habe hellseherische
Fähigkeiten und könne sogar aus der Ferne hypnotisiert werden. Janet war sofort
Feuer und Flamme. Léonie war, so erinnerte er sich viele Jahre später in einer
autobiographischen Skizze, ein Gottesgeschenk für einen jungen, 22jährigen
Psychologen, der sich von allen okkulten Erscheinungen magisch angezogen
fühlte.145
Pierre Janet begann, mit Léonie zu experimentierten und konnte sogleich auch einen
erstaunlichen Erfolg verzeichnen. Er versuchte, Léonie aus einer Entfernung von
einem Kilometer allein durch eine „Mentalsuggestion“ in Hypnose zu versetzen. In 16
von 20 Fällen versank Léonie genau zu dem Zeitpunkt in tiefe Trance, als Janet aus
der Ferne zu hypnotisieren versuchte. Trotz dieser eindrucksvollen Trefferquote
bleibt offen, ob es sich hier tatsächlich um einen paranormalen Vorgang handelte.
Janets Experimente entsprachen jedenfalls nicht den methodischen Anforderungen,
die heute in der parapsychologischen Forschung gestellt werden.146
Léonie war eine Frau in mittleren Jahren, als ihr der junge Wissenschaftler Janet zum
erstenmal begegnete. Sie war seit ihrem dritten Lebensjahr Schlafwandlerin. Seit
ihrer Jugend hatten sie mehrere Ärzte wiederholt hypnotisiert.147 Als Janet mit ihr zu
arbeiten begann, war sie also keineswegs eine naive Versuchsperson. Dies bedeutet
natürlich nicht zwangsläufig, dass die Phänomene, die in ihren Trance-Zuständen
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auftraten, das Ergebnis oder Produkt einer hypnotischen Dressur waren. Dies lässt
sich aber auch nicht ausschließen.
Janet demonstrierte in seinen Experimenten148, dass Léonie entweder aus drei
Persönlichkeiten bestand – oder dass diese drei Persönlichkeiten zumindest durch
Hypnose hervorgerufen werden konnten. Léonie verhielt sich so, als ob drei
voneinander unabhängige Persönlichkeiten unter ihrer Schädeldecke existierten.
Die Teil- oder Fragmentpersönlichkeiten einer Multiplen Persönlichkeit werden in der
englischsprachigen wissenschaftlichen Literatur in der Regel „Alter Personalities“
bezeichnet. Man sollte diese Alternativpersönlichkeiten nicht mit unterschiedlichen
Menschen gleichsetzen. Ihr Verhalten erweckt nur mitunter den Eindruck, als ob
verschiedene Menschen unter einer Schädeldecke wohnen würden. Der
Psychoanalytiker Frank W. Putnam hat folgende klare und einfache Definition
vorgeschlagen, die ich für dieses Buch übernehmen möchte: „Alter Personalities“
sind fundamentale und diskrete Einheiten des Bewusstseins. Putnam nennt diese
Einheiten „Behavioral States“. Darunter versteht er spezifische Muster
psychologischer und physiologischer Variablen. Diese Variablen treten wiederholt
gemeinsam auf. Oft ist das Erscheinen dieser Muster höchstgradig vorhersagbar.
Zudem sind sie für einen gewissen Zeitraum relativ stabil. Zu den Variablen, die
„Behavioral States“ charakterisieren, zählen Affekte, Erregung und Energie-Niveaus,
motorische Aktivität, Haltung, die Art zu sprechen und zu denken, der Zugang zum
Gedächtnis und das Selbstgefühl.149
Léonie und Janet unterschieden Léonies Alternativpersönlichkeiten durch Zahlen,
nämlich „Leonie 1“, „Leonie 2“ und „Leonie 3“. Nur jeweils eine dieser drei Léonies
war dominant und kontrollierte den Körper.
„Léonie 1“ war eine ziemlich schwerfällige, bäuerliche Frau vom Lande. Sie
entsprach Leonie in ihrem wachen Normalzustand. Unter dem Einfluss der Hypnose
verwandelte sie sich in „Léonie 2“, eine viel lebendigere Frau, die auch wesentlich
schwerer zu beeinflussen war. „Léonie 2“ wusste zwar, dass „Léonie 1“ existierte,
lehnte es aber ab, sich mit dieser zu identifizieren. Hypnotisierte Janet nun „Léonie
2“, so trat „Léonie 3“ hervor. „Léonie 3“ konnte sich an alles erinnern, was „Léonie 1“
und „Léonie 2“ erlebt und getan hatten; ihre eigenen Erinnerungen wurden aber nicht
von diesen beiden geteilt. Wenn „Léonie 1“ aktiv war, konnte Janet „Leonie 2“
hervorrufen und ihr Aufträge erteilen. „Leonie 2“ führte diese Aufträge aus, ohne dass
„Léonie 1“ etwas davon bemerkte. War „Leonie 3“ aktiv, so konnte Janet ihr Befehle
erteilen, die und deren Ausführung „Léonie 2“ nicht bewusst wurden. Mitunter fühlte
sich „Leonie 3“ für halluzinierte Stimmen verantwortlich, die „Leonie 2“ gehört
hatte.150
Der Fall „Léonie“ weist u. a. vier Besonderheiten auf, die sich auch in ähnlich
gelagerten Fällen finden und die für das Verständnis des zentralen Themas dieses
Buchs richtungsweisend sind:
1. Léonie ist keine einheitliche Persönlichkeit. Sie ist vielmehr in mehrere
Teile gespalten. Diese Teile werden von anderen so erlebt, als ob sie
reale, voneinander unabhängige Persönlichkeiten seien (die allerdings
denselben Körper bewohnen).
2. Die Teile existieren zwar in demselben Körper und sind demgemäß auch
mit demselben Gehirn, demselben Nervensystem verbunden; sie verfügen
aber nicht über dieselbe Basis des Wissens und der Erinnerung. Nur ein
Teil des Wissens und Gedächtnisses steht allen Persönlichkeitsteilen zur
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Verfügung. Auf andere Bereiche kann nur ein Teil der
Alternativpersönlichkeiten zugreifen.
3. Es ist Außenstehenden möglich, einzelne Teile gezielt hervorzurufen und
ihnen Aufträge zu erteilen. Die anderen Teile können sich später dann u.
U. weder an den Befehl, noch an die Verwirklichung des entsprechenden
Auftrags erinnern. Die Unfähigkeit eines Teils, sich an die Aktivität der
anderen Teile zu erinnern, beruht nicht auf einem passiven Vorgang des
Vergessens oder auf selektiver Wahrnehmung. Sie wird offenbar durch
einen aktiven, kreativen, wenngleich unbewussten Prozess des
Umdeutens hervorgerufen, der sogar mit Halluzinationen verbunden sein
kann.151 Als „Léonie 3“ z. B. einmal einen Brief schrieb, glaubte „Léonie 1“,
sie stricke.
4. Die gespaltene Persönlichkeit besitzt scheinbar magische bzw.
paranormale Fähigkeiten.
Janet demonstrierte diesen Sachverhalt besonders eindrucksvoll mit einer anderen
Versuchsperson, Lucie.152 In der Hypnose arbeitete er mit zwei ihrer
Teilpersönlichkeiten bzw. Bewusstseinen. Er suggerierte der dominanten
Teilpersönlichkeit, sie könne nur Zahlen sehen, die kein Vielfaches von 3 seien.
Dann weckte er sie auf und befragte sie über die Zahlen auf den Karten, die er auf
ihren Schoß gelegt hatte. In der Tat: Lucie war blind für die Zahlen 3, 6, 12 usw. Nun
nahm Janet hypnotisch Kontakt mit der inaktiven, unbewussten Teilpersönlichkeit auf
und befahl ihr, die Zahlen der Karten auf ein Blatt Papier zu notieren. Man nennt
diesen Prozess „automatisches Schreiben“. Dabei steuert das unbewusste Selbst die
schreibende Hand, während die bewusste Teilpersönlichkeit sich anderen Dingen
widmet und den Schreibvorgang völlig ignoriert. Lucies unbewusstes Selbst notierte
nur Zahlen, die ein Vielfaches von 3 waren. Bezüglich bestimmter Objekte, nämlich
der nummerierten Zahlen, verhielten sich die beiden „Bewusstseine“ Lucies also
komplementär.
Janet erklärte diese Phänomene durch eine starke Einschränkung des
Bewusstseinsfeldes bei den Hysterikerinnen. Diese Einschränkung sei die Folge
einer extremen Erschöpfung des Gehirns. Daher könne das aktive Bewusstseinsfeld
der Hysterikerin nur eine eng begrenzte Zahl von Vorstellungen und Empfindungen
enthalten. Die ausgeschlossenen Vorstellungen und Empfindungen existieren jedoch
weiter und beeinflussen das Verhalten. Für die Erschöpfung des Gehirns, so glaubt
Janet, seien in erster Linie konstitutionelle, also angeborene Faktoren verantwortlich.
Doch häufig würde die Erkrankung bei entsprechend veranlagten Menschen durch
stark emotionalisierende, stressauslösende Umstände hervorgerufen.153
Der bedeutende amerikanische Denker William James, ein Zeitgenosse Pierre
Janets, unterzog dessen Experimente und verwandte Forschungen einer
grundlegenden philosophischen und psychologischen Analyse und bestätigte
weitgehend dessen Befunde.154
Janet hatte zur Jahrhundertwende einen außerordentlichen Einfluss nicht nur auf
Psychologie, Psychiatrie und Philosophie, sondern auf das Geistesleben insgesamt.
„Nur wenige wissen z. B.“, betont der Historiker Henry F. Ellenberger in seiner Schrift
über die Geschichte der Dynamischen Psychiatrie, „dass das Wort ‚unterbewusst’
von Janet geprägt worden ist.“155 Sein Einfluss sollte dann aber zunehmend, und
sehr zum Schaden der wissenschaftlichen Entwicklung, durch die Theorien Freuds
zurückgedrängt werden.
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Die Erkenntnisse Janets aus dem 19. Jahrhundert entsprechen auch heute noch
dem Stand der wissenschaftlichen Forschung: Pathologische
Bewusstseinsspaltungen (Dissoziative Störungen) werden u. a. durch psychische
Traumata erzeugt, wobei sich die Menschen hinsichtlich ihrer Bereitschaft und
Fähigkeit zur Dissoziation voneinander unterscheiden – und diese Unterschiede sind
genetisch mitbedingt. Selbstverständlich führt nicht jedes Trauma zu einer
Dissoziation mit Krankheitswert – und auch ein schweres Trauma, das den
Betroffenen psychisch schädigt, muss nicht zwangsläufig eine Dissoziative Störung
hervorrufen. Die längerfristigen Auswirkungen einer seelischen Verletzung
entstehen, wie bereits erwähnt, in einem Lernprozess, der auf das Trauma folgt. Es
hängt von den Faktoren, die diesen Lernprozess steuern, ab, ob und wenn ja, welche
Form einer psychischen Erkrankung sich als Konsequenz der traumatischen
Erfahrung entwickelt.
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Seismographisch begabte Zeitgenossen. Der Streit um die Existenz
der Multiplen Persönlichkeitsstörung
Die Multiple Persönlichkeitsstörung (MPS), die vor einigen Jahren in „Dissoziative
Identitätsstörung“ umgetauft wurde, wird in den international gebräuchlichen
Systemen zur Klassifizierung von Krankheiten allgemein (ICD-10) bzw.
psychiatrischer Krankheiten (DSM-4) ausführlich beschrieben; es handelt sich also
um eine „offiziell“ anerkannte Krankheit. Dennoch wird die Existenz dieser Störung
immer noch von einer großen Zahl von Fachleuten bestritten. Die Diagnose einer
Multiplen Persönlichkeitsstörung sei stets das Resultat hypnotischer Suggestionen
und unzulänglicher Befragungstechniken; die „Störung“ sei also „iatrogen“, von
Ärzten produziert.156
Das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ zitiert z. B. den namhaften deutschen
Sozialpsychiater Klaus Dörner mit den Worten: „Das wächst, blüht und gedeiht in der
Therapeutenszene. Die Multiple Persönlichkeitsstörung gibt es überhaupt nicht.“ Die
angeblich Erkrankten sind nach Ansicht des Psychiaters „seismographisch begabte“
Zeitgenossen, die auf gesellschaftliche Strömungen hochsensibel reagieren. „Derlei“,
vertraute Dörner dem „Spiegel“ an, „entsteht nicht ohne entsprechende
Aufmerksamkeit von außen, die schmecken nach Zeitgeist.“157
Es ist verblüffend, dass der belesene Buchautor Dörner die Geschichte seines
eigenen Fachs nicht kennt. War doch die Multiple Persönlichkeitsstörung - wie
bereits beschrieben - ein zentrales Thema der Psychiatrie des späten 19.
Jahrhunderts: eine merkwürdige Vergangenheit bei einem „Zeitgeistphänomen“. Die
bedeutende medizinische Datenbank „Medline“ verzeichnet seit 1970 rund 680
wissenschaftliche Publikationen zum Thema „Multiple Persönlichkeitsstörung“ bzw.
Dissoziative Identitätsstörung“. Dabei handelt es sich ausschließlich, dem
Qualitätsstandard von Medline entsprechend, um Veröffentlichungen in seriösen
Fachzeitschriften. Ein „Zeitgeistphänomen“?
Wie auch immer. Dörners Skepsis teilen die meisten deutschen und auch sehr viele
amerikanische Psychiater. „Die multiple Persönlichkeit ist zur umstrittensten
Diagnoseart in der Psychiatrie geworden“, schreibt der amerikanische Philosoph Ian
Hacking in seiner Schrift: „Multiple Persönlichkeit. Zur Geschichte der Seele in der
Moderne.“158 Aus seiner Sicht ist das Selbstverständnis einer multiplen Persönlichkeit
„falsches Bewusstsein“. Der sich selbst als multiple Persönlichkeit begreifende
Mensch sei keine Person mit Selbsterkenntnis, sondern „umso schlimmer dran, weil
sie über ein reibungslos funktionierendes Muster verfüge, das Selbsterkenntnis
simuliert.“ Die Multiplentherapie bestätige das „alte Modell der passiven Frau, die
nachträglich eine Geschichte über sich selbst erfindet, in der sie das schwache
Werkzeug war.“159
Wie soft oft, steckt auch in dieser Kritik ein wahrer Kern. Hacking begeht nur den
Fehler, eine richtige Beobachtung zu verallgemeinern. Es gibt, auch aus meiner
Sicht, in der Tat eine unechte Form der Multiplen Persönlichkeitsstörung. Diese ist
ein Selbstbild, dass die innere Zerrissenheit des betroffenen Menschen reflektiert. Es
mag sein, dass dieser Mensch den einzelnen Gefühlszuständen, die diese
Zerrissenheit reflektieren, eigene Namen gibt. Dieses Selbstbild, dass zumeist ein
Produkt von Suggestion und/oder Autosuggestion ist, sollte man allerdings nicht mit
einer echten Multiplen Persönlichkeitsstörung verwechseln. Diese zeichnet sich u. a.
dadurch aus, dass der Wechsel zwischen den Fragmentpersönlichkeiten auf
© Hans Ulrich Gresch 2003
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Automatismen, nicht auf Stimmungen beruht. Und diese Automatismen entziehen
sich der Kontrolle des Betroffenen.
In einer Analyse der einschlägigen Literatur versucht Stephanie Dallam
nachzuweisen, dass die MPS-Skeptiker nicht selten Pseudo-Wissenschaft betreiben,
die sich durch folgende Merkmale auszeichnet:
Zirkuläre Referenzen: Diese Autoren haben zwar selbst nicht zum Thema
geforscht, berufen sich aber auf andere gleichgesinnte Autoren, die sich
ebenfalls auf andere Autoren berufen. A zitiert B. C, D, E, und F berufen
sich auf A. Daraufhin zitiert A wieder B, C, D, E und F als Beweis für seine
These usw. usf.
Entwertung bisheriger Forschungen: Diese Autoren bezeichnen die
vorhandene Literatur, die ihrer Position widerspricht, als „nicht
beeindruckend“ oder „fehlerhaft“ (ohne diese Ablehnung freilich
überzeugend zu begründen).
Selektive Nichtbeachtung bisheriger Forschungen: Dies ist die
geschicktere Variante der vorherigen Methoden. Man lässt einfach jene
Studien unter den Tisch fallen, die der eigenen Position am gefährlichsten
werden.
Übertreibung und Übergeneralisierung: Einzelne Befunde aus
Forschungsgebieten, die das Problem nur am Rande oder sehr allgemein
berühren (z. B. aus der Hypnose- oder Gedächtnisforschung), werden
unverändert auf den Bereich der Multiplen Persönlichkeitsstörung
übertragen.
Emotionalisieren: Die Autoren verlassen die Ebene wissenschaftlichen
Argumentierens und versuchen, gefühlsmäßige Reaktionen zu stimulieren
(z. B. durch den Hinweis, dass die Diagnose der Multiplen
Persönlichkeitsstörung als ärztliche Fahrlässigkeit interpretiert werden
könne).
Lächerlich machen und verleumden: Fachleute, die an die Existenz der
Multiplen Persönlichkeit glauben, werden als Scharlatane, Lügner oder
auch als profilierungssüchtig verunglimpft.160
Dallam kann ihre These durch eine Reihe überzeugender Beispiele erhärten. Da
sich Dallam auf die amerikanische Kritikerszene bezieht, möchte ich ergänzend die
Stellungnahme eines anerkannten deutschen Psychiaters zitieren. In einem
Leserbrief an den Spiegel schreibt Prof. Theo R. Payk, ihm sei kein seriöser
Psychiater bekannt, „der je die Diagnose einer ‚multiplen Persönlichkeitsstörung’
ernsthaft in Erwägung gezogen hätte.“ Die „Fiktion einer solchen psychischen
Erkrankung“ materialisiere sich „im Dunst von Schauspielerei, Hysterie,
Teufelsglauben und psychotischem Erleben“. Vielleicht, so mutmaßt der Professor
vieldeutig, „gab es sogar Fälle, in denen gleichzeitig Patient und Therapeut die
Gelegenheit nutzten, sich dialogisch gegenseitig zu kurieren, natürlich unter
Wahrung der Schweigepflicht.“ Es handelte sich hier um „paratherapeutischen
Unfug“, der „offenbar an die Stelle des Exorzismus getreten“ sei.161
Es ist trotz des gebotenen Respekts vor einem deutschen Ordinarius kaum zu
übersehen, dass Payk hier in wenigen Sätzen mindestens vier der sechs Kriterien
Dallams zu erfüllen scheint.
Es wäre allerdings unfair, Skeptiker grundsätzlich als Pseudowissenschaftler zu
diffamieren. Es gibt sicher wissenschaftlich akzeptable Gründe, an der Existenz
© Hans Ulrich Gresch 2003
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multipler Persönlichkeiten zu zweifeln. Diese Gründe wurzeln aus meiner Sicht alle in
der Tatsache, dass wir nur aus dem Verhalten eines Menschen schließen können, er
sei eine multiple Persönlichkeit. Es gibt keinen Röntgenapparat, mit dem wir die
Spaltungen in der Seele sichtbar machen könnten. Doch das gilt letztlich für jede
psychische Störung. Alle brauchbaren Argumente gegen die Existenz der Multiplen
Persönlichkeitsstörung könnte man letztlich auch auf alle anderen seelischen
Krankheiten beziehen. Eine fundierte skeptische Haltung zur Multiplen
Persönlichkeitsstörung beruht mit anderen Worten auf einer Reihe von Argumenten,
die bei konsequenter Anwendung auf den gesamten Bereich der Psychodiagnostik
zu wissenschaftlich und praktisch höchst unbefriedigenden Ergebnissen führen
würde.
Sie wird z. B. gegen die Existenz der Multiplen Persönlichkeitsstörung eingewendet,
dass sich die angeblich ursächlichen schweren Traumatisierungen in der Kindheit
nicht nachweisen ließen. Dies gilt aber gleichermaßen für andere psychische
Störungen. Auch bei der Schizophrenie oder der Depression lassen sich die
mutmaßlichen Ursachen nicht zwingend beweisen. In den Medien und der
populärwissenschaftlichen Literatur wird zwar mitunter behauptet, dass ein Mangel
oder Überschuss bestimmter Botenstoffe (Neurotransmitter) im Gehirn für diese und
andere psychische Krankheiten verantwortlich seien. Bei genauerer Betrachtung des
Forschungsstandes stellt sich allerdings heraus, dass die Befunde widersprüchlich
sind. In keinem Fall kann von bewiesenen Tatsachen gesprochen werden.162
Diesen Sachverhalt macht sich ja die antipsychiatrische Bewegung zunutze, um die
Existenz psychischer Krankheiten generell zu bestreiten. Die Kritiker der Multiplen
Persönlichkeitsstörung argumentieren im Grunde wie diese Bewegung – sind dabei
aber inkonsequent, weil sie ihre Kritik nur auf ein Krankheitsbild beschränken.
Am Rande sei erwähnt, dass wir auch die „Persönlichkeit“ nur aus Verhaltensweisen
erschließen können. Es gibt keinen Röntgenapparat, mit dem wir die Persönlichkeit
in der Psyche oder dem Nervensystem eines Menschen sichtbar machen könnten.
Wir können also noch nicht einmal zwingend nachweisen, dass es so etwas wie
Persönlichkeit überhaupt gibt. Man könnte durchaus Verhaltensunterschiede
zwischen Menschen auf Unterschiede zwischen steuernden Umweltreizen
zurückführen. Wie sollte es dann möglich sein, die Existenz gespaltener
Persönlichkeiten zweifelsfrei zu belegen?
Beim gegenwärtigen Stand der Erkenntnis sollten psychiatrische Diagnosen generell
als hypothetische Konstrukte betrachtet werden. Nach MacCorquodale & Meehl sind
hypothetische Konstrukte Begriffe, deren Bedeutung nicht vollständig durch
empirisch nachgewiesene Zusammenhänge zwischen Variablen (hier: neurale
Abläufe, Verhaltensmuster) beschrieben werden kann. Diese Konstrukte haben eine
über die vorliegenden Daten hinausgehende Bedeutung. Ihr Gehalt sollte sich jedoch
im Einklang befinden mit dem Stand der jeweils relevanten wissenschaftlichen
Erkenntnis.163 Psychiatrische Diagnosen beruhen also nicht allein auf beobachteten
Tatsachen, sondern auf Hypothesen über mutmaßliche Ursachenbündel, die den
beobachteten Sachverhalten zugrunde liegen könnten. Dies gilt gleichermaßen für
die Schizophrenie, die Depression, die Multiple Persönlichkeitsstörung und alle
anderen krankheitswertigen Abweichungen von den Normen des Verhaltens und
Erlebens.
So betrachtet, wird dann auch die Frage nach der Existenz der Multiplen
Persönlichkeitsstörung sinnlos. Es gibt zweifellos Menschen mit höchst bizarren,
widersprüchlichen Verhaltensmustern, die den Anschein erwecken, als wohnten
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mehrere Persönlichkeiten unter ihrer Schädeldecke. Derartige Verhaltensmuster
kann man beobachten. Aus dieser Sicht räumt sogar der behavioristische
Verhaltensanalytiker Brady J. Phelps die Existenz der Multiplen
Persönlichkeitsstörung ein.164
Die Diagnose „Multiple Persönlichkeitsstörung“ bezieht sich jedoch nicht nur auf
direkt beobachtbare Verhaltensmuster, sondern z. B. auch auf kognitive und
emotionale Prozesse, die sich der direkten Beobachtung entziehen. Sie ist daher ein
Hypothetisches Konstrukt.
Hypothetische Konstrukte sind Elemente in geistigen Ordnungsstrukturen, die das
Ziel haben, die Fülle der Erscheinungen zu gliedern und Komplexität zu reduzieren.
Sie sollen die Kommunikation zwischen Experten untereinander sowie zwischen
Fachleuten und Laien erleichtern. Hypothetische Konstrukte sind keine Beschreibung
der Wirklichkeit. Sie bezeichnen vielmehr einen mutmaßlichen Zusammenhang von
Fakten. In diesem Sinne ist auch die Diagnose der Multiplen Persönlichkeitsstörung
der zusammenfassende Name für ein Netzwerk von
Verhaltensweisen bzw. mentalen Prozessen (z. B. Dissoziationen),
Auslösern und mutmaßlichen Ursachen der Verhaltensweisen bzw. der
mentalen Prozesse
sowie den entsprechenden Verhaltenskonsequenzen.
In diesem Sinne verwende auch ich diesen Begriff, wenn ich von
Bewusstseinskontrolle durch absichtliche Erzeugung einer Multiplen
Persönlichkeitsstörung spreche.
Psychiatrische Diagnosen sollte man aus meiner Sicht also nicht als Begriffe für reale
Sachverhalte zu betrachten, sondern als Fragen an die Wirklichkeit, die im Zuge der
Forschung oder Therapie, aber auch beispielsweise im Zusammenleben zwischen
psychisch Kranken und Angehörigen beantwortet werden können (wobei die
jeweilige Antwort dann meist neue Fragen aufwirft).
Im Rahmen eines Buchs über Bewusstseinskontrolle durch Persönlichkeitsspaltung
ist die Frage nach der Existenz der Multiplen Persönlichkeitsstörung ohnehin eine
rein akademische Frage. Der Bewusstseinskontrolleur will Menschen dressieren, sich
so zu verhalten, als ob sie gespaltene Persönlichkeiten seien. Wenn er dieses Ziel
erreicht, kann es ihm gleichgültig sein, ob seine Opfer tatsächlich gespaltene
Persönlichkeiten sind. Wenn ich im folgenden also von Multiplen Persönlichkeiten
spreche, so meine ich damit Menschen, die sich so verhalten, als ob mehrere
Persönlichkeiten unter ihrer Schädeldecke hausten. Durch die Betonung dieses „Als-
ob“ möchte ich mich bewusst der aus meiner Sicht fruchtlosen und steril
akademischen Diskussion über die Existenz oder Nicht-Existenz der sog. Multiplen
Persönlichkeits- bzw. Dissoziativen Identitätsstörung entziehen.
Wenn wir einem Menschen mit bizarr widersprüchlichen Verhaltensmustern
begegnen, sollten wir uns an unsere Fähigkeit zu staunen erinnern. Der
amerikanische Bewusstseinsforscher und Philosoph Daniel C. Dennett schreibt, es
sei für ihn erstaunlich, dass multiple Menschen die furchterregenden und
verwirrenden Ereignisse ihrer Kindheit überhaupt psychisch überlebt hätten. Dies sei
für ihn viel erstaunlicher als ihr verzweifelter Versuch, ihre Grenzen neu zu ziehen,
um sich selbst zu retten. „Sie kreieren eine Grenze, damit nicht sie den Horror erlebt
haben; der Schrecken widerfuhr entweder niemandem, oder einem anderen Selbst,
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das seine Organisationen bei einem derartigen Angriff besser aufrecht erhalten
konnte...“165
Wenn der Angreifer diese Kreation von Grenzen bewusst fördert und verstärkt,
sprechen wir von Bewusstseinskontrolle durch Persönlichkeitsspaltung.
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Diagnose und Epidemiologie
Aus meiner Sicht handelt es sich bei der Diagnose "Multiple Persönlichkeitsstörung"
bzw. "Dissoziative Identitätsstörung" – trotz mancher Bedenken – also keineswegs
um die substanzlose Laune von Psychiatern mit einer Vorliebe für das Abwegige und
Monströse. Sie ist auch im Licht der empirischen Forschung ein sinnvolles
hypothetisches Konstrukt. Diese Diagnose bezieht sich jedenfalls auf ein relativ
stabiles Muster realer Verhaltensweisen. Darauf deutet z. B. die Übereinstimmung
der Diagnose bei der Verwendung unterschiedlicher Tests durch unabhängige
Diagnostiker hin.
In seinem richtungsweisenden Werk "The Trauma Model"166 beschreibt Colin Ross
folgendes diagnostische Experiment: 210 Patienten eines allgemeinen
psychiatrischen Krankenhauses wurden mit dem "Dissociative Disorders Interview
Schedule" (DDIS) befragt. Ein zweiter Diagnostiker, der die Ergebnisse der ersten
Testreihe nicht kannte, interviewte anschließend 110 dieser Patienten nach den
Leitlinien des "Structured Clinical Interview for DSM-IV-TR Dissociative Disorders"
(SCID-D). Ross führte dann klinische diagnostische Gespräche mit 50 der
verbleibenden 110 Patienten, ebenfalls ohne Kenntnis der vorhergehenden Tests.
Sodann füllten alle 210 Patienten den Fragebogen "Dissociative Experience Scale"
(DES) aus. Ein Testteil dieses Fragebogens (DES-T) wurde schließlich benutzt, um
die Patienten in zwei Gruppen zu unterteilen: eine Gruppe mit Dissoziativer
Identitätsstörung bzw. eng verwandten Störungen und eine Gruppe ohne diese
Krankheitsbilder.
Es zeigten sich durchgängig sehr hohe Übereinstimmungen zwischen diesen
verschiedenen diagnostischen Verfahren; die höchste Korrelation fand sich zwischen
dem DDIS und dem DES-T - sie betrug 0,81. Diese Befunde sprechen dafür, dass
die Diagnose "Dissoziative Identitätsstörung" unabhängig vom Beobachter und von
der Art der Beobachtung bzw. dem Messinstrument ist.
Einige gemäßigte Skeptiker, die vorsichtig die Multiple Persönlichkeitsstörung nicht
insgesamt als nicht-existent verwerfen möchten, behaupten, es handele sich dabei
um eine überaus seltene psychische Störung. Doch dies ist keineswegs der Fall.
Zwei Studien in Kanada und in der Türkei untersuchten die „Lebenszeit-Prävalenz“
Dissoziativer Identitätsstörungen mit dem DDIS. Es handelte sich dabei um
Zufallsstichproben aus der Bevölkerung insgesamt. In Kanada wurden 454 und in der
Türkei 994 Personen getestet. In Kanada waren 3,1 % und in der Türkei 0,4 %
mindestens einmal während ihres Lebens an einer Dissoziativen Identitätsstörung
erkrankt.167 Die auf den ersten Blick verblüffende Diskrepanz zwischen den beiden
Werten ist relativ einfach zu erklären. Die bisher vorliegenden empirischen Befunde
erhärten die Hypothese, dass die Multiple Persönlichkeitsstörung bzw. Dissoziative
Identitätsstörung u. a. durch schwere Traumatisierungen während der frühen
Kindheit verursacht wird. Die Traumatisierungen erfolgen in der Regel in der Familie.
Daher sind interkulturelle Unterschiede bei der Lebenszeit-Prävalenz dieser
psychischen Erkrankung natürlich zu erwarten. Diese Daten lassen jedenfalls
erkennen, dass es sich bei der Multiplen Persönlichkeitsstörung (Dissoziativen
Identitätsstörung) keineswegs um eine seltene psychische Erkrankung handelt.
Obwohl solide Zahlen noch fehlen, halte ich es für sehr wahrscheinlich, dass die
Prävalenz in Industriestaaten zwischen den Werten der Türkei und Kanadas liegt.
Damit gehört die Multiple Persönlichkeitsstörung zu einer der häufigeren psychischen
Erkrankungen.
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Die Multiple Persönlichkeitsstörung ist ein Störungsbild aus einer Gruppe verwandter
Störungen, bei denen die Dissoziation eine entscheidende Rolle spielt. Wenn ein
Betroffener im Übermaß dissoziiert und dadurch der Bezug zu sich selbst und zur
Umwelt ernst- und dauerhaft beeinträchtigt wird und wenn dies nicht Folge von
Drogen- bzw. Alkoholkonsum oder Begleiterscheinung einer körperlichen (z. B.
neurologischen) Erkrankung ist, sprechen wir von einer "Dissoziativen Störung".
Nach dem "Diagnostischen und statistischen Manual (DSM IV)"168 unterscheiden wir
vier Hauptformen mit folgenden Merkmalen:
Dissoziative Amnesie: Unfähigkeit, sich an persönliche bedeutsame
Informationen zu erinnern.
Dissoziative Fugue: Plötzliches und unerwartetes Weggehen von zu Hause
oder vom Arbeitsplatz, verbunden mit der Unfähigkeit, sich an seine
Vergangenheit zu erinnern. Verwirrung der Identität, teilweise Annahme einer
neuen Identität.
Depersonalisierungsstörung: Andauernde oder wiederkehrende Erfahrung,
sich vom eigenen Körper bzw. den eigenen geistigen Prozessen losgelöst
oder wie ein außenstehender Beobachter zu fühlen. Dabei bleibt
Realitätsprüfung intakt.
Dissoziative Identitätsstörung (vormals Multiple Persönlichkeitsstörung): Die
Anwesenheit von zwei oder mehreren Persönlichkeitszuständen oder
Identitäten. Mindestens zwei Persönlichkeitszustände bzw. Identitäten
übernehmen wiederholt die Kontrolle über die Person. Damit verbunden die
Unfähigkeit, sich an persönlich bedeutsame Informationen zu erinnern.
Das ursprüngliche Krankheitsbild der Hysterie hat sich in eine Vielzahl neuer
psychodiagnostischer Kategorien aufgelöst. Die sog. Dissoziativen Störungen sind
nur eine Teilmenge dieser neuen Diagnosen. „Viele jener Symptome“, schreibt der
Psychologe Peter Fiedler in seinem Lehrbuch über „Dissoziative Störungen und
Konversion, „finden sich in den vielfältigsten Störungsbildern. Hierzu zählen z. B.
auch körperliche Störungen ohne erkennbare physische Ursache, verschiedene
Persönlichkeitsstörungen, Angststörungen und vorgetäuschte Störungen.169
Doch die Hysterie-Diagnose hat dennoch überlebt: tief eingesenkt in die Herzen und
Seelen der Skeptiker, die an der Existenz der Multiplen Persönlichkeitsstörung
zweifeln. Die amerikanische Journalistin Joan Acocella bekannte sich sogar mit dem
Titel ihres Buchs zu dieser Tradition: „Creating Hysteria: Woman and Multiple
Personality Disorder“. Ein Gruppe schurkischer Therapeuten, so lautet die These
dieses Buchs, habe Drogen, Hypnose und nackte Überredung eingesetzt, um ihre
Patientinnen im Sinne dieser Diagnose zu formen. Verantwortlich für diesen
Missbrauch psychiatrischer Methoden seien der Sensationalismus der Medien, der
christliche Fundamentalismus, „Kulturkriege“ und der Feminismus.170
Nun will ich nicht bestreiten, dass multiple Persönlichkeiten mitunter durch Drogen,
Hypnose und schiere Überredung kreiert werden. Dies ist schließlich das Thema
meines Buchs. Allerdings habe ich andere Täter und andere Motive im Auge als
Acocella.
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Die Dissoziation
Eine Dissoziation, also eine Spaltung des Bewusstseins, ist nicht grundsätzlich ein
Anzeichen einer psychischen Störung. Es handelt sich vielmehr um einen psycho-
physischen Prozess, der gleichermaßen bei psychisch gesunden als auch bei
psychisch kranken Menschen vorkommt. Ob eine Dissoziation als krankhaft
eingestuft werden muss oder nicht, hängt von den Konsequenzen dieses Prozesses
ab. Ein ungenannter Wissenschaftler des CIA-Gehirnwäscheprojekts MKULTRA
schrieb: „Dissoziative Phänomene können im alltäglichen Leben gefunden werden.
Solche Manifestationen schließen die „Landstraßen-Hypnose“, die Faszination durch
Papierflieger, Erscheinungen beim Einschlafen und Phantasiebilder, vorübergehende
Schmerzfreiheit sowie viele andere Beispiele ein.“ Die Hypnose könne als
dissoziative Reaktion „in Reinkultur“ betrachtet werden, die man mit einem hohen
Grad an Objektivität im Labor studieren könne.171
Im engeren, psychopathologischen Sinn verstehen wir unter dem Begriff der
Dissoziation den teilweisen oder völligen "Verlust einer normalen Integration, die sich
auf Erinnerungen an die Vergangenheit, auf Identitätsbewusstsein und unmittelbare
Empfindungen sowie auf die Kontrolle von Körperbewegungen bezieht".172 Die
bedeutet, dass die Erfahrung der Ganzheitlichkeit der eigenen Person und ihrer
Kontinuität in der Zeit vorübergehend oder dauernd eingeschränkt, gestört bzw.
verzerrt oder gar verloren gegangen ist.
Die Dissoziation des Bewusstseins bzw. des Selbsterlebens ist häufig in die
Verarbeitung traumatischer Erlebnisse eingebunden. Ein Beispiel dafür ist die
Erfahrung, nach einem schweren Schock, z. B. nach einem Verkehrsunfall "neben
sich zu stehen". Die Psychoanalyse sieht in der Dissoziation eine Form der Abwehr,
in der "Selbstschutz und Integrität durch Selbstverdopplung" gewährleistet werden
sollen.173 Dies bedeutet, dass ein unversehrter Selbstanteil neben dem traumatisch
geschädigten weiterexistieren kann.
In ihrem Lehrbuch der Psychotraumatologie174 definieren Fischer & Riedesser die
"traumatische Erfahrung" als Erlebnis eines Widerspruchs zwischen einer
bedrohlichen Situation und den individuellen Möglichkeiten zur Bewältigung dieser
Bedrohung - wobei das Widerspruchserlebnis mit den Gefühlen der Hilflosigkeit und
schutzlosen Preisgabe einhergeht. Die traumatische Erfahrung kann so zu einer
dauerhaften Erschütterung des Selbst- und Weltbildes führen.
Psychisch traumatisierend wirken also nicht nur die quälende äußere Einwirkung (wie
z. B. eine körperliche Züchtigung oder seelische Demütigung), sondern vor allem die
Erfahrung völliger Ohnmacht angesichts einer unerträglichen oder unannehmbaren
Situation.
Eine häufige Reaktion auf das psychische Trauma ist das "innerliche Weglaufen": die
Spaltung des Bewusstseins oder Dissoziation. "Wer nicht weglaufen kann, muss
dissoziieren"175 Um weglaufen zu können, muss man die Möglichkeit dazu haben.
Kleine Kinder haben die Möglichkeit in der Regel nicht; wenn sie es versuchen,
werden sie schnell wieder "eingefangen".
Daher gilt die Faustformel: "Je früher das Trauma, desto größer die
Wahrscheinlichkeit, dass sich das Bewusstsein multipel entwickeln wird".176 Das
maßlos gequälte Kind gerät im wahrsten Sinne des Wortes "außer sich". Ein Teil des
Selbsts wird abgespalten, um einen anderen, nicht beeinträchtigten Teil zu retten.
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Auch Zwillings- und Adoptionsstudien zeigen, dass die frühkindliche Traumatisierung
der entscheidende Faktor für die Entwicklung dissoziativer Störungen ist.
Wenn z. B. Kinder aus Familien mit Inzestfällen über mehrere Generationen hinweg
direkt nach der Geburt in gesunde, stabile Familien adoptiert werden, dann sinkt ihr
Risiko einer späteren Multiplen Persönlichkeitsstörung auf Null. Im umgekehrten Fall
steigt es auf über 80 Prozent, wenn die Adoptivfamilie dem Kind die entsprechende
"Dosis Trauma" verpasst. Entwickelt ein eineiiger Zwilling eine Multiple
Persönlichkeitsstörung und der andere Zwilling des Paares nicht, dann wurde
entsprechend - mit ganz seltenen Ausnahmen - der multiple Zwilling schwer
traumatisiert und der gesunde nicht.177
Der Stressforscher und Arzt Robert C. Scaer sieht enge Beziehungen zwischen dem
Totstellreflex bei Tieren, die in einer bedrohlichen Situation nicht mehr flüchten
können, und der Dissoziation in traumatisierenden Situationen. Wenn sich der
Betroffene in derartigen Situationen nicht spontan wieder erholen kann, entstehen
die langfristigen psychopathologischen und psychosomatischen Konsequenzen der
traumatisierenden Erfahrung. Auch Ergebnisse aus Tierexperimenten sprechen für
diese These. Tiere, die unter Stress gesetzt und an der Flucht gehindert wurden,
waren in späteren Tests deutlich weniger widerstandsfähig gegenüber Belastungen
als Tiere, die sich vom Totstellreflex erholen konnten bzw. Tiere aus einer
Kontrollgruppe.178
Eine Dissoziation kann jedoch auch vorübergehender und gutartiger Natur sein.
Diese Formen der Dissoziation sind ein normale, alltägliche und durchaus gesunde
psychische Prozesse. Das Gegenstück zur Dissoziation ist die Assoziation, das
Verbinden von Elementen zu einem Bewusstseinsstrom. Unser Geist dissoziiert und
assoziiert beständig, fügt zusammen und spaltet ab.
Ein geübter Autofahrer kann sich z. B. auf einer bekannten Strecke voll auf ein
anspruchsvolles Gespräch mit seinem Beifahrer konzentrieren. Während dessen
überwacht ein zweites Bewusstsein den Prozess des Fahrens, der weitgehend
automatisch abläuft. Registriert dieses Nebenbewusstsein aber eine Gefahr, wird das
ins Gespräch vertiefte Hauptbewusstsein alarmiert. Der Fahrer muss u. U. das
Gespräch vorübergehend einstellen, um sich voll auf die Meisterung der Gefahr zu
konzentrieren.
Ein anderes Beispiel ist das sog. Cocktailparty-Phänomen. Eine Cocktailparty kann
eine beachtliche Geräuschkulisse entwickeln. Tanzmusik dröhnt, Gläser klirren,
Lachen und Stimmengewirr erfüllen den Raum. Dennoch sind wir in der Lage, die
Geräusche auszublenden und uns angeregt mit einem netten Gast zu unterhalten.
Die störenden Nebengeräusche nehmen wir höchstens randbewusst wahr. Unsere
Aufmerksamkeit gehört dem Gesprächspartner. Doch wird am anderen Ende des
Raums unser Name genannt, dann schauen wir uns um und suchen den Menschen,
der unseren Namen ausgesprochen hat.
Offenbar haben eine zweite Aufmerksamkeit und ein zweiter Bewusstseinsstrom im
Hintergrund unseres Geistes das Geschehen „überwacht“. Sogar wenn wir schlafen,
gibt es einen zweiten Bewusstseinsstrom, der nicht schläft. So werden wir mitunter
auch durch sehr laute Geräusche nicht aufgeweckt. Doch piept der Wecker oder
weint das Baby im Kinderbett, sind wir sofort wach.
In diesen Beispielen erfüllt die Dissoziation eine nützliche Aufgabe. Sie ist
vorübergehend, und sie kann bei Bedarf aufgehoben werden. Dies ist bei einer
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Multiplen Persönlichkeitsstörung nicht der Fall. Die Bewusstseinsströme
verselbständigen sich. Jeder Bewusstseinsstrom formt sich zu einer eigenen
fragmentarischen Persönlichkeit aus. Es handelt sich hier, wie bereits erwähnt, nicht
um voll ausgereifte Persönlichkeiten, sondern um Surrogate mit sehr
eingeschränkten Möglichkeiten. In der Fachliteratur werden diese Pseudo-
Persönlichkeiten als „Alters“ bezeichnet. Keine dieser fragmentarischen
Persönlichkeiten ist in der Lage, die Spaltung wieder aufzuheben.
Einer Arbeitsgruppe um den Neurobiologen Guochuan E. Tsai ist es im übrigen
gelungen, die Hirnprozesse beim Persönlichkeitswechsel („switch“) einer multiplen
Persönlichkeit mit einem bildgebenden Verfahren sichtbar zu machen. Sie setzten
hierzu eine Methode ein, die als „functional magnetic resonance imaging (fMRI)“
bezeichnet wird. Der fMRI-Scanner macht Hunderte von Bildern des in der Sekunde
und zeigt, in welchen Bereichen das Gehirn dem Blut Sauerstoff entnimmt. Daraus
kann man auf die Verteilung der aktiven und inaktiven Hirnbereiche schließen. Bei
der Versuchsperson handelte es sich um eine Patientin mit Multipler
Persönlichkeitsstörung, die in der Lage war, auf Anweisung ihres Psychiaters
verschiedene Alternativpersönlichkeiten hervortreten zu lassen. Die war mit einer
eindeutigen, messbaren Veränderung der Hirnaktivität verbunden, die durch die
entsprechenden fMRI-Bilder nachgewiesen werden konnte.179
Bei diesem Befund sollte man allerdings bedenken, dass es sich hier um einen
Einzelfall handelt. Außerdem zeigten die Scanner-Bilder zwar eine veränderte
Hirnaktivität, wenn der Experimentator die Versuchsperson zum
Persönlichkeitswechsel aufforderte. Dies beweist jedoch nicht, dass damit die
neurophysiologische Grundlage der Multiplen Persönlichkeitsstörung gefunden
wurde. Veränderte Hirnprozesse könnten z. B. auch eintreten, wenn sich die
Versuchsperson nur vorstellt, eine andere Persönlichkeit zu sein. Dennoch bin ich
davon überzeugt, dass die modernen bildgebenden Verfahren in Zukunft unser
Verständnis dissoziativer Prozesse wesentlich vertiefen werden. Besonders
interessant dürften die Unterschiede zwischen krankhaften und normalen
Dissoziationen sein. Die Korrelate des Persönlichkeitswechsels zeigten sich nämlich
im Hippocampus, der bei dieser Patientin deutlich verkleinert war. Diese Hirnregion
spielt bei Gedächtnisprozessen eine wesentliche Rolle. Im übrigen findet sich bei
traumatisierten Menschen nicht selten ein verkleinerter Hippocampus.180
Die Spaltung des Bewusstseins oder gar der Persönlichkeit wäre natürlich nicht
möglich, wenn der menschliche Geist eine Einheit wäre oder wenn er einer
militärischen Organisation gliche, die von einem „Feldherrn“, dem bewussten Ich
befehligt würde.
Die Forschung weiß definitiv noch nicht, was der menschliche Geist ist und wie er
funktioniert. Darum waren die Versuche, „künstliche Intelligenz“ (KI) zu schaffen,
bisher nicht übermäßig erfolgreich. Denn wenn man weiß, wie der Geist aufgebaut
ist, dann kann man ihn auch „nachbauen“, sonst nicht. Dennoch können wir beim
gegenwärtigen Stand der Erkenntnis mit hoher Wahrscheinlichkeit unterstellen, dass
der Geist kein Monolith ist. Der Geist ist ein Naturprodukt. Und wie andere
Naturprodukte ist er aus zahllosen kleinen und kleinsten Elementen
zusammengesetzt. Organismen bestehen aus Zellen, Moleküle aus Atomen,
Elementarteilchen aus Quarks.
Und so ist auch der Geist eine Gebilde aus Bausteinen, für die sich allerdings noch
kein einheitlicher Name durchgesetzt hat.
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Der KI-Experte Marvin Minsky entwickelt in seinem Buch „The Society of Mind“181 das
Modell einer Geistesgesellschaft (Mentopolis). Nach diesem Modell entsteht der
Geist aus vielen kleinen Prozessen. Diese Prozesse nennt Minsky „Agenten“. Jeder
Agent ist nur zu sehr primitiven Aufgaben fähig, die für sich genommen keinen Geist
erfordern. Doch durch das Zusammenwirken einer Vielzahl von Agenten entsteht
echte Intelligenz.
Der amerikanische Psychologe Robert Ornstein hält den Glauben, dass eine Person
nur einen Geist habe, für eine Illusion. Obwohl wir uns als Individuum (lat. „das
Unteilbare“) erfahren, bilden wir dennoch eine Koalition aus einer Vielheit geistiger
Einheiten, die ganz unterschiedliche Aufgaben erfüllen und u. U. sogar in
Widerspruch zueinander stehen. „Wir sind nicht konsistent. Wir sind nicht kohärent.
Wir entscheiden Dinge nicht vernünftig. Wir bekommen nicht mit, wie wir
entscheiden, und noch nicht einmal, wer in uns entscheidet.“182
Auch einer der tonangebenden Hypnoseforscher des 20. Jahrhunderts, Ernest R.
Hilgard, bezeichnet die Einheit des Bewusstseins als illusionär. Das menschliche
Denken und Handeln unterliegt vielmehr „multipler Kontrolle“.
Der Mensch neigt zwar dazu, sich einzubilden, dass er seine Aktivität kontrolliere.
Doch nur zu oft täuscht er sich über die tatsächlichen Ursachen seines Verhaltens
und seiner Empfindungen.183
Menschen mit multipler Persönlichkeitsstörung unterscheiden sich also von den
Menschen ohne multiple Persönlichkeitsstörung nicht dadurch, dass die einen zur
Dissoziation neigen, die anderen aber nicht. Dissoziative Prozesse kennzeichnen die
Bewusstseinsprozesse aller Menschen. Sie sind völlig normal und unvermeidlich. Sie
sind sogar für das einwandfreie Funktionieren des menschliches Geistes
unerlässlich. Die multiple Persönlichkeit unterscheidet sich aus meiner Sicht nicht
prinzipiell von einem Individuum im eigentlichen Wortsinne, also von der ungeteilten
Persönlichkeit. Beide, die multiple und die ungeteilte Persönlichkeit dissoziieren mehr
oder weniger häufig. Ein Mensch kann sehr häufig dissoziieren, ohne deswegen eine
multiple Persönlichkeit zu sein. So kann z. B. ein professioneller Musiker zehn, zwölf
Stunden am Tag ein Geiger und nichts als ein Geiger sein. Alles andere kann zur
Bedeutungslosigkeit, in Vergessenheit versinken. Wenn er dann nach Hause kommt,
kann er ein liebender Ehemann und Vater und nichts anderes als ein liebender
Ehemann und Vater sein. Alles andere kann in Vergessenheit und zur
Bedeutungslosigkeit versinken.
Diese Spaltung mag im wohlverstandenen Interesse dieses Musikers liegen und das
Ergebnis einer Gewöhnung, also eine Gewohnheit sein. Die multiple Persönlichkeit
jedoch spaltet sich aufgrund eines Zwangs, der ihrer Kontrolle entglitten ist. Während
der Musiker in unserem Beispiel die Vergessenheit seiner jeweils anderen Seite
willentlich zu durchbrechen vermag, kann die multiple Persönlichkeit dies nicht.
Sofern die jeweils dominante Alternativpersönlichkeit sich an einige der anderen
Teilpersönlichkeiten nicht zu erinnern vermag, so ist diese Amnesie eine zwanghafte,
dem Bewusstsein und der Kontrolle entzogene. Dieses oft höchst komplexe
Zwangsverhalten der multiplen Persönlichkeit ist die Folge eines Lernprozesses, der
sich in der Regel in Situationen extremen Stresses und im Zustand gesteigerter
Angst vollzieht.
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Abwehrmechanismen und Multiple Persönlichkeitsstörung
Multiple Persönlichkeiten unterscheiden sich von Menschen ohne diese Störung u. a.
dadurch, dass bei ihnen die dissoziativen Prozesse mit schweren
Gedächtnisstörungen verbunden sind. Um zu verstehen, warum dies so ist, müssen
wir uns mit dem Begriff der Abwehrmechanismen auseinandersetzen.
Die Begriffe „Abwehr“ bzw. „Abwehrmechanismen“ stammen ursprünglich aus der
Psychoanalyse. Zu diesen Abwehrmechanismen zählen z. B. die „Verkehrung ins
Gegenteil“, die „Identifikation mit dem Aggressor“, die „Projektion“ oder die
„Verdrängung“. Besonders die beiden zuletzt genannten Begriffe haben Eingang in
die Alltagssprache gefunden. Sie werden auch von Laien häufig benutzt, jedoch nicht
immer im Sinne Sigmund Freuds.
Auch in den verschiedenen psychoanalytischen Schulen haben sich die Begriffe
„Abwehr“ bzw. „Abwehrmechanismen" in unterschiedliche Richtungen entwickelt.
Eine vertiefende Analyse dieser Differenzen interessiert im vorliegenden
Zusammenhang nicht. Es genügt, Abwehrmechanismen – stark vereinfacht - als
psychische Operationen zu definieren, durch die Gedanken, Gefühle,
Handlungsimpulse oder sogar ganze Persönlichkeitsteile aus dem Bewusstsein
verbannt werden. Sie werden verbannt, weil sie das psychische Gleichgewicht des
Abwehrenden bedrohen – weil sie persönlich inakzeptabel oder sozial unerwünscht
sind. Man kann sich Abwehrmechanismen als automatische Prozesse vorstellen, die
bewusst sein können, in der Regel aber unbewusst ablaufen.
Am Rande sei erwähnt, dass die moderne Psychologie wieder einmal alten Wein in
neue Schläuche gegossen hat: Sie bezeichnet die Abwehrmechanismen – wohl
auch, um sich vom „veralteten“ Freud abzugrenzen – als „Coping“. Zwar
unterscheidet sich der Coping-Begriff in Akzenten von den Abwehrmechanismen, die
Gemeinsamkeiten aber sind fundamental. Abwehrmechanismen beziehen sich
stärker auf Themen aus der Vergangenheit, sind rigide, unbewusst und verzerren die
Realität. „Coping“ betont demgegenüber die Zukunftsorientierung, ist flexibel,
bewusster und realitätsbezogener. Doch das sind Nuancen, die sich im Kern auf
dieselben psychischen Funktionen beziehen.184
Menschen unterscheiden sich hinsichtlich der von ihnen bevorzugten
Abwehrmechanismen und der Häufigkeit ihres Einsatzes. Wir alle benutzen
Abwehrmechanismen, und dies ist nicht unbedingt Ausdruck psychischer Krankheit.
Im Gegenteil, die Abwehr ist zum Erhalt des seelischen Gleichgewichts der
psychischen Funktionsfähigkeit unbedingt erforderlich. Psychisch kranke und
gesunde Menschen unterscheiden sich nicht dadurch voneinander, das erstere
Abwehrmechanismen einsetzen, letztere jedoch nicht. Vielmehr bedienen sich
psychisch gesunde Menschen ihrer Abwehrmechanismen, um ihr Leben besser zu
meistern, wohingegen psychisch kranke Menschen durch ihre Abwehrmechanismen
in immer größere Schwierigkeiten geraten. Der entscheidende Faktor ist das Ausmaß
der Kontrolle, die ein Mensch über seine Abwehrmechanismen besitzt.
Meine Hypothese lautet, dass die Dissoziation, der Abwehrmechanismus der
Spaltung im psychischen Leben einer zunehmenden Zahl von Menschen quantitativ
und qualitativ immer bedeutender wird. Die Folge ist eine sprunghafte Zunahme von
schweren Identitätsstörungen, die noch vor einigen Jahrzehnten eine überaus
seltene Randerscheinung waren.
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Die Dissoziation unterscheidet sich von anderen Abwehrmechanismen dadurch, dass
nicht nur einzelne Elemente, wie z. B. ein sexueller Wunsch, aus dem Bewusstsein
verdrängt werden, sondern komplexe Bewusstseinszustände oder gar ganze
Persönlichkeitsteile. Dies kann man am besten durch ein Beispiel veranschaulichen:
Ein Kind wird von seinem Vater unter Anwendung körperlicher Gewalt sexuell
missbraucht. Unter dem Eindruck dieses überwältigenden Ereignisses spaltet es sich
in zwei Teilpersönlichkeiten. Nennen wir diese beiden Persönlichkeiten das „Tagkind“
und das „Nachtkind“. Das Nachtkind fügt sich willig den sexuellen Wünschen des
Vaters und verhält sich wie eine frühreife „Lolita“. Das „Tagkind“ ist eine kreuzbrave,
strebsame Schülerin, die keinerlei sexuelle Strebungen oder Gedanken zu erkennen
gibt. Das „Tagkind“ verbannt also nicht nur bestimmte Elemente aus dem
Bewusstsein, sondern alles, was mit dem „Nachtkind“ zusammenhängt, nämlich alle
Handlungen, Gefühle, Erfahrungen, das Selbstbild etc.
Auch bei extremer Dissoziationsneigung ist dieser Abwehrmechanismus nicht der
einzig relevante. Wie andere Menschen machen die dissoziativen Persönlichkeiten
selbstverständlich auch von den anderen Abwehrmechanismen Gebrauch. Der
Abwehrmechanismus der Dissoziation steht bei diesen Menschen jedoch im Zentrum
der Bewältigung innerer und äußerer Realitäten. Die anderen Abwehrmechanismen
werden in den Dienst der Dissoziation gestellt. Bei schweren dissoziativen Störungen
werden nicht nur einzelne Bewusstseinsströme voneinander getrennt, sondern ganze
Fragmentpersönlichkeiten, die sich auf bestimmte Interaktionsformen beziehen.
Beispiel: eine multiple Persönlichkeit, die tagsüber eine sittenstrenge, prüde
Religionslehrerin und nachts ein verruchtes Callgirl ist. Vielleicht hatte sie sich schon
während ihrer Kindheit in ein Tagkind und ein Nachtkind gespalten. Die Alter-
Persönlichkeit "Religionslehrerin" weiß nichts von der Prostituierten und umgekehrt.
Die Religionslehrerin kann dann z. B. sozial unerwünschte und/oder persönlich nicht
akzeptable sexuelle Impulse verdrängen wie nicht multiple Menschen auch.
Desgleichen verdrängt die Nutte ihrem Lebensentwurf entsprechend u. U.
Schamgefühle und Liebesbedürfnisse.
Die Verdrängungen sind ein grundsätzlich anders gearteter Abwehrmechanismus als
die Spaltung z. B. zwischen Religionslehrerin und Prostituierter. Sie haben aber die
Funktion, die Identität der Fragmentpersönlichkeiten aufrecht zu erhalten und
dadurch eine Verschmelzung zu verhindern. Sie schützen die Identität der
Fragmentpersönlichkeit, so wie sie auch das Selbstbild einer nicht-multiplen
Persönlichkeit vor Gefühlen und Impulsen bewahren würden, die mit diesem nicht
übereinstimmen. Demgegenüber ist die Dissoziation der grundlegende Vorgang, der
die Alternativpersönlichkeiten erzeugt.
Die Abwehrmechanismen könnte man im Sinne Minskys auch als Agenten begreifen,
als Module des Geistes, die in Form von Hierarchien zusammengeschlossen sind.
Bei einer multiplen Persönlichkeit steht der dissoziative Agent, also der
Abwehrmechanismus der Spaltung über den Agenten, deren Aufgabe darin besteht,
die Identität der einzelnen Fragmentpersönlichkeiten schützen. Die
Fragmentpersönlichkeiten werden also durch untergeordnete Abwehrmechanismen
(Agenten) aufrecht erhalten, die im Dienst des dissoziativen Agenten stehen.
Wenn z. B. die Nutte aktiv ist, werden alle Impulse blockiert, die dieser Rolle und
Identität widersprechen. Dabei ist neben der Verdrängung der Abwehrmechanismus
der Verleugnung der Multiplizität besonders relevant. Ignoriert werden alle Indizien
und Fakten, die auf eine Mehrfach-Existenz hinweisen. So wird z. B. die multiple
Persönlichkeit, die tagsüber Lehrerin und nachts Nutte ist, die jeweilige
Berufskleidung in zwei verschiedenen Schränken aufbewahren. Wenn die Nutte
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einmal schlampig ist, Teile ihres Outfits in der Wohnung herumliegen lässt und diese
von der Lehrerin wahrgenommen werden, dann wird die Lehrerin die Existenz dieser
Sachen verleugnen. Unter Umständen die Nutte kurzfristig hervortreten, um die
verräterischen Teile aufzuräumen.
Die multiple Persönlichkeit wird also durch Abwehrmechanismen erzeugt und
aufrecht erhalten. Dadurch unterscheidet sie sich im Grunde nicht von einer
ungespaltenen Persönlichkeit. Auch das Individuum, die ungeteilte Persönlichkeit
muss äußere Reize und innere Impulse abwehren, wenn diese ihre Identität
bedrohen. Die Identität ist bedroht, wenn das eigene Verhalten dauerhaft nicht mehr
mit den Erwartungen anderer oder auch den eigenen Erwartungen an sich selbst
übereinstimmt. Die multiple Persönlichkeit jedoch hat die Einheitlichkeit ihrer Identität
preisgegeben, um ihre Existenz zu retten. Sie hat gelernt, durch Preisgabe ihrer
einheitlichen Identität ihre Rettung anzustreben. Die Bewusstseinskontrolleure
wissen das. Ein Opfer erinnerte sich an folgende Suggestion: „Du wirst tun, was wir
von dir verlangen. Du wirst dich spalten, so wie wir es dir beigebracht haben.
Weigerst du dich – und wir merken, wenn du dich sträubst – dann werden wir dich
langsam zu Tode foltern. Das kann Jahre dauern. Wir haben Zeit.“
Das System der Abwehrmechanismen zur Erzeugung und Aufrechterhaltung einer
Persönlichkeitsspaltung funktioniert oftmals präzise wie ein Uhrwerk. Keine der
Alternativpersönlichkeiten ist sich seiner Existenz bewusst. Dennoch sind sie die
Geschöpfe dieses Systems. Es ist an die Stelle einer echten Persönlichkeit getreten,
hat diese ersetzt. Die Pseudo-Persönlichkeiten sind die Kulisse, hinter denen sich
dieser intelligente, angstgesteuerte Mechanismus verbirgt. Das System der
Abwehrmechanismen ist das ungeteilte Subjekt der multiplen Persönlichkeit. Es ist
die Einheit in der Vielheit. Dieses Subjekt ist unfähig, die eigene Mechanik zu
durchschauen oder gar zu durchbrechen. Aber es ist in der Lage, sie in wechselnden
Lebenssituationen aufrecht zu erhalten. Es verbirgt die Multiplizität nicht nur vor den
Teilpersönlichkeiten, sondern auch vor anderen Menschen. Dies ist vermutlich einer
der Gründe dafür, dass sogar viele Psychotherapeuten behaupten, sie hätten noch
nie eine multiple Persönlichkeit zu Gesicht bekommen.
Das Abwehrsystem der multiplen Persönlichkeit ist zudem ein Mechanismus, der
Gedächtnisbereiche ein- und ausschaltet. Wie jede andere Leistung des
Abwehrsystems ist auch diese das Produkt einer Konditionierung. Bestimmte Muster
des Ein- und Ausschaltens der Fähigkeit, sich an die eigene Biographie, an
Kompetenzen, Wissen, Motive, Gefühle u. s. w. zu erinnern und in diesem Sinne zu
agieren, werden verstärkt. Wird die Multiple Persönlichkeitsstörung von
Bewusstseinskontrolleuren absichtlich erzeugt, dann widmen sie ihr besonderes
Augenmerk der Konditionierung von Erinnerungen. Die menschliche Persönlichkeit
existiert nur im Gedächtnis, nirgendwo sonst. Will man die Persönlichkeit spalten, so
muss man das Gedächtnis spalten.
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Der Fall „Doris Fischer“
Der wohl am ausführlichsten dokumentierte Fall einer multiplen Persönlichkeit ist
Doris Fischer. Er eignet sich m. E. hervorragend dazu, die wesentlichen Facetten
einer Multiplen Persönlichkeitsstörung zu veranschaulichen. Walter Franklin
Prince185, Pfarrer einer Episkopalen Kirche in Pittsburgh, nahm sich mehr als drei
Jahre Zeit, um diesen Fall zu erforschen. Er dokumentierte die Entwicklung seiner
Patienten in einem Manuskript, das 1.900 Seiten umfasste. Während des gesamten
Untersuchungszeitraums wurde ohne Ausnahme jeder Tag schriftlich erfasst. Die
Behandlung von Doris Fischer und die wissenschaftliche Untersuchung ihres Falls
begannen am 18. Januar 1911. Doris Fischer war dem Pfarrer seit 1909 bekannt, da
sich Mrs. Prince mit dem Mädchen angefreundet hatte und sich ihr mit zunehmender
Intensität widmete. Prince adoptierte Doris; ab März 1911 wohnte sie im Haus ihrer
neuen Familie. Dadurch war der Pfarrer in der Lage, seine Patientin kontinuierlich zu
beobachten. Im Untersuchungszeitraum war der Forscher nie über Nacht und selten
für mehr als ein paar Stunden außer Haus. W. F. Prince publizierte diesen Fall 1915,
als Doris Fischer 26 Jahre alt war.186
Ihre tiefgreifende Persönlichkeitsspaltung wurde durch drei Schocks hervorgerufen.
Der erste Schock war psycho-physisch, der zweite psychisch und der dritte physisch.
Der erste Schock wurde durch ihren Vater, einen Alkoholiker verursacht. Er warf sie
in einem Ausbruch wilden Zorns auf den Boden. Das Kind erlitt dabei eine
Kopfverletzung.
Daraufhin entstanden zwei Persönlichkeitsteile, nämlich „Margaret“ und „Sleeping
Margaret“. Die Ursprungspersönlichkeit blieb als „Real Doris“ erhalten.
„Margaret“ wusste nicht, dass „Sleeping Margaret“ existierte. „Sleeping Margaret“
sprach nur, wenn „Margaret“ schlief, obwohl sie immer anwesend und bewusst war.
„Real Doris“ und „Margaret“ führten nun ein ko-bewusstes Leben.
Wenn sie allein waren, sprach „Margaret“ zu „Real Doris“ durch Lippenbewegungen.
„Real Doris“ hatte keine Kenntnis der Gedanken „Margarets“, bevor diese tatsächlich
„ausgesprochen“ worden waren. In Gegenwart anderer sprach „Margaret“ „durch
ihren Geist“, was teilweise akustische Halluzinationen in „Real Doris“ auslöste.187
„Margaret“ und „Real Doris“ verband ein „geschwisterliches“ Verhältnis. „Real Doris“
vergaß den traumatischen Sturz vollständig, träumte aber davon in einer späteren
Phase ihrer Heilung, ohne die Bedeutung des Traums zu verstehen.
Nach einer schwierigen Kindheit und dem Abschluss der Mittelschule arbeitete Doris
Fischer im Haushalt und als Näherin. Oft hatte sie ausgeprägte visuelle
Halluzinationen ihrer Mutter. Sie war 17 Jahre alt, als sich eines Tages mehrmals
kurz hintereinander ihre Mutter halluzinierte. Doris rannte nach Hause und fand ihre
Mutter sterbend vor. Es war ca. 18 Uhr. Morgens hatte sich die Mutter noch in bester
Verfassung befunden. Doris blieb bei ihrer Mutter bis zu ihrem Tod um zwei Uhr
nachts. Am späten Abend kam ihr Vater volltrunken nach Hause. Er warf sich neben
seine bewusstlose Frau aufs Bett und schlief ein.
Während dieser Zeit litt „Real Doris“ an fürchterlichen Kopfschmerzen, und als sie
das Betttuch über den Kopf ihrer verstorbenen Mutter zog, erschien auch „Margaret“
für einen Augenblick. Dann zuckte ein schrecklicher Schmerz durch den linken
Schläfenlappen und eine neue Persönlichkeit begann zu existieren: „Sick Doris“.
„Sick Doris“ entstand als „infantile Persönlichkeit“. Sie kannte weder die anderen
Persönlichkeitsteile, noch hatte sie Kenntnisse über Objekte und Sachverhalte gleich
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welcher Art. Sie war aber instinktiv zu einfachen Handlungen in der Lage. Sie konnte
aufstehen, sich niedersetzen, herumgehen, Dinge in die Hand nehmen usw.
Doch „Margaret“ wurde zur wichtigsten Lehrerin dieser neuen Persönlichkeit.
„Margaret“ kommunizierte mit „Sick Doris“ wie mit „Real Doris“ über kaum merkliche
Lippenbewegungen. Sie zeigte auf ein Objekt, benannte es, und „Sick Doris“ zeigte
ebenfalls auf dieses Objekt und wiederholte die Benennung.
Das Quartett wurde schließlich zum Quintett, als Doris im Alter von 18 Jahren
zweimal schwer auf den Hinterkopf stürzte und „Sleeping Real Doris“ entstand.
Die fünf Persönlichkeiten, die im Körper von Doris Fischer wohnten, waren deutlich
voneinander unterschieden. „Real Doris“ war ungewöhnlich liebenswert, voller
Selbstvertrauen, Tatkraft und voller Hoffnung. Sie war sensitiv, hatte eine Abneigung
gegen alles Grobe, mitfühlend und eine Leserin mit kritischem Geschmack. „Sick
Doris“ hatte ein hölzernes Wesen und trübe Augen. Ihr Blick war oft verstohlen, ihre
Stimme monoton und ohne Zwischentöne. Sie war reserviert, teilweise abhängig,
teilweise geringschätzig und nervös. Zur Zuneigung unfähig und völlig gefühlskalt,
konnte sie jedoch eine Art hündischer Freundschaft aufrecht erhalten.
„Margaret“ wurde psychisch niemals älter als zehn Jahre. Abgesehen von ihrer
tatsächlichen Größe und Körperform entsprachen ihr Benehmen, ihr
Gesichtsausdruck, ihre Stimme und ihre gesamte Erscheinung ihrem psychischen
Alter, nicht dem chronologischen von Doris Fischer. Sie war spitzbübisch, schurkisch,
äußerst witzig, eine vollkommene Nachahmerin, schmeichlerisch, einnehmend und
alles in allem durchaus liebenswert. Sie neigte zu gelegentlichen Wutausbrüchen.
Mitunter erkannte sie ihre Freunde nicht mehr und fürchtete sich tödlich vor ihnen.
„Sleeping Mary“ sprach (mit Ausnahme eines späten Stadiums) nur, wenn Margaret
nicht aktiv war. Sie selbst jedoch behauptete, niemals zu schlafen. Sie sei ein Geist,
der geschickt wurde, kurz bevor der betrunkene Vater Doris zu Boden schleuderte.
In einer späteren Stufe der Entwicklung war mitunter auch Margaret „da“, wenn
„Sleeping Margaret“ sprach. Margaret redete dann in einem völlig anderen Ton als
„Sleeping Margaret“, deren Sätze und sogar Wörter sie mitunter in zwei Teile
zerschnitt. Die beiden Bewusstseine arbeiteten gleichzeitig, manchmal miteinander,
oft aber mit entgegengesetzten Absichten.
Margaret wusste nicht, dass sich ihr Bewusstsein mit einem anderen überschnitt.
„Sleeping Margaret“ hatte begrenzte Kontrolle über die Sprechwerkzeuge und
Glieder. Geistig schien sie die reifste aller Teilpersönlichkeiten zu sein, die in Doris
Fischers Körper zu Gast waren. Prince entwickelte ein Signalsystem, durch das es
ihm möglich wurde, mit „Sleeping Margaret“ zu kommunizieren, wenn Margaret wach
war. „Sleeping Margaret nahm aktiv an der Behandlung teil, analysierte die Situation,
schlug wertvolle Maßnahmen vor und machte Vorhersagen, die durch spätere
Ereignisse bestätigt wurden. Ihre Erinnerung umfasste die Gedächtnisinhalte von
„Real Doris“, „Sick Doris“ und Margaret sowie eigenes Material. Sie war im
Gegensatz zu den bereits beschriebenen Teilpersonen absolut nicht suggestibel.
„Sleeping Real Doris“ erschien nur, wenn „Real Doris“ nicht aktiv war. Sie erreichte
insgesamt nur ein sehr niedriges Entwicklungsniveau, und es ist fraglich, ob sie
überhaupt Selbstbewusstsein besaß. Sie hatte jedoch ihren eigenen
Gesichtsausdruck und besaß exklusive Erinnerungen. Sie konnte offenbar
wortwörtlich wiedergeben, was „Real Doris“ und „Sick Doris“ in vergangenen
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Situationen gesagt hatten, als sei sie ein Aufzeichnungsgerät. Die Aufzeichnungen
reichten von der jüngsten Vergangenheit bis zur ersten Traumatisierung durch den
väterlichen Gewaltakt, als Doris drei Jahre alt war. Dabei gaben auch Tonfall und
Gesichtsausdruck das gesamte Spektrum von früher Kindheit bis ins
Erwachsenenalter wieder.
Wir haben hier also ein System von fünf Bewusstseinsströmen, denen fünf eindeutig
voneinander unterschiedene „Persönlichkeiten“ zugeordnet sind. Dabei gilt es
natürlich zu bedenken, dass es sich hier nicht um echte Persönlichkeiten handelt, die
mit der reifen Persönlichkeit eines nicht multiplen Menschen vergleichbar wären.
Besonders im Fall von „Sleeping Real Doris“ spricht viel dafür, dass es sich hier eher
um ein „Bündel personifizierter psychischer Funktionen“ handelt. Doch diese Frage
ist im vorliegenden Zusammenhang nicht wesentlich. Entscheidend ist die Tatsache,
das diese fünf personifizierten Bewusstseinsströme zu fünf deutlich unterschiedenen
Interaktionsformen mit der Umwelt führen. So interagiert „Sleeping Margaret“
beispielsweise nur indirekt mit anderen Menschen, indem sie „Margaret“ beeinflusst.
„Real Doris“ und „Sick Doris“ sind unterschiedlich wie Tag und Nacht und werden von
ihren Mitmenschen natürlich auch entsprechend unterschiedlich behandelt. Der
plötzliche Wechsel zwischen zwei so verschiedenen Persönlichkeiten wirkt auf den
Außenstehenden wie eine Verwandlung. Biologisch betrachtet, handelt es sich zwar
um ein und denselben Körper; aus philosophischer Sicht mag hinter den
Teilpersönlichkeiten letztlich ein einheitliches Subjekt stehen188 – doch Fakt ist, dass
unterschiedliche Teilpersönlichkeiten auch unterschiedlich handeln und damit
unterschiedliche Tatsachen schaffen. Den Bewusstseinskontrolleur, der absichtlich
multiple Persönlichkeiten erschafft, interessieren in erster Linie diese realen
Tatsachen.
Wie in anderen Fällen auch, war der spontane Persönlichkeitswechsel („switch“) bei
Doris Fischer meist die Folge des Verbrauchs psychischer Energie und der
entsprechenden Erschöpfung. Dabei war es unerheblich, ob der Energieverbrauch
durch einen plötzlichen Schock oder durch kontinuierliche Anstrengungen
hervorgerufen wurde. Sobald die verfügbare Energie ein gewisses Niveau
unterschritt, setzte der Persönlichkeitswandel ein. Dabei hing es von der Intensität
der Erschöpfung ab, welche Alternativpersönlichkeit zum Vorschein kam. „Es wurde
beinahe eine Wissenschaft vorherzusagen, welches Resultat ein gegebener Reiz auf
einer bestimmten Stufe hervorbringen würde, als handele es sich um eine chemische
Reaktion“, schreibt Prince189.
Hier gilt es festzuhalten, dass ein multiples Persönlichkeitssystem einer
berechenbaren Automatik unterliegt und dementsprechend auch von außen
gesteuert werden kann wie ein Automat. Neben den spontanen
Persönlichkeitswechseln infolge von Erschöpfung sind also auch absichtlich
ausgelöste „Switches“ möglich. So konnte Prince zum Beispiel die
Ursprungspersönlichkeit „Real Doris“ hervorrufen, indem er einem bestimmten Ritual
folgte. Die Voraussetzung dafür war, dass Doris nicht aktiv war. Ihre Bereitschaft zu
erscheinen wurde durch ein charakteristisches Lächeln angezeigt. Dann drückte er
ihre Hand und sprach eine bestimmte Formel. Doch „Real Doris“, bemerkt Prince190,
riss sich im Verlauf der Behandlung von dieser „Führungsleine“ (Leading Strings) los
und erschien in Anwesenheit des Pfarrers auch spontan.
„Real Doris“ besaß keine direkte Kenntnis der Gedanken und Handlungen der
anderen Teilpersönlichkeiten. Das Bewusstsein dieser Teilpersönlichkeiten war ihr
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genauso unzugänglich wie die unausgesprochenen Gedanken und Gefühle eines
anderen Menschen. Die anderen Teilpersönlichkeiten konnten aber mit ihr
kommunizieren, z. B. durch schriftliche Nachrichten, als seien sie tatsächlich
unabhängig von ihr existierende Personen.
„Sick Doris“ allerdings kannte alle Gedanken, Gefühle und Handlungen von „Real
Doris“. „Sick Doris“ wusste auch eine Menge über „Margaret“, aber nur, weil
„Margaret“ entschieden hatte, dass sie es wissen durfte.
„“Margaret“ selbst hatte vollen Zugang zu den Bewusstseinen von „Real Doris“ und
„Sick Doris“. Die Bewusstseinsinhalte von „Sleeping Real Doris“ musste sie aus
deren Äußerungen und Gesten erschließen. Allerdings kannte sie zunächst weder
die Gedanken von „Sleeping Margaret“, noch war ihr überhaupt deren Existenz
bewusst. Erst in einer späteren Notsituation, als sich „Sleeping Margaret“ in einem
dramatischen Kraftakt bemerkbar machte, wurde „Margaret“ die Existenz einer
weiteren Teilpersönlichkeit klar. „Sleeping Real Doris“ kannte keine der anderen
Persönlichkeiten. Sie glich einem automatischen Aufzeichnungsgerät ohne
Selbstbewusstsein.
Demgegenüber waren „Sleeping Margaret“ die Bewusstseinsinhalte von „Real Doris“,
„Sick Doris“ und „Margaret“ vertraut. Ihr Wissen über „Sleeping Real Doris“ musste
sie allerdings aus den seltenen Gesten und anderen Verhaltensweisen dieser
seltsamen Schattenpersönlichkeit erschließen.
Obwohl jedoch alle Teilpersönlichkeiten, mit Ausnahme von „Real Doris“ Zugang zu
mehreren Bewusstseinen hatten, waren sie dennoch voneinander unterschieden,
denn jede Teilpersönlichkeit hatte ihr eigenes, unabhängiges Gedächtnis und (mit
Ausnahme von „Sleeping Real Doris“) einen eigenen, authentischen Stil des
Denkens und des „In-der-Welt-Seins“.
Prince berichtet, dass „Margaret“ mitunter Informationen besaß, die sie nach
menschlichem Ermessen nicht auf normalem Weg über ihre Sinnesorgane
wahrgenommen haben konnte. „Margaret“ behauptete, sie habe diese Informationen
seinem Geist entnommen, indem sie in seine Augen starrte, als er, Prince, einen
Augenblick unaufmerksam war. Prince war geneigt, Telepathie als Erklärung dieses
Phänomens zu erwägen, wenngleich ihm bewusst war, dass diese Erklärung
durchaus nicht den vorherrschenden Vorstellungen der damaligen,
naturwissenschaftlich materialistisch geprägten Wissenschaft entsprach. Dennoch
war in jener Zeit das Interesse von Psychiatern, Hypnotiseuren und
Psychotherapeuten an den Zusammenhängen zwischen multipler Persönlichkeit und
paranormalen Phänomenen sehr stark entwickelt.191
Gegen Ende der Behandlung verschwanden „Sick Doris“, „Sleeping Sick Doris“ und
„Margaret“. „Sleeping Margaret“, die angeblich ein Geist war, behauptete nunmehr,
sie würde den gemeinsamen Körper zu verlassen. Als sich dies zum erstenmal
ereignete, während „Real Doris“ bewusst und wach war, fühle sich „Real Doris“
allein, verlassen und leer. Diese Gefühle kehrten regelhaft wieder, wenn „Sleeping
Margaret“ den Körper verließ. Schließlich kehrte sie nur noch für ein paar Minuten
pro Tag zurück. Doch während Prince die anderen Teilpersönlichkeiten aufzulösen
vermochte, gelang es ihm nicht, „Sleeping Margaret“ in die Ursprungspersönlichkeit
zu integrieren. Allerdings unterbrach „Sleeping Margaret“, während sie sprach, nicht
die Kontinuität des Bewusstseins von „Real Doris“; diese „schlummerte“ während
dessen vielmehr halbbewusst.
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Doris Fischer blieb im Haus ihres Stiefvaters, den sie abgöttisch liebte, heiratete nie
und hatte immer wieder hellsichtige Erfahrungen, besonders während des langen
Todeskampfes ihrer Stiefmutter.
Das enge Zusammenleben von Fischer und Prince nährte und bestärkte den
Verdacht von Skeptikern, dieser Fall von multipler Persönlichkeit sei in Wirklichkeit
keine ursprüngliche psychische Krankheit, sondern eine Konstruktion, eine Gestalt
der Phantasie. Diese sei das Ergebnis des Zusammenwirkens einer liebenden und
äußerst phantasiebegabten Stieftochter und eines Stiefvaters, der von den damals
vorherrschenden psychiatrischen Theorien zur multiplen Persönlichkeit und den
spiritistischen Theorien der Besessenheit und der körperlosen Geister gleichermaßen
beeinflusst und begeistert war. Schließlich war Prince Pfarrer und an den Fragen des
Jenseits letztlich sogar von Berufs wegen interessiert; und Doris Fischers Mutter
hatte Doris Einbildungskraft durch Phantasiespiele angeregt, die sie von den
Belastungen des Zusammenlebens mit dem alkoholkranken Vater ablenken sollten.
Unter diesen Bedingungen ist es natürlich vorstellbar, dass Doris’ Multiplizität das
Ergebnis mehr oder weniger unbewusster Interessen des Geistlichen und seines
Schützlings war.
Diese Frage lässt sich heute allerdings nicht mehr definitiv klären; wir können
allenfalls versuchen, die Plausibilität dieser Hypothese abzuschätzen. Aus meiner
Sicht ist es höchst unwahrscheinlich, dass Fischer die Multiplizität Doris Fischers
bewusst oder unbewusst erzeugt hat. Es ist zwar durchaus möglich, Multiplizität
künstlich hervorzurufen, wie wir bereits in den Fällen Alice E. und Palle H. erkannt
haben und an weiteren Beispielen noch sehen werden. Doch dazu ist ein
systematisches Vorgehen erforderlich, und es gibt keine Anhaltspunkte dafür, dass
Prince derartige Methoden eingesetzt hat. Mit Sicherheit aber hat Prince die Struktur
der multiplen Persönlichkeit und die Eigenarten der einzelnen Teilpersönlichkeiten
Doris Fischers nachhaltig geformt. Schließlich hat er jahrelang mit ihr auf engstem
Raum zusammengelebt. Ein so enger Kontakt führt natürlich immer zu einer
wechselseitigen Beeinflussung, unabhängig davon, ob es sich um multiple oder
„normale“ Persönlichkeiten handelt.
Wenn aber Prince die Multiplizität der Doris Fischer nicht hervorgerufen hat, wie kam
sie dann zustande? Aus meiner Sicht reichen Traumatisierungen allein nicht aus.
Diese allein können zwar ein Stress-Syndrom erzeugen, auch dauerhafte
dissoziative Zustände. Aber Fragmentpersönlichkeiten entwickeln sich, wie normale
Persönlichkeiten ja auch, in Konditionierungsprozessen, in der Interaktion mit
anderen Menschen und vor allem mit bedeutsamen Bezugspersonen. Für eine
absichtliche Konditionierung der Multiplizität durch den trunksüchtigen Vater finden
sich keine Hinweise in den Aufzeichnungen. Es ist denkbar, dass sich die
phantasiebegabte Doris unbewusst selbst zur Multiplizität konditionierte. Dies würde
bedeuten, dass sie Situationen schuf, in denen die Inszenierung von
unterschiedlichen Persönlichkeitszuständen zu Verstärkungen führte. Real Doris
konnte z. B. die positiven Reaktionen auf ihre Liebenswürdigkeit ebenso genießen
wie Sick Doris die Folgen ihrer Verschlagenheit, ohne dass dieser Genuss durch das
Bewusstsein des inneren Widerspruchs getrübt oder geschmälert wurde.
Selbstkonditionierte multiple Persönlichkeiten sind aus meiner Sicht allerdings ein
überaus seltenes Phänomen. In aller Regel werden multiple Persönlichkeiten
konditioniert, weil andere von der Multiplizität profitieren. So liegt es z. B. im
Interesse des missbrauchenden Vaters, wenn seine Tochter im Bett die Lolita ist
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(und nicht nur spielt) bzw. in der Schule die unschuldig-brave Schülerin ist (und nicht
nur simuliert). So liegt es gleichermaßen im Interesse einer Politsekte, wenn der
konditionierte Multiple ein unauffälliges Leben führt, aber sich in einen
Selbstmordattentäter verwandelt, sobald diese Fragmentpersönlichkeit durch einen
bestimmten Code aktiviert wird.
Die Dressur multipler Persönlichkeiten muss nicht zwangsläufig auf einem
ausgefeilten Plan beruhen. U. U. entwickelt sich dieser Prozess auf Grundlage eines
vorhandenen Interesses spontan durch wechselseitige Konditionierung von Täter
und Opfer, in deren Folge das Opfer immer multipler und der Täter immer
geschickter im Verstärken von Multiplizität wird.
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Experimente zur Multiplen Persönlichkeit
Reima Kampman von der Universität Oulu in Finnland versuchte die Frage zu klären,
ob man eine multiple Persönlichkeit experimentell erzeugen könne.192 Zu diesem
Zwecke wählte er eine Stichprobe, die aus allen Schülern der drei obersten Klassen
der Gymnasien Oulus bestand (insgesamt rund 1.200 Schüler). Fast 450 dieser
jungen Leute waren zur Teilnahme an diesem Experiment bereit. Zunächst wurde
festgestellt, welche dieser Schüler einen tiefen hypnotischen Trancezustand
erreichen konnten. Die Kriterien für gute Hypnotisierbarkeit waren das Erleben
automatischen Verhaltens, die Altersregression sowie positive und negative
Halluzinationen. 78 Schüler, also ca. 17 % der ursprünglich 450 Versuchspersonen,
erfüllten diese Voraussetzungen. Diese 34 Jungen und 44 Mädchen waren zwischen
16 und 20 Jahre alt.
Die Versuchspersonen wurden nun durch Hypnose in einen tiefen Trancezustand
versetzt. Dann erhielten sie Suggestionen zur Entwicklung multipler Persönlichkeiten.
Die grundlegende Suggestion bestand aus folgender Formel: „Du gehst zurück in ein
Alter vor deiner Geburt. Du bist jemand anderes, irgendwo anders.“ Diese
Suggestion wurde häufig wiederholt. Gleichzeitig wurden zusätzliche Suggestionen
eingepflanzt, die darauf hinausliefen, dass alles völlig normal sei und das nichts
Geheimnisvolles geschehe.
Die Suggestion, in ein Alter vor der eigenen Geburt zurückzugehen, ist höchstgradig
dissoziativ, da das hypnotisierte Ich dem Hypnotiseur gehorchen und eine neue
Identität kreieren muss.
32 Versuchspersonen (ca. 41 % der hochgradig hypnotisierbaren Teilnehmer des
Experiments) entwickelten eine sekundäre Persönlichkeit. Diese sekundären
Persönlichkeiten gaben an, ein menschliches Wesen zu sein, nannten ihren Namen
und den Ort, wo sie lebten, und waren in der Lage, ihre Persönlichkeit und ihre
sozialen Umstände zu beschreiben.
Phillip Lawrence Harriman von der Bucknell Universität in den Vereinigten Staaten
dachte sich ein Experiment aus, mit dem er sogar drei Persönlichkeiten erzeugen
konnte.193 Die hier eingesetzte Methode ist deutlich komplexer als Kampmans
Technik. Sie lässt erahnen, dass die Grenzen der Verfeinerung und Differenzierung
der Methoden zur Erzeugung multipler Methoden den Grenzen der Phantasie des
Hypnotiseurs entsprechen.
Das Experiment verläuft wie folgt: Eine gut hypnotisierbare Versuchsperson wird in
einen tiefen Trance-Zustand versetzt. Dann wird ihr suggeriert, ihre Schreibhand und
der entsprechende Arm seien nicht länger ein Teil von ihr. Zwar fühle sie keinen
Schmerz oder sonstiges Unbehagen, aber Arm und Hand seien vollständig abgelöst.
Sobald ein Stift in diese Hand gegeben wird, beginne diese sofort zu schreiben, als
würde sie von einer Kraft außerhalb des Aufmerksamkeitsfeldes der Versuchsperson
gesteuert. Daraufhin wird eine vollständige hypnotische Amnesie für den bisherigen
Teil des Experiments erzeugt. Die Versuchsperson kann sich an nichts mehr
erinnern, was bisher geschah. Nun legt der Hypnotiseur eine Schreibunterlage auf
den Schoss der Versuchsperson und gibt der hypnotisch abgetrennten Hand einen
Stift. Nach kurzer Zeit beginnt die Hand zu schreiben. Sobald die Hand aufhört zu
schreiben, muss die Versuchsperson die Augen schließen und den Trancezustand
weiter vertiefen. Nun wird die Versuchsperson „aufgeweckt“. Der Versuchsleiter zeigt
ihr, was sie geschrieben hat. Die Versuchsperson ist dann unfähig zu sagen, was
das Geschriebene bedeutet. Nun wird ein leichter Trancezustand hervorgerufen und
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der Versuchsperson wird gesagt, dass sie nun die gesamte experimentelle Erfahrung
voll verstehe. Sobald sie sich den ganzen Vorgang bewusst gemacht hat, ist sie
natürlich auch in der Lage, ihren Text zu begreifen. Nun wird die Versuchsperson
endgültig aus dem Trancezustand geholt und aufgefordert, den von der hypnotischen
Hand geschriebenen Text noch einmal deutlich lesbar niederzuschreiben. Dazu ist
die Versuchsperson, ohne zu zögern bereit und in der Lage.
Harriman nennt die Persönlichkeit, die den Text geschrieben hat, X-2 und die danach
erscheinende Persönlichkeit, die den Text nicht lesen kann, X-3. X-3 taucht völlig
spontan auf, keine Suggestion ist erforderlich, um X-3 herauszubilden. X-2 allerdings
wird durch eine Suggestion hervorgerufen, die sich allerdings darauf beschränkt, den
Kontrollverlust über Hand und Arm auszulösen. X-1, die Basispersönlichkeit zeigt
sich, sobald der Versuchsperson suggeriert wird, sie werde sich nun das gesamten
Experiments bewusst.
Man mag das geschilderte Experiment für ein interessantes psychologisches Spiel
ohne praktische Bedeutung halten. Doch dies wäre eine Fehleinschätzung. Man
stelle sich vor, die Aufgabe von X-2 hätte nicht darin bestanden, einen Text zu
schreiben, sondern – eine Pistole abzudrücken.
Die beschriebene Triangulation der Persönlichkeit ist die Grundstruktur
Bewusstseinskontrolle durch Persönlichkeitsspaltung. X-2 tut etwas, was X-3 nicht
versteht, und X-1 kann erst wieder auftauchen, wenn es in der Lage ist, sich den
gesamten Vorgang bewusst zu machen.
In der Praxis sind die suggerierten Systeme meist deutlich komplexer und auch die
Methoden der Einpflanzung sind wesentlich komplizierter – aber sie beruhen alle auf
der geschilderten triangulären Grundstruktur.
Es muss besonders hervorgehoben werden, das die Aktivität von X-2 durch einen
einfachen Reiz ausgelöst wird: Der Versuchsleiter gibt der Hand einen Stift. X-2
bezeichnet aber nicht nur ein automatisches Verhalten, X-2 ist eine sich automatisch
verhaltende Persönlichkeit, denn X-2 schreibt einen Text, den X-1 hinterher
verstehen kann, sobald es sich den gesamten Vorgang bewusst macht. Der Inhalt
des Textes wurde nicht suggeriert. X-2 besitzt also ein eigenes Bewusstsein und
könnte alle Aufträge bewältigen, zu denen auch X-1 in der Lage wäre. „Die
Hauptsache ist, die muskulären Aktivitäten des Schreibens zu starten; die mentalen
Prozesse sorgen für sich selbst“, schreibt Harriman.194
Sehr kritisch setzt sich Bennett C. Braun mit der Überzeugung auseinander, dass
man eine Multiple Persönlichkeitsstörung durch Hypnose künstlich hervorrufen
könne. Er räumt zwar ein, dass multiple Persönlichkeiten in der Regel auch
höchstgradig hypnotisierbar seien. Dies bedeute aber keineswegs, dass eine kausale
Beziehung zwischen Multipler Persönlichkeitsstörung und Hypnose bestünde. Unter
Umständen steigere die Hypnose zwar die Bewusstheit des Betroffenen für seine
Alternativ-Persönlichkeiten; die klinische Erfahrung zeige aber, dass die ersten
Spaltungen einer Multiplen Persönlichkeit in aller Regel in früher Kindheit vor jeder
Hypnose-Erfahrung erfolgen.195
Es sei zwar nicht auszuschließen, dass durch Hypnose Persönlichkeitsfragmente
erzeugt werden können. Doch diese Persönlichkeitsfragmente unterschieden sich
deutlich von den vollentwickelten Alternativpersönlichkeiten im Sinne einer Multiplen
Persönlichkeitsstörung. Diese hypnotisch erzeugten Fragmente besäßen keine
Lebensgeschichte und eine nur sehr begrenzte Spannweite von Stimmungen und
Affekten. Demgegenüber seien echte Alternativpersönlichkeiten durch eine
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differenzierte Biographie, vielfältige Stimmungen und Gefühle sowie durch einen
konsistenten Sprach- und Bewegungsstil gekennzeichnet.196
Es ist bei entsprechend gut hypnotisierbaren Menschen relativ einfach, flüchtige
Persönlichkeitsfragemente oder besser: personifizierte Stereotype zu erzeugen.
Major Harry C. Leavitt vom Medical Corps der US-Armee versetzte seinen Patienten
Dick, der unter einem posttraumatischen Stress-Syndrom litt, in einen tiefen
Trancezustand. Er sagte zu ihm: „Sie wissen, Dick, dass jeder Mensch eine gute und
eine böse Seite hat. Es ist so, als stünde ein Engel auf der einen Seite eines Mannes
und ein Teufel auf der anderen. Sie haben sicher schon einmal solche Zeichnungen
gesehen. Haben Sie mich verstanden? Nun, geben wir doch Ihrer bösen Seite einen
Namen. Wir werden Sie Leo nennen. Und ich werde jetzt mit Leo sprechen. Nicht
wahr, Leo, Du kennst Dick ziemlich gut. Und immer wieder versuchst Du, ihn zu
bösen Taten anzustiften, stimmt’s?“
Dieselbe Prozedur wurde mit der „guten Seite“ wiederholt, die den Namen Frank
erhielt. Und in der Tat traten nun zwei Fragmentpersönlichkeiten hervor, die von Dick
in der dritten Person sprachen und nicht unterschiedlicher hätten sein können. Leo
versuchte, Dick zur Masturbation, heimlichen sexuellen Beziehungen, zur Lüge und
zum Diebstahl zu überreden. Er lümmelte sich in seinen Sessel, grinste sardonisch
und redete in unwirschem Tonfall. Frank war offen, angepasst, zur Kooperation
bereit, ein Ausbund an Tugend. Er ermahnte Dick, die Wahrheit zu sagen, ehrlich
und loyal zu sein. Dick kannte Leo und Frank, aber die böse und die gute
Teilpersönlichkeit verhielten sich wie Fremde zueinander. Sie nahmen sich nur zur
Kenntnis, wenn Leo die Pläne Franks zu durchkreuzen versuchte bzw. umgekehrt.197
Trotz dieses bemerkenswerten Schauspiels ist Braun zuzustimmen, dass eine voll
entwickelte multiple Persönlichkeit allein mit den Mitteln der Hypnose (evtl. von
seltenen Ausnahmefällen abgesehen) nicht erzeugt werden kann. Dies bedeutet
aber keineswegs, dass es grundsätzlich unmöglich sei, eine dauerhafte Multiple
Persönlichkeitsstörung künstlich zu erzeugen. Dazu ist jedoch eine Kombination der
Hypnose mit anderen Methoden und Mitteln erforderlich. Die Gehirnwäsche-Forscher
der CIA untersuchten die Effektivität verschiedener Kombinationen dieser Mittel und
Methoden bereits seit Anfang der fünfziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts.
Das Ziel bestand darin, eine sog. Unterbewusste Isolation (subconscious isolation)
zu erzeugen. Darunter verstanden die Geheimdienst-Psychiater einen Zustand tiefer,
intensivierter Hypnose, in der sie den Hypnotisanden posthypnotische Befehle
einpflanzten konnten.198
Die Hypnose wird allerdings durch diese anderen Methoden und Mittel nicht
überflüssig. Sie ist schon allein darum unbedingt erforderlich, weil die Täter ja nicht
nur beobachtetes Verhalten, sondern auch mentale Operationen konditionieren
müssen. Die Hypnose ist bekanntlich eine ausgefeilte Technik, innere Prozesse zu
steuern. Bei Kindern könnte die Strategie u. a. darin bestehen, unter Hypnose
zunächst in spielerischer Form flüchtige Fragmentpersönlichkeiten zu kreieren. Dazu
werden dem Kinde zunächst Märchen vorgelesen, in denen Verwandlungen
beschrieben werden. Dann spielen die Täter mit dem Kind „Verzaubern“. Das
ahnungslose Kind macht begeistert mit und lernt dabei, welche psychischen
Transformationen von ihm erwartet werden.
Später wird das Kind dann gefoltert (oder schmerzhaft sexuell missbraucht), und die
Täter suggerieren ihm, dass es die Traumatisierung am besten ertragen könne, wenn
es sich spalte: „Peter, Du musst Dir vorstellen, dass Fritz (ein anderes, zuvor
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hypnotisch kreiertes Persönlichkeitsfragment) die Schmerzen erleiden musste. Wenn
Du vergisst, dass es Fritz gibt, dann ist alles wieder gut. Wenn Du Dich aber an Peter
erinnerst, dann merken wird das und dann müssen wir Dir wieder sehr weh tun.“ Die
hypnotisch erzeugte Dissoziation wird also mit der Angst vor der Folter verknüpft. Auf
diese Weise wird die flüchtige hypnotische Spaltung stabilisiert.199
Bevor ich diese Methoden und Mittel der Bewusstseinskontrolle durch
Persönlichkeitsspaltung im Detail analysiere, möchte ich zwei amerikanische
Psychotherapeuten zu Wort kommen lassen: Corydon Hammond und John D.
Lovern. In zwei bahnbrechenden Vorträgen haben Hammond und Lovern die
Grundzüge der absichtlichen Erzeugung multipler Persönlichkeiten durch psychische
Traumatisierung umrissen. Diese vorzüglichen Darstellungen der Produktion
mentaler Roboter sollen das Verständnis der nachfolgenden Detailanalyse
erleichtern.
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Teil 3: Methoden der absichtlichen Persönlichkeitsspaltung
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Die Greenbaum-Rede
Die Greenbaum-Speech ist zweifellos eines der umstrittensten Dokumente zum
Thema "Mind Control". Sie setzt sich mit Methoden der Verwandlung von Kindern in
mentale Roboter auseinander. Diese Methoden bestehen im wesentlichen darin, die
Persönlichkeit der Kinder mit psychologisch verfeinerter Folter zu spalten und die
Persönlichkeitsfragmente zu programmieren wie Computer.
Mit der Formulierung „programmieren wie Computer“ will ich keineswegs
unterstellen, dass man das menschliche Gehirn/Psyche-System mit einem Computer
vergleichen könne. Die Formulierung soll vielmehr andeuten, was die Täter
anstreben. Sie wollen ein Wesen erzeugen, dass so intelligent ist wie ein Mensch,
das nach außen auch wie ein Mensch wirkt, wie ein Individuum mit Fähigkeiten,
Meinungen, Gefühlen... zugleich aber wollen sie ein Wesen schaffen, dass keinen
eigenen Willen besitzt, sondern sich bedingungslos dem Willen anderer unterwirft...
und das über diese Unterwerfung ebenso wenig nachdenken kann wie ein Computer.
Dies war das Thema einer bahnbrechenden Rede, die heute ein verborgener, von
Falschinformationen und Polemik wild überwucherter Meilenstein in der Geschichte
der Psychologie ist.
Am 25. Juni 1992 hielt der amerikanische Psychologieprofessor und Hypnose-
Spezialist D. Corydon Hammond anlässlich der "Fourth Annual Eastern Regional
Conference on Abuse and Multiple Personality Disorder (MPD)" in Alexandria
(Virginia, USA) eine Rede mit dem Titel "Hypnose und Multiple
Persönlichkeitsstörung: Ritueller Missbrauch."200 Diese Rede wurde unter Insidern
als "Greenbaum-Speech" bekannt und wird seit über zehn Jahren in Fachkreisen
wissenschaftlich und politisch heiß diskutiert. Zunächst wurden alle Tonbänder und
Transkripte der Reden und Workshops dieser Konferenz frei verkauft - auch die
Greenbaum-Rede. Sie wurde dann jedoch von ihrem Urheber zurückgezogen. Die
Gründe dafür sind für den Kenner ihres Inhalts leicht nachzuvollziehen. Zahlreiche
Web Sites haben allerdings Abschriften einer privaten Tonaufzeichnung dieser Rede
ins Internet gestellt - aus ebenso verständlichen Gründen.
Hammond ist kein Nobody in der Psychologie, auch kein Spinner mit einem Faible für
Abseitiges. So gab er für die „Amerikanische Gesellschaft für klinische Hypnose“ das
Handbuch „Hypnotic Suggestions and Metaphors“ heraus. Dieser Wälzer von rund
600 Seiten ist das Standardwerk zu diesem Thema. Im Vorwort schreibt der
Psychiatrieprofessor Harold B. Crasilneck der frühere Präsident der „amerikanischen
Gesellschaft für klinische Hypnose“ über den Hypnotherapeuten: „Dr. Hammond ist
ein Meisterkliniker mit einem ungewöhnlichen Spektrum von Begabungen, der zu
einem Giganten auf dem Feld der Klinischen Hypnose wurde.“201 Man mag
einwenden, dass derartige Elogen in Vorwörtern nicht unüblich seien und nicht
unbedingt sehr viel bedeuten müssen. Wie dem auch sei: Crasilnecks Formulierung
deutet aber immerhin darauf hin, dass er sich zum Zeitpunkt der Herausgabe dieses
Buchs in Führungszirkeln der amerikanischen Psychologie und Psychiatrie höchster
Anerkennung erfreute.
In der Greenbaum-Speech berichtete Hammond zunächst, dass sein Interesse an
den Methoden der Bewusstseinskontrolle durch Rituellen Missbrauch auf der ersten
internationalen Konferenz zu diesem Thema in Chicago geweckt worden sei. Nach
einem Bericht über einen Fall, den der Redner für besonders seltsam und einzigartig
hielt, meldeten sich mehrere Therapeuten aus verschiedenen Städten Nordamerikas
zu Wort, die Patienten mit ähnlichen Erlebnissen behandelt hatten.
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Hammond entschloss sich, den Sachverhalt systematisch zu untersuchen und
interviewte eine größere Zahl von Psychotherapeuten, die Patienten mit dissoziativen
Störungen behandelten. Es stellte sich heraus, dass bestimmte
Gehirnwäschemethoden anscheinend überall in Nordamerika eingesetzt wurden. Die
Beschreibungen dieser Methoden entsprachen einander bis ins Detail, obwohl
Hammond eine Beeinflussung der Berichte seiner Gesprächspartner durch sein
Vorwissen systematisch zu vermeiden versuchte. Mitunter stimmten die Aussagen
von Patienten aus weit voneinander entfernten Städten über bestimmte Praktiken
sogar Wort für Wort überein.
Diese Erfahrungen ließen für Hammond nur eine Schlussfolgerung zu: "Wenn man
dieselben, höchst esoterischen Informationen in verschiedenen Bundesstaaten und
verschiedenen Ländern, von Florida bis Kalifornien erhält, dann beginnt man zu
erkennen, dass hier etwas Großes, sorgfältig Koordiniertes abläuft. Die Vorgänge
beruhen offenbar auf entwickelter Kommunikation und Systematik." Ursprünglich sei
er hinsichtlich der Möglichkeit Rituellen Missbrauchs neutral und unschlüssig
gewesen. Doch angesichts der Resultate seiner Forschungen habe er sich zu einem
Menschen gewandelt, der von der Realität des rituellen Missbrauchs überzeugt sei.
Aus seiner Sicht seien Menschen, die Rituellen Missbrauch für nicht real halten,
entweder so naiv wie Leute, die nicht an den Holocaust glauben wollen - oder sie
seien schmutzig.
Hammond vermutet, dass die Bewusstseinskontrolle (Mind Control) durch Rituellen
Missbrauch am Ende des 2. Weltkriegs begann. Allen Dulles und andere Leute aus
Geheimdienstkreisen hätten in der Schweiz Kontakte zu Nazi-Wissenschaftlern
aufgenommen, die in deutschen Konzentrationslagern Bewusstseinskontroll-
Experimente verwirklicht hätten. Diese Nazi-Doktoren seien Satanisten gewesen. Die
Geheimdienstleute holten die KZ-Psychiater in die Vereinigten Staaten, wo sie ihre
Forschungen zur Bewusstseinskontrolle und Militärkrankenhäusern fortsetzten. In
ihrem Gefolge habe sich ein jüdischer Junge befunden, der durch Kooperation mit
den Nazis bei den Bewusstseinskontroll-Experimenten seine Haut habe retten
können. Dieser Junge habe seinen Namen später amerikanisiert, einen
medizinischen Doktortitel erworben und zu einer Schlüsselfigur des Rituellen
Missbrauchs geworden. Sein ursprünglicher Name sei Grünbaum gewesen. Später
nannte er sich, nach den Erinnerungen von Opfern der Bewusstseinskontrolle,
"Greenbaum" oder "Dr. Green".
Die Mind-Control-Programmierung beginnt, so erklärt Hammond, im Alter von etwa
zweieinhalb Jahren, nachdem das Kind bereits dissoziiert, in seiner Persönlichkeit
gespalten wurde. Die Spaltung der Persönlichkeit wird durch massive
Traumatisierung hervorgerufen. Hierzu zählt der sexuelle Missbrauch ebenso wie
bestimmte Formen der dissoziativen Dressur: Die mit den Tätern kooperierenden
Eltern werden z. B. angewiesen, eine Mausefalle auf den Finger des Kindes
zuschnappen zu lassen, das Kind damit allein zu lassen und erst in das Zimmer
zurück zu kehren, sobald das Kind zu weinen aufgehört hat.
Im Alter von sechs bis sechseinhalb Jahren wird dann die foltergestützte
Programmierung verschärft, bis zur Adoleszenz fortgesetzt und schließlich im
Erwachsenenalter gelegentlich verstärkt. Zur eigentlichen Programmierung werden
die Kinder typischerweise auf ein Bett gelegt und gefesselt, meist nackt. Eine
intravenöse Kanüle wird in einen Arm gestochen. Sie erhalten Drogen, deren Art vom
Ziel der Programmierung abhängt. An ihrem Kopf werden Elektroden zur
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Überwachung mit einem Elektroenzephalographen angebracht. Die Opfer sehen ein
pulsierendes Licht, das aus der Erinnerung meistens als rot, mitunter auch als weiß
oder blau beschrieben wird. In der Regel wird den Kindern dann mit einer Nadel
Schmerz meist am rechten Ohr zugefügt, während sie an diesem Ohr wilde,
desorientierende Klänge hören. Man zeigt ihnen angstauslösende Bilder. Sobald sich
das geeignete Hirnwellenmuster eingestellt hat, beginnt die verbale Programmierung
mit dem Ziel der Entwürdigung und Selbstzerstörung der ursprünglichen kindlichen
Persönlichkeit.
Im weiteren Verlauf der Mind-Control-Dressur, die sich in Intervallen über Jahre
hinzieht, werden Elektroden am ganzen Körper, z. b. am Kopf oder an der Vagina
bzw. dem Penis platziert. Die Betroffenen werden solange durch Stromstöße
gefoltert, bis sie jeden Widerstand bzw. Widerspruch aufgeben und sich völlig
unterwerfen. Danach erhalten sie bedingte Befehle, z. B.: "Du wirst Dich schneiden,
wenn du auf jemand in der Gruppe zornig wirst." Diese Folterungen können zwischen
einer halben und drei Stunden dauern und sich bis zu dreimal in der Woche
wiederholen. Die Mind-Control-Programmierung ist also eine aversive
Konditionierung. Die Kinder lernen, die Folter zu vermeiden, indem sie ihren
Peinigern gehorchen.
Hammond berichtet, dass die Kinder abgerichtet werden, auf bestimmte Codes zu
reagieren, die sich auf unterschiedliche Programme beziehen. Diese Programme
sind dann wieder verschiedenen Fragmenten der gespaltenen kindlichen
Persönlichkeit zugeordnet. Offenbar existieren mehrere Programmgruppen, die mit
den Buchstaben des griechischen Alphabets bezeichnet werden; die entsprechenden
Unterprogramme werden durch Zahlen gekennzeichnet:
Alpha repräsentiert dabei die grundlegende Programmierung. Sie stellt den
bedingungslosen Gehorsam und das automatenhafte Reagieren des Kindes
sicher.
Mit Beta sind sexuelle Programme verbunden. So könnte z. B. "Beta - 0 - 0 -
9" bedeuten: "Befriedige einen Mann in einer bestimmten Weise oral". Andere
Schlüsselbegriffe lösen dann weitere Programme aus wie z. B. das den Tätern
genehme Verhalten in sexuellen Ritualen oder bei kinderpornographischen
Filmen.
Delta-Programme beziehen sich auf das Töten von Menschen, z. B. in
Kultzeremonien oder bei Attentaten.
Die Theta-Programmierung stellt die okkulte bzw. paranormale Dimension der
foltergestützten Bewusstseinskontrolle dar. Hammond berichtet, dass Opfer
sehr häufig spontan "psychic killer" antworten, wenn man sie fragt: "Was ist
Theta?". Hammond hatte den Begriff "psychic killer" nie zuvor gehört. Als ihm
aber Patienten und Therapeuten überall in Nordamerika seine obige Frage mit
diesem Begriff beantworteten, war dies für ihn eine weitere Bestätigung für
seine Vermutung, dass "certain things are very systematic and widespread."
Der Glaube an paranormale Fähigkeiten scheint in den Kulten des Rituellen
Missbrauchs weit verbreitet zu sein.
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Unter Omega werden die Selbstzerstörungsprogramme zusammengefasst,
und Gamma bezeichnet Programme zum Aufrechterhaltung der
Programmierung, zum Beispiel zur Irreführung von Psychotherapeuten.
Neben diesen zentralen Programmgruppen finden sich noch weitere, die
ebenfalls durch Buchstaben des griechischen Alphabets gekennzeichnet
werden - wie z. B. Zeta, das, so Hammond, vermutlich mit der Produktion von
"snuff films" zusammenhängt.
Infolge dieser brutalen Dressur entwickelt sich eine systematisch programmierte
multiple Persönlichkeit, die über keinen eigenen Willen verfügt und von allen
Menschen, die mit den entsprechenden Codes zur Auslösung der Programme
vertraut sind, nach Belieben gesteuert werden kann. Dabei wird natürlich auch eine
Amnesie bezüglich der Programmierung und oft auch der Täter erzeugt - und zwar
ebenfalls in Form einer foltergestützten Programmierung. Diese Programmierung
wird durch die Tatsache erleichtert, dass Multiple Persönlichkeiten ohnehin dazu
neigen, amnestische Barrieren zwischen den einzelnen Teilpersönlichkeiten zu
entwickeln.
Es fällt auf, dass die von Hammond geschilderte Programmierung durch Codes
weitgehend den Methoden entspricht, die von den Walter und Nielsen eingesetzt
wurden. Es gibt im Grunde nur zwei Unterschiede: Die Opfer von Walter und Nielsen
waren Erwachsene (Alice E. bzw. Palle Hardrup) und sie wurden nicht gefoltert.
Ansonsten entspricht die Logik der von Hammond beschriebenen Programmierung
jenen psychologischen Grundmuster, das schon von Kriminellen in der ersten Hälfe
des zwanzigsten Jahrhunderts praktiziert wurde. Und eine Analyse der älteren
Literatur zeigt im übrigen, dass die Grundformen der Hypno-Kriminalität bereits im
19. Jahrhundert bekannt waren.
Skeptiker, die an der Existenz multipler Persönlichkeiten zweifeln, möchten bitte
bedenken, dass man die von Hammond beschriebene Programmierung und ihr
Resultat auch unter Verzicht auf den Begriff der Multiplen Persönlichkeitsstörung
befriedigend analysieren könnte. Die Kinder werden abgerichtet, in unterschiedlichen
Situationen bzw. als Reaktion auf bestimmte Reize deutlich voneinander
unterschiedene Verhaltensmuster zu zeigen. Sie werden weiterhin dressiert,
Amnesien zu entwickeln: Wenn z. B. das Verhaltensmuster A aktiv ist, können sich
die Kinder nicht mehr daran erinnern, was sie getan und erlebt haben, als die
Verhaltensmuster B, C und D aktiv waren. Um diese Prozesse zu beschreiben,
müssen wir den Begriff der „Multiplen Persönlichkeit“ ebenso wenig verwenden wie
den der „Persönlichkeit“ generell. Man kann die gesamten Abläufe als Folgen von
Reizen und Reaktionen auffassen.
Einer der dominierenden Programmierer war offenbar jener Dr. Green oder
Greenbaum bzw. Grünbaum, der bei der Namengebung der Rede Hammonds Pate
stand. Nicht wenige Patienten erinnerten sich an diesen Namen und an eine
besondere Form der Bewusstseinskontrolle: "green programming" oder "ultra-green"
bzw. "green tree". Diese Form der Programmierung benutzt Motive aus der
kabbalistischen Mystik. Grünbaum soll in diesem Geist erzogen worden sein, bevor
er das Interesse der Nazipsychiater erregte und von ihnen als Programmierer
ausgebildet wurde. In der Green-Programmierung wird das multiple
Persönlichkeitssystem in Übereinstimmung mit dem kabbalistischen Baum
strukturiert. Hier finden wir typischerweise Persönlichkeitsfragmente mit den Namen
"Weisheit", "Diana", "Zelda" oder "Schwarzer Meister".
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Hammond schildert die Behandlung einer Patientin, die nach dieser Methode
programmiert wurde: Bei dieser Patientin hatte die Behandlung zunächst sehr gute
Fortschritte gemacht. Die Integration der verschiedenen Fragmentpersönlichkeiten
stand kurz bevor. Während einer entscheidenden Sitzung halluzinierte sie plötzlich
und ihre Finger begannen zu hämmern. In der weiteren Behandlung stellte
Hammond fest, dass der Patientin suggeriert worden war, verrückt zu werden, wenn
sie kurz davor stand, den Bann der Programmierung zu durchbrechen. Als die
Patientin acht Jahre alt war, hatte man sie gefesselt und ihr LSD gegeben. Als sie zu
halluzinieren begann, wurde sie nach der Art der Halluzinationen befragt. Die Täter
benutzten dieses Wissen, um die Halluzinationen mit machtvollen Suggestionen zu
verbinden: "Falls Du jemals an diesen Punkt gerätst, wirst Du verrückt. Dann kommst
Du für immer ins Irrenhaus. In diesem Falle wäre es besser für Dich, wenn Du Dich
selbst umbringen würdest." Diese Prozedur wurde "Green Bomb" genannt.
Hammond ist überzeugt, dass hochrangige Regierungskreise in diese Vorgänge
involviert seien. Dafür spreche vor allem, dass sehr viele Opfer Verwandte in der
NASA, in der CIA und in militärischen Organisationen hätten. Im militärischen
Bereich seien dies zum Teil sehr hochgestellte Persönlichkeiten. 202
Wie bereits erwähnt, hat Hammond das Transkript bzw. das Tonband seiner Rede
kurz nach der Veröffentlichung durch die Veranstalter zurückgezogen. Er hat sich
dann nur noch selten öffentlich zu diesem Thema geäußert. Im Internet findet sich
eine Stellungnahme aus dem Jahr 1998. Hier heißt es: "Die Greenbaum-Rede wurde
nicht vollständig akkurat übersetzt, illegal vervielfältigt und aus dem Zusammenhang
des gesamten Workshops gerissen. ... Ein Teil der Rede war eine theoretische
Spekulation über die Herkunft des angeblichen 'Dr. Greene', die, wie ich denke, nun
widerlegt wurde. Ein Teil des von mir präsentierten Materials wurde von zahlreichen
voneinander unabhängigen Quellen identifiziert, doch angesichts der weiten
Verbreitung (der Rede) im Internet seit fünf Jahren könnten sie derart kontaminiert
sein, dass die klinische Nützlichkeit für Therapeuten nun fraglich ist."
Diese Reaktion Hammonds muss sicher auch vor dem Hintergrund der scharfen
fachlichen und politischen Kritik verstanden werden, die seine Rede auslöste.
Angesichts der Ungeheuerlichkeit der in dieser Rede geschilderten Methoden zur
foltergestützten Bewusstseinskontrolle ist diese Kritik sicher nachvollziehbar.
Hammond kann sich zweifellos nicht auf unstrittige Fakten stützen, die seine
Hypothesen belegen. Es gibt auch noch keine eindeutigen juristischen Beweise
dafür, dass die geschilderten Methoden der foltergestützten Bewusstseinskontrolle
tatsächlich angewendet wurden und dass dies von amerikanischen Behörden
unterstützt oder auch nur geduldet wurde.
Und so betrachte ich die Greenbaum-Speech als schillerndes Steinchen in einem
Mosaik, das für sich allein wenig Aussagekraft besitzt. Dennoch bin ich davon
überzeugt, dass die Methoden der foltergestützten Bewusstseinskontrolle tatsächlich
effektiv sind - auch wenn sich eine empirische Überprüfung dieser Überzeugung aus
ethischen und rechtlichen Gründen selbstverständlich verbietet.
Was nun die Verwicklung der CIA in diese Vorgänge betrifft, so sind auch hier nur
Spekulationen möglich, da die zwingenden Beweise fehlen. Aber es ist sicher
sinnvoll, sich noch einmal an die Zielsetzung des Gehirnwäsche-Projekts Artichoke
zu erinnern, die ich bereits im Vorwort dieses Buchs zitiert habe:
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" (1) Evaluation und Entwicklung jeder Methode, durch die wir Informationen
von einer Person gegen ihren Willen und ohne ihr Wissen erhalten können.
(2) Wie können wir den oben genannten Maßnahmen begegnen, wenn sie gegen
uns angewendet werden?
(3) Können wir ein Individuum bis zu einem Punkt kontrollieren, an dem es
unsere Befehle gegen seinen Willen und sogar gegen so fundamentale
Naturgesetze wie den Selbsterhaltungstrieb ausführt?
(4) Wie können wir solchen Maßnahmen begegnen, wenn sie gegen uns
angewendet werden?"203
Ein Experte, sei es ein Psychologe oder ein Psychiater, der den Auftrag erhält, obige
Ziele zu verwirklichen, wird, die erforderliche Skrupellosigkeit vorausgesetzt, früher
oder später Methoden erwägen, die letztlich den von Hammond beschriebenen
Verfahren entsprechen. Es gibt nämlich beim gegenwärtigen Stand der
psychologischen und psychiatrischen Erkenntnis nur diesen Weg, um mentale
Roboter zu kreieren. Doch wir wissen letztlich definitiv nicht, ob die Psychologen und
Psychiater in den geheimen Diensten der Vereinigten Staaten und anderer Nationen
davor zurückschreckten, Kleinstkinder zu foltern und abzurichten.
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Spin-Programming
Hammonds schockierende Rede schildert allerdings nur einen Ausschnitt aus dem
Spektrum der Methoden zur foltergestützten, hypnotisch induzierten
Persönlichkeitsspaltung. So erläuterte z. B. 1993 der Psychotherapeut Dr. John D.
Lovern während einer Konferenz zum Thema "Multiple Persönlichkeit und
Dissoziation" eine von Hammond nicht erwähnte Methode der
Bewusstseinskontrolle, die er als "Spin Programming" bezeichnete.204 Seine
Ausführungen beruhten auf den Erinnerungen von sieben Patientinnen, die an einer
Multiplen Persönlichkeitsstörung erkrankt waren. Lovern räumt ein, dass diese
Stichprobe zu klein sei, um die Erinnerungen der Patientinnen als Fakten zu
präsentieren. Außerdem seien deren Berichte noch nicht von unabhängigen
Forschern verifiziert worden. Dennoch würfen die Aussagen seiner Patientinnen ein
wertvolles Licht auf die Praktiken von Tätern, die rituellen Missbrauch praktizieren.
Schließlich hätten die Berichte der Patientinnen bezüglich der Spin-Programmierung
in fast allen Fällen, mit nur geringfügigen Abweichungen, übereingestimmt.
Die "Spin-Programmierung" beruht, so Lovern, auf einer Kombination von
körperlichem Herumwirbeln und dem Training von Vorstellungen und Gedanken. Die
Wirbelbewegung wird durch eine Maschine mit veränderlicher
Umdrehungsgeschwindigkeit erzeugt. Ziel dieser Programmierung ist es, Schmerzen
und andere unangenehme Empfindungen im gesamten Persönlichkeitssystem des
Opfers auszubreiten, um entweder ein multiples Persönlichkeitssystem eines jungen
Menschen zu entwerfen und auszubauen oder um ältere Opfer zu disziplinieren bzw.
eine gegen den Willen der Täter eingeleitete Psychotherapie zu unterbrechen. Die
Spin-Programmierung ist also eine Form der psychischen und physischen Folter. Sie
eignet sich besonders gut zur Systembildung, weil sie einerseits sehr schnell
Informationen innerhalb oder durch das ganze Persönlichkeitssystem verbreiten und
andererseits sehr effektiv Machtbeziehungen zwischen Fragmentpersönlichkeiten
bzw. Gruppen von Fragmentpersönlichkeiten innerhalb der Multiplen Persönlichkeit
aufbauen kann.
Die Täter setzen die Spin-Programmierung ein, wenn sie einen psychischen Effekt im
ganzen Persönlichkeitssystem oder in weiten Bereichen dieses Systems hervorrufen
wollen. Es handelt sich also um eine globale Programmierungsmethode - im
Gegensatz zu den spezifischen Verfahren, die sich nur auf einzelne Alter- oder
Fragmentpersönlichkeiten im System der Multiplen Persönlichkeit beziehen. Zu
diesen psychischen Effekten zählen physische Schmerzen, Verwirrung, Depression,
selbstzerstörerische oder suizidale Tendenzen, Entfremdungsgefühle, Apathie,
Hoffnungslosigkeit, die Furcht vor Verlassenwerden und Zurückweisung, Panik,
Terrorgefühle, Zwang zum Weglaufen, Eifersucht, Zweifel, Misstrauen, Wut,
Gewaltbereitschaft, Immobilität, Schläfrigkeit, Schlaflosigkeit, Hunger, Appetitlosigkeit
und das Verlangen nach Drogen und Alkohol.
Viele Opfer rituellen Missbrauchs berichten von sog. Schmerzwettbewerben. Dabei
wurden ihnen und einer anderen Person beständig Schmerzen in steigender
Intensität zugefügt, bis eine der beiden Opfer die Schmerzen nicht mehr zu ertragen
vermochte. Dabei durfte nur ein Alter, nur eine Fragmentpersönlichkeit des Opfers
während des Wettbewerbs dominant bleiben, sonst folgte noch schlimmerer
Missbrauch als Bestrafung. Für die Folterer war dabei nicht das Ergebnis des
Wettbewerbs entscheidend, sondern nur die Fähigkeit der Opfer, ein Alter dominant
zu halten. Um nämlich unter der Folter nicht mental den Körper zu verlassen und
einer raschen Folge von anderen Alter-Persönlichkeiten Platz zu geben, muss
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nämlich die dominante Alterpersönlichkeit lernen, eine Gruppe innerer
Fragmentpersönlichkeiten zu kreieren, an die sie die Schmerzen senden kann. Die
dominante Alter-Persönlichkeit muss dies lernen, weil die rasche Folge von
Fragmentpersönlichkeiten die "normale" Reaktion dissoziativer Menschen in
Situationen extremer Gewalt ist.
Ebenso wie traumatische Erfahrungen genutzt werden können, eine Multiple
Persönlichkeit zu kreieren, können diese auch dazu eingesetzt werden, ein Multiples
System innerhalb eines Multiplen Systems zu erzeugen. Dabei ist die Bezeichnung
"innerhalb" nur bei äußerer Betrachtung korrekt. Aus der Perspektive des betroffenen
Persönlichkeitssystems koexistieren das ursprüngliche und das neu erzeugte System
von Alter-Persönlichkeiten dicht nebeneinander in einem inneren Raum.
Auf diese Weise wird ein inneres Machtsystem erzeugt. Ein multiples Subsystem
kann ein anderes, untergeordnetes Subsystem mit Schmerzen bedrohen und
bestrafen, indem es ein Flashback des Foltertrainings aktiviert und das
untergeordnete Subsystem zwingt, diese Schmerzen zu erleben.
Die Spin-Programmierung beginnt in der Regel in früher Kindheit und wird durch das
ganze Leben des Opfers fortgesetzt, solange sich dieses in der Gewalt der Täter
befindet. Es werden verschiedene Formen des Herumwirbelns berichtet. So werden
die Opfer z. B. auf eine große Scheibe geschnallt, die sich wie ein Plattenspieler mit
hoher Geschwindigkeit um die eigene Achse dreht. Oder die Körper der Opfer
werden um die eigene Achse gewirbelt, so als steckten sie auf einem Bratspieß. Eine
andere Methode besteht darin, die Opfer auf ein Rad zu binden und vertikal zu
drehen. Durch die hohe Drehzahl werden extreme Schmerzen erzeugt.
Während dieser Folter stehen die Opfer unter Drogen, entweder mit
Beruhigungsmitteln oder auch mit Medikamenten gegen Schwindel, sie werden
häufig gezwungen, irritierende, blitzende Lichter zu betrachten oder rhythmischer
Musik zuzuhören, sie erhalten vielfach verbale Instruktionen und werden mitunter
auch noch zusätzlich gefoltert.
Weiterhin werden die Opfer einem kognitiven und imaginativen Training unterworfen.
Ziel dieses Trainings ist es, den Betroffenen beizubringen, im Sinne der Täter über
die Spin-Programmierung zu denken und sich entsprechend zu verhalten. Viele
Opfer wurden z. B. gezwungen, herumwirbelnde Gegenstände zu betrachten oder
tanzende Derwische, die sich so schnell drehten, dass sie sich in einen
verschwommenen Wirbel auflösten (wobei die Opfer vermutlich unter dem Einfluss
von Drogen standen bzw. Spezialeffekte eingesetzt wurden). Oder die Betroffenen
erhielten „Anschauungsunterricht“: Sie mussten zuschauen, wie Menschen gefoltert
und getötet wurden, weil sie dabei versagten hatten, richtig herumzuwirbeln.
Alle Patienten Loverns berichteten, sie hätten von früher Kindheit bis ins
Erwachsenenalter wie unter Zwang stapelweise Papier mit Kritzeleien vollgemalt, die
unterschiedliche Wirbel, wie z. B. Tornados darstellt oder auch nur an Wirbel
erinnerten, z. B. unterschiedlich geformte Spiralen.
Die Täter verbinden offenbar das eigentliche Spin-Training mit visuellen
Demonstrationen, Kritzeleien, detaillierten verbalen Instruktionen und
Imaginationsübungen. Dabei erstreckt sich die Programmierung über viele Jahre mit
endlosen Wiederholungen der "Lektionen". Die Opfer müssen zuerst lernen, innerlich
herumzuwirbeln, so wie sie es während des tatsächlichen Trainings taten. So wird
die interne Repräsentation des Selbsts als eines herumwirbelnden Objekts erzeugt.
Danach wird den Betroffenen beigebracht, die Erfahrung des inneren Wirbelns mit
dem Aussenden von Schmerzen oder anderen Emotionen an andere
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Fragmentpersönlichkeiten zu verbinden. Schließlich müssen sie lernen, die
Geschwindigkeit des Wirbelns mit einer Zentrifugalkraft zu assoziieren. Diese Kraft
wird mit zunehmender Geschwindigkeit immer stärker und gleichzeitig wird auch die
Kraft immer stärker, mit der sie die Schmerzen an andere Persönlichkeitsfragmente
senden.
Darüber hinaus sollen die Opfer lernen, die Spin-Programmierung positiv zu
bewerten und sich dabei gut zu fühlen. Zu diesem Zweck muss sich die dominante
Alter-Persönlichkeit von den anderen Fragmentpersönlichkeiten abgrenzen, die dann
die Schmerzen erleiden müssen. Das dominante Alter muss glauben, dass die
anderen Fragmentpersönlichkeiten die Schmerzen auch verdienen.
Die Opfer sollen das Herumwirbeln mit Gefühlen der Kompetenz und des Stolzes
verknüpfen. Daher werden sie von den Tätern immer wieder mit Lob und anderen
Verstärkungen für "richtiges" Herumwirbeln belohnt. Richtiges Herumwirbeln
bedeutet, die Schmerzen an die anderen Fragmentpersönlichkeiten zu senden und
selbst keine Schmerzen zu empfinden. Die herumwirbelnde Fragmentpersönlichkeit
wird sorgfältig von den anderen Alter-Persönlichkeiten isoliert. Darum programmieren
die Täter häufig einen Ring von "Wächtern", der die "Spinners" vor den anderen
Alter-Persönlichkeiten abschirmt.
Das Ergebnis dieser Programmierung ist ein komplexes, selbstregulierendes System
von Fragmentpersönlichkeiten, denen spezifische Rollen und Aufgaben zugewiesen
werden. Dieses System wird durch ein sorgfältig angepasstes Sicherungssystem
kontrolliert.
Ein Ursprung der von Lovern geschilderten Methode zur Bewusstseinskontrolle liegt
offenbar in der Geschichte der Psychiatrie des 19. Jahrhunderts. Einer der
berühmtesten Psychiater in der Geschichte dieser Disziplin, Emil Kraepelin, schildert
in seinem Aufsatz "Hundert Jahre Psychiatrie" (1918) eine im 19. Jahrhundert
gebräuchliche Behandlungsmethode, die Drehmaschine: Der Kranke wurde auf
einen Stuhl oder in einem Bett festgeschnallt und um die eigene Achse gedreht oder
mit dem Kopf nach außen im Kreis herumgeschleudert. Die Zahl der Umdrehungen
betrug 40 bis 60 pro Minute. "Die Wirkungen", konstatiert Kraepelin, "namentlich des
Drehbettes waren außerordentliche. Da das Blut durch die Schwungkraft in das
Gehirn getrieben wurde, traten starke Beklemmungen, Missempfindungen,
Erstickungsfurcht, Übelkeit, Schwindel, Erbrechen, Harn- und Kotabgang, endlich
Blutergüsse unter die Bindehäute des Auges auf. Gesunde pflegten das Stillstehen
der Maschine vor Ablauf von zwei Minuten zu fordern, während manche Kranke das
Verfahren bis zu vier Minuten aushielten".205
Wir wissen nicht, ob die Drehmaschine bereits im 19. Jahrhundert dazu benutzt
wurde, künstlich Multiple Persönlichkeiten zu erzeugen. Nach Kraepelin bestand die
Funktion der Drehmaschine damals vor allem darin, aufsässige Patienten zu
disziplinieren.
Die Vorträge von Hammond und Lovern haben uns einen Überblick über die
Methoden der Bewusstseinskontrolle durch Persönlichkeitsspaltung verschafft. Im
folgenden möchte ich mich diesen Methoden im Detail widmen. Einige dieser
Methoden sind seit Jahrhunderten bekannt, nämlich Hypnose, Manipulation durch
Drogen und Folter. Das dem Einsatz dieser Mittel zugrunde liegende Prinzip lautet:
„Zuckerbrot und Peitsche“. Dies sind die wesentlichen Mittel, mit denen allein man
eine Persönlichkeit spalten und die Persönlichkeitsfragmente dressieren kann.
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In neuerer Zeit sind weitere Methoden hinzugetreten, die zwar nicht unbedingt
erforderlich sind, aber die Effizienz der Gehirnwäsche steigern können. Zu diesen
Verfahren zählen die Elektrokrampfbehandlung, die Psychochirurgie, die
Beeinflussung der Psyche durch elektromagnetische Felder sowie diverse
Messmethoden wie das EEG oder die Computer-Tomographie. Im Grunde kann man
das gesamte Spektrum der modernen Medizin einsetzen, um die
Bewusstseinskontrolle durch Persönlichkeitsspaltung zu perfektionieren. Die wahren
Künstler aber beschränken sich auf die traditionellen Methoden: Drogen, „Zuckerbrot
und Peitsche“ sowie Hypnose. Diese traditionellen Methoden beruhen auf den
Prinzipien der Konditionierung. Wir unterscheiden hier das Reiz-Reaktions-Lernen
und das instrumentelle Lernen.
Beim Reiz-Reaktions-Lernen geht die Funktion der Auslösung einer Reaktion von
einem Reiz auf einen anderen über. Beispiel: Ein Hund wird wiederholt mit einem
Stock geschlagen. Er zeigt Angstreaktionen, sobald er den Stock sieht. Nun erklingt
immer ein Glockenton, kurz bevor der Hund mit dem Stock geschlagen wird. Nach
mehreren Wiederholungen dieses Vorgangs reagiert er bereits beim Glockenton mit
Angst.
Unter „instrumentellem Lernen“ verstehen wir die Formung des Verhaltens durch
seine Konsequenzen. Es gibt vier Grundformen des instrumentellen Lernens,
nämlich:
1. Die positive Verstärkung: Dem Verhalten folgt ein positives Ereignis.
2. Die negative Verstärkung: Dem Verhalten folgt das Verschwinden eines
negativen Ereignisses.
3. Die Bestrafung: Dem Verhalten folgt ein unangenehmes Ereignis.
4. Die Löschung: Dem Verhalten folgt weder ein negatives, noch ein positives
Ereignis.206
Wir können die Bewusstseinskontrolle durch Persönlichkeitsspaltung ausschließlich
in den Begriffen des Reiz-Reaktions-Lernens sowie des instrumentellen Lernens
beschreiben. Dies setzt allerdings voraus, dass wir die Begriffe „Reiz“, „Reaktion“,
„Verhalten“ und „Ereignis“ nicht nur auf direkt beobachtbare Sachverhalte in der
physikalischen Außenwelt, sondern auch auf mentale Prozesse wie Gedanken,
Gefühle, Vorstellungsbilder, geistige Schemata, Pläne usw. beziehen.
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Die hypnotische Dressur (Hypno-Programmierung)
In meinen Zusammenfassungen der Reden Hammonds und Loverns habe ich einen
Begriff eingeführt, ohne ihn zu definieren oder näher zu erläutern, nämlich den
Begriff der „Programmierung“. Dieser Begriff steht heute in der Diskussion um „mind
control“ und „rituellen Missbrauch“ an zentraler Stelle, darum möchte ich meine
Analyse der „Bausteine“ des Prozesses der Bewusstseinskontrolle durch
Persönlichkeitsspaltung mit diesem Begriff beginnen.
Die absichtliche Spaltung der Persönlichkeit ist eine angewandte Wissenschaft, d. h.
sie strebt praktisch relevante Ziele an. Dabei kann es sich um geistige Operationen
(wie z. B. außersinnliche Wahrnehmungen) oder Aktionen (wie z. B. Banküberfälle)
handeln. Das Opfer soll die Befehle des Täters ausführen. Dabei soll es den Plänen
des Täters folgen. Es soll mit der Ausführung des Plan auf ein verabredetes Zeichen
hin beginnen. Der Prozess der Einpflanzung dieser Pläne wird in der einschlägigen
Literatur als „Programmierung“ bezeichnet.
Mir gefällt dieser Begriff nicht, da er nahe legt, der Mensch könne mit einem
Computer oder Roboter verglichen werden. Bei genauerer Analyse zeigt sich
allerdings, dass der persönlichkeitsgespaltene und mental abgerichtete Mensch
genau darum wie ein Roboter bzw. Computer zu funktionieren scheint, weil er kein
Roboter oder Computer ist, sondern über menschliche Eigenschaften verfügt, die
keine (uns bekannte) Maschine besitzt. Der Mensch ist z. B. in der Lage, sich wie
eine Maschine zu verhalten und eine maschinenartige Identität zu entwickeln. Aber
selbst durch diese Identität wird er nicht zur Maschine, sondern er bleibt ein Mensch,
der – warum auch immer – die spezifisch menschlichen Eigenschaften abspaltet. Ein
Mensch mit einer „Maschinen-Identität“ leidet also unter einer Form der Dissoziativen
Identitätsstörung.
Eine Maschine aber ist eine Maschine und nicht eine andere Entität, die eine
Maschine nur simuliert. Diese Thematik werde ich im abschließenden Kapitel dieses
Buches vertiefen. Um eine unnötige Verwirrung der Begriffe zu vermeiden, werde ich
im folgenden trotz dieser Bedenken, wie in der einschlägigen Literatur üblich, den
Begriff der „Programmierung“ verwenden. Es sei aber noch einmal ausdrücklich
darauf hingewiesen, dass es sich dabei nicht um einen Vorgang handelt, der auch
nur im Entferntesten der Programmierung eines Computers ähnelt.
Der Experte für Multiple Persönlichkeiten und Rituellen Missbrauch, der kanadische
Psychiater Colin Ross schreibt: „Wenn mir eine Patientin erzählt, sie sei zu dumm
oder zu hilflos, sich selbst zu deprogrammieren, analysiere ich den entscheidenden
gedanklichen Irrtum hinter dieser Überzeugung. Ich hebe hervor, dass niemals
irgend etwas durch den Schädel des Opfers eingeführt wurde. Die ‚Programme’
wurden innerhalb des Schädels durch das eigene Gehirn geschaffen, als Antwort auf
die Worte und Taten des Programmierers. Die Programmierung kann nicht klüger
sein als die Patientin, denn sie ist die Programmierung, und das Bewusstsein kann
nichts schaffen, was intelligenter ist als es selbst. Ich argumentiere darüber hinaus,
dass die Patientin nicht programmierbar gewesen wäre bei einem IQ von dreißig.“207
Die Vorstellung, dass die menschliche Psyche mit der Software und das Gehirn mit
der Hardware eines Computers zu vergleichen sei, ist in der wissenschaftlichen
Literatur weit verbreitet. Der Delphin- und Bewusstseinsforscher John C. Lilly
formuliert prägnant: „Alle Menschen, die in unserer Welt erwachsen werden, sind
programmierte Bio-Computer. Niemand von uns kann seinem Schicksal als
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programmiertes Wesen entkommen.“208 Aus meiner Sicht ist das Computermodell
des Gehirn-Geist-Systems eine wissenschaftliche Metapher. Dieses Bild erweist sich
als nützlich, einige Zusammenhänge in der Steuerung des menschlichen Verhaltens
und Erlebens vereinfacht zu veranschaulichen.
Man sollte dieses Bild allerdings nicht mit der Realität verwechseln. Denn der sich
selbst reflektierende, selbstbewusste Geist ist in diesem Bild nicht enthalten, auch
wenn z. B. Lilly das Selbstbewusstsein ebenfalls mit einem übergeordneten
Programm identifiziert. Die Computermetapher spiegelt einen Geist ohne Identität
wieder. Die Bewusstseinskontrolleure sind allerdings verliebt in dieses Bild des
identitätslosen Geistes und versuchen, ihre Opfer nach diesem Bilde zu formen.
Doch es gelingt ihnen nicht. Und sie geben dies auch unausgesprochen zu, indem
sie eine Methode anwenden, die ich als das „Verstecken des Persönlichkeitskerns“
bezeichne. Diese Methode werde ich in einem abschließenden Bereich dieses Buchs
beschreiben. Dieses Verfahren hat den Zweck, das Opfer in eine Lage zu bringen, in
der es nur noch eine Wahl zu haben glaubt, nämlich jene, die Identität der
Identitätslosigkeit anzunehmen.
Es gibt sie natürlich, diese Programme oder Pläne des Handelns und der kognitiven
Operationen. Gäbe es sie nicht, dann wäre kein Mensch in der Lage, auch nur einen
Nagel in die Wand zu schlagen, geschweige denn, z. B. eine komplizierte
Mathematikaufgabe zu lösen. Der selbstbewussten Geist aber kann sich von seinen
Programmen distanzieren – und darum kann diese Distanzierung nicht selbst ein
Programm sein. Sonst wäre der Geist nicht selbstbewusst.
Wer sich eine neue Fähigkeit aneignen will, zum Beispiel das Autofahren, wird
seinen Lernprozess zunächst durch inneres Sprechen in Form von an sich selbst
gerichteten Befehlen begleiten (Kuppeln, Schalten, in den Rückspiegel schauen,
Blinker betätigen usw.) Mit zunehmendem Lernfortschritt werden diese Kommandos
immer seltener, immer blasser, schließlich an den Rand des Bewusstseins gerückt,
um dann ins Unbewusste abzusinken. Das Verhalten wurde automatisiert.
Die psychologische Handlungstheorie unterstellt, dass menschliches Verhalten
generell auf Plänen oder Programmen beruht. Diese bestehen aus einer Sequenz
von Befehlen. Zum Beispiel: "Hammer in die Hand nehmen, Nagel ergreifen, Nagel
ansetzen, Prüfen des Ansatzes, Ansatz eventuell korrigieren, mit Hammer auf
Nagelkopf schlagen, Prüfen, ob Nagel bereits tief genug eingeschlagen wurde,
erneutes Zuschlagen mit dem Hammer, erneute Prüfung, Abbruch der Handlung
nach bestandenem Test." Diese Sequenzen laufen bei automatisierten Handlungen
unbewusst, bei teilautomatisierten Handlungen teilbewusst und bei neu zu lernenden
oder einmaligen Handlungen vollbewusst ab.
Diese Programme menschlichen Handelns sind in der Regel hierarchisch
verschachtelt. So entsprechen dem Oberprogramm "Bild aufhängen" zum Beispiel
die Unterprogramme "Bild auswählen", "Platz auswählen", "Nagel einschlagen",
"Aufhänger des Bildes über Nagel stülpen" usw. Derartige Handlungsstrukturen
können sich in zahlreiche Hierarchieebenen gliedern. Auf den höchsten
Hierarchieebenen finden sich vollbewusste Programme zur Vorbereitung und zum
Fällen von Entscheidungen.
Menschliche Handlungen unterliegen also einer Grammatik, die der Grammatik der
Sprache nicht unähnlich ist. Freud definierte Denken als sprachliches Probehandeln.
Diese Definition hebt den engen Zusammenhang zwischen Sprache und Handeln
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hervor. Der Philosoph Ludwig Wittgenstein hat Begriffe als
"Gebrauchsanweisungen" bezeichnet. Und in der Tat stecken ja im Begriff zum
Beispiel der "Tasse" ein Abbild ihrer Verwendungsmöglichkeiten und Schemata der
entsprechenden Bewegungen. Vermutlich bereitet die Wahrnehmung einer gefüllten
Tasse bei vorhandener Absicht zu trinken über den Begriff der Tasse die
entsprechenden neuronalen Netzwerke (Nervennetze) auf die mit dem Trinken
verbundenen Bewegungen vor. Wir ergreifen die Tasse dann z. B. automatisch am
Henkel und umfassen sie nicht mit der Hand wie ein Glas. Der Begriff aktiviert das
Nervensystem selektiv.
Es leuchtet unmittelbar ein, dass ein posthypnotischer Befehl die Struktur eines
mentalen Programms besitzt. Der Hypnotiseur sagt z. B.: „Wenn ich zweimal in die
Hände klatsche, wird es ihnen plötzlich sehr warm. Sie stehen auf und öffnen das
Fenster. Sie brüllen aus dem Fenster: ‚Scheiß heiß heute!’. Daraufhin empfinden Sie
Scham und werden rot. Sobald Sie spüren, wie Ihnen die Röte ins Gesicht schießt,
vergessen Sie, was sie soeben getan haben und setzen sich wieder hin.“ Wenn der
Hypnotisand diesem Befehl folgt, so bedeutet es nichts anderes, als dass er den
posthypnotischen Befehl in ein mentales Programm umgewandelt und dieses
realisiert hat.
Die Arbeitsgruppe um Gerald S. Blum hat in einem großangelegten
Forschungsprojekt Hypnose eingesetzt, um den Geist der Versuchspersonen für
allgemeinpsychologische Experimente zu programmieren. In seiner Schrift „Hypnotic
Programming Techniques in Psychological Experiments“ beschreibt Blum die
Vorzüge dieser Forschungsstrategie: „Mittels posthypnotischer Hinweisreize können
experimentelle Variablen – wie z. B. freifließende Angst - in Reinform
herausgearbeitet und in ihrer Ausprägung systematisch manipuliert werden. Start
und Ende dieser Variablen können mit einiger Präzision terminiert werden.
Miteinander verbundene Variablen wie Erregung und Langeweile, die gemeinhin
unter allgemeinen Rubriken in einen Topf geworfen werden, können operational
unterschieden und in Isolation oder sogar spezifischer Kombination studiert werden.
Die Verwirklichung von Experimenten im Wachzustand, bei denen die
Versuchsperson amnestisch für das vorhergehende hypnotischen Training und sich
des programmierten Verhaltens nicht bewusst ist, verringert die Wahrscheinlichkeit,
dass die Daten durch spontane bewusste Überlegungen der Versuchsperson
verwässert werden.“209
Die von Blum beschriebenen Vorteile der Hypnose für die
experimentalpsychologische Forschung kann sich natürlich auch der kriminelle oder
militärische Hypnotiseur zu nutze machen. Forschungen wie die der Arbeitsgruppe
um Blum liefern dem Gehirnwäsche-Spezialisten die wissenschaftlichen Grundlagen
für die systematische Verkettung von Gedanken, Affekten und Handlungen mittels
posthypnotischer Befehle. Natürlich war dies nicht die Absicht Blums und seiner
Mitarbeiter, und nur Böswillige heben in diesem Zusammenhang hervor, dass zu den
Geldgebern der Arbeitsgruppe um Blum die Ford-Foundation zählte210 und dass die
Ford Foundation, wie die Journalistin Frances Stonor Saunders recherchierte, im
Kalten Krieg „’offiziell’ zur Liste derjenigen Organisationen (gehörte), die der CIA in
seiner politischen Kriegsführung gegen den Kommunismus mobilisieren konnte“ – z.
B. zur „Weiterleitung von Mitteln oder als Tarnung.“211 Wie auch immer: Fakt ist, dass
die Psychiater der CIA-Gehirnwäscheforschung mit der hypnotischen Erzeugung von
Emotionen experimentierten.212
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Die Programme, die bei der absichtlichen Dressur und Spaltung der Persönlichkeit
eingesetzt werden (Mind-Control-Programs), unterscheiden sich von anderen
Programmen nicht grundsätzlich durch ihre Struktur oder ihre Arbeitsweise, sondern
durch die Art ihres Erwerbs. Dabei handelt es sich zwar um eine Dressur, die zumeist
mit extremer Traumatisierung verbunden ist, in Trancezuständen (oft unter Drogen)
erfolgt und die automatisiertes Verhalten unter Ausschaltung des kritischen
Selbstbewusstseins zum Ziel hat. Dies sind natürlich Besonderheiten der
Bewusstseinskontrolle, die beim normalen Training fehlen. Doch im Prinzip arbeiten
Gehirnwäsche-Programmierer nicht anders als Trainer (z. b. Tennis- oder
Tanzlehrer).
Die Mind-Control-Programmierung enthält alle Aspekte, die auch das „normale
Training“ kennzeichnen213:
Die Programmierung
sensibilisiert Sinnessysteme,
automatisiert Tätigkeitskomponenten
baut die begriffliche Widerspiegelung von Tätigkeitsabschnitten auf
und fördert die intellektuelle Analyse zur Effizienzsteigerung der Tätigkeit
insgesamt.
Im Gegensatz zum normalen Training wird jedoch nicht der „ganze Mensch“
ausgebildet, sondern nur Teilpersönlichkeiten, die von den anderen
Teilpersönlichkeiten des multiplen Persönlichkeitssystems durch amnestische
Barrieren getrennt sind. So ist es also durchaus denkbar, dass eine
bewusstseinskontrollierte Hausfrau im Alltagsleben noch nicht einmal in der Lage ist,
einen Kleinwagen problemlos einzuparken, wohingegen sie nach Aktivierung der
einer entsprechend ausgebildeten Fragmentpersönlichkeit durch eingepflanzte
Schlüsselreize einen Kampfjet zu fliegen vermag. Es versteht sich von selbst, dass
eine derart tiefgreifende Dissoziation selbstverständlich auf einem lebenslangen
Training beruht.
Folgende Programme finden sich häufig in den Berichten mutmaßlicher Opfer der
Bewusstseinskontrolle durch Persönlichkeitsspaltung:
Kontakt-Programme: Diese Programme sorgen dafür, dass die Opfer auf
ein bestimmtes Signal (z. B. rhythmisches Klopfen) mit den Tätern Kontakt
aufnehmen.
Berichtsprogramme: Die Opfer werden programmiert, den Tätern in
regelmäßigen Abständen alle wichtigen Ereignisse in ihrem Leben zu
berichten.
Selbstverletzungs-(Schneiden, Verbrennen etc.) und Suizidprogramme:
Diese Programme werden aktiviert, um das Opfer zu bestrafen bzw. wenn
die Täter das Opfer loswerden wollen.
Attentats-Programme: Die Täter pflanzen den Opfern Mordpläne ein.
Therapieunterbrechungsprogramme: Diese Programme haben die
Aufgabe, therapeutische Prozesse zu stören, wenn sich das Opfer - gegen
den Willen der Täter - in psychotherapeutischer Behandlung befindet.
Zugangs-Programme: Diese Programme erlauben es den Tätern den
Zugriff auf das gesamte multiple Persönlichkeitssystem eines Opfers.
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Rückkehr-Programme: Diese Programme zwingen das Opfer, sich sofort
an einer vorher vereinbarten Stelle einzufinden.
Verstärker-Programme: Diese Programme verstärken andere Programme
und erinnern das Opfer an seine „Pflichten“ gegenüber den Tätern.
Verschlüsselungs-Programme: Diese Programme haben die Funktion,
unerwünschte Gedanken zu unterbrechen, Erinnerungen auszulöschen,
den Tätern nicht genehme Handlungen zu beenden bzw. das Opfer zu
verwirren, zu verunsichern oder zu blockieren.
Überflutungsprogramme: Diese Programme überfluten das Opfer mit einer
Sturzflut unangenehmer Gedanken und Gefühle.
Recycle -Programme: Diese Programme führen zu einer erneuten
Dissoziation bereits integrierter Erinnerungen.
Cover-Programme sind programmierte falsche Erinnerungen.
Antwort-Programme zwingen das Opfer, auf Fragen im Sinne der Täter zu
antworten.
Schweige-Programme: Diese Programme verhindern, dass das Opfer den
Tätern nicht genehme Informationen weitergibt.
Isolations-Programme führen dazu, dass sich entweder
Fragmentpersönlichkeiten voneinander abgrenzen oder das sich die
Gesamtpersönlichkeit aus ihrem sozialen Umfeld zurückzieht.
Schnelle Persönlichkeitswechsel-Programme bewirken, dass im
Persönlichkeitssystem des Opfers in schneller Folge verschiedene
Persönlichkeitsfragmente aktiviert werden.214
Schwartz hält die folgenden fünf Programmtypen für grundlegend; sie
„repräsentieren die wesentlichen Formen organisierter Programmierung, die in allen
Mind-Control-Situationen eingesetzt werden und die Basis aller komplexeren und
ausgefeilteren Indoktrinationen bilden“215:
Gedächtnisverlust
Deckerinnerungen (falsche Erinnerungen, die Erinnerungen an das
tatsächliche Geschehen überlagern)
Aufgabenprogrammierung (z. B. Prostitution, Drogenschmuggel,
Kurierdienste, Attentate)
Selbstmord-Programmierung
Geisel-Programmierung (unbedingte Loyalität, ja, Liebe gegenüber den Tätern
und bedingungsloser Gehorsam).
Die Programme, mit denen gewaltsam gespaltene Persönlichkeiten abgerichtet
werden, sind letztlich mehr oder weniger komplexe posthypnotische Befehle. Sie
werden zwar nicht nur mit Hilfe der Hypnose eingepflanzt. Aber die Hypnose bildet
den Kern der Methoden zur geistigen Versklavung eines Menschen.
Bei der Produktion mentaler Sklaven ist Hypnose nicht alles, aber ohne Hypnose ist
alles nichts. Die Hypnose gibt den verschiedenen Einflüssen auf die Psyche des
Opfers die angemessene Form, stimmt sie aufeinander ab und verkettet sie
miteinander. Die Besonderheit besteht darin, dass sich die Programme nicht auf die
gesamte Persönlichkeit beziehen, sondern immer auf einzelne
Persönlichkeitsfragmente. Diese Persönlichkeitsfragmente sind in der Regel durch
amnestische Barrieren von den anderen Persönlichkeitsfragmenten getrennt oder –
um den Fachbegriff zu gebrauchen – dissoziiert. Die Programmierung ist also die
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Dressur von Persönlichkeitsfragmenten mit Hilfe von Hypnose auf Basis der
Mechanismen von Belohnung, Strafe und Reizverknüpfung (instrumentelle und
klassische Konditionierung). Man könnte für diese Programmierung einen neuen
Fachbegriff prägen, nämlich „Dissoziative Verhaltensmodifikation“.
Oft werden die Programme mit kurzen Botschaften verknüpft, die den Opfern
eingehämmert werden. Botschaften zu Schweigeprogrammen könnten z. B. lauten:
„Wenn du sprichst, fährst du zur Hölle!“; „Wenn du redest, töten wir dich / eine dir
nahestehende Person!“; „Niemand wird dir glauben, man wird dich für verrückt
halten!“. Häufig verwendete Botschaften für Unterwerfungsprogramme sind: „Du
kannst uns nicht entkommen!“ (Nowhere to run, nowhere to hide!“; Tu was wir sagen,
sonst töten wir eine dir nahestehende Person!“; „Wenn herauskommt, was du getan
hast, kommst du ins Gefängnis!“216
Die Gesamtheit der oft bizarren und unvorstellbar grausamen Maßnahmen der Täter
verfolgt ein übergeordnetes Ziel: Es geht darum, jedes Eigenleben, jeden Eigensinn
aus der Psyche des Opfers herauszupressen und ihm statt dessen ein System
selbstversklavender Überzeugungen einzupflanzen, die überwiegend unbewusst
wirken. Es enthält nach Harvey L. Schwartz u. a. folgende Botschaften der Täter an
das Opfer:217
Du verdienst Strafe und Verurteilung.
Widerstand ist zwecklos.
Es gibt kein Entkommen und keine Hoffnung, und die Hoffnung wird mehr
Schmerzen verursachen.
Du kannst nichts tun, um deine Situation zu verändern.
Niemand hört dich schreien, niemand kümmert sich um dich. Vertrauen auf
andere Menschen oder Gott ist zwecklos. Fortgesetztes Schreien wird
mehr Folter hervorrufen.
Niemand wird dir irgend etwas glauben, ganz gleich, was du ihnen
erzählst.
Gefühle sind gefährlich. Lass keine Gefühle zu, sonst wirst du zerstört.
Schwäche und Verletzlichkeit sind widerlich; sie verdienen Strafe, Qualen
und Demütigung.
Du wirst genau das tun und denken, was dir gesagt wird, doch du wirst
denken, dass du etwas tust, wofür du dich selbst entschieden hast.
Durch deine Entscheidungen ist all das geschehen.
Du hast keine Erinnerungen außer den Erinnerungen, die wir dir erlauben.
Wir beobachten dich immer. Wir wissen stets, was du fühlst und tust.
Du kannst nur auf dich zornig sein und nur dich hassen, es sei denn, wir
würden dir befehlen, jemanden zu hassen oder auf ihn zornig zu sein.
Irgend etwas stimmt zutiefst nicht mit dir, und das muss du fortwährend vor
anderen verbergen.
Du musst dich stets normal verhalten und dich anpassen, so, als sei nichts
Ungewöhnliches mit dir geschehen.
Du gehörst uns, wir beschützen dich.
Deine Macht und deine Erfolge kommen von uns und gehören uns. Solltest
Du irgend etwas aus eigenem Antrieb versuchen, wirst du dich endlos
selbst sabotieren und in völliger Sinnlosigkeit und Selbsthass
zusammenbrechen.
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Du wirst sterben, wenn du irgendwem etwas erzählst oder versuchst, uns
zu verlassen.
Der Motor, der das Opfer antreibt, sich im Sinne dieser Botschaften zu verhalten, ist
die (meist unbewusste) Angst vor fürchterlichen Strafen. Diese Angst wird in der
Regel durch brutale Folter und Suggestionen eingepflanzt. Die Effizienz der
Bewusstseinskontrolle durch Persönlichkeitsspaltung hängt in entscheidendem Maß
davon ab, wie gut es den Persönlichkeitskontrolleuren gelingt, diesen
Angstmechanismus in das Unbewusste des Opfers einzupflanzen.
Diese komplexe, angstgesteuerte Programmierung, die das Opfer in einen mentalen
Sklaven mit zersplitterter Identität verwandelt, funktioniert jedoch nur unter einer
weiteren Bedingung: Der Betroffene muss sein Selbstbewusstsein verlieren. Er muss
seine Fähigkeit verlieren, sich von seinen Programmen zu distanzieren und sie
kritisch zu reflektieren. Dies ist natürlich nur in einem metaphorischen Sinne möglich,
denn das menschliche Selbstbewusstsein ist unzerstörbar. Daher ist auch das
Computermodell des menschlichen Gehirn-Psyche-Systems falsch. Dennoch
funktioniert Bewusstseinskontrolle durch Persönlichkeitsspaltung, und zwar auf
Grundlage einer ungeheuerlichen Paradoxie: Das Opfer entwickelt die Identität eines
Menschen ohne Identität. Dies ist Selbstbetrug - unter der Folter, durch Drogen,
Hypnose, sensorische Deprivation, Elektroschocks, Drohungen, falsche
Versprechungen und alle erdenklichen Formen der Demütigung erzwungener
Selbstbetrug. In einem abschließenden Kapitel dieses Buchs werde ich mich den
psychischen Fundamenten dieses monströsen Selbstbetrugs im Detail widmen.
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Narko-Hypnose
Drogen gehören zu den klassischen Mitteln der gewaltsamen, erzwungenen
Umformung der Persönlichkeit. Dabei werden die wie das Soma in Huxleys „Brave
New World“218 als Glücksdroge, zur Erzeugung von Qualen und Missstimmungen219,
zur Einleitung bzw. Vertiefung der Hypnose220, zur Desorientierung221, zur Auslösung
von Nahtoderfahrungen222 und vielen anderen Zielen eingesetzt.
Zahllose Drogen eignen sich mehr oder weniger gut, um die menschliche
Suggestibilität zu erhöhen. Zu diesen Drogen zählen vor allem die
Narkosevorbereitungs- bzw. Narkosemittel wie Sodium Pentothal, Sodium Amytal,
Nembutal und Narkonomal.223
In einem Office Memorandum der CIA über Hypnose in verdeckten Operationen aus
dem Jahre 1955 heißt es unter der Überschrift „Narco-Hypnosis“: „Barbiturate...
können zur Erzeugung des hypnotischen Schlafs genutzt werden, auch wenn alle
anderen Methoden versagen. Chloroform und Äther waren die ersten Narkotika, die
zu diesem Zweck benutzt wurden. Heute werden verschiedene Derivate und
Modifikationen der Phenobarbital-Familie verwendet. Sodium Amytal und Sodium
Pentothal sind die am häufigsten eingesetzten kurzfristig wirkenden Barbiturate...“
Ein Berater habe zwar vor einer Überschätzung dieser Drogen gewarnt, aber
bestätigt, dass die drogengestützte Hypnose für die Arbeit der CIA essentiell sei.224
Noch besser geeignet zur Einleitung und Vertiefung der Hypnose ist jedoch ein
Alkaloid von Nachtschattengewächsen, nämlich Scopolamin.225 Diese Substanz ist in
der Natur weit verbreitet. In besonders hohen Konzentrationen kommt es in der
Schwarzen Tollkirsche (Belladonna), im Gemeinen Stechapfel (Datura stramonium).
Im Bilsenkraut (Hyosciamus niger) und in der Alraune (Mandragora officinarum)
vor.226 Obwohl es dafür keine Beweise gibt, halte ich es für sehr wahrscheinlich, dass
scopolamin-haltige Pflanzen auch von Hasan ibn al-Sabbah und seinen Nachfolgern
im Amte des Großmeisters der Assassinen verwendet wurde, um die Selbstmord-
Terroristen dieses mörderischen Kults mental zu versklaven.
Scopolamin besitzt zugleich halluzinogene, bewusstseinstrübende und lähmende
Wirkungen. Vor allem wegen der letztgenannten Eigenschaft wurde es noch bis in
die achtziger Jahre in der ehemaligen DDR als „chemische Zwangsjacke“ für erregte
Psychotiker eingesetzt.227
In seinem Buch über Wahrheitsseren betont Bob Mengering, dass Scopolamin wie
die Narkotika zu einer Dämpfung des eigenen Willens führe und so die Einschaltung
eines fremden Willens erleichtere. Er fährt fort: „Beim Scopolamin tritt zu der
Willensdämpfung, wobei die übrigen Impulse schwächer herabgesetzt werden, die
stärkere Bereitschaft zu halluzinieren; diese betonte Neigung zur Halluzination kann
sehr leicht einen Schritt weiterführen zur Übernahme von außen suggerierter Bilder.
Man kann auf diese Weise einen Dämmerschlaf entweder in eine Hypnose
überführen oder im Dämmerschlaf selber posthypnotische Aufträge erteilen. Starke
Wirkungen ergeben sich bei der kombinierten Verwendung von
Barbitursäurederivaten und Stoffen der Scopolamingruppe. Die
halluzinationsfördernde Wirkung des Scopolamins ist bei dieser Kombination gepaart
mit der den ganzen Bereich der Antriebe stärker abdämmenden Wirkung der
anderen Komponente, z. B. des Luminals. Gesteuerte und ungesteuerte
Halluzinationsbilder können dann selbst als posthypnotische Prägung auftreten. Die
oft entstehende retrograde Amnesie lässt den eigentlichen Zusammenhang aus dem
Bewusstsein schwinden.“228
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Das Scopolamin weist eine bemerkenswerte Ähnlichkeit mit dem Neurotransmitter
(Botenstoff des Nervensystems) Acetylcholin auf. Diese Ähnlichkeit mag dafür
verantwortlich sein, dass diese Droge die Acetylcholin-Rezeptoren im Gehirn
blockiert, ohne sie zu aktivieren. Die Wirkungen der Droge hängen also mit dieser
Acetylcholin-Blockade zusammen.229 Über die Wirkungen des Acetylcholins auf das
Zentralnervensystem ist immer noch wenig bekannt. Man weiß aber, dass es zu
Hemmungen des Verhaltens führt (eine Blockade also zur Enthemmung) und dass
es eine (noch nicht eindeutig geklärte) Bedeutung für das Kurz- und
Langzeitgedächtnis besitzt.230
Angesichts der Willensdämpfung und Bewusstseinstrübung eignet sich Scopolamin
natürlich auch hervorragend zur Einleitung einer verdeckten Hypnose – z. B. bei
einer vorgetäuschten ärztlichen Untersuchung. Der angebliche Arzt könnte dem
scheinbaren Patienten z. B. suggerieren: „Ich muss Ihnen jetzt ein völlig harmloses
Medikament injizieren, dass sie allerdings vorübergehend etwas benommen machen
wird. Aber keine Sorge, das geht schnell vorüber. Am besten konzentrieren sie sich
ganz auf meine Anweisungen, damit wir die ganze Geschichte schnell hinter uns
bringen können.“
Die kombinierten amnestischen Wirkungen der Droge und der Hypnose sowie ggf.
eine suggerierte posthypnotische Amnesie sorgen dann dafür, dass sich das Opfer
dieser Manipulation nach dem Abklingen der Scopolamin-Wirkung und Beendigung
der Hypnose nicht mehr an die Behandlung erinnern kann.
Pflanzen, die Scopolamin bzw. verwandte Substanzen erhalten, werden seit
Menschengedenken zur Erzeugung von Trancezuständen und zur Kontrolle des
Bewusstseins eingesetzt.
Was für die einfache Hypnose ohne Drogen gilt, trifft gleichermaßen auch auf die
Narko-Hypnose zu. Durch eine einzelne Sitzung ist in der Regel keine tiefgreifende
Beeinflussung möglich. Durch ständig wiederholte Injektionen aber, schreibt der
Psychiater und Experte für kriminelle Hypnose, Heinz E. Hammerschlag, erreicht
man u. U. „eine derart gesteigerte Suggestibilität, dass die Opfer dieser
Misshandlung tatsächlich zu Marionetten werden, die automatisch auf die Drahtzüge
des Regisseurs reagieren; überdies aber macht man sie dadurch zu einem
physischen und psychischen Wrack, dessen Individualität völlig ausgelöscht zu sein
scheint.“231
Als Beispiel für die mögliche Anwendung der Narko-Hypnose für militärische und
geheimdienstliche Zwecke möchte ich aus einem Bericht des Amerikaners Dan Harr
zitieren. Harr wurde angeblich als Kind satanisch rituell missbraucht und als Student
von der CIA für „Spezialaufgaben“ angeheuert. Das Training für diese
„Spezialaufgaben“ war, folgt man den Angaben Harrs, eine Mind-Control-
Programmierung mit narko-hypnotischen Elementen. Dabei wurden nach der
Aussage von Harr die üblichen Drogen wie Scopolamin und Sodium Pentothal
eingesetzt.
Harr erinnert sich: „Ich wurde auf einen Stuhl gefesselt. Meine rechte Hand war
gespreizt, und ich hatte Fingerhüte aus Gummi an meinen Fingerkuppen, aus denen
Drähte kamen. Ich hatte eine intravenöse Nadel in meiner Hand... Die Blitze aus dem
Stroboskop und die Klänge aus den Lautsprechern waren synchronisiert – und zwar
etwa im 1-Sekunden-Takt, bis etwas gesagt wurde, dann wurden die Blitze sehr
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schnell. Ich hatte ein Metallband um mein rechtes Bein, und ich erinnere mich daran,
dass ich manchmal Schocks im Rhythmus des Blitzlichts erhielt. Sie stellten mir
Fragen und gaben mir Anweisungen...
Ich erinnere mich an einige Dinge, die ich auf dem Bildschirm sah. Es gab viele
verschiedene Bilder: Hunde, die Sex hatten, meine Eltern mit abgeschnittenen
Köpfen, ein Film mit Menschenopfern und Kannibalismus, gemischt mit Bildern von
Blumen, Pornographie, Autos, Tieren u. s. w.“232
In der Folge dieser Behandlung entwickelte Harr rechtsradikale, christlich
fundamentalistische Ideen, die ihm vorher völlig fremd waren. Harr vermutet, dass er
politische Gruppierungen ausspionieren sollte.
Harr kann seine Geschichte leider nicht beweisen. Man könnte sie daher als
unerheblich einstufen. Mit dem Argument fehlender Beweise könnte man allerdings
vermutlich die meisten Berichte über Rechtsbrüche von Geheimdiensten als
irrelevant bezeichnen. Man käme dann zu dem Schluss, dass Geheimdienste, von
bedauerlichen Einzelfälle abgesehen, überaus tugendsame Einrichtungen sind. Man
könnte aber auch bedenken, dass es zu den Aufgaben von Geheimdiensten gehört,
die eigenen Aktionen möglichst perfekt zu tarnen. Und man könnte auch
berücksichtigen, dass die Organe der Strafverfolgung und Justiz mitunter ein Auge
zudrücken, wenn die Verdächtigen in diesen Kreisen zu suchen sind.
Ein Beispiel für die kriminelle Anwendung der Narko-Hypnose ist allerdings
bewiesen. Es soll hier berichtet werden, weil der Täter der Leiter eines kanadischen
Projekts zur „Rehabilitation“ von Straftätern war, das sich bei genauerem Hinsehen
als Gehirnwäsche-Programm entpuppt. Der Name des Täters: Dr. George Scott,
Psychiater in Diensten der „Canadian Federal Corrections“. Hunderte kanadischer
Gefängnisinsassen wurden mit Elektroschocks, Drogen und Methoden des
Reizentzugs (sensorische Deprivation) traktiert. Die CIA und das kanadische
Verteidigungsministerium finanzierten Teile dieser Experimente.
Scott wurde später die Approbation entzogen. Aber nicht wegen seiner
menschenrechtswidrigen Experimente mit Strafgefangenen, sondern wegen der
Nutzung seiner Kenntnisse für private Bedürfnisse. Scott injizierte, wie ein
kanadisches Gericht feststellte, einer Patientin Sodium Pentothal, versetzte ihr
Elektroschocks, pflanzte ihr in einem Zustand annähernder Bewusstlosigkeit
posthypnotische Befehle zu sexuellen Handlungen ein und stimulierte sie dann mit
dem Aufputschmittel Ritalin. Der Missbrauch erstreckte sich über fünf Jahre. Scott
verschrieb der Frau sogar vorsorglich die Antibabypille.233
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LSD
Wenn in den Medien von den Drogenexperimenten der CIA die Rede war, so
standen zumeist die eher grotesk anmutenden Eskapaden im Vordergrund. Selten
fehlt in diesen Berichten der Hinweis auf jenes Bordell in San Francisco, in dem CIA-
Agenten hinter Einwegspiegeln Freier beobachteten, denen ohne ihr Wissen LSD
verabreicht worden war.234 Man täte der CIA allerdings Unrecht, wenn man mit
solchen Berichten den Eindruck zu erwecken versuchte, bei diesen Experimenten sei
ein wilder Haufen verantwortungsloser Schwachköpfe am Werk gewesen. Die LSD-
Forschung der CIA kann man überhaupt nur vor dem Hintergrund ihres
anspruchsvollen Zieles richtig verstehen, das Verhalten und Erleben von Menschen
ohne ihr Wissen und Einverständnis zu steuern. Die Krönung der Forschung sollte
die Produktion mentaler Roboter sein, sog. „manchurian candidates“.
Die Experimente mit LSD waren dabei nur ein Aspekt der Gehirnwäsche-Projekte der
CIA. Die LSD-Experimente sollten den CIA-Forschern neben mehr praktischen Zielen
vor allem helfen, die Arbeitsweise der menschlichen Psyche zu verstehen, um auf
dieser Grundlage die Methoden der Bewusstseinskontrolle zu verbessern. Mit LSD
betrieben die Psycho-Wissenschaftler der CIA also auch Grundlagenforschung. Und
hierzu ist die Droge ohne Zweifel durchaus geeignet.
LSD ist ein halluzinogenes Mutterkornalkaloid, das erstmals 1938 von dem
Schweizer Chemiker Albert Hofmann synthetisiert wurde. Das Mutterkorn ist ein
Dauermyzelgeflecht (Pilzfäden) des Mutterkornpilzes. Unter Alkaloiden versteht man
stickstoffhaltige Basen, die als Salze in bestimmten Pflanzen vorkommen. Einige
Rauschmittel, wie das LSD, sind Alkaloide, z. B. Nikotin, Koffein, Kokain und
Morphin.
Hofmann entdeckte die berauschende Wirkung des LSD, nachdem er diese Droge
bei seiner Arbeit im Labor, zufällig und ohne es zu bemerken, aufgenommen hatte.
Bereits in kleinsten, kaum noch messbaren Mengen kann LSD starke psychische
Wirkungen hervorrufen. Nach seinem unfreiwilligen ersten Selbstversuch entschloss
sich der Chemiker, die geheimnisvolle Substanz unter kontrollierten Bedingungen
erneut zu testen. In seinem Buch "LSD - mein Sorgenkind" beschreibt er seine
Erfahrungen u. a. wie folgt:
"Alles in meinem Gesichtsfeld schwankte und war verzerrt wie in einem gekrümmten
Spiegel." ... "Schlimmer als die Verwandlungen der Außenwelt ins Groteske waren
die Veränderungen, die ich in mir selbst, in meinem innersten Wesen verspürte. Alle
Anstrengungen meines Willens, den Zerfall der äußeren Welt und die Auflösung
meines Ichs aufzuhalten, waren vergeblich," ... "Eine furchtbare Angst, wahnsinnig
geworden zu sein, packte mich." ... "Zeitweise glaubte ich, außerhalb meines
Körpers zu sein, und erkannte dann klar, wie ein außenstehender Beobachter, die
ganze Tragik meiner Lage." ... "Der Schrecken wich allmählich und machte einem
Gefühl der Dankbarkeit Platz, je mehr normales Fühlen und Denken
zurückkehrten."235
Diese Sätze lassen die Wirkung des LSD auf einen Menschen erkennen, der mit
dieser Droge nicht vertraut ist. Man kann sich die Ängste, die Panik vorstellen, die
diese Droge in einem Menschen auszulösen vermag, der sie ohne vorherige
Erfahrung mit ihr und zudem ohne sein Wissen erhält. Wer LSD allerdings in guter
psychischer Verfassung und im Bewusstsein ihrer Effekte und Gefahren konsumiert,
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kann durchaus auch ungetrübte Augenblicke tiefer Freude, gesteigerter
Wahrnehmung, befreiten Denkens und berauschender Schönheit erleben.
LSD hebt das unermessliche Reich des Unbewussten in ein traumhaft verändertes,
märchenhaftes Bewusstsein. Dabei kann es sich um einen Alptraum handeln oder
um einen Blick ins Paradies. Unter günstigen Bedingungen beherrscht der LSD-
Tripper plötzlich die Künste eines Zauberers, die er aus den Märchenbüchern seiner
Kindheit kennt. Er kann die Welt und sich selbst verwandeln, er verfügt über die
Gabe der außersinnlichen Wahrnehmung, der Prophetie. Er unternimmt
außerkörperliche Reisen in ferne Länder oder gar an die Ränder des Universums.
Seine Fähigkeiten sind gesteigert, seine Sinne weit geöffnet, sein Sinn für das
Schöne und Geistige enorm gesteigert. Das all dies natürlich nur in der Phantasie
geschieht – wen kümmert es? Zu recht nennt ein CIA-Dossier aus dem Jahre 1955
LSD die potenteste „Psycho-Chemikalie“ , die bisher bekannt wurde.236 Dies gilt bis
auf den heutigen Tag.
Myron J. Stolaroff ist ein LSD-Pionier, der nach seiner ersten LSD-Erfahrung im Jahr
1956 erklärte, dass diese Droge die wichtigste Entdeckung der Menschheit sei.
Stolaroff, ein Elektroingenieur mit Führungserfahrung in der Industrie, erforscht seit
1961 systematisch die Wirkung von LSD und verwandter Drogen. Er beschäftigt sich
insbesondere mit der Frage, ob man mit psychedelischen Drogen die Praxis der
Meditation fördern kann. Er schrieb zwei Bücher und eine Reihe von
Zeitschriftenartikeln zu dieser Thematik.
In seinem Artikel „Are psychedelics useful in the practice of Buddhism?“ beschreibt
Stolaroff237 fünf Voraussetzungen, die erfüllt sein müssen, damit psychedelische
Drogen die meditative Praxis wirksam fördern können.
1. Ethischer Rahmen: Eine tragfähige ethische Grundhaltung ist zur Integration
psychedelischer Erfahrungen unbedingt erforderlich.
2. Vorbereitung: Der Nutzer psychedelischer Drogen muss grundlegend über die
Wirkungsweise der Droge informiert sein. Er muss wissen, welche
Erfahrungen zu erwarten sind, von welchen Faktoren sie beeinflusst werden,
wie er mit ihnen umgehen muss und welche Bedeutung innere Einstellung und
äußere Umstände besitzen. Es ist entscheidend, dass der erste „Trip“ von
einem erfahrenen Führer begleitet wird. Er muss hochdosiert sein, um
transpersonale Ebenen zu erreichen. Dadurch bekommt der folgende Prozess
eine übergreifende Perspektive.
3. Die Substanz muss unverfälscht und die Dosis angemessen sein.
4. Es ist wichtig, während der Erfahrung mit psychedelischen Drogen mentale
Stabilität anzustreben und aufrecht zu erhalten. Dies kann u. a. durch
Atemtechniken geschehen.
5. Nur die tägliche meditative Praxis kann von der psychedelischen Erfahrung
profitieren. Erst wenn die psychedelische Erfahrung durch die meditative
Arbeit vollständig ausgeschöpft wurde, ist eine weitere Drogenerfahrung
sinnvoll.
LSD wird in der Regel geschluckt. Der Körper nimmt es innerhalb einer Stunde auf.
Die normale Dosis liegt zwischen 25 und 300 Mikrogramm. Die Wirkung hält etwa
sechs bis acht Stunden an. Die körperlichen Veränderungen unter dem Einfluss
dieser Substanz sind eher geringfügig. So können z. B. die Körpertemperatur, die
Pulsfrequenz, der Blutdruck und der Blutzuckerspiegel leicht ansteigen. Der Stoff ist
nur schwach giftig; die tödliche Dosis dürfte bei 14.000 Mikrogramm liegen. 238 Aus
pharmakologischer Sicht ist LSD also eine sehr sichere Droge; angesichts der
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immensen psychischen Wirkungen kann sich dieses Halluzinogen jedoch dennoch
als gefährlich erweisen und z. B. Psychosen auslösen bzw. zu Suiziden führen.239
Auch wenn die CIA einmal große Hoffnungen in diese Droge setzte, ist die
Bedeutung dieser Substanz für den operativen Einsatz, für die Praxis der
Bewusstseinskontrolle eher gering. Zwar vermag sie wesentliche Einblicke in
unbewusste Prozesse zu eröffnen, die für die Entwicklung von Methoden zur
unbewussten Steuerung des Verhaltens und Erlebens relevant sind. Aber für das
operative Geschäft der Bewusstseinskontrolle sind die Wirkungen dieser Droge nicht
berechenbar genug. LSD erhöht zwar die Suggestibilität und kann zu einer
erheblichen Desorientierung führen, es schwächt auch die Ich-Funktionen und
verwirrt mitunter das Identitätsgefühl, aber diese Effekte treten nicht zuverlässig in
der gewünschten Stärke ein.
Den größten Bewusstseinskontroll-Effekt hat die Droge selbstverständlich, wenn sie
ohne Wissen des Opfers verabreicht wird und dieser keine Erfahrungen mit
Halluzinogenen hat. Doch auch in diesen Fällen hängt es in entscheidendem Maß
von dem Umständen und der Persönlichkeitsstruktur des Betroffenen ab, welche
Reaktionen die Substanz auslöst. Dies musste auch die CIA einsehen, nachdem sie
zahllose Menschen mit und ohne deren Einverständnis und Wissen unter LSD
gesetzt hatte.
Selbstverständlich haben die CIA-Forscher die unterschiedlichen Reaktionen
verschiedener Persönlichkeitstypen auf LSD und andere Drogen gründlich erforscht.
Sie fanden zum Beispiel heraus, dass sozial introvertierte Personen eher
„schizotypisch“ auf LSD reagieren. Doch neben solchen vereinzelten Befunden
blieben viele Fragen offenbar ungeklärt. Verwirrender noch: Manche
Versuchspersonen blieben sich unter LSD treu und behielten ihre
Persönlichkeitsmerkmale bei, doch andere zeigten unter dem Einfluss der Droge
andere Persönlichkeitsmerkmale als im nüchternen Zustand.240
Es versteht sich beinahe von selbst, dass die LSD-Forschungen der CIA keiner der
Forderungen Stolaroffs entsprachen. Sie erfolgten nicht in einem ethischen Rahmen.
Oftmals erfolgten die Experimente ohne Wissen und Einverständnis der
Versuchspersonen, und die Experimente lagen auch nicht im deren Interesse,
sondern verfolgten geheimdienstliche und militärische Ziele. Die Versuchspersonen
wurden nicht auf die LSD-Erfahrung vorbereitet – selbst dann nicht, wenn die
Experimente mit ihrem Einverständnis erfolgten. Die Droge wurde häufig nicht
unverfälscht, sondern vermischt mit anderen Drogen und in extrem hoher Dosierung
verabreicht. Keineswegs wurde die Aufrechterhaltung mentaler Stabilität angestrebt,
sondern vielfach das genaue Gegenteil: die mentale Destabilisierung bis hin zum
Nervenzusammenbruch. Und selbstverständlich wurde auch nicht versucht, die LSD-
Erfahrung – z. B. durch Meditation – in die Persönlichkeit der Versuchsperson zu
integrieren. Im Klartext: Die CIA verabreichte LSD unter Bedingungen, die das Risiko
psychischer Schäden maximierten.
Heute, da zahllose Menschen LSD unter den unterschiedlichsten Bedingungen
ausprobiert haben, scheint es selbstverständlich zu sein, dass die LSD-Wirkung
weder von außen, noch vom LSD-Tripper selbst zuverlässig gesteuert werden kann.
Doch als die CIA diese Droge in den fünfziger und sechziger des 20. Jahrhunderts
Jahren testete, gab es diese Erfahrungen natürlich noch nicht. Bis sich diese
Erkenntnis dann doch durchsetzte, wurde dieser Drogen die höchste
geheimdienstliche Priorität eingeräumt. Sogar der Chef des „Federal Bureau of
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Narcotics“, der legendäre Drogenkrieger Harry J. Anslinger musste der CIA bei der
Erforschung dieses Halluzinogens helfen.
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Die Drogenkrieger
Die folgende Abschweifung in die Geschichte des amerikanischen Kriegs gegen die
Drogen (War on Drugs) berührt das Thema „Bewusstseinskontrolle durch
Persönlichkeitsspaltung“ nur am Rande. Dennoch habe ich diesen Aspekt in mein
Buch aufgenommen, weil er zeigt, dass die Bewusstseins- und
Persönlichkeitsspaltung keineswegs nur ein individuelles, sondern ein
gesamtgesellschaftliches Phänomen ist. Spaltungen werden gebahnt, aber nicht nur
durch die modulare Struktur des menschlichen Gehirn-Psyche-Systems , sondern
auch durch die Tendenz moderner Gesellschaften, Spaltungen zu belohnen oder
auch zu erzwingen.
Der Film "Reefer's Madness" ist zugleich ein Meisterwerk politischer Propaganda und
ein abschreckendes Beispiel misslungener Drogenprävention. Der Streifen ist so
widersprüchlich wie die Persönlichkeit und das Verhalten Harry J. Anslingers, des
Urhebers der Ideen, die in diesem Film propagiert werden. Er ist so widersprüchlich
wie die Gesellschaft, auf die er zugeschnitten war.
Als Chef des "Federal Bureau of Narcotics" versuchte Anslinger, Menschen vor den
Gefahren der Drogen zu schützen. Doch zugleich unterstützte er die CIA bei der
Suche nach geeigneten Drogen zur Kontrolle des menschlichen Bewusstseins gegen
den Willen und ohne Wissen der Betroffenen.
"Reefer Madness“ kam 1936 in die Kinos. Anfang der siebziger Jahre des vorigen
Jahrhunderts wurde er ausgegraben und in Studentenkinos einem überwiegend
jungen Publikum gezeigt. Er erzeugte brüllende Heiterkeit bei den oft bekifften
Zuschauern.
Das durch die wilden Sechziger und die Hippie-Bewegung abgeklärte Publikum
durchschaute die simple Horrorpropaganda und empfand die suggestive Methodik
des Films als unfreiwillig komisch.
Doch dieser Film war ursprünglich nicht als Satire gedacht. Er sollte vielmehr die
Zuschauer motivieren, sich für ein strenges Anti-Marihuana-Gesetz auszusprechen.
Dies zeigt die eine Analyse des Films von Steven Jacobson, die ich im folgenden
etwas verkürzt referiere:
Der Moderator des Films, der Highschool-Direktor Dr. Carroll agiert, als habe er
soeben einen Grundkurs der hypnotischen Bewusstseinskontrolle absolviert. Der
Film zeigt ihn bei einen Vortrag über die Gefahren des Marihuana-Rauchens. Dr.
Carroll liest scheinbar Fakten von einem weißen Blatt ab. Doch dieses Blatt erscheint
groß mitten auf der Leinwand und steuert die Augenbewegungen des Betrachters
wie der pendelnde Zeigefinger des Hypnotiseurs.
Dr. Carroll spricht rhythmisch, mit gelegentlichen Veränderungen der Lautstärke, des
Tonfalls und der Intervalle zwischen den Pausen. Der Direktor strahlt Autorität aus;
seine Stimme ist bestimmend und dominant. Er lässt keinen Zweifel an der Wahrheit
seiner Botschaft. Er pflegt einen patriarchalischen Kommunikationsstil und starrt dem
Publikum unverwandt in die Augen. Er akzentuiert seine Rede, indem er mit der
Faust rhythmisch aufs Pult schlägt. Dr. Carroll behauptet, dass Marihuana-Konsum
zwangsläufig zu schockierenden Gewaltausbrüchen führe und nur zu oft in
unheilbarem Irrsinn ende.
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Zugleich aber zeigt der Film Szenen, in denen junge Leute friedlich Marihuana
rauchen, eine Party feiern, tanzen, lachen, sich küssen und sich schließlich in
eindeutiger Absicht ins Schlafzimmer zurückziehen.
Der Film vermittelt also zwei Aussagen, die miteinander in Konflikt stehen. Die eine
Aussage animiert zum Konsum von Marihuana, die andere zum Kampf gegen diese
tödliche Gefahr.
Den Konsumszenen folgt ein Dialog zwischen Carroll und einem ungenannten
"Government Men", einem Mann der Regierung. Der Direktor sagt: "Ihr Leute von der
Regierung müsst doch endlich etwas dagegen tun!"
Der Regierungsvertreter antwortet: "Sie haben ja recht. Aber Marihuana ist nicht mit
anderen Rauschgiften (Dope) zu vergleichen. Es wächst wild in beinahe jedem Staat
der Union."
Der Begriff "Dope" bezeichnete in jener Zeit üblicherweise harte Drogen wie Heroin.
Aber in diesem Film wird "Dope" nicht nur mit Marihuana in Verbindung gebracht,
sondern durch den Soundtrack sogar noch besonders hervorgehoben. Es ging
darum, dass Kraut mit harten Drogen auf eine Stufe zu stellen.
Wer der geistige Urheber von "Reefer Madness" war, zeigt ein Vergleich der
Schriften Harry J. Anslingers mit dem Drehbuch des Films und vor allem mit den
Äußerungen des ungenannten Regierungsmannes. Die Texte stimmen zum Teil
beinahe wortwörtlich überein.
Harry Anslinger und das von ihm geleitete "Federal Bureau of Narcotics" kreierten
das "Marihuana-Problem", um ein Verbot dieser Droge zu erzwingen. Anslinger
schrieb ein Buch und zahlreiche Artikel, in denen er Marihuana als Mörderin der
Jugend brandmarkte. Darüber hinaus erschien eine größere Zahl von
Schreckensberichten in Tageszeitungen und populären Magazinen, in denen die
Handschrift Anslingers deutlich wurde.
Aus heutiger Sicht muten Anslingers Auffassungen grotesk an, und schon damals
sagte ein Vertreter der "American Medical Association" vor einem
Untersuchungsausschusses des Kongresses aus, dass die Position Anslingers nicht
durch die wissenschaftliche Forschung gedeckt sei. Doch letztlich setzte sich der
umtriebige Leiter der Drogenbehörde durch.241
Anslinger war einer der entschlossensten und erfolgreichsten Drogenkrieger der
Vereinigten Staaten. Gleichzeitig aber kooperierte das Federal Bureau of Narcotics
mit der CIA. 1953 betraute dieser Geheimdienst das Bureau und seinen Chef
Anslinger mit der Aufgabe, LSD und andere Drogen auf ihre Eignung für
geheimdienstliche Zwecke zu testen. Als Versuchspersonen sollten amerikanische
Bürger eingesetzt werden - ohne ihr Wissen und Einverständnis. Anslinger legte
diese Aufgabe in die Hände George Hunter Whites. White war einer der wichtigsten
Mitarbeiter Anslingers und zudem ein enger Freund. Der Chef des CIA-
Drogenprogramms, Sidney Gottlieb, hatte Anslinger persönlich darum gebeten, den
hemdsärmeligen Drogenfahnder White einzusetzen.
Wie nicht anders von einem Agenten der obersten Drogenbehörde zu erwarten, war
White in der Öffentlichkeit ein entschiedener, kompromissloser Gegner aller Drogen.
Andererseits probierte er jede Droge aus, die ihm in die Finger kam, und der Alkohol,
den er innigst liebte, zerstörte seine Leber. Whites Experimente verstießen nicht nur
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gegen die Gesetze der Vereinigten Staaten, sondern standen auch in krassem
Widerspruch zu den elementarsten Menschenrechten.
So betrieb White z. B. im Auftrag der CIA und mit Billigung Anslingers in San
Francisco ein Forschungslabor, das als Bordell getarnt war. Er bezahlte Prostituierte
dafür, LSD in die Drinks ihrer Freier zu mischen und dann mit ihnen zu schlafen.
White beobachtete die Vorgänge durch einen Einwegspiegel. Dabei saß er auf einer
tragbaren Toilette und trank einen Martini nach dem anderen. Das Projekt trug den
Namen "Midnight Climax". Die CIA interessierte sich u. a. dafür, ob man Sex unter
dem Einfluss einer halluzinogenen und stark aphrodisischen Droge für
geheimdienstliche Zwecke ausbeuten konnte.242
Um einen Rechtsstreit mit dem Sachbuchautor Douglas Valentine zu vermeiden, gab
die CIA im Februar 2000 fast 90 Seiten aus Whites Tagebuch frei. Wie üblich waren
diese Seiten heftig zensiert, doch versehentlich waren einige Namen von Opfern, die
White unter Drogen gesetzt hatte, nicht geschwärzt worden. Zu den in Whites
Tagebuch erwähnten Opfern zählte Barbara Smithe. White gab ihr ohne ihr Wissen
und Einverständnis am 11 Januar 1953 eine Dosis LSD.
Damals war sie 19 Jahre und hatte eine kleine Tochter von zwanzig Monaten. 1958
brach sie psychisch zusammen, wurde in eine psychiatrische Klinik eingewiesen und
blieb dort bis zu ihrem Tod im Jahre 1978. Es ist nicht auszuschließen, dass ihre
psychische Erkrankung eine Folge des unfreiwilligen LSD-Experiments war. White
war im übrigen so skrupellos, Barbara LSD in den Drink zu mixen, obwohl ihr Baby
anwesend war.243
Ein weiteres Beispiel für das Interesse der CIA an LSD in dieser Zeit sind die
Forschungen des Psychiaters Harris Isbell, der am „Addiction Research Center" in
Lexington (USA) wirkte. Dieses Forschungszentrum war eine Abteilung eines
staatlichen Krankenhauses, des „Public Health Service Hospitals". Angeblich
handelte es sich um eine Einrichtung zur Behandlung von straffälligen
Heroinsüchtigen. Dr. Isbell allerdings praktizierte zu diesem Zweck überaus
merkwürdige Methoden.
So erhielt zum Beispiel eine Gruppe überwiegend schwarzer Insassen an 75
aufeinander folgenden Tagen LSD in höchster Dosierung. Isbell suchte mit diesem
Experiment nach Wegen, die Toleranz gegenüber Halluzinogenen überwinden.
Bekanntlich entwickelt sich bei wiederholter Einnahme von LSD nach kurzer Zeit eine
sich verstärkende Toleranz, so dass die Droge relativ schnell ineffektiv wird und erst
nach einem Intervall von mehreren Tagen bis Wochen wieder ihre volle Wirkung
entfaltet. Um die Gefangenen zur Teilnahme an diesem mörderischen
Drogenmarathon zu gewinnen, war Dr. Isbell bereit, sie in jener Währung zu
bezahlen, die sie am meisten schätzen: Er gab ihnen zur Belohnung Heroin.
Isbells Forschungszentrum war bei den Abhängigen sehr beliebt. Rund 90 % der
entlassenen Patienten kamen wieder.
Und auch der Staat war begeistert von Isbells Forschungen. Das „National Institute of
Mental Health (NIMH)" gewährte ihm uneingeschränkte Förderung und großzügige
finanzielle Unterstützung.
Das Geld wurde vom NIMH allerdings nur weitergeleitet. Es stammte ursprünglich
aus Kassen der CIA, die auch Isbell selbst auf ihrer Gehaltsliste hatte.244
Isbells Drogenexperimente waren Bestandteil der damals ultrageheimen
Gehirnwäscheprojekte dieses Geheimdienstes der Vereinigten Staaten. Er sollte
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neben dem bereits erwähnten Toleranzproblem u. a. erforschen, ob Drogen die
Hypnotisierbarkeit beeinflussen.245
Die Beispiel zeigen, dass die Einstellung der amerikanischen Politik zu den Drogen
durchaus zwiespältig war: Einerseits sollte die Bevölkerung durch Prävention und
Therapie vor den Gefahren der Drogen geschützt werden, andererseits wurden
dieselben Drogen im Namen der nationalen Sicherheit eingesetzt. Sie wurden sogar
Amerikanern und Ausländern ohne ihr Wissen und Einverständnis verabreicht,
obwohl die CIA LSD und verwandte Drogen für extrem gefährlich hielt.246 Die
Spaltung zwischen einem teilweise beinahe hysterischen Antidrogenkrieg einerseits
und menschenrechtswidrigen Drogenexperimenten andererseits verlief, wie an den
Beispielen Anslinger, White und Isbell gezeigt, teilweise durch die Köpfe der
Beteiligten und hinterließ ihre Spuren in den Strukturen der Gesellschaft. Die
Spaltungen in den Köpfen und den gesellschaftlichen Verhältnissen bilden eine
höchst widersprüchliche Einheit. Es handelt sich um inszenierte Spaltungen auf
Grundlage von Skripten. Es gibt natürlich auch Spaltungen, die nicht inszeniert sind
und nicht auf einem Skript beruhen. Hier denke ich zum Beispiel an die Spaltung
eines Baumstamms durch einen Blitz.
Beispiele für die inszenierte Spaltung auf Grundlage eines Skripts sind die
Enthauptung bei einem Hinrichtung mit dem Beil oder die gesteuerte Zersplitterung
der Persönlichkeit angesichts eines unerträglichen seelischen Traumas. Die
Inszenierung ist die Verwirklichung des Skripts eines Autors durch einen Akteur unter
Anleitung eines Regisseurs. Die einzelnen Rollen können natürlich jeweils auch
durch mehrere Personen besetzt sein und eine Person kann mehrere Rollen
übernehmen.
Ein zehnjähriges Mädchen wird vom Vater missbraucht. Mutter ignoriert den
Missbrauch. Beide Eltern sind sich stillschweigend einig, dass dieses schmutzige
Familiengeheimnis nicht nach außen dringen darf. Als das Mädchen weinend
gegenüber der Mutter andeutet, was der Vater nachts mit ihr treibt, sagt die Mutter:
"Das hast Du Dir nur eingebildet. Gute Mädchen vergessen so etwas sofort wieder
und böse Mädchen kommen ins Erziehungsheim!"
In der Schule spielt das missbrauchte Mädchen die Rolle der guten, braven
Schülerin. Nur hin und wieder starrt es wie im Trance aus dem Fenster, beißt an den
Fingernägeln, schlägt aggressiv nach ihrer Banknachbarin. Die Lehrerin verstärkt die
gute Schülerin und versucht das gelegentliche, störende Verhalten mit
pädagogischem Geschick abzubauen.
Die Rollen sind hier relativ klar voneinander abgegrenzt. Vater und Mutter sind die
Autoren des Skripts, die Lehrerin ist die Regisseurin, das Kind ist die Akteurin der
Spaltung (und zugleich deren Objekt). Es ist die gute Schülerin in der Schule und die
willige Lolita im Bett. Zum Skript gehört in der Regel ein Schweige- und ein
Erinnerungsverbot. Lolita darf sich nicht daran erinnern, dass sie ein Schulmädchen
ist; das Schulmädchen darf sich nicht daran erinnern, dass es auch Lolita ist. Und es
darf natürlich erst recht nicht darüber sprechen. Die Lehrerin darf sich nicht daran
erinnern, was die auffälligen Symptome des Kindes bedeuten könnten und erst recht
darf sie nicht darüber sprechen. Sie weiß, wie viel Ärger es bedeuten kann, wenn
man die Eltern einer Schülerin des sexuellen Missbrauchs verdächtigt.
Wir finden diese Dreiteilung (Autor, Regisseur, Akteur) nicht nur bei intrapsychischen
Spaltungen. Im alten Russland brachen die Zaren gern mal ein Judenpogrom vom
Zaun, wenn der Unmut im Volke anwuchs und ein Ventil brauchte. Den Part des
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Autors spielte der Zar, die Regisseure waren bezahlte Hetzer, die Akteure
aufgehetzte Teile der Bevölkerung (und das Objekt der Spaltung war die
Gesellschaft insgesamt).
Doch unabhängig davon, ob sich die Spaltung in der Innen- oder in der Außenwelt
vollzieht: Es geht um Macht. Bei pathologischen Spaltungen müssen wir immer nach
drei Rollenträgern Ausschau halten. Wenn wir uns nur auf die Akteure konzentrieren,
werden wir diese Prozesse niemals verstehen. Das entscheidende Bindeglied
zwischen den drei Rollenträgern ist das Skript, das "Drehbuch" der Spaltung. Die
Frage lautet: Wem nützt die Inszenierung des Skripts? Was verrät die Art der
Inszenierung über den Autor, den Regisseur, den Akteur?
Die intrapsychische Spaltung ist kein individueller Vorgang. Sie ist stets in
gesellschaftliche Prozesse einbezogen. Bei einem sexuell missbrauchten und
multiple gewordenen Kind wird die Spaltung z. B. durch wechselseitige
Verhaltensmuster in der Familie, in der Schule, in Freundeskreisen geformt.
Regisseure in diesen und andere Lebenswelten konditionieren die Spaltung, oft ohne
es zu wissen und zu wollen.
Mitunter besitzt die Spaltung historische Dimensionen. Ein (fiktives?) Beispiel:
Spezialisten einer Partisanengruppe spalten absichtlich die Persönlichkeit eines
Kindes und dressieren die Persönlichkeitsfragmente. Eine Teilpersönlichkeit wird
später ein ganz normales Leben als Schuster, Bäcker, Rechtsanwalt oder Arzt
führen. Die zweite Teilpersönlichkeit aber wird zu einem Kämpfer ausgebildet, der
bedingungslos gehorsam Befehlen folgt. In Friedenszeiten wird die erste
Teilpersönlichkeit aktiviert, die nichts von der Existenz der zweiten Teilpersönlichkeit
weiß. Wird aber der Staat von einer fremden Macht besetzt, so aktivieren die Führer
der Partisanengruppe durch einen Code die zweite Teilpersönlichkeit. Diese zweite
Teilpersönlichkeit ist ein mentaler Roboter, ein Mandschurischer Kandidat, der durch
Bewusstseinskontrolltechniken seines freien Willens beraubt wurde. Er verübt "auf
Knopfdruck" Attentate, begeht Sabotage oder er sprengt sich, z. B. in der Nähe
militärischer Einrichtungen der Okkupanten, mit einer tragbaren Atombombe (Mini
Nuke) selbst in die Luft.
Wäre in dieser politischen Phantasie der Auftraggeber dieser Partisanentruppe der
Geheimdienst eines demokratischen Staates, so käme zu diesen vielschichtigen
Spaltungen nach die Spaltung zwischen demokratischen, rechtsstaatlichen Prinzipien
und menschenrechtswidrigen Praktiken hinzu. Und über all diesen Spaltungen lastet
in dieser politischen Phantasie ein Tabu: Es ist verboten, darüber zu sprechen, ja,
sich auch nur daran zu erinnern. In den folgenden Kaptiteln werde ich Fakten und
Aussagen mutmaßlicher Opfer präsentieren, die dieser Phantasie Nahrung geben.
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Camerons Experimente mit LSD
Bedeutsamer als die Experimente mit Freiern oder Heroinabhängigen, in denen LSD
isoliert und nicht als Bestandteil einer umfassenden Gehirnwäsche-Strategie
eingesetzt wurde, war die Arbeit des Psychiaters Donald Ewen Cameron (1901-
1968). Der gebürtige Schotte und 1942 eingebürgerte US-Amerikaner Cameron
gründete 1943 an der McGill-Universität in Montreal (Kanada) das Allan Memorial
Institute, das für viele ahnungslose Menschen zu einem Haus des Schreckens
werden sollte. Durch Fleiß, Tatkraft und politisches Geschick gelang es ihm, dieses
Institut zu einem weltweit anerkannten psychiatrischen Forschungszentrum zu
entwickeln. Bereits zwei Jahre nach Gründung war Camerons Ruf so ausgezeichnet,
dass er nach Nürnberg eingeladen wurde. Dort sollte er während der Nürnberger
Prozesse Rudolf Hess psychiatrisch begutachten und diagnostizieren. Mitte der
fünfziger Jahre hatte der agile Psychiater den Gipfel seiner Macht erklommen: Er war
Professor für Psychiatrie der McGill-Universität, leitender Psychiater des Royal
Victoria Hospitals und Direktor des Alan Memorial Institutes. Innerhalb kurzer Zeit
wurde er zum Präsidenten des Amerikanischen Psychiatrieverbandes, des
Psychiatrieverbandes von Quebec und Kanadas, des Weltverbandes der Psychiatrie,
der Gesellschaft für Biologische Psychiatrie und des Amerikanischen
Psychopathologischen Verbandes gewählt.247
Cameron entwickelte neue Formen der biologisch orientierten Psychotherapie, die er
„depatterning treatment“ und „psychic driving“ nannte. Diese Methoden kombinierten
massive Elektroschocks, erzwungenen Schlaf, diverse Drogen und suggestive
Botschaften zu einer pseudo-medizinischen Mixtur, die bei nüchterner Betrachtung
nur als eine besonders brutale Form der Gehirnwäsche bezeichnet werden kann.
Camerons Gehirnwäsche-System werde ich mich in späteren Abschnitten dieser
Schrift zuwenden und mich im folgenden auf die Rolle konzentrieren, die LSD dabei
spielte. Seine diesbezüglichen Forschungen wurden im übrigen zum Teil von der CIA
finanziert. Das Geld floss über eine Tarnorganisation des amerikanischen
Geheimdienstes, der „Society fort the Investigation of Human Ecology“.
Der investigative Journalist John Marks behauptet, Cameron habe nicht gewusst,
dass die CIA die Quelle der Forschungsmittel sei.248 Der kanadische Psychiater und
Mind-Control-Spezialist Colin Ross bezweifelt dies: „He was too politically connected
to be unwitting.“249 (Er hatte zu viele politische Verbindungen, um unwissend zu sein.)
Cameron benutzte LSD nicht zur Bewusstseinserweiterung wie die Hippies der
Sechziger, auch nicht zur Erforschung des Unbewussten wie Timothy Leary oder
John Lilly und erst recht nicht als intensivierte Form der Psychoanalyse wie Hanscarl
Leuner, sondern als Mittel in seinem Gehirnwäscheprogramm. Seine Patientin Val
Orlikow z. B. kam zu ihm mit einer Depression. Cameron behandelte sie stationär.
Während er die psychotherapeutischen Gespräche mit ihr führte, kam ein anderer
Arzt ein- bis viermal in ihr Krankenzimmer und gab ihr eine Injektion, bei der das LSD
entweder mit einer stimulierenden oder mit einer antidepressiven Droge vermischt
war. Danach musste sie in ihrem Zimmer allein bleiben und sich ein Tonband
anhören, dass pausenlos Auszüge aus ihren Therapiesitzungen mit Cameron
abspielte. Sie musste dabei alles aufschreiben, was ihr durch den Kopf ging. Diese
Prozedur wurde in einem Zeitraum von zwei Monaten 14mal wiederholt. Val Orlikow
erlebte unter dem Einfluss des Drogencocktails fürchterliche Panikzustände (Horror-
Trips) und war kaum in der Lage, irgend etwas aufzuschreiben. Sie hasste die LSD-
Behandlung und bat Cameron mehrfach, damit aufzuhören. Doch er nötigte sie
immer wieder dazu, weiter zu machen.250
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Es ist sicher zutreffend, dass auch an anderen psychiatrischen Kliniken in dieser Zeit
mit LSD experimentiert wurde. Doch Camerons Kombination dieses Halluzinogens
mit anderen Drogen und Elektroschocks, die Häufigkeit der Behandlungen, die
soziale und sensorische Isolation der Patientinnen und Patienten waren einzigartig.251
Cameron wollte mit LSD in erster Linie den Widerstand der Patientinnen bzw.
Patienten brechen, ihre wunden Punkte ans Licht bringen und sie so für seine
Indoktrinationen öffnen.252 Es versteht sich beinahe von selbst, dass Cameron seine
Opfer nicht über die Wirkungen der Droge LSD aufklärte.253
Offensichtlich versuchte der Psychiater, seine Opfer mit LSD und anderen Mitteln in
einen extremen Stresszustand zu versetzen und eine sog. transmarginale protektive
Inhibition in ihrem Nervensystem hervorzurufen. Dies ist ein traumatisch bedingter
Nervenzusammenbruch mit höchstgradig gesteigerter Suggestibilität. Meines Wissen
gibt es keine (veröffentlichten) Studien dazu, wie LSD in diesem Zustand wirkt. Man
kann aber vermuten, dass dies die Tendenz des LSD zur Auflösung der Identität ins
Extrem verstärkt.
Schließlich gelangte Cameron allerdings zu der Überzeugung, dass sich LSD für
seine Ziele wenig eigne. Die Droge werde sowohl hinsichtlich ihres Nutzens, als auch
ihrer Gefahr weit überschätzt.254
Wie bereits ausführlich begründet, dürfte diese Einschätzung Camerons zutreffen, da
die Wirkung des LSD unberechenbar ist und von einer Vielzahl von Faktoren in der
Umwelt und in der Persönlichkeit des LSD-Konsumenten abhängt. Diese Vielzahl der
Einflussgrößen entzieht sich der Kontrolle. Möglichst weitgehende, am besten totale
Kontrolle über die psychischen Zustände des Opfers ist aber das A & O der
absichtlichen Persönlichkeitsspaltung und Dressur der Persönlichkeitsfragmente.
LSD spielt daher in diesem Bereich nur eine untergeordnete Rolle, trotz der
anfänglich gewaltigen Hoffnungen, die CIA-Psychiater in den fünfziger und, mit
zunehmendem Realismus, in den sechziger Jahren in diese Droge setzten.
Doch nicht nur LSD, auch die diversen anderen Drogen, die in den Gehirnwäsche-
Projekten eingesetzt wurden, bereiteten der CIA Sorgen. So heißt es auch in dem
Bericht über die Inspektion von MKULTRA aus dem Jahre 1963, die Anwendung
dieser Drogen im operativen Einsatz bleibe „eher eine Kunst als ein
wissenschaftliches Verfahren. Eine bedeutsame Zahl von Merkmalen der Zielperson,
wie z. B. Geschlecht, Alter, Gewicht, allgemeine Gesundheit, sozialer Status und
Persönlichkeitsstruktur, könnte für die weitgehend variierenden und
unvorhersehbaren Reaktionen auf eine bestimmte Droge in einer bestimmten
Dosierung verantwortlich sein.“255
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Anectine
Eine der Drogen, deren Wirkung sich im Sinne der Gehirnwäsche wesentlich besser
steuern lässt als LSD, ist das Anectine (Succinylcholine Chloride). Anectine ist ein
weißes, geruchlose, leicht bitter schmeckendes Pulver, das leicht in Wasser gelöst
werden kann. Es ist ein Abkömmling des indianischen Pfeilgifts Curare. In den
Händen des versierten Gehirnwäschers wird es zur Quelle des puren Entsetzens. Es
ist ein kurzwirkendes Muskelrelaxans, das bei ärztlichem Gebrauch in der Anästhesie
eingesetzt wird. Es bewirkt eine Muskelentspannung bis zur völligen
Bewegungslosigkeit. Dabei wird das Bewusstsein allerdings nicht beeinträchtigt. Der
Betroffene bleibt voll wach und erlebt alles uneingeschränkt mit, was mit ihm
geschieht.
Ende der sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts wurde versucht, psychisch kranke
Straftäter mit Hilfe von Anectine zu rehabilitieren. Die Versuche fanden im
Atascadero Mental Hospital und im Vacaville Rehabilitation Center statt.256
Anectine simuliert den Tod. Dreißig bis vierzig Sekunden nach der Injektion beginnt
die Lähmung. Zunächst sind die Finger betroffen, dann die Zehen, dann die Augen.
Schließlich fällt die Atmung aus. Das Opfer kann sich nicht mehr bewegen, bekommt
keine Luft mehr... und erlebt all dies bei vollem Bewusstsein mit.257 Die Droge
paralysiert die willkürliche Muskulatur für zwei bis fünf, endlose Minuten. Das Opfer
wird von dem Gefühl zu ersticken oder zu ertrinken überwältigt. Es meint, mit
rasender Geschwindigkeit in den Tod zu sinken.258
Das ist Folter. Doch die wissenschaftliche Psychologie hat dafür einen unverdächtig
klingenden Namen: „Aversive Konditionierung“.259
Während die Gefangenen paralysiert waren, brüllten ihnen die „Forscher“
Suggestionen ins Ohr – oder auch Kommandos wie: „Tu was Dir gesagt wird!“260 Und
das ist natürlich auch Gehirnwäsche. Das ist Konditionierung in Todesnähe, die zu
den Standardmethoden vieler Gehirnwäsche-Programme zählt. Die Doktoren hatten
offenbar wenig Skrupel, psychisch kranke Gefangene zu foltern und ihre Gehirne zu
waschen. Im Gegenteil: In einer medizinischen Zeitschrift priesen drei Mitarbeiter des
Atascadero-„Krankenhauses“, Sterling W. Morgan, Martin P. Reimringer und Paul F.
Bramwell die Vorzüge der Droge, die sie an 90 Gefangenen getestet hatten:
„Succinylcholine (= Anectine) bietet eine leicht kontrollierbare, beschleunigte,
angsterzeugende Erfahrung, während der die Wahrnehmung intakt ist und der
Patient für Suggestionen empfänglich bleibt.“261
Ein Arzt des Spezialgefängnisses in Atascadero bemerkte trocken: „Diese Männer
haben keine Rechte. Wenn wir etwas lernen können, indem wir sie benutzen, dann
ist das ein kleiner Ausgleich für den Ärger, den sie der Gesellschaft gemacht
haben.“262
Auch Donald Ewen Cameron war sich der Vorzüge des Anectines durchaus bewusst.
In einem Antrag auf Forschungsförderung schlug er vor, die Nützlichkeit dieser
Droge für seine Gehirnwäsche-Methode „Psychic Driving“ zu erproben. Es sollte
geprüft werden, ob durch die Inaktivierung des Opfers mit Hilfe von Anectine die
Empfänglichkeit für beständig wiederholte „verbale Signale“ gesteigert werden
könne.263 Die Methode des „Psychic Driving“ beschreibe ich in einem späteren
Kapitel dieses Buches.
Man findet wenig Literatur zum Einsatz des Anectines in der Gehirnwäsche; dies
sollte aber nicht dazu verleiten, die Bedeutung dieser Droge für die
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Bewusstseinskontrolle zu unterschätzen. Da durch diese Droge Nahtoderlebnisse
erzeugt werden können, eignen sie sich z. B. auch zur religiös orientierten
Bewusstseinskontrolle. Informanten berichten, eine Stimme habe ihnen während der
Anectine-Wirkung suggeriert, sie sei Gott und ihnen Anweisungen für ihr Verhalten
nach ihrer „Rückkehr“ aus dem Reich zwischen Diesseits und Jenseits gegeben.
Aus zahlreichen Berichten wissen wir, welche transformative Macht
Nahtoderlebnisse besitzen können. Die Gehirnwäscher versuchen offenbar, sich
diese Macht zunutze zu machen. Dies kann natürlich nur im Rahmen einer
umfassenden Bewusstseinskontroll-Strategie gelingen, die mit religiösen bzw.
spirituellen Bezugssystemen arbeitet.
Nahtod-Erlebnisse sind sog. terminale Grenzerfahrungen, d. h. der Betroffene sieht
den scheinbar unausweichlichen Tod vor Augen. Dies bedeutet, dass damit auch alle
Versuche der individuellen Bewältigung dieser extremen Stresssituation als
aussichtslos erscheinen. Die einzige Form der unter diesen Bedingungen noch
möglichen Stressverarbeitung ist die allgemeine Sinnfindung.264
Die Bewusstseinskontrolleure versuchen, die Empfänglichkeit für Visionen des Sinns
im Nahtod-Erlebnis in ihrem Interesse zu nutzen.
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Prolixin
Prolixin (Fluphenazine Decanoate) ist ein Medikament zur Behandlung der
Schizophrenie. Bei dafür empfindlichen Menschen oder in Überdosierung kann es
sehr unangenehme Nebenwirkungen auslösen. Diese beschrieb ein Gefangener in
Vacaville so: „Es gibt kein anderes Gefühl wie dieses. Nichts ist diesem Gefühl
verwandt, keine Erfahrung, die irgendwer normalerweise in seinem Leben
durchmachen würde... Du bekommst Muskelkrämpfe, hauptsächlich in den Beinen,
aber auch in anderen Teilen deines Körpers einschließlich deines Gesichts. Du
bekommst einen Starrkrampf. Du kannst Deine Zunge nicht mehr kontrollieren. Du
bekommst Beinkrämpfe. Du wirst so müde, dass du dich hinlegen musst. Doch du
kannst nicht länger als drei, vier Minuten stille liegen... Deine Gedanken sind
zerrissen; du hältst einen Gedankengang nicht länger als eine Minute durch. Du
fängst an, eine Zigarette zu drehen, legst sie zur Seite, nimmst ein Buch, gehst aufs
Klo, vergisst, dir den Arsch abzuwischen. Dein Geist ist wie ein Spielautomat. Jedes
Rad dreht einen anderen Gedanken.“265
Es gibt Medikamente, die diese qualvollen Nebenwirkungen unterdrücken. Bei den
Gefangenen in Vacaville und anderen amerikanischen Gefängnissen wurde darauf
verzichtet. Denn auf die Nebenwirkungen kam es offenbar an. Das ist
Psychopharmaka-Folter. In sehr hoher Dosierung kann die Droge einen Zustand
hervorrufen, der dem psychiatrischen Krankheitsbild der Katatonie ähnelt. In diesem
Zustand, schreiben Dörner & Plog in ihrem Lehrbuch der Psychiatrie, ist die
„gesamte Dynamik bis hin zur Motorik gesperrt (Katatonie), so dass der Mensch sich
überhaupt nicht mehr äußern kann, jedoch innerlich bis zum Siedepunkt gespannt
ist.“266 Dies ist ein Zustand, in dem es keine Ablenkung gibt. Das Gehirn saugt jedes
Wort auf wie ein Schwamm.
Die beschriebenen Effekte der Droge Prolixin könnten auch mit einer großen Zahl
anderer antipsychotischer Medikamente hervorgerufen werden. Es handelt sich
dabei um die sogenannten klassischen Neuroleptika oder Standardsubstanzen. Zu
den eigentlich unerwünschten Nebenwirkungen dieser Medikamente zählt das sog.
„extrapyramidale Syndrom“. Es weist starke Ähnlichkeiten zu den motorischen
Veränderungen auf, „die bei der Parkinson-Krankheit beobachtet werden, wie
Muskelversteifung (Rigor), Zittern (Tremor), langsame Bewegungen und Unruhe.
Einige Symptome bilden sich nach dem Absetzen des Medikaments zurück, doch es
kommt auch zu anhaltenden und mitunter bleibenden motorischen Störungen...“267
Wer Menschen solchen Risiken und Qualen aussetzt, ohne dass dies durch eine
schwere und anders nicht zu beherrschende psychiatrische Krankheit erforderlich ist,
muss uneingeschränkt als kriminell eingestuft werden. Es geht hier nicht darum,
diese Medikamente grundsätzlich zu verteufeln. Ihr Einsatz ist - ebenso wie die
Elektrokrampftherapie, die ich im nächsten Kapitel beschreiben werden - zweifellos
ethisch gerechtfertigt, wenn ausreichend aufgeklärte Patienten dieser Behandlung
zustimmen. Doch als Mittel im Rahmen einer umfassenden Strategie zur
Bewusstseinskontrolle durch Persönlichkeitsspaltung sind sie letztlich Folter, ein
schwerer Verstoß gegen die Menschenrechte.
Es gibt zahlreiche Drogen, die zur Bewusstseinskontrolle eingesetzt wurden. Einige
dieser Drogen waren psychiatrische Medikamente oder bekannte Straßendrogen,
andere wurden eigens zu diesem Zweck entwickelt. Einige dieser Drogen sind in der
Tat apokalyptisch, so z. B. das „Wahn-Gas“ IDPN II. Der Wissenschaftsjournalist
Peter-Ferdinand Koch beschreibt die Wirkungen wie folgt: „Ein Mann greift
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seelenruhig nach einem Teelöffel und sticht sich die Augen aus. Ebenso friedlich
buddelt ein Kleinkind ein Loch in die Sandkiste, schüttet sich zu und erstickt.
Lächelnd bittet ein Soldat seinen Feind um dessen Gewehr, er schießt nicht ihn tot,
sondern sich selbst in den Mund. Eine Frau reißt sich mit den Händen klaglos die
Scheide auseinander.“
Dieses Wahngas wurde laut Koch für die Amerikaner von einem ehemaligen KZ-
Experimentator entwickelt: Walter Ritter von Baeyer.268
Im Rahmen der Thematik dieses Buchs genügt es allerdings, einige der
konventionellen Drogen wie LSD, Scopolamin oder Anectine zu beschreiben, denn
diese sind als Hilfsmittel zur Bewusstseinskontrolle durch Persönlichkeitsspaltung
völlig ausreichend.
Die CIA gelangte nach einigen Jahren der LSD-Euphorie und der verzweifelten
Suche nach der perfekten Geheimdienstdroge Anfang der sechziger Jahre zu der
Erkenntnis, dass bisher die perfekte Knockout-Pille, Wahrheitsdroge, Aphrodisiakum
oder Rekrutierungsdroge noch nicht gefunden worden sei. Es habe in den letzten
Jahren dennoch einen Fortschritt gegeben. Dieser sei allerdings nicht durch Chemie,
sondern durch eine vollständig psychologische Theorie des Verhörs möglich
geworden. Den Drogen sei in dieser Theorie eine nur noch unterstützende Rolle
zugewiesen worden.269
Diese Erkenntnis der CIA gilt für alle Hilfsmittel zur Bewusstseinskontrolle, ganz
gleich, ob es sich nun um Drogen, Folterinstrumente, Elektroschock- oder
Bestrahlungsgeräte handelt. Diese Instrumente sind nur im Rahmen einer
umfassenden kommunikativen Strategie effektiv. Das Bewusstsein hat sich nämlich
im Lauf der Evolution in erster Linie als Mittel der Kommunikation zwischen den
Angehörigen einer hochentwickelten Art herausgebildet. Wer das Bewusstsein
kontrollieren will, muss kommunizieren.
Die am höchsten entwickelte Form des Bewusstseins beruht auf Sprache und
Individualität. Die Sprache entstand im Tier-Mensch-Übergangsfeld vermutlich durch
Rituale. In Ritualen wurden Vorgängen und Gegenständen Lautäußerungen
zugeordnet. Diese Lautäußerungen wurden immer differenzierter und spezifischer.
Die Individualität entwickelte sich wahrscheinlich ebenfalls in Ritualen durch den
Gebrauch von Masken. Durch das An- und Ablegen von Masken konnte man sich
rituell in einen anderen verwandeln und sich wieder zurück verwandeln.
Es ist durchaus denkbar, dass Bewusstseinskontrolleure Rituale inszenieren und mit
Masken arbeiten, um archaische Strukturen des Bewusstseins ihrer Opfer
hervorzurufen und in ihren Dienst zu stellen. Im Kapitel zum sog. Satanisch Rituellen
Missbrauch werde ich mich dieser Thematik im Detail zuwenden.
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Steigerung der Suggestibilität durch Elektroschocks
Man kann ein sehr hohes Niveau der Hypnotisierbarkeit nicht nur, wie bisher
beschrieben, durch bestimmte Drogen, sondern auch durch eine
Elektrokrampfbehandlung (Elektroschocks) erreichen.270 Vereinfacht formuliert,
handelt es sich bei der Elektroschockbehandlung um die künstliche Erzeugung eines
epileptischen Anfalls durch einen Stromstoß. Der Stromstoß wird dabei durch das
Gehirn gejagt.
Virginia z. B. wurde durch ihren Arzt H. C. Tien in Molly verwandelt, und zwar so: Als
Virginia in die Behandlung kam, war sie eine 38jährige Hausfrau, verheiratet mit
James H., einem Manager. Die beiden hatten fünf Kinder. Ihre wesentliche Klage
lautete: „Mein Mann pflegt sei zehn Jahren einen zu vertrauten Umgang mit anderen
Frauen!“ Ihren Vater beschrieb sie als einen Mann, der gern Spaß, aber auch ein
überschießendes Temperament hatte. Sie liebte ihn, nicht aber sein schreckliches
Temperament. Er schlug sie und besonders ihren Bruder oft mit einem Gürtel. Ihre
Mutter war eine religiöse Fanatikerin, berichtete Virginia, die sehr misstrauisch
gegenüber ihrem Vater gewesen sei, weil dieser sich ständig mit anderen Frauen
herumgetrieben habe. Der Bruder hatte ihren Vater mit einer Nachbarsfrau erwischt.
Ihre schlechten Erfahrungen mit dem Vater übertrug Virginia offenbar auf ihren
Mann. Kaum war sie mit James verheiratet, begannen sie Zweifel an der Treue ihres
Ehemannes zu quälen. Ihre ständigen Vorwürfe führten dazu, dass James schließlich
impotent wurde. Sie konnte ihr Misstrauen nicht überwinden, obwohl sie es als
„närrisch und unnötig“ empfand. Schließlich drohte die Scheidung, und das Paar
entschloss sich zu einer psychiatrischen Behandlung. Diese bestand im Kern aus
dem sogenannten elektrolytischen Therapie. Die elektrolytische Behandlung war in
zwei Phasen unterteilt:
In der ersten Phase, der Lyse (= Lösung) musste Virginia sich zunächst die Untreue
ihres Vaters und die Wutanfälle ihrer Mutter bildhaft vorstellen. Zudem musste sie
ihre eigenen Phantasien und Befürchtungen wegen der möglichen Untreue ihres
Mannes, ihre ehelichen Streitigkeiten während des Geschlechtsverkehrs usw.
visualisieren.
Direkt danach schloss sich die zweite Phase, die Synthese an. Während Virginia
noch halbbewusst war und durch den Schock in einem infantilen Zustand befand,
wurde Virginia in eine neue Persönlichkeit mit dem Namen „Molly“ „reprogrammiert“.
Die „Blaupause“ dieser neuen Persönlichkeit beschreibt Tien wie folgt: „Molly“ war
eine verträgliche, freundliche, rücksichtsvolle, ruhige, vertrauensvolle Person, eine
glückliche, entspannte Mutter und eine „sexuell empfängliche“ Ehefrau. „Molly“ hatte
Abstand zu ihrer Mutter und kein Bedürfnis, ihren Vater grundlegend zu verändern.
„Molly“ hatte natürlich auch keine zwanghaften Gedanken und zeigte auch keine
Eifersucht. Nach etwa zehn elektrolytischen Sitzungen dieser Art erschien „Molly“ in
„ihrer ganzen Kraft“. Tien berichtet, dass „Molly“ auch drei Jahre nach der
Behandlung eine glückliche Persönlichkeit gewesen sei.271
Tien fasst die Logik seines therapeutischen Ansatzes wie folgt zusammen:
Unerwünschte, neurotische, psychotische oder psychopathische Muster des
Verhaltens und Erlebens werden reaktiviert und abreagiert. Auf dem Höhepunkt
dieser Abreaktion erhält der Patient Elektroschocks, die ihn in einen Zustand der
Unbewusstheit versetzen, der an einen Säugling erinnert. In diesem infantilen
Zustand wird der Patient mit Hilfe eines Verwandten reprogrammiert. Um eine orale
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Phase hervorzurufen, wird der Patient von diesem Verwandten (in Virginias Fall war
es der Ehemann) mit der Flasche gefüttert. Zugleich wird er im Sinne der zuvor
konzipierten „Blaupause“ der neuen Persönlichkeit konditioniert.272
Obwohl Tien seine elektrolytische Therapie als Hilfe verstand, enthält sie doch viele
Wesensbestandteile der Bewusstseinskontrolle durch Persönlichkeitsspaltung. Durch
Elektroschocks wird ein künstlicher Nervenzusammenbruch erzeugt, und in diesem
Zustand erhöhter Suggestibilität wird eine Alternativpersönlichkeit konditioniert sowie
die unerwünschte Basispersönlichkeit deaktiviert.
Bestimmte Formen der Elektroschocktherapie eignet sich besonders aus folgenden
Gründen für die Bewusstseinskontrolle durch Persönlichkeitsspaltung:
Mit bestimmten Formen der Elektroschockbehandlung können schwere
Gedächnisstörungen ausgelöst werden. Oft können sich die Patienten
nach den Schocks an große Zeiträume ihres bisherigen Lebens nicht mehr
oder nur noch vage erinnern.273
Die Elektroschocks versetzen den Patienten buchstäblich in einen
infantilen Zustand. Die Psychiatrie bezeichnet diesen Zustand als
„hirnorganisches Psychosyndrom“. Es ist neben dem bereits erwähnten
Gedächtnisverlust durch folgende Merkmale gekennzeichnet: zeitliche,
räumliche, und personenbezogene Verwirrung und Desorientiertheit;
allgemeine Störung der intellektuellen Funktionen; Beeinträchtigungen der
Urteils- und Kritikfähigkeit; Verflachung bzw. Unangemessenheit der
emotionalen Reaktionen; Gefühl der Abgehobenheit von der Realität.274
In diesem Zustand ist der Geschockte höchstgradig suggestibel und
hypnotisierbar.275
Neuere Formen der Elektroschocktherapie mögen schonender sein; und es soll auch
nicht bestritten werden, dass diese Form der Behandlung in manchen Fällen die
einzig effektive ist oder sogar lebensrettend sein kann. Aber in diesem Buch geht es
nicht um die legitimen, ärztlichen Anwendungen der Elektroschockbehandlung,
sondern um das Missbrauchspotential.
Nicht weniger brutal und ethisch fragwürdig als Tiens „elektrolytische Therapie“ war
Donald Ewen Camerons Einsatz der Elektroschockmaschine zur Gehirnwäsche,
getarnt als psychiatrische Behandlung. In der angesehenen Zeitschrift
„Comprehensive Psychiatry“276 beschrieb Cameron, welche Veränderungen seine
Patienten durch die massiven, wiederholten Elektroschocks durchliefen:
„In der ersten Phase der Störung der Raum-Zeit-Vorstellung sind deutliche
Erinnerungsmängel vorhanden, aber es ist dem Individuum möglich, eine Raum-Zeit-
Vorstellung aufrecht zu erhalten. In anderen Worten: Es weiß, wo es ist, wie lange es
sich schon dort befindet und wie es dorthin gekommen ist. In der zweiten Phase hat
der Patient seine Raum-Zeit-Vorstellung verloren, doch er fühlt klar, dass eine solche
Vorstellung vorhanden sein sollte. Er ist ängstlich und besorgt, doch er kann nicht
sagen, wo er sich befindet und wie er dorthin gelangte. In der dritten Phase ist nicht
nur die Raum-Zeit-Vorstellung verloren gegangen, sondern auch jedes Gefühl dafür,
dass eine solche Vorstellung vorhanden sein sollte.“277
In der dritten Phase zeige der Patient auch noch eine Reihe weiterer,
charakteristischer Symptome, z. B.: Unfähigkeit, sich an den Familienstand zu
erinnern; Verlust einer erlernten Fremdsprache; Unfähigkeit, ohne fremde Hilfe zu
gehen oder zu essen; Unvermögen, Harn und Stuhl willkürlich zurückzuhalten
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(doppelte Inkontinenz). Der Patient befindet sich nun in einem zustand milder
Euphorie. Seine Reaktionen sind völlig unabhängig von Erinnerungen an die
Vergangenheit bzw. Antizipationen der Zukunft. Alle Aspekte seiner
Gedächtnisfunktionen sind gestört. Er lebt im Hier-und-Jetzt und ist kaum in der Lage
aufzunehmen, was um ihn herum vorgeht. Sein Aufmerksamkeitsspanne ist extrem
begrenzt.
Der Behandlung geht eine dreitägige Schlafphase voraus, die durch Medikamente
erzwungen und nur zum Essen und zur Entleerung unterbrochen wird. Während der
Behandlung darf der Patient nicht von seinen Angehörigen besucht werden.
Camerons Patienten benötigten durchschnittlich dreißig bis vierzig Elektroschocks,
die zweimal täglich verabreicht wurden. Während der anschließenden Erholung
durchliefen sie wieder die beschriebenen drei Phasen, jedoch in umgekehrter
Reihenfolge.
Cameron versetzte seine Patienten durch die Elektroschockbehandlung in eine
Verfassung, die in vielen Aspekten an den Zustand eines Kleinkinds erinnert. In der
Psychiatrie wird dieses Verfahren daher auch regressive Elektrokrampftherapie
genannt. Obwohl die Psychiatrie in den fünfziger und sechziger Jahren weniger
zimperlich war als die heutige, von der psychiatriekritischen Bewegung argwöhnisch
beäugte Psychiatrie, wurde die brutale Methodik Camerons nur von wenigen seiner
Kollegen gutgeheißen. Seine Macht und sein Einfluss verhinderten allerdings jede
öffentliche Kritik an seiner Praxis. Nur eine Handvoll britischer und amerikanischer
Psychiater arbeiteten mit vergleichbar rabiaten Methoden.278
Cameron wollte eine „tabula rasa“ bei seinen Patienten schaffen und die alte,
gestörte Persönlichkeit vollständig auslöschen. Er hoffte, eine differentielle Amnesie
erzeugen zu können, mit der Folge, dass die pathologischen Erinnerungen und
Verhaltensmuster nicht so leicht zurückkehren würden wie die gesunden.279
Cameron selbst wusste im übrigen genau, was er tat – auch wenn er möglicherweise
nicht wusste, dass er Geld von der CIA für seine Forschungen erhielt. Im Kreis seiner
Kollegen sprach er offen aus, dass es sich dabei um Experimente zur Gehirnwäsche
handelte.280 Durch seinen Freund William Sargant, dem weltberühmten
Gehirnwäsche-Experten und Mitarbeiter des britischen Geheimdienstes, war er auch
bestens über das Wesen der Gehirnwäsche informiert. Sargant hatte ihm bereits vor
der Veröffentlichung das Manuskript seines Buches über Gehirnwäsche geschickt
und ihn gedrängt, die Abschnitte über Gehirnwäsche-Methoden zu lesen.281
Die CIA interessierte sich spätestens seit 1951 im Rahmen des Projekts „Artichoke“
für die Elektroschockbehandlung zur Steigerung der Hypnotisierbarkeit und zur
Erzeugung künstlicher Amnesien. Sogar über die Möglichkeiten, Elektroschockgeräte
als reine Folterinstrumente zu verwenden, ließ man sich informieren. Zu diesem
Zweck muss man nur mit schwächeren Spannungen arbeiten, die noch keine quasi-
epileptischen Anfälle auslösen. Dies erzeugt grauenhafte Schmerzen, die Opfer
haben das Gefühl, ihr Kopf stünde in Flammen.282
Obwohl sich Cameron seiner Erfolge rühmte, war er mit den Ergebnissen seiner
Elektroschock-Methodik, die er „Depatterning Treatment“ nannte, nicht wirklich
zufrieden. Und so entwickelte er das sog. „psychic driving“ - eine Methode, die ich in
einem späteren Abschnitt dieses Buchs beschreiben werde.
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Die Versuchspersonen, deren Gehirne Cameron nach eigenem Bekunden mit
Elektroschocks waschen wollte, waren ausnahmslos Erwachsene. Aber auch die
Tauglichkeit der Elektroschockbehandlung zur Gehirnwäsche von Kindern wurde
eingehend wissenschaftlich erforscht – und zwar von Lauretta Bender. Sie erhielt für
ihre Studien Forschungsmittel vom amerikanischen Staat. Lauretta Benda hat der
Behauptung, die Quelle dieser Finanzmittel sei die CIA gewesen, niemals
widersprochen, auch die US-Regierung hat diese Unterstellung nicht dementiert.283
Lauretta Bender (1897 – 1987) war eine der führenden Psychiaterinnen ihrer Zeit. Ihr
Ruf beruhte vor allem auf ihrer Arbeit mit Kindern. Sie entwickelte den „Visual Motor
Gestalt Test“, ein Instrument zur Diagnose kindlicher Hirnschäden. Sie hatte die Idee,
Puppen zur Wiederbelebung und Bearbeitung traumatischer Erfahrungen in der
Psychotherapie mit Kindern einzusetzen. Sie leistete viel beachtete wissenschaftliche
Beiträge zur Schizophrenie der Kindheit und erforschte kindliche Hirnschäden.284
1947 veröffentlichte Bender einen Forschungsbericht über die Behandlung von 100
Kindern mit Elektroschocks. Die Diagnose lautete: „Schizophrenie“. Die Patienten
waren zwischen vier und zwölf Jahren alt. Bei 34 dieser Kinder war die
Schizophrenie nach Auffassung von Bender bereits zwischen der Geburt und dem
zarten Alter von zwei Jahren aufgetreten.285
Insgesamt schockte Bender mehrere hundert, zum Teil sehr junge Kinder. Unter
diesen Kindern fanden sich auch unauffällige Patienten, deren „Krankheitssymptome“
vor allem darin bestanden, dass sie Waisenkinder bzw. vorübergehend in Heimen
untergebracht waren. Nach Baldwin & Oxlad kann kein Zweifel daran bestehen, dass
Benders Schock-Experimente Teil eines umfassenden Forschungsprogramms
waren. Mit diesem Forschungsprogramm wollte die amerikanische Regierung klären,
ob man mit der Elektrokrampftherapie bzw. Drogen unerwünschte Verhaltensweisen
bei Kindern kontrollieren könne.286
Der Psychiatriekritiker und Elektroschock-Experte Peter R. Breggin hatte
Gelegenheit, zwei der ehemaligen Patienten Benders Jahre später zu untersuchen.
Der erste Fall, ein Junge namens G. R. kam aus einer sehr chaotischen, gestörten
Familie. Er fürchtete sich vor der Gewalttätigkeit seines alkoholkranken Vaters. Er
schwänzte die Schule. Bender konnte keine schwerwiegende psychiatrische
Auffälligkeit bei ihm feststellen. Sie diagnostizierte „Primäre Verhaltensstörung /
Leistungsstörung“. Sie gab ihm zwanzig Elektroschocks. Nach den ersten Schocks
wurde er aggressiv, wie Nachforschungen Breggins ergaben.
Der psychiatriekritische Psychiater Breggin kam mit dem Fall in Berührung, weil er
von G. R.’s Anwalt gebeten wurde, als medizinischer Experte in einem
Gerichtsverfahren gegen seinen Mandanten zu fungieren. Es ging darum, ob G. R.
wegen eines Mordes auf dem Elektrischen Stuhl hingerichtet werden oder
„lebenslang“ bekommen solle. Breggin zeigte der Jury einen alten Film über die
Elektroschockbehandlung in den vierziger Jahren. Die Geschworenen entschieden
sich gegen den Elektrischen Stuhl. Der zweite, ehemalige Schock-Patient Benders
war Ted Chabasinsky, der später Anwalt in Kalifornien wurde und sich aktiv an einer
Kampagne gegen Elektroschocks beteiligte.287
Breggins Beispiele sind keineswegs Einzelfälle. Die Elektroschocks brachten den
jungen Patienten Benders keine bleibenden Vorteile. Dies musste sogar der
enthusiastische Befürworter der Elektrokrampftherapie, Max Fink einräumen: „... Dr.
Bender behandelte das unkontrollierbare Verhalten mit Elektroschocks, Insulinkoma
und experimentellen Halluzinogenen. Die Elektrokrampftherapie war hilfreich, doch
Nachuntersuchungen anderer zeigten, dass der Nutzen nur vorübergehend war.“288
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Die Untersuchungen Benders habe ich hier nicht referiert, um die antipsychiatrische
Bewegung in ihrem Kampf gegen Elektroschocks zu unterstützen. Dies ist nicht mein
Thema. Mir geht es hier allein um die Frage, ob Elektroschocks bei der absichtlichen
Persönlichkeitsspaltung eine Rolle spielen könnten. Viele mutmaßliche Opfer
berichten über Elektroschocks. Ein vorläufiges Fazit könnte lauten: Wenn auch der
langfristige medizinische Nutzen zweifelhaft sein mag, so sind doch die kurzfristigen
Wirkungen der Elektroschocks auf Kinder durchaus mit denen auf Erwachsene
vergleichbar. Es spricht also fachlich nichts dagegen, ihnen einen Platz in der
Gehirnwäsche von Kindern zuzuweisen. Elektroschocks machen Kinder wie
Erwachsene fügsamer, suggestibler und sie führen zu Erinnerungsstörungen. Da
sich aber die Identität in Erinnerungen manifestiert, bedeuten gestörte Erinnerungen
an bedeutsame Erlebnisse immer auch eine Störung der Identität. Auf dieser
Grundlage kann dann eine neue Identität suggeriert werden.
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Sensorische Deprivation. Der systematische Reizentzug
Unter „Sensorischer Deprivation“ versteht man die Verminderung des Zustroms von
Reizen. Die effektivste Methode ist die sog. Eintauchtechnik: Die Versuchspersonen
schweben in einem licht- und schallisolierten Wasserbecken. Temperatur und
Hydrodynamik des Wasser werden dabei konstant gehalten. Dieser Isolationstank
wurde von dem Gehirn- und Delphinforscher John Lilly erfunden. Die ersten
Selbstversuche startete er Ende 1954. Schnell wurde ihm klar, dass die von ihm
entwickelte Form der sensorischen Deprivation mit schwerwiegenden Folgen
missbraucht werden konnte, wenn man sie unter Zwang einsetzte. „Bei sorgfältiger
Kontrolle der Reize isolierter Menschen war es durchaus möglich, deren
Grundanschauungen in die von der kontrollierenden Person gewünschten Richtung
zu verändern.“289
Weniger effektiv, aber auch nicht so aufwendig ist die sog. Camera Silens. Dies ist
ein dunkler, schallisolierter Raum, in dem sich die Versuchspersonen in
halbliegender Position befinden.
Kempe, Schönberger und Gross stellten in einem Übersichtsartikel die „sensorische
Deprivation als Methode in der Psychiatrie“ dar. Sie berichteten, dass mit der
Erforschung von Deprivationseffekten Anfang der fünfziger Jahre an der McGill-
Universität in Montreal (Kanada) begonnen wurde. Die kanadischen Forscher hätten
aufsehenerregende und unerwartete Entdeckungen gemacht:
„... Versuchspersonen, deren Kontakt zur Außenwelt durch eine drastische
Reduktion der Sinnesreize herabgesetzt war, zeigten Störungen der
wahrnehmungsmäßigen Orientierung, der intellektuellen Fähigkeiten und schienen
empfänglicher für Propaganda zu sein.“ 290
In der Regel verläuft ein Deprivationsexperiment wie folgt: Zunächst dämmern die
meisten Versuchspersonen vor sich hin. Ihre Gedanken sind zusammenhängend und
kontrolliert. Nach fünf oder sechs Stunden jedoch werden sie begriffsstutzig und sind
unfähig, einen Gedankengang zu folgen. Schließlich beginnen sie, visuell und u. U.
auch akustisch zu halluzinieren.291
Kempe, Schönberger und Gross empfehlen aus psychiatrischer Sicht eine
Kombination des Reizentzugs mit psychotherapeutischen Methoden vor allem wegen
der folgenden Auswirkungen des Reizentzugs:
erhöhte Abhängigkeit vom Therapeuten
gesteigertes Bedürfnis nach sozialer Interaktion
verstärkte Aufnahmebereitschaft durch Ablenkungsfreiheit
erhöhte Auslösung von primärprozesshaftem Material
reduzierte Abwehrmechanismen.292
Menschen saugen nach längerem Reizentzug Informationen begierig auf – auch
solche, die sie unter normalen Umständen überhaupt nicht interessieren würden.
Dieser Reizhunger kann zumindest teilweise die Empfänglichkeit für Propaganda
erklären. Die Arbeitsgruppe an der McGill-Universität testete diese erhöhte
Aufnahmebereitschaft durch Propaganda-Botschaften für eher abseitige Ideen. Die
Arbeitsgruppe glaubte, dass ihre Versuchspersonen (naturwissenschaftliche
gebildete Studenten) diese Ideen eigentlich ablehnen sollten. Dabei handelte es sich
z. B. um den Glauben an Geister, außersinnliche Wahrnehmung oder anti-
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evolutionäre Doktrinen. Hebb fasste die Ergebnisse seiner Studie wie folgt
zusammen:
„Die Propaganda-Effekte waren die einzigen Auswirkungen, die Anzeichen einer
dauerhaften Wirkung über die experimentelle Phase hinaus zeigten... Anders als die
Teilnehmer einer Kontrollgruppe liehen sich einige Mitglieder der
Experimentalgruppe später in Bibliotheken Bücher über parapsychologische
Forschung, Gedankenlesen etc. aus. Wir hörten spontane Berichte über die Angst
vor Geistern spät in der Nacht. Die Versuchspersonen gaben an, diese Angst zum
erstenmal in ihrem Leben gespürt zu haben. Manche Versuchspersonen erzählten,
sie hätten versucht, die außersinnliche Wahrnehmung beim Kartenspielen zu
nutzen.“293
Angesichts dieser in der Tat bemerkenswerten Auswirkungen der sensorischen
Deprivation ist es sicher nicht erstaunlich, dass sich auch die Gehirnwäsche-
Experten der CIA für den systematischen Reizentzug interessierten. In einem Papier
zum MKULTRA-Subprojekts 43 heißt es:
„Experimente, die veränderte Persönlichkeitsfunktionen als ein Resultat von
Manipulationen der Umwelt (hauptsächlich sensorische Isolation) einschlossen,
haben vielversprechende Hinweise hinsichtlich der Suggestibilität und der Produktion
trance-artiger Zustände ergeben. Es gibt Gründe anzunehmen, dass
Umweltmanipulationen die Tendenzen des Auftretens dissoziativer Zustände
beeinflussen können. Besonders die Isolation kann die individuellen Reaktionen auf
Suggestionen in Form verbaler Kommunikation merklich verändern.“
Der Autor dieses Texts schlägt Experimente vor, um die psychophysiologischen
Auswirkungen sensorischer Isolation zu studieren – natürlich mit Blick auf die
Möglichkeiten zur Steigerung der Beeinflussbarkeit.294
Die von Kempe u. a. erwähnte Forschergruppe an der kanadischen McGill-University
stand unter der Leitung des weltbekannten Psychologie-Professors Donald O. Hebb.
1951 startete Hebb ein Forschungsprojekt unter dem Titel: „Experimentelle Studien
zum Einstellungswandel von Individuen“. Das Geld für diese Untersuchungen floss
aus drei Quellen, nämlich den Verteidigungsministerien Großbritannien und Kanadas
sowie der CIA. Im Brennpunkt der Studien Hebbs stand die sensorische Deprivation
als Mittel zur Informationsgewinnung während eingehender Verhöre.295
Hebb entließ seine Versuchspersonen aus der Isolationskammer, wenn sie es
wünschten – und niemand verbrachte dort länger als sechs Tage. Die CIA wollte
jedoch wissen, wie sich wesentlich längere Aufenthalte in einer Camera silens auf die
Opfer auswirken würden. Der kanadische Psychiater Donald Ewen Cameron hatte
keine Skrupel, derartige Experimente zu realisieren. Sie waren Bestandteil seiner
von der CIA finanzierten Gehirnwäsche-Forschungen. Eine seiner
Versuchspersonen, die 52-jährige Mary C musste 35 Tage in der Isolationskammer
verbringen. Cameron tarnte seine Experimente als psychiatrische Behandlungen.
Über Mary C schrieb er beispielsweise ins Krankenblatt: Konversionsreaktion bei
einer Frau im Involutionsalter mit mentaler Angst; hypochondrisch.“ Die Frau war
offensichtlich in den Wechseljahren.296
Diese und ähnliche Experimente verliefen offenbar zur Zufriedenheit der CIA. So
behauptete z. B. 1977 der Chef-Psychologe der CIA, Dr. John Gittinger, in einer
Anhörung des amerikanischen Senats, dass sich die CIA 1962, 1963 von der Idee
verabschiedet habe, man könne einen Mandschurischen Kandidaten mit Drogen
oder anderen esoterischen Mitteln der Bewusstseinsveränderung erzeugen. Man sei
vielmehr in dieser Zeit zu der Überzeugung gelangt, dass eine Gehirnwäsche mit viel
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einfacheren Methoden zu realisieren sei. Gehirnwäsche sei im wesentlichen ein
Prozess, in dem ein menschliches Wesen isoliert und seiner sozialen Kontakte
beraubt werde. Dieser Mensch müsse dann nur noch, in Verbindung mit Verhören,
unter Stress gesetzt werden. Dann sei es möglich, jede gewünschte Veränderung
hervorzurufen. Auf irgend welche esoterischen Methoden sei man dabei nicht
angewiesen.297
Gittinger verriet hier nur die halbe Wahrheit. Ob er bewusst log oder nur unzulänglich
informiert war, lässt sich vermutlich nicht mehr klären. Es trifft zwar zu, dass die
sensorische Deprivation in der Praxis der Geheimdienste, Geheimpolizeien und
Gefängnisse weltweit eine bedeutende Rolle spielt. Es ist aber falsch, dass die CIA
Anfang der sechziger Jahre zu der Überzeugung gelangt sei, man könne keine
Mandschurischen Kandidaten erzeugen. Colin Ross konnte anhand von MKULTRA-
Dokumenten nachweisen, dass die CIA mit Erfolg Mandschurische Kandidaten
produziert hat.298 Und das Studium der relevanten CIA-Akten sowie die Berichte
mutmaßlicher Opfer dieser Projekte zeigen, dass dazu auch keine „esoterischen
Mittel“ erforderlich sind. Vielmehr werden nur bekannte und bewährte Mittel in
spezifischer Weise kombiniert. Zu diesen Mitteln zählt auch die sensorische
Deprivation.
In einem Verhör-Handbuch der CIA aus dem Jahr 1963 heißt es zusammenfassend
über die Vorzüge der sensorischen Deprivation:
„1. Je weitgehender der Entzug sensorischer Stimuli ist, desto schneller und tiefer
wird der zu Verhörende beeinflusst. Resultate, die in einer normalen Zelle erst nach
Wochen oder Monaten der Gefangenschaft erreicht werden, können in wenigen
Stunden in einer Zelle verdoppelt werden, die völlig dunkel, schalldicht und frei von
Gerüchen ist. Umgebungen, die sich noch stärker kontrollieren lassen, wie ein
Wassertank oder eine Eiserne Lunge, sind sogar noch effektiver.
2. Ein früher Effekt einer derartigen Umgebung ist Angst. Wie schnell sie eintritt und
wie stark sie ist, hängt von den psychologischen Eigenarten des Individuums ab.
3. Der Verhörende kann von der Angst des Verhörten profitieren. Er kommt mit dem
Geist des Individuums durch Belohnungen (verringerte Angst, menschlicher Kontakt
und bedeutungsvoller Aktivität) in Verbindung. So verschafft er ihm Erleichterung des
wachsenden Unbehagens und übernimmt dementsprechend eine wohltätige Rolle.
4. Die sensorische Deprivation ruft eine Regression hervor, da sie das Individuum
von Kontakten mit der Außenwelt abschneidet und es auf sich selbst zurückwirft. Zur
gleichen Zeit tendiert das regredierte Subjekt dazu, den Verhörenden, der während
des Verhörs kalkuliert Reize einsetzt, als Vaterfigur wahrzunehmen. Dies verstärkt in
der Regel die Tendenz des Individuums zur Nachgiebigkeit.“299
Ein Beispiel für die praktische Anwendung der wissenschaftlichen Erkenntnisse zur
sensorischen Deprivation war die Behandlung von IRA-Kämpfern in britischen
Gefangenenlagern Anfang der siebziger Jahre. Den Männern wurden
undurchsichtige Kapuzen über den Kopf gezogen („hooding“). Die Räume, in die sie
eingesperrt waren, wurden mit Geräuschen beschallt, die wie entweichende Pressluft
oder das Wirbeln von Helikopter-Rotoren klangen. Die Gefangenen mussten
breitbeinig mit Händen über dem Kopf an der Wand stehen. Falls sie sich bewegten
oder zusammenbrachen, wurden sie mit Gewalt wieder in ihre ursprüngliche Position
gebracht. Sie mussten bis zu 16 Stunden ununterbrochen an in dieser Haltung
verharren. Während der ersten zwei bis drei Tage ihrer Gefangenschaft durften sie
nicht schlafen.300
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Eine Kombination aus sensorischer Deprivation, Elektrokrampftherapie und LSD
wurde in den sechziger Jahren im kanadischen Frauengefängnis Kingston praktiziert.
Mit dieser Methode sollte die Rückfallquote gesenkt und das Gewaltmanagement im
Gefängnis verbessert werden.301 Zur sensorischen Deprivation diente das „Loch“.
Das war eine fensterlose Absonderungszelle von 1,5 mal 2,5 Meter, in der sich nur
eine Matratze und eine Öffnung für die Notdurft befand. Von der Decke hing eine
nackte Glühbirne herab.
Eines der Opfer, Dorothy Proctor berichtete in einem Interview mit CBC Radio
(national): „Also Elektroschocks... ich erhielt häufig Elektroschocks – ich würde
sagen, als sie damit anfingen – zwei bis dreimal pro Woche. Das war während
meines ersten Jahres in diesem Gefängnis, und die Elektroschocks wurden mit dem
ins Loch Gehen verbunden. ... Nun bin ich in der Zelle mit dem Loch im Boden, und
das ist verstopft, und da hocke ich dann in meinem Mist und dem Gestank, Sie
verstehen. ... Und dann kommen sie mit ihrem ‚Oh, wir wollen Dir doch helfen, wir
wollen, dass Du Dich selbst korrigierst und wir wollen, dass Du fähig wirst, Dich
selbst zu rehabilitieren. Und wir haben hier eine Pille, die Dir helfen könnte. Wir sind
dabei, Dich zu retten’. Das war das LSD.“302
1998 verklagte Dorothy Proctor die kanadische Regierung und Mitarbeiter des
verantwortlichen „Correctional Service of Canada“ wegen dieser Misshandlungen.
2001 räumten die kanadische Regierung und der damals verantwortliche Psychologe
des Gefängnisses, Mark Eveson vor dem „Superior Court of Justice“ der Provinz
Ontario ein, dass die Vorwürfe Dorothy Proctors den Tatsachen entsprachen.303
Hier wurden also Drogen, Elektroschocks und sensorische Isolation zum Zwecke der
Gehirnwäsche kombiniert. Ein weiterer Faktor könnte leicht übersehen werden,
darum möchte ich ihn besonders hervorheben: Es ist die Demütigung: „Nun bin ich in
der Zelle mit dem Loch im Boden, und das ist verstopft, und da hocke ich dann in
meinem Mist und dem Gestank, Sie verstehen.“ Demütigungen in allen erdenklichen
Formen sind ein wesentliches Element jeder Bewusstseinskontrolle durch
Persönlichkeitsspaltung. Das Ziel ist die Erzeugung von ins Unermessliche
gesteigerten Minderwertigkeits- und irrationalen Schamgefühlen. Diese sollen die
Bereitschaft zur totalen Selbstaufgabe fördern.
In Deutschland sorgte 1973/74 ein wissenschaftliches Projekt für erhebliche Unruhe,
das mit den Mitteln der sensorischen Deprivation die menschliche Aggression
erforschen wollte. Im Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf wurde im Rahmen
des „Sonderforschungsbereichs 115“ die Reaktionen freiwilliger Versuchspersonen in
einem schallisolierten Raum, der sog. Camera silens untersucht. Zunächst wurden
Studenten, später Bundeswehrsoldaten eingesetzt. Nach Meinung der
Experimentatoren waren letztere den Belastungen der Versuche besser gewachsen.
Besonders die Beteiligung der Bundeswehr erhitzte in diesen politisch bewegten
Zeiten heftig die Gemüter linker Studenten. Es bildeten sich Initiativgruppen, die der
Wissenschaftlern der Hamburger Universität „Aggressionsforschung gegen das Volk“
sowie „Ausbeutungs- und Kriegsforschung“ vorwarfen.304
Bemerkenswerterweise wurden die Ergebnisse der Eppendorfer Studien niemals
veröffentlicht. Angeblich forderte die Bundeswehr die Geheimhaltung der Resultate.
Diese Unterstellung allerdings bestreitet der letzte Sprecher des
Sonderforschungsbereichs 115, der Hamburger Psychologieprofessor Bernhard
Dahme vehement: „Dies war zu keinem Zeitpunkt der Fall. Hier handelt es sich
eindeutig um falsche Informationen. Von daher ist es auch falsch, dass
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Bundeswehrinteressen einer Veröffentlichung im Wege standen. Auch wurden in
keinem der Projekte militärische Fragestellungen bearbeitet.“305
Offizielle Informationen über diese Studien sind dennoch bis heute nicht zu erhalten.
Offenbar wurden aber Forschungsprotokolle entwendet, die auszugsweise 1981 in
von Hartwig Hansen und Horst Peinecke in ihrem Buch über „Reizentzug und
Gehirnwäsche in der BRD“ veröffentlicht wurden. Dieses Buch war ursprünglich eine
psychologische Diplomarbeit, die vom zuständigen Gutachter der Universität
Hamburg, Prof. Horst Schmale allerdings als „unwissenschaftlich“ abgelehnt
wurde.306
Die Pressesprecherin der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), Eva-M. Streier
beantwortete meine Anfrage zum Sonderforschungsbereich 115 wie folgt:
„Abgesehen davon, dass die alten Akten längst im Archiv in Koblenz sind, sind die
Abschlussberichte auch nach so langer Zeit noch vertraulich.“307
Da ich meine Analyse nicht auf auszugsweise kolportierte, gestohlene Protokolle
stützen möchte, enthalte ich mich hier eines inhaltlichen Kommentars. Es ist
allerdings durchaus befremdlich, dass die Ergebnisse dieses Forschungsprojekts,
das von der DFG mit 2,8 Millionen DM gefördert wurde, der Öffentlichkeit
vorenthalten wurden. Dies wäre natürlich verständlich, wenn die Geheimhaltung aus
militärischen oder geheimdienstlichen Gründen erforderlich gewesen wäre. Doch
dies war ja angeblich nicht der Fall...
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Die Masche mit den Tonbändern: Psychic Driving
Donald Ewen Cameron hat die Möglichkeiten der Indoktrination in tiefen Trance-
Zuständen und unter den Bedingungen der sozialen sowie sensorischen Deprivation
systematisch wissenschaftlich erforscht. Er nannte sein Verfahren „Psychic
Driving“.308 Die Grundidee bestand darin, den Patienten pausenlos kurze Passagen
aus psychotherapeutischen Sitzungen mit Cameron vorzuspielen. Bei diesen
Passagen handelte es sich um emotional bedeutsame Äußerungen der Patienten.
Cameron unterschied zwei Formen des „Drivings“. Beim „autopsychic driving“ hörten
die Patienten ihre eigene Stimme. Beim „heteropsychic driving“ stammten die
Äußerungen zwar auch aus den psychotherapeutischen Sitzungen und von den
Patienten selbst, wurden aber von einer anderen Stimme gesprochen.
Um die Aufnahmefähigkeit zu steigern, arbeitete Cameron unter anderem mit der
Methode des systematischen Reizentzugs: Seine Opfer wurden in Dunkelräume
gesperrt, ihre Augen wurden mit undurchsichtigen Brillen verdeckt, die akustische
Wahrnehmung wurde eingeschränkt, und die Betroffenen wurden daran gehindert,
ihre Körper zu berühren.309
Cameron begann 1953 mit seinen Experimenten und entwickelte die Methode im
Laufe der nächsten Jahre mit mehr als 100 Patienten fort. 1960 gab er ihr einen
neuen Namen: „ultraconceptional communication“. Die mit dem neuen Namen
verbundenen Veränderungen gegenüber der ursprünglichen Form bestanden im
wesentlichen in Maßnahmen, den Widerstand der Patienten310 gegen Veränderungen
zu brechen. In der ursprünglichen Form mussten die Patienten die beständige
Wiederholung der Botschaften vom Tonband einmal pro Woche für dreißig Minuten
über sich ergehen lassen. Doch nun mussten sie den Tonbandschleifen über einen
Zeitraum von zwanzig bis dreißig Tagen und 16 Stunden pro Tag zuhören.
Die Patienten erhielten u. a. die Droge PCP, um den „sensorischen Input“ zu blocken
und Unteraktivität zu erzeugen. Es handelt sich dabei um eine dissoziative Droge.
Personen fühlen sich unter dem Einfluss dieser Substanzen von sich selbst und ihrer
Umwelt abgespalten. Darüber hinaus erhielten Camerons Opfer Thorazin, um die
Wirkung von PCP zu verstärken und eventuell durch PCP ausgelöste Ängste zu
unterdrücken. Dies führte zu einem passiven, rezeptiven Zustand mit einer erhöhten
Aufmerksamkeit für die verbalen Signale. Patienten, die stärkeren Widerstand gegen
diese Prozedur entwickelten, erhielten Elektroschocks.311
Die Patienten wurden zuerst mit negativen Statements konfrontiert, um
unerwünschte Verhaltensweisen abzubauen, z. B.: „Nun hast du zwei Kinder, aber es
scheint nicht so, als kämest du mit ihnen klar. Du bist auch nicht in der Lage, eine
gute Beziehung mit deinem Ehemann aufzubauen. Du ziehst dich zurück. Ihr geht
nicht miteinander aus. Du warst nicht in der Lage, sein sexuelles Interesse an dir
aufrecht zu erhalten!“
Danach sollten positive Statements die erwünschten neuen Persönlichkeitszüge
aufbauen: „Du möchtest Deine Mutter daran hindern, dich weiterhin herumzustoßen.
Werde zunächst in den kleinen Dingen sicher, und bald wirst du in der Lage sein, ihr
von gleich zu gleich gegenüber zu treten.“312
Cameron wollte seinen Patienten Aktionstendenzen einpflanzen, die er „Dynamic
Implants“ nannte. Mit diesem Begriff bezog er sich auf die Tatsache, dass die
beständige Wiederholung verbaler Signale den „Patienten“ für ein System von
Handlungsbereitschaften sensibilisiert, die den eingehämmerten Botschaften
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(„driving statements“) entsprechen. Die eingepflanzten Gedanken würden nach der
Behandlung immer wieder ins Bewusstsein treten und zu den gewünschten
Handlungen motivieren.313 Diese Verheißungen klangen in den Ohren der
Führungsoffiziere Camerons vermutlich wie die Glöckchen am Schlitten des
Weihnachtsmanns.
Camerons Assistent Leonard Rubinstein war ein Elektronik-Hexer. Er war ein
Techniker ohne psychologischen oder medizinischen Hintergrund. Er baute ein
gigantisches Tonbandgerät, das acht Schleifen für acht verschiedene Patienten zur
gleichen Zeit spielen könnte. Rubinstein erhielt sein Gehalt von der CIA.314
Cameron propagierte seine Methode in einem Massenblatt, dem „Weekend
Magazine“, das sich ansonsten mit Filmstars und Tipps für den Haushalt
beschäftigte. Dort bezeichnete er seine Methode als wohltätige Gehirnwäsche
(„beneficial brainwashing“). Er betonte, dass er denselben Problemen begegne wie
professionelle Gehirnwäscher, da deren Gefangene auch zunächst Widerstand
leisteten und dann gebrochen werden müssten.315
Fachleute, die Camerons Methoden allerdings später im Rahmen eines Prozesses
von Opfern gegen die CIA untersuchten, kamen zu weniger vorteilhaften
Einschätzungen als ihr Urheber selbst. Robert Jay Lifton z. B., der international
anerkannte Gehirnwäsche-Experte, entdeckte auffallende Ähnlichkeiten zwischen
den Methoden Camerons und den Praktiken der chinesischen Kommunisten, deren
Programme zur „Gedankenreform“ er systematisch studiert hatte.316 Lifton ließ auch
keinen Zweifel daran, dass Camerons Verfahren grundsätzlich von dem abwichen,
was damals in der Psychiatrie üblich war. Diese Auffassung wurde auch von anderen
Experten geteilt, die Cameron mangelndes Interesse am Wohlergehen seiner
Patienten und völlige Gleichgültigkeit gegenüber möglichen Risiken seiner
Experimente bescheinigten.317
Dass Liftons Einschätzung durchaus nicht aus der Luft gegriffen war, bestätigen zum
Beispiel die Erfahrungen Pastor Richard Wurmbrands. Wurmbrand wurde in einem
rumänischen Gefängnis einer Gehirnwäsche unterzogen. In seiner Zelle befand sich
ein Lautsprecher: Pausenlos hörte beständig so erbauliche Botschaften wie diese:
„Der Kommunismus ist gut!“, „Das Christentum ist dumm!“, „Warum schwörst Du
nicht ab?“, „Heute glaubt doch niemand mehr an Jesus!“, „Niemand liebt Dich mehr!“,
„Sie wollen nichts mehr von Dir wissen!“. Wurmbrand berichtet, dass er Tag und
Nacht mit diesen Botschaften beschallt wurde. Er versuchte, sie innerlich
auszublenden, und sie wurden ihm nur noch teilweise bewusst. Doch wenn der
Lautsprecher ausgeschaltet wurde, hörte er die Botschaften immer noch in seinem
Kopf. Und so erkannte er, dass die Worte seinen Geist durchdrungen hatten.318
Wir sehen also: Ebenso wenig, wie es einen Unterschied gab zwischen einer
amerikanischen und einer kommunistischen Atombombe, ebenso wenig gab es
einen Unterschied zwischen amerikanischer und kommunistischer Gehirnwäsche.
Nur die Motive freilich unterschieden sich: Die einen kämpften für Freiheit und
Demokratie, die anderen für das Paradies aller Werktätigen.
Es ist wohl mehr als nur eine Hypothese, dass sich die CIA besonders für „Psychic
Driving“ interessierte, weil es offensichtlich eine Anwendung der Theorie des
„zweiten Signalsystems“ war, die von Pavlow entwickelt wurde. Diese Theorie besaß
im Werk Pavlows zwar nur eine eher randständige Bedeutung, wurde aber in den
fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts zur Kernidee des psychologischen
Denkens in der Sowjetunion und zu einem zentralen Bestandteil der stalinistischen
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Ideologie.319 Vermutlich fürchtete die „Agency“, dass die „Russen“ auf diesem Gebiet
einen Vorsprung erreichen könnten – und dies sollte durch eigene Forschungen
verhindert werden.
Für Pavlow und seine stalinistischen Epigonen waren Wörter Signale höherer
Ordnung. Er bezeichnete die Sprache als zweites Signalsystem. Nonverbale Reize
bildeten demgegenüber das erste Signalsystem. Beide Signalsysteme wurden aus
dieser Sicht jedoch von denselben physiologischen Gesetzen bestimmt. Genauso,
wie der mit Futter (z. B. Fleischpulver) assoziierte Reiz (z. B. ein Glockenton)
Speichelfluss beim Hund auslöst, rufen nach dieser Theorie durch klassische
Konditionierung miteinander verbundene Wörter (Signale zweiter Ordnung) beim
Menschen reflexartige Reaktionen hervor.
Das Ziel der stalinistischen Psychologen bestand darin, Wörter in Instrumente
sozialer Kontrolle zu verwandeln. Wörter sollten als Signale benutzt werden, um das
Verhalten der Menschen zu kontrollieren und zu automatisieren. Diese Idee wurde
auch im Westen aufgegriffen, und zwar nicht nur von der CIA bzw. anderen
Geheimdiensten, sondern auch von der Werbung. In dieser spielt bis auf den
heutigen Tag die klassische verbale Konditionierung eine herausragende Rolle.
Die meisten Menschen verbinden z. B. den Begriff „Schaumbad“ mit Gefühlen
wohliger Entspannung. Wenn nun in der Werbung ein an sich sinnloser Markenname
wie „Lugabalinda“ mit „Schaumbad“ assoziiert wird – dann stellen sich mit der Zeit
bei dem Wort „Lugabalinda“ allein die Vorstellung eines Schaumbads und wohlige
Gefühle ein.
Und so bestand auch das Ziel des „Psychic Driving“ darin, durch beständige
Wiederholung Beschreibungen erwünschter Verhaltensmuster mit positiven und
Wörter für unerwünschte Reaktionsweisen mit negativen Begriffen zu verbinden. Die
Opfer wurden durch sensorische Deprivation und bestimmte Drogen in einen
dissoziativen, quasi-hypnotischen Zustand versetzt – dies bedeutet, dass
konkurrierende „verbale Signale“ (aus der Außenwelt oder dem Gedächtnis)
abgespalten, also gehemmt wurden. Der verbale Lernprozess wurde also durch
Deprivation und Drogen intensiviert. So sollten die konditionierten Verbindungen
zwischen den Begriffen stabiler verankert und besser gegen Auflösung (Löschung)
geschützt werden.
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Psychochirurgie
Eine noch radikalere biologische Methode als der Elektroschock, die zur
grundlegenden Persönlichkeitsspaltung erforderliche Fügsamkeit zu erzeugen, ist
der direkte Griff ins Gehirn, die Psychochirurgie. Die Neurowissenschaftler Meinhard
Adler & Rolf Saupe definieren Psychochirurgie in ihrem Buch „zur Frage einer
biologischen Therapie psychischer Störungen“ wie folgt: „Der Begriff Psychochirurgie
meint, dass ein körperlicher (Hirn-)Eingriff mit der Absicht durchgeführt wird,
psychisches Erleben und Verhalten zu beeinflussen, ohne dass für die
Indikationsstellung eine morphologisch oder funktionell nachweisbare Veränderung
vorliegen muss.“320
„Morphologisch“ bedeutet hier: den Bau und die Gestalt des Nervensystems
betreffend und funktionell heißt: auf den Geschehensablauf bezogen, der einem
Organ oder körperlichen System zugeordnet ist. Auf deutsch: Der Psychochirurg
manipuliert und zerstört ggf. gesundes Gewebe (im Nervensystem). Am Rande sei
bemerkt, dass nach dieser Definition z. B. auch die Amputation der Hände eines
Pianisten ein psychochirurgischer Eingriff sein könnte. Diese sarkastische Auslegung
der Definition ist zweifellos nicht im Sinne ihrer Urheber. Sie macht aber die
Schwierigkeit deutlich, den Begriff der „Psychochirurgie“ überhaupt
unmissverständlich zu definieren.
Der Grund dafür liegt wohl auch darin, dass die Psychochirurgie eine aus der
neurologischen Praxis hervorgegangene Methodik ist, die nach dem Prinzip von
Versuch und Irrtum entwickelt wurde. Sie verfügt daher über keine entwickelte
theoretische Basis, die eine definitorische Ein- und Abgrenzung erleichtern würde.
Wie auch immer: der typische Psychochirurg ist ein Macher, kein Denker. Und so ist
die Affinität nicht weiter verwunderlich, die manche Psychochirurgen mit den
Machern im politischen, geheimdienstlichen und militärischen Feld verband.321
Ein Einsatzgebiet der Psychochirurgie besitzt natürlich besondere politische Brisanz:
die Zähmung der Aggressiven durch einen Eingriff im Gehirn. Ein bevorzugtes
Zielgebiet der Psychochirurgen zu diesem Zwecke war der Mandelkern322, eine
Hirnstruktur, die ihren Namen ihrer Mandelform verdankt. Diese Struktur ist an
Prozessen beteiligt, durch die „den Erlebnissen und Erfahrungen, die wir in unserem
Langzeitgedächtnis gespeichert halten, eine emotionale Bedeutung zugeordnet
wird.“323 Die Bedeutung des Mandelkerns kann gar nicht überschätzt werden. Er
spielt bereits bei den primären Gefühlen, den angeborenen emotionalen Reaktionen
(z. B. auf Größe, extreme Spannweite, bestimmte Bewegungsarten und Geräusche
und bestimmte Körperzustände wie Schmerz) eine entscheidende Rolle.324
Psychochirurgen führen Operationen am Mandelkern durch, indem sie eine Sonde
einführen, die das Hirngewebe durch Hitze, Kälte oder chemische Substanzen
zerstört. In der medizinischen Literatur finden sich zahlreiche Beispiele für derartige
Operationen. Die Ergebnisse waren gemischt: Es werden positive Resultate, aber
auch viele Fälle ohne Verbesserung und mitunter sogar eine Zunahme der
Aggressivität berichtet.
Vor allem werden gravierende Nebenwirkungen beklagt.325 Doch gerade diese
medizinisch unerwünschten Nebenwirkungen dürften für Gehirnwäscher und
Persönlichkeitsspalter besonders interessant sein.326 Die Operierten werden
passiver, weniger beweglich; ihre Gefühle verlieren Schwung und Intensität; die
Spontaneität und Kreativität werden vermindert; sie büßen die Kontrolle über ihre
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Reaktionen ein; sie werden im Bereich des absichtlichen Verhaltens instabil; sie
werden in stärkerem Maße von äußeren Reizen abhängig.327 Mit anderen Worten:
Nach einer Operation am Mandelkern sind die Operierten in der Regel Wachs in den
Händen geschickter Manipulateure. Es ist daher u. a. auch darum nicht weiter
erstaunlich, dass die „Verhaltensforscher“ der CIA die Möglichkeiten der
Psychochirurgie für ihre Zwecke erkundeten.328
Die entsprechenden Projekte sind dabei für den Laien nicht immer als
Forschungsvorhaben zur Bewusstseinskontrolle zu erkennen. So finanzierte die CIA
zum Beispiel ein Forschungsprojekt zur Lokalisierung von Gedächtnisprozessen mit
den Mitteln der Psychochirurgie. In einem Memorandum aus dem Jahr 1973 wird
dieses Projekt als eines jener Vorhaben aufgeführt, die als CIA-Programme zur
Bewusstseinskontrolle missverstanden werden könnten.329 Vielleicht war der Autor ja
so naiv um wusste nicht, dass die Manipulation von Gedächtnisprozessen ein
zentrales Element jeder effektiven Bewusstseinskontrolle ist, in Geheimdiensten weiß
ja mitunter „die linke Hand nicht, was die rechte tut“.
Wir unterscheiden zwei grundlegende Formen der Psychochirurgie. Bei der
klassischen Variante wird Hirngewebe zerstört. Ein Beispiel dafür ist die Lobotomie.
Dabei wird das operative Instrument, das Leukotom in die weiße Substanz des
Stirnhirns hinein gestoßen.330 Dies war ein brutaler Akt, der heute nicht mehr
praktiziert wird. Die Medizin beherrscht inzwischen schonendere Methoden.
Unser Gehirn wird durch Impulse stimuliert, die aus den Sinnesorganen oder
Rezeptoren in den Eingeweiden stammen. Dies ist der normale, von der Evolution
vorgesehene Weg der Kommunikation zwischen Individuum und Umwelt. Es gibt
allerdings auch noch andere Möglichkeiten, das Gehirn zu reizen. Eine Methode
besteht darin, Elektroden in das Gehirn einzupflanzen und so das Nervensystem
direkt durch elektrische Ströme zu beeinflussen.
Ein Pionier dieser Methode war der Spanier José M. R. Delgado, ein Physiologe, der
in Spanien und den Vereinigten Staaten lehrte und forschte. Um seine Versuchstiere
nicht durch Kabel zu behindern, benutzte er ein Gerät, dass er „Stimoceiver“ nannte.
Dabei handelte es sich um eine Kombination aus Sender, Empfänger und Stimulator.
Das Gerät wurde zu Beginn der Forschungen am Körper des Versuchstieres
befestigt. Heute im Zeitalter der Miniaturisierung ist es möglich, den Stimoceiver in
den Körper einzupflanzen. Die Vorzüge der Stimoceiver-Technik sind laut Delgado:
„(a) Das Gehirn kann stimuliert werden, ohne Bewegungsfreiheit der Tiere
einzuschränken; (b) jede Elektrode im Gehirn kann selektiv angesprochen werden;
(c) die Parameter der Stimulation können verändert werden, ohne das Tier zu
berühren; (d) die Überwachung der Stromflüsse ist möglich; (e) mit besonderen
Verfahren kann die elektrische Aktivität des Gehirns während der Stimulation
aufgezeichnet werden; (f) das Gerät kann leicht entfernt, überprüft, repariert und
wieder angebracht werden.“331
Durch elektrische Stimulationen bestimmter Bereiche des Gehirns kann man
kurzfristige Effekte auslösen, wie zum Beispiel die Bewegung einer Extremität, aber
auch langfristige Wirkungen erzielen. So stimulierte Delgado z. B. einen Bereich des
Mandelkerns im Gehirn von fressenden Katzen. Die Katzen hörten sofort auf zu
fressen und weigerten sich, selbst besonders schmackhafte Nahrung aufzunehmen –
sogar wenn sie ihnen direkt ins Maul gesteckt wurde. Der Effekt hielt Minuten bis
Stunden und in einem Fall sogar drei Tage an.332
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Delgado entwickelte raffinierte Experimente, um das Verhalten seiner Versuchstiere
zu kontrollieren. Er untersuchte zum Beispiel die Kontrolle spontaner Bewegungen in
einer Affenkolonie. Die Tiere trugen Stimoceiver. Wenn Septum, Pallidum und
Hippocampus gereizt wurden, wurde die Zahl spontaner Bewegungen vermindert.
Das Gegenteil wurde durch Stimulation des Kleinhirn-Vorderlappens, des Nucleus
Ruber, des Pedunculus und des Corpus Callosum erreicht. Die Effektivität der
Kontrolle konnte um das Zwanzigfache gesteigert werden, wenn
Rückkopplungsmechanismen eingesetzt wurden. In diesen Fällen wurden die
Bewegungen der Tiere durch telemetrische Sensoren registriert, und diese
Informationen wurden genutzt, um die Stimulation auszulösen.333
Delgado experimentierte allerdings nicht nur mit Tieren, sondern auch mit Menschen.
Das menschliche Verhalten wird wesentlich durch Lohn und Strafe gesteuert, und die
psychischen Entsprechungen von Lohn und Strafe sind Lust und Schmerz.
„Körperliche Verletzungen, der Verlust eines geliebten Kindes oder eine
apokalyptische Katastrophe“, schreibt Delgado, „können keine Leiden verursachen,
wenn einige unserer Gehirnstrukturen durch Betäubung blockiert wurden. Und Lust
steckt nicht in der gestreichelten Haut oder in einem vollen Magen, sondern irgendwo
unter unserer Schädeldecke.“334
Wir finden die Vorstellung instinktiv abstoßend, dass unsere vornehmsten Gefühle
wie die Liebe zu einem Partner oder einem Kind, mit der Depolarisation von
Membranen in bestimmten Verbänden von Nervenzellen zusammenhängen. Vor
noch nicht allzu langer Zeit, schreibt Delgado, hätten es sogar viele Wissenschaftler
die Vorstellung als naiv bezeichnet, dass Lohn und Strafe willentlich durch die
Bedienung der Regler eines elektrischen Instruments, das mit dem Gehirn
verbunden ist, ausgelöst werden könnten. Doch genau dies wurde vielfach
experimentell bewiesen.335
Delgado berichtet von Experimenten, in denen eine bestimmte Hirnregion, das
Pallidum stimuliert wurde. Die Patienten zeigten Angst und Ruhelosigkeit und
Gefühle der Einengung oder Wärme in der Brust. Die Stimulation des Mandelkerns
erzeugte unterschiedliche Reaktionen: Einige Patienten wurden wütend, andere
hatten Angst. Ein Patient rief aus: „Ich wussten nicht, was über mich kam. Ich fühlte
mich wie ein Tier.“336
Delgado implantierte Elektroden in den rechten Schläfenlappen einer 36 Jahre alten
Frau, die unter Epilepsie litt. Nachdem die Stimulation einsetzte, spürte die Patientin
zunächst eine kitzelnde Erregung in der rechten Körperhälfte. Sie begann zu kichern
und gab lustige Kommentare ab. Sie betonte, dass sie die Erregungen sehr genoss.
Durch wiederholte Stimulationen wurde die Patientin immer gesprächiger und flirtete
immer heftiger, bis sie schließlich offen ihren Wunsch aussprach, den Therapeuten
zu heiraten. Eine andere Epileptikerin, bei der zusätzlich noch der Mandelkern
stimuliert wurde, äußerte ungeschminkt ihre Vorliebe für den ihr unbekannten
Therapeuten, küsste seine Hände und zeigte sich überaus dankbar für die
Wohltaten, die er ihr gewährte. Ein elfjähriger Junge, dessen linker Schläfenlappen
gereizt wurde, zeigte sichtliches Vergnügen und betonte seine Liebe für den
Therapeuten, während er sich wollüstig räkelte.337
Durch elektrische Stimulation können Hirngebiete nicht nur aktiviert, sondern auch
gehemmt werden. Im Zusammenhang mit dem Thema Bewusstseinskontrolle ist vor
allem die Hemmung der höheren Geistestätigkeit interessant. Ein Mensch, dessen
höhere Geistestätigkeit gehemmt wurde, ist besonders anfällig für Suggestionen, die
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er nicht mehr kritisch zu bewerten vermag. In einigen Experimenten zeigte sich, dass
die Stimulation bestimmter Punkte im Limbischen System mit verminderter
Bewusstheit, Verlust der normalen Einsicht und einer Störung der Denkfähigkeit
einhergeht.338
Es ist denkbar, dass durch Hirnstimulation eine künstliche „transmarginale protektive
Inhibition“ hervorgerufen werden kann – also ein Zustand, der sich sonst nur nach
extremem Stress (z. B. durch Folter) einstellt.
Delgado war davon überzeugt, dass die von ihm erforschten Methoden neue Wege
zur Behandlung einer Vielzahl neurologischer und psychiatrischer Erkrankungen
eröffneten. So könnte man z. B. einen depressiven Patienten mit einem Stimoceiver
ausrüsten und diesen mit einem Computer verbinden. Der Computer erkennt die mit
einer Depression verbundenen neuralen Prozesse und sendet dann einen Befehl an
den Stimoceiver, bestimmte die Depression hemmende Hirngebiete zu stimulieren.339
Über mögliche therapeutische Anwendungen hinaus, so hoffte Delgado, würden die
Techniken der Hirnstimulation und die damit gewonnenen Erkenntnisse bedeutende
gesellschaftliche Fortschritte ermöglichen.
In seiner Schrift „Physical Control of The Mind“340 plädierte er für eine
„psychozivilisierte Gesellschaft“ u. a. durch systematische Anwendung der
Erkenntnisse, die durch Stimulationsexperimente gewonnen werden. „Wir sollten“,
schreibt Delgado, „vom frühestmöglichen Zeitpunkt im Leben eines Babys an
versuchen, ein Programm der „Psychogenese“ zu verwirklichen. Dies bedeutet, dass
wir unser gesamtes physiologisches, psychologisches und psychiatrisches Wissen
einsetzen, um die Persönlichkeit des Kindes zu formen.“ Die Aufgabe der Erziehung
sei nicht die Enthüllung der kindlichen Fähigkeiten, sondern deren Erschaffung.341
Die gezielte elektrische Stimulation des Gehirns – sei es durch eingepflanzte
Elektroden oder durch elektromagnetische Felder – bietet zweifellos zahlreiche und
weitreichende Möglichkeiten der Kontrolle des Verhaltens und Erlebens. Im Rahmen
der Bewusstseinskontrolle durch Persönlichkeitsspaltung, die Thema dieses Buches
ist, spielt sie jedoch nur eine untergeordnete Rolle. Sie ist hier nur ein Mittel, dessen
Ziele (Konditionierung, Amnesieerzeugung, Zähmung etc.) auch mit anderen
Methoden erreicht werden könnten. Im Grunde kommt die Bewusstseinskontrolle
durch Persönlichkeitsspaltung mit Mitteln und Verfahren aus, die seit
Menschengedenken bekannt sind, nämlich Hypnose, Drogen und Folter.
Diese Einschätzung wurde im übrigen auch von Delgado in seinem Buch über die
physische Kontrolle des Geistes aus dem Jahr 1969 formuliert: „Mit den klassischen
Methoden der Bestrafung und Belohnung durch normale Inputs kann menschliches
Verhalten effektiver absichtlich verändert werden als durch Modifikationen der
emotionalen Stimmung auf dem Wege der elektrischen Stimulation des Gehirns.“342
Diese Einschätzung dürfte auch heute, mehr als dreißig Jahre später, immer noch
zutreffend sein. Sie wurde natürlich nicht von allen Interessierten so ohne weiteres
geglaubt. So wurden zum Beispiel im kalifornischen Staatsgefängnis für psychisch
kranke Straftäter in Vacaville, wo die CIA im Gehirnwäsche-Versuche im Rahmen
des Projekts MKSearch (Subproject 3) realisierte343, ausgesuchten Gefangenen
Elektroden eingepflanzt, um ihr Verhalten zu kontrollieren. Diese Versuche mussten
wegen öffentlicher Proteste eingestellt werden.344
Die von Egmont R. Koch und Michael Wech in ihrem Buch über die geheimen
Menschenversuche der CIA geäußerte Vermutung, man könne allein durch die
elektrische Stimulation des Gehirns einen Menschen in einen ferngesteuerten
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Sklaven verwandeln345, entbehrt aus meiner Sicht jeder Grundlage. Richtig ist jedoch,
dass man diese Technik zur Konditionierung einsetzen kann. So könnte man zum
Beispiel einem Opfer Dias von politisch missliebigen Personen zeigen und
gleichzeitig durch elektrische Reizung seines Gehirns unangenehme Gefühle
hervorrufen. Die Porträts von Personen, denen sich das Opfer anschließen soll,
könnten man „elektrisch“ mit positiven Empfindungen verbinden. Doch derartige
Konditionierungen wären für sich genommen vermutlich auch nicht viel effektiver als
das altbewährte Mittel „Zuckerbrot und Peitsche“.
Einschränkend füge ich allerdings mit Nachdruck hinzu, dass sich meine
Einschätzung auf die heute bekannten Erkenntnisse und allgemein zugänglichen
Studien zur elektronischen Manipulation des menschlichen Bewusstseins bezieht. Es
ist durchaus denkbar, dass die explosiv voranschreitende neurowissenschaftliche
Forschung schon in naher Zukunft alptraumartige Entwicklungen ermöglicht. Hier
denke ich zum Beispiel an ins Gehirn eingepflanzte Mikrochips, die Sprache bzw.
deren neurophysiologisches Substrat verstehen und dadurch innere Monologe durch
Bestrafung und Belohnung konditionieren können.
Man stelle sich vor, ein gläubiger Muslim, dem ohne sein Wissen ein solches Gerät
implantiert wurde, würde stets, sobald er das Wort „Allah“ denkt, ein elektronisches
erzeugtes leicht unangenehmes Gefühl empfinden. Mit höchster Wahrscheinlichkeit
würde dieses Muslim über kurz oder lang vom Glauben abfallen – das gleiche würde
entsprechend für Katholiken, Kommunisten, Demokraten oder die Anhänger aller
anderen Glaubensbekenntnisse und Ideologien gelten. Doch dies ist momentan noch
Science Fiction und soll daher in diesem Buch nicht weiter verfolgt werden.
Die Bewusstseinskontrolle durch traumatisierende Persönlichkeitsspaltung und
Hypno-Konditionierung der Persönlichkeitsfragmente ist nach wie vor die einzig
zuverlässige Methode der mentalen Versklavung, die sich zum Einsatz in
militärischen, geheimdienstlichen oder kriminellen Arbeitsfeldern eignet. Alle anderen
Methoden, auch die diversen, oft hypothetischen Formen der „electronic mind
control“, also der Beeinflussung des menschlichen Nervensystems durch
elektromagnetische Felder befinden sich noch in der Erprobungsphase und
erbringen nicht im entferntesten mit der klassischen Methodik vergleichbare
Ergebnisse. Vielleicht wird sich das auch niemals ändern.
Aus meiner Sicht gelingt die Bewusstseinskontrolle durch Persönlichkeitsspaltung
nur in Form einer kommunikativen Strategie, die sich überwiegend archaischer Mittel
und Methoden bedient. Das sind die Mittel, die den Menschen schon in grauer
Vorzeit bekannt waren. Möglicherweise ist die Bereitschaft, auf diese Mittel mit
Unterwerfung zu reagieren, sogar in unserem Erbgut verankert. Hier meine ich nicht
nur die blanke Folter, sondern auch subtilere Gesten der Macht und Anzeichen einer
ausweglosen Situation. Und nicht zuletzt dürfte auch das Spiel der Masken in
Ritualen des Verwandelns und Bannens eine nicht unwesentliche Rolle spielen.
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Die Manipulation des Gedächtnisses
Künstliche Amnesien sind das A & O der absichtlichen Persönlichkeitsspaltung. Die
durch die Spaltung erzeugten Persönlichkeitsfragmente müssen durch
Erinnerungsbarrieren voneinander getrennt werden, weil sie sonst sehr schnell
wieder miteinander verschmelzen würden.
Manipulationen des Gedächtnisses sind schwerwiegende Eingriffe, die ohne
Einverständnis des Betroffenen als gravierende Menschenrechtsverletzungen
betrachtet werden müssen. Sie verletzen u. a. das grundgesetzlich verbürgte Recht
auf freie Entfaltung der Persönlichkeit. Die psychophysiologische Grundlage der
Persönlichkeit ist nämlich das Gedächtnis.
Bewusstseinskontrolleure, die Persönlichkeitsspaltungen absichtlich durch
Traumatisierung hervorrufen, vermitteln ihren Opfern, dass verbotene Erinnerungen
zwangsläufig mit erneuter Folter verbunden sind. Dazu verstärken sie die Gefühle
der Hilflosigkeit und schutzlosen Preisgabe, die ohnehin durch Traumatisierung
hervorgerufen werden, durch entsprechende Suggestionen: „Du bist nirgendwo vor
uns sicher!“; „Du wirst ständig von uns beobachtet!“, „Du kannst nicht wegrennen,
kannst dich nicht vor uns verstecken!“ („Nowhere to run, nowhere to hide!“). “Wir
wissen, was Du denkst und fühlst!”
Die Täter müssen sich selbstverständlich nicht auf Suggestionen beschränken, um
die subjektive Gewissheit der totalen Kontrolle zu erzeugen. Besonders einfach ist
dies, wenn sie mit dem engsten Umfeld des Opfers kooperieren können – bei
Kindern z. B. mit den Eltern. Sobald der Betroffene Anzeichen der Wiedererinnerung
an die Bewusstseinskontroll-Behandlung und Programmierung zu erkennen gibt, wird
er entführt, erneut gefoltert und indoktriniert. Dann suggeriert man ihm: „Du siehst,
dass Du uns nicht entkommen kannst. Wir merken immer, ob Du so gut funktionierst
wie wir das wollen. Es liegt ganz an Dir, wie oft Du hier bei uns gefoltert wirst!“
Mitunter werden die Wiedererinnerungen sogar provoziert, um das Opfer dann dafür
bestrafen und ihm das Bewusstsein der Gefahr einzupflanzen, die mit diesen
Erinnerungen verbunden ist.
Es ist oft nicht schwierig, Anzeichen einer Wiedererinnerung an Ereignisse zu
erkennen, für die der Betroffene absichtlich amnestisch gemacht wurde. Die
Wiedererinnerungen treten nämlich häufig in Form von Flashbacks auf, dass sind
fragmentarische, unerwartet ins Bewusstsein einströmende, emotional
überwältigende Inhalte. Neben diesen Flashbacks gibt es auch andere belastende
Formen der Wiedererinnerung346, die alle in der Regel denselben Effekt haben: Das
durch diese Inhalte desorientierte und verunsicherte Opfer wird in seiner Not meist
darüber sprechen. Und das erfahren dann auch die Kollaborateure in seinem Umfeld.
Man kann Wiedererinnerungen im übrigen durch Programmierung mit verräterischen
Anzeichen verbinden, Beispiel: „Wenn Du Dich wiedererinnerst, dann wirst Du Dich
völlig verrückt benehmen!“
Unsere Erinnerungen formen unsere Persönlichkeit und verbinden uns mit der
Gesellschaft. Wird unser Gedächtnis schlechter, so verschlechtern sich
unausweichlich auch viele Aspekte unseres geistigen und sozialen Lebens.347
Absichtlich erzeugte Amnesien vergrößern in der Regel die Macht der Täter und die
Hilflosigkeit der Opfer. Vor allem hindern sie die Opfer daran, die Tat anzuzeigen und
die Täter zu entlarven, weil sie sich an Tat und Täter nicht mehr erinnern können. Oft
wissen die Opfer nicht einmal mehr, dass sie etwas nicht mehr wissen.
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Es wird den aufmerksamen Leser nicht erstaunen, dass sich Donald Ewen Cameron
während seiner gesamten wissenschaftlichen Laufbahn besonders für das
Gedächtnis und die Erzeugung künstlicher Amnesien interessiert hat. Bereits in
seinen frühen wissenschaftlichen Veröffentlichungen setzte er sich mit Fragen des
Gedächtnisses auseinander. Er fragte sich: Wie entstehen Erinnerungen? In
welchem Teil des Gehirns findet dieser Prozess statt. Werden die Erinnerungen
dabei verändert? Welche biologischen Reaktionen erlauben es uns, die
gespeicherten Erinnerungen wieder abzurufen?348 Mit seinem „Depatterning
Treatment“ versuchte er dann, selektive Amnesien zu erzeugen – die Behandelten
sollten nach Möglichkeit keinen Zugriff mehr auf Erinnerungen haben, die Cameron
für unerwünscht hielt.349
Seit Beginn der fünfziger Jahre interessierte sich aus naheliegenden Gründen auch
der amerikanische Geheimdienst CIA für die künstliche Erzeugung selektiver
Amnesien. Sidney Gottlieb, der berüchtigte Chef der Gehirnwäsche-Programme
Artichoke, Bluebird und MKULTRA, wurde durch die Lektüre eines Buchs über
Gehirnerschütterungen elektrisiert. Durch eine Gehirnerschütterung, so hieß es dort,
werde unausweichlich eine Amnesie für die Ereignisse während des Unfalls
ausgelöst. Folgerichtig wurden im MKULTRA-Unterprojekt 54 die körperlichen
Veränderungen bei Gehirnerschütterungen an menschlichen Leichen untersucht.
Die CIA interessierte zunächst die Frage, ob es Möglichkeiten gebe, einen
feindlichen Agenten zu verhören und dann seine Erinnerung an dieses Verhör
auszulöschen.350 Der Nutzen eines solchen Verfahrens erklärt sich von selbst. Man
benötigt in der Tat nicht allzu viel Phantasie, um sich eine Vielzahl anderer
Situationen vorzustellen, in denen sich eine künstlich erzeugte selektive Amnesie als
überaus vorteilhaft erweisen könnte. Die CIA erkannte allerdings schnell, dass die
Holzhammermethode neben vielen offensichtlichen Vorteilen auch einige
gravierende Nachteile hatte. Und so experimentierte man natürlich auch mit anderen
Methoden – mit Erfolg. So testete sie bei Verhören eine Mischintoxikation aus dem
Barbiturat Sodium Amytal, einer sog. Wahrheitsdroge und dem Stimulans Benzedrin.
Die Versuchspersonen entwickelten Amnesien für die Gespräche unter dem Einfluss
der Drogen.351
Die Vorteile der selektiven Amnesieerzeugung sind keineswegs auf den
geheimdienstlichen oder militärischen Bereich beschränkt. Weltweit setzen zum
Beispiel Vergewaltiger Drogen ein, die Amnesien auslösen können. In den
Vereinigten Staaten hat sich bereits der Begriff „Date Rape Drugs“ eingebürgert. Auf
einem Faltblatt der „Pennsylvania State Police“ heißt es zum Beispiel über das
Beruhigungsmittel Rohypnol: „Eine der beunruhigendsten Wirkungen von Rohypnol
ist, das es eine vollständige oder teilweise Amnesie (Erinnerungsverlust) für die Zeit
nach der Einnahme erzeugen kann. Dies bedeutet, dass Du vielleicht nicht mehr in
der Lage bist, Dich daran zu erinnern, was Du getan hast – oder was mit Dir getan
wurde – während Du unter dem Einfluss dieser Droge warst. Dabei kann es sich um
eine wesentliche Zeitspanne handeln. Dieser Effekt wird verstärkt, wenn Rohypnol
zusammen mit Alkohol eingenommen wird.“352
Ein Opfer, das unter dem Einfluss einer ihm eventuell unwissentlich eingeflößten
Droge vergewaltigt wurde, hat also unter Umständen zumindest in den ersten Tagen
nach der Tat einen Blackout. Wenn dann die Erinnerung nach einiger Zeit
zurückkehrt, so ist sie bruchstückhaft und vage und das Opfer ist sich vielleicht nicht
einmal sicher, ob es sich um Phantasien oder Realität handelt. Vielleicht schämt es
sich auch, weil es den Blackout auf einen freiwilligen Alkoholexzess zurückführt.
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Vielleicht gibt es ja das perfekte Verbrechen nicht. Aber absichtlich erzeugte
Amnesien sind ein wichtiger Schritt in diese Richtung.
Wir unterscheiden zwei Hauptformen der Amnesie: die organische und die
psychogene. Die psychogene Amnesie ist durch die Abwesenheit organischer
Ursachen gekennzeichnet. Sie kann z. B. die Folge traumatischer Erlebnisse oder
einer Hypnose sein. Mit der psychogenen Amnesie setze ich mich in anderen
Abschnitten dieses Buchs auseinander. Die organische Amnesie kann durch eine
Vielzahl von Faktoren hervorgerufen werden: Gehirnerschütterungen, Gehirntumore,
Gehirnoperationen, Schlaganfälle, Vergiftungen, Elektroschocks, Fehl- bzw.
Unterernährung, Alterungsprozesse usw.353
Eine weitere Unterscheidung der Amnesien bezieht sich auf den Zeitrahmen. Unter
retrograder Amnesie verstehen wir den Erinnerungsverlust für Ereignisse vor dem
Auftreten des Auslösers der Amnesie. Demgegenüber ist die anterograde Amnesie
der Erinnerungsverlust für Ereignisse nach dem Auftreten des Auslösers der
Amnesie. Ein Auslöser kann auch beide Formen der Amnesie gleichzeitig
hervorrufen. Dies kann zum Beispiel nach Elektroschockbehandlungen der Fall
sein.354
Schließlich unterscheiden wir die globale von der spezifischen, sich nur auf
bestimmte Bereiche beziehenden Amnesie.
Wenn wir einmal vom berühmten Blackout nach exzessivem Alkoholkonsum
absehen, gehört der Gedächtnisverlust nach einer Gehirnerschütterung wohl zu den
bekanntesten Formen der Amnesie. Rund 85 % der Menschen leiden nach einer
Gehirnerschütterung unter permanenter Amnesie, die sich allerdings in der Regel nur
auf wenige Minuten vor dem Unfall bezieht.355 In einigen Fällen ist jedoch die
Erinnerung an die letzten Tage, wenn nicht Wochen vor dem Unfall zum Teil
erheblich beeinträchtigt. Die gewöhnlich vollständige retrograde Amnesie für die
Minuten vor dem Unfall ist vermutlich auf die Unfähigkeit des Unfallopfers zurück zu
führen, den Input zu registrieren. Die darüber hinaus gehenden Gedächtnisstörungen
sind in der Regel die Folge von Beeinträchtigungen der Fähigkeit zur
Wiedererinnerung.356 Im Rahmen ihrer Amnesie-Forschung entwickelte die CIA
Geräte zur absichtlichen Erzeugung von Gehirnerschütterungen.357
Scopolamin erfreut sich in Geheimdienstkreisen nicht nur großer Beliebtheit, weil
diese Droge die Willenskraft lähmt und die Einleitung einer Hypnose erleichtert,
sondern auch wegen ihrer amnestischen Wirkungen. Diese Wirkungen wurden
sowohl im Tier-, als auch im Humanversuch systematisch untersucht.358 Scopolamin
blockiert im Gehirn die Rezeptoren des Botenstoffs Acetylcholin. Acetylcholin u. a.
auch an neuronalen Prozessen beteiligt ist, die mit Wachheitsgrad, Lernen,
Erinnerung und Aufmerksamkeit zusammenhängen.359
Als Benzodiazepine bezeichnet man eine Gruppe von Medikamenten mit
beruhigender und schlafanstoßender Wirkung. Das erste Benzodiazepin, das
Librium® wurde 1960 synthetisiert; das bekannteste Medikament dieser Stoffklasse
ist das Valium®.360 Alle Präparate können bereits nach kurzer Einnahmezeit
Amnesien auslösen.361 Dabei kann sich sowohl eine retrograde, als auch eine
anterograde Amnesie einstellen. Besonders weitgehende Gedächtnisstörungen
werden durch die intravenöse Gabe von Benzodiazepinen ausgelöst. Dieser Effekt
wird z. B. routinemäßig genutzt, um eine Amnesie für die Vorgänge während einer
Operation zu erzeugen.362
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Auf diese Weise kann man Patienten unangenehme Erinnerungen an schmerzhafte
Eingriffe und psychischen Stress ersparen. Es versteht sich von selbst, dass man mit
dieser Methode nicht nur die Fähigkeit zur Wiedererinnerung von Operationen,
sondern generell an qualvolle Prozeduren bzw. andere grausame Erlebnisse
ausschalten kann. Man kann sogar Menschen für brutalste Folter amnestisch
machen.
Elektroschocks führen gewöhnlich zu Amnesien, die denen infolge von
Gehirnerschütterungen ähneln. Die retrograde Amnesie nach Elektroschocks kann
viele Monate oder sogar Jahre umfassen; die anterograde Amnesie erstreckt sich in
der Regel auf mehrere Monate und schließt oft die Behandlungsphase selbst ein. Der
Erinnerungsverlust kann total oder lückenhaft sein; mitunter kehren die Erinnerungen
zurück, in andern Fällen sind sie für immer verloren. Moderne, schonende Verfahren
können zwar den Gedächnisverlust begrenzen oder vollständig vermeiden, sie sind
dann aber auch therapeutisch weniger effektiv.363 Bei einer absichtlichen
Persönlichkeitsspaltung mit anschließender Dressur der Persönlichkeitsfragmente
sind Amnesien natürlich ein erwünschter und angestrebter Effekt der
Elektroschockbehandlung.
Das Phänomen der Amnesie nach Elektroschocks wurde sehr gründlich u. a. im
Rahmen der Studien zur „experimentellen Amnesie“ erforscht.364 Die Amnesie beruht
dabei weitgehend auf einer Störung der Wiedererinnerung.365 Der elektrische Sturm
führt also nicht zu einer unwiderruflichen Löschung der Gedächtnisinhalte. Die
Amnesie kann aber auch eine Folge mangelnder Fixierung bzw. Konsolidierung der
Erinnerung sein, sofern es sich um Ereignisse im unmittelbaren zeitlichen Umfeld des
Elektroschocks handelt. Erinnerungen an Ereignisse, die länger zurückliegen,
beruhen demgegenüber natürlich nicht auf einem Fixierungsfehler.366
Die Tatsache, dass die durch Elektroschocks ausgelöste Amnesie eine Störung der
Wiedererinnerung und keine Löschung der Gedächtnisinhalte ist, hat große
Bedeutung für die Bewusstseinskontrolle. So kann man nämlich einem
Hypnotisanden einen posthypnotischen Befehl einpflanzen und die posthypnotische
Amnesie durch einen Elektroschock verstärken. Der Elektroschock erzeugt dann
zwar eine zusätzliche Amnesie, diese aber zerstört nicht die Fähigkeit, auf den mit
dem posthypnotischen Befehl verbundenen Schlüsselreiz (Trigger) zu reagieren. Der
Trigger funktioniert vielmehr als Gedächtnisstütze, mit der die durch den
Elektroschock ausgelöste Amnesie durchdrungen wird, so dass zugleich der
posthypnotische Befehl aktiviert werden kann.
Man kann auch ein Opfer durch Folter konditionieren und später seine Fähigkeit zur
Erinnerung daran durch Elektroschocks auslöschen. Die durch die Folter
aufgebauten Verhaltensmuster bleiben dennoch bestehen und können durch die
entsprechenden Schlüsselreize ausgelöst werden.
Neurochirurgische Eingriffe, zu denen ja auch psychochirurgische Operationen
zählen, können schwerwiegende Gedächtnisstörungen hervorrufen. So sind
Amnesien eine gefürchtete Nebenwirkung der Entfernung bestimmter Hirnteile
(Lobektomien) zur Heilung von Epilepsien, die anders nicht behandelt werden
können.367 Angesichts der vorhandenen und zumindest gleichwertigen Verfahren zur
Amnesie-Erzeugung, die weniger aufwendig und gefährlich sind, ist es kaum
anzunehmen, dass Persönlichkeitsspalter eigens zu diesem Zweck Eingriffe ins
Gehirn vornehmen. Es sei denn, sie hätten sehr effektive Methoden zur selektiven
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Amnesie-Produktion durch Hirneingriffe entdeckt, über die in der öffentlich
zugänglichen Fachliteratur nicht berichtet wird.
Doch da zum Thema meines Buchs bereits genug spekuliert wird, möchte ich diesen
Gedankengang nicht weiter verfolgen. Doch eins ist sicher: Wer das menschliche
Gedächtnis manipulieren kann, der kann den Menschen manipulieren. Das
Gedächtnis ist das Schlachtfeld, auf dem die Persönlichkeitsspalter ihre Siege
erringen müssen. Und so vermute ich, dass an allen Fronten geforscht wird, auch an
der neurochirurgischen.
Man darf bei diesem Thema nicht vergessen, dass der unser Gedächtnis die Quelle
unserer Persönlichkeit ist. Sie entspringt nicht im Himmel oder in den Weiten des
geistigen Raumes, sondern irgendwo in den grauen Zellen unter unserer
Schädeldecke. Hier sind unsere Erfahrungen mit uns selbst und die Reaktionen der
anderen auf uns selbst gespeichert. Aus diesem „Material“ formen wir unsere
Persönlichkeit täglich neu. Wenn wir den Zugang zu diesem Material einbüßen,
verlieren wir die Fähigkeit zur kreativen Selbstgestaltung und werden zu Automaten
auf Basis bewusstloser Konditionierungen.
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Steigerung der Hypnotisierbarkeit durch Strahlung
In der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts wurden Methoden erfunden, die High
Tech sinnreich mit den uralten Künsten der Bewusstseinskontrolle zu verbinden. So
soll es zum Beispiel amerikanischen Wissenschaftlern gelungen sein, durch
gepulste, modulierte Mikrowellen unter Umgehung des Gehörs akustische
Halluzinationen auszulösen und dabei auch verständliche Wörter direkt ins Gehirn zu
senden.
Dies schreibt zumindest der Neuropsychologe Don R. Justesen in einem Aufsatz
über Mikrowellen und Verhalten, der in einer angesehenen psychologischen
Fachzeitschrift erschien.368 Seit einigen Jahren klagt eine zunehmende Zahl von
Menschen weltweit über mutmaßliche Beeinträchtigungen durch Mikrowellen und
andere Strahlungsformen und einige dieser Menschen behaupten sogar, ihr
Bewusstsein würde durch Strahlen manipuliert oder kontrolliert.
Viele Menschen neigen dazu, diese angeblichen Opfer von „elektronischer
Bewusstseinskontrolle“ ohne viel Federlesens als schizophren einzustufen – vor
allem dann, wenn die mutmaßlich Betroffenen „Stimmen hören“. Diese Einstufung
könnte in manchen Fällen durchaus auch zutreffen, dennoch mag ich nicht völlig
ausschließen, dass einige der mutmaßlich Betroffenen tatsächlich Opfer von
Experimenten zur elektronischen Manipulation ihres Verhaltens und Erlebens
wurden. Es ist ja nicht einzusehen, warum die bekanntlich höchstgradig an der
Bewusstseinskontrolle interessierten Geheimdienste und Militärs nun ausgerechnet
davor zurückschrecken sollten, die Möglichkeiten der modernen Technik für diese
Zwecke zu erkunden.
Da derartige Forschungen zwangsläufig den Bereich der Entwicklung
elektromagnetischer Waffen (die sog. non-lethal weapons) berühren, werden sie,
sofern es sie gibt, vermutlich weitgehend geheimgehalten. Berichte über Art und
Ergebnisse dieser Studien stammen daher wohl oft aus zweifelhaften Quellen und
lassen sich kaum nachprüfen. Die wenigen zuverlässigen Quellen sprechen aber
eine eindeutige Sprache.
Völlig unstrittig und empirisch erwiesen ist z. B. die Möglichkeit, die
Hypnotisierbarkeit durch elektromagnetische Felder zu steigern. Healey, Persinger
und Koren untersuchten diese Frage experimentell. Sie setzten hierzu schwache
magnetische Felder mit extrem niedriger Frequenz (weak, extremely low frequency
magnetic fields) ein. Die Suggestibilität der Versuchspersonen (junge Männer) wurde
vor und nach dem Versuch getestet, und zwar mit dem „Hypnosis Induction Profile“
von Spiegel. Es wurde vier Gruppen gebildet: Bei der ersten Gruppe wurde der
rechte, bei der zweiten der linke Temporoparietallappen und bei der dritten beide
Seiten stimuliert. Die vierte Gruppe erhielt eine Scheinbehandlung. Eine erhöhte
Hypnotisierbarkeit wurde nur bei rechtsseitig bestrahlten Gruppe festgestellt. Aus
Sicht der Autoren beweisen diese Befunde, dass der Einfluss magnetischer Felder
auf die Hypnotisierbarkeit nicht, wie von verschiedenen Autoren behauptet, als
Placeboeffekt interpretiert werden kann.369
Es gibt Hinweise, dass entsprechende Geräte bereits während des Koreakriegs
eingesetzt wurden. Der Amerikaner William Ross Adey ist einer der führenden
Experten, die sich mit der Beeinflussung des menschlichen Verhaltens durch
Strahlen aller Art auseinandersetzen. 1983 arrangierte er eine öffentliche
Versammlung, in der er Photos und Informationen präsentierte, die sich auf eine
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